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Massenvernichtung und Weltuntergang als Nervenkitzel

Wille der US-Nation und soldatische Haltung: US-Atomtest in Mikronesien, April 1946. Bild: United States Department of Defense, gemeinfrei

Der US-Kulturimperialismus setzt die Standards für das globale Unterhaltungsangebot und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund

Der US-amerikanische Horror beglückt die ganze Welt – nicht nur praktisch, mit militärischen Überfällen, Drohnenmorden oder CIA-Folterknechten, sondern auch kulturell. Von Edgar Allan Poe bis zu Stephen King, dem 2015 von Präsident Obama die "National Medal of Arts", die wichtigste staatliche Auszeichnung für US-amerikanische Kunstschaffende, verliehen wurde, sind die künstlerische Ausgestaltung von Shock and Awe, die Ausmalung monströser Kräfte und die gefühlsechten Schilderungen von Todeskämpfen Domäne der USA.

Zwar gibt es im Unterhaltungsgewerbe auch anderswo einschlägige Könner – vom japanischen "Battle Royal" bis zum südkoreanischen "Squid Game" – und Serienkiller auf der Pirsch begleiten oder Dystopien zeichnen kann heute noch das letzte Filmstudio in Hintertupfingen.

Aber maßstabsetzend ist immer noch God‘s own country. Das zeigte sich jetzt wieder, als im Sommer 2021 Stephen Kings letzter Roman Billy Summers weltweit die Bestsellerlisten eroberte, sie in Deutschland gleich nach Erscheinen der deutschen Übersetzung, wie in Großbritannien und den USA, anführte und "international hochgelobt" wurde [1].

Kings Opus über einen US-Scharfschützen, der im Irak-Krieg wütet und nach seiner Rückkehr als Mafiakiller Karriere macht, sei "eins seiner besten überhaupt", stellte die deutsche Literaturkritik fest [2], mit dem Fazit: "Wer diesen Roman über einen Auftragskiller nicht liest, bringt sich möglicherweise um einen geglückten Sommer."

Ob sich hier wirklich Glücksmomente finden lassen, sei dahingestellt. Aber immerhin ist King ein guter Schreiber, der erzählen kann – im Unterschied zu pensionierten Präsidenten oder Generälen, die mithilfe käuflicher Schmierfinken ihre düsteren Visionen zu Papier bringen.

Diese Machwerke geben allerdings einige Auskunft über die politische Wucht, die der weltweiten Teilhabe an Horrorgefühlen zugrunde liegt und die ihnen den besonderen Kick verleiht. Zu den aktuellen Standards hier einige Hinweise.

Politainment in der Trump-Ära

2018 erschien der Politthriller The president is missing, von Ex-Präsident Bill Clinton gemeinsam verfasst mit dem Erfolgsautor James Patterson, dem laut Spiegel (25/2010) "erfolgreichsten Schriftsteller der Welt".

Der Band erregte sofort breitestes Aufsehen und eroberte die Bestsellerlisten; die deutsche Ausgabe folgte auf dem Fuß [3].

Dieser Umstand wurde im Feuilleton als Buchereignis des Jahres gefeiert und als interessante demokratische Abrechnung mit der US-Politik gewertet.

Bemerkenswert ist das Buch nicht wegen seiner literarischen Qualitäten. Die sind sehr bescheiden. Tempo vorlegen kann Patterson, der übrigens eine regelrechte Romanfabrik kommandiert und die verschiedensten Produkte routiniert vom Band laufen lässt.

Clintons Gattin Hillary hat sich jetzt aber für ein ähnlich gelagertes Projekt, den Krimi State of Terror, die Mithilfe der Autorin Louise Penny geholt, die angeblich mehr feinfühlige Literatur produziert.

Wenn man sich bei Clintons President is missing durch die einleitenden 100 Seiten, die das Innenleben des Weißen Hauses aufblättern, durchgekämpft hat, geht es Schlag auf Schlag, streng nach den Regeln des Pageturners – nur einige Male unterbrochen durch clintoneske Polit-Räsonnements, bis der Bösewicht schließlich totgeklopft und die USA bzw. die Welt gerettet sind.

Weltkatastrophe als Unterhaltungsangebot

Jenseits der Frage nach den Unterhaltungsqualitäten, die das Feuilleton vorrangig beschäftigte, ist das Buch das erschreckende Dokument eines politischen Weltbilds.

Es sollte, wie Clinton im Spiegel-Gespräch (24/2018) äußerte, die Niederlage der demokratischen Partei, speziell des Clinton'schen Familienbetriebs, verarbeiten – und ist in der Hinsicht eine programmatische Anti-Trump-Schrift.

Es konfrontiert einen fiktiven demokratischen Präsidenten namens Duncan, einen lupenreinen, selbstlosen Patrioten, mit einem machtgeilen republikanischen Politfunktionär, der ein Impeachment-Verfahren auf den Weg bringen will, um eigene Karriereabsichten zu realisieren.

Die Konstruktion ist etwas verwinkelt – etwa zum Thema Amtsenthebung! –, in der außenpolitischen Haltung des fiktiven Präsidenten aber klar das Gegenbild Trumps: Duncan ist ein Routinier der Diplomatie und konsultiert in der Krisenlage die westlichen Bündnispartner – besonders hervorgehoben werden Israel und Deutschland –, hat auch kein Interesse, wie Trump seinerzeit unterstellt wurde, der russischen Führung entgegenzukommen.

Das ist die brachiale Quintessenz des Romans: Der ideale Präsident führt sein Land bis an den Rand des Weltkriegs, zeigt Kriegsbereitschaft, die bis zum Einsatz des atomaren Potenzials geht, und konfrontiert die russische Seite mit der Aussicht, dass die USA die diplomatischen Beziehungen abbrechen.

Der Romanheld bringt also eine Verschärfung der weltpolitischen Konfrontation der USA mit seinen Rivalen ins Spiel - eine Zuspitzung, die im Prinzip den Kalten Krieg in einen heißen Konflikt überführt, der, so die Konstruktion des Romans, durch die russische Seite bereits begonnen wurde.

Und das ist eine Zuspitzung, der gegenüber der historische Kalte Krieg der 1950er- und 1960er-Jahre fast idyllisch erscheint, denn damals erlangte (Rüstungs-)Diplomatie zunehmend Bedeutung und Wertschätzung, galt seit Kennedy gar als unverzichtbare Versicherung gegen den nuklearen Endkampf, der über die Welt hereinbricht. Gesprächskanäle, siehe das legendäre Rote Telefon, sollten gerade eröffnet und nicht gekappt werden.

Es ist schon bemerkenswert, was das Trump-kritische Lager zu bieten hat: Ein gnadenloses antirussisches Feindbild, das alle geheimdienstlichen, terroristischen, rüstungspolitischen Machenschaften und Krisenszenarien der Gegenseite anlastet, verbunden mit der Bereitschaft, diese Feindschaft konsequent auszutragen.

So endet jedenfalls der Krimi-Plot, um dann ein letztes Kapitel, bestehend aus einer Grundsatzrede des fiktiven Präsidenten, nachzuliefern, mit der Clinton, wie er im Spiegel-Interview erläuterte, seine eigene Botschaft dem Publikum nahebringen will [4]:

Das ist es, was ich versuche, dem Land mitzuteilen. Wir müssen es wieder schaffen zusammenzufinden. Das ist doch verrückt, dieses ewige Streiten!

Bill Clinton

Das Stimmungsbild aus den anderen, besseren USA, auf das die "liberalen" westlichen Kräfte und die "guten" Europäer setzten, ist also eine einzige Grusel-Story, deren Unterhaltungswert in der härtesten Dosis Nationalerziehung besteht: Die Nation muss endlich wieder zur Einheit finden, und dazu verhilft ihr nicht die Überwindung ihrer gesellschaftlichen Gegensätze, sondern die Einsicht in die Notwendigkeit, gegen den Feind zusammenzustehen.

Und dass die US-amerikanische Nation keinen Rivalen hochkommen lassen darf - diese Variante des "America first!", die die Bündnistreue der Alliierten in Dienst nimmt, ist das Unterhaltungsangebot für die US-Amerikaner (und sonstigen Weltbürger), die Trump für eine Fehlbesetzung halten.

Von Trump zu Biden

Im Sommer 2021 erschien 2034 - A novel of the next world war (New York, Penguin, daraus die Zitate), verfasst vom hochdekorierten US-Admiral James Stavridis, der u.a. von 2009 bis 2013 Nato-Oberkommandierender in Europa war und sich für sein Buch Hilfe beim Romanautor und Ex-Marine Elliot Ackerman holte.

Politisch ist Stavridis nicht klar einzuordnen. "Er wurde von der Hillary Clinton-Kampagne 2016 als potenzieller Vizepräsidentschaftskandidat und vom designierten Präsidenten Donald Trump im Herbst 2016 als möglicher Außenminister in Betracht gezogen", schreibt Wikipedia.

In seinem "erschreckend authentischen geopolitischen Thriller" (Verlagswerbung) umgeht er eine direkte politische Festlegung, da das US-Präsidentenamt 2034 von einer unabhängigen Politikerin besetzt ist.

Die beiden großen Parteien Republikaner und Demokraten sind nämlich - ebenso wie der Zusammenhalt in der Nato - Historie und die Militärs bzw. die aus dem Militär stammenden Politikberater stellen die eigentlichen Akteure dar.

Damit ist auch schon die entscheidende Botschaft des Buchs benannt: Es lebt von der Sorge, dass die USA ihre weltbeherrschende Stellung verlieren könnten.

Das Buch ist als Warnung geschrieben, dass mangelnder Zusammenhalt in einem Staat oder einem Bündnis den Keim zum Untergang enthalten.

Dafür werden diverse soldatische Erfahrungen aus aktuellen Konflikten, aber auch die 2.500 Jahre alten Weisheiten eines Thukydides über den Peloponnesischen Krieges herangezogen: "Das Imperium verkommt von innen" (S. 223).

Insofern bebildert das Buch die Lehre aus dem Trump-Erbe, das Biden verwaltet: Zusammenhalt - multinational wie national - unter einer starken Führung ist unerlässlich (wie dann bei seinem Amtsantritt in alle Welt mit martialischer Rhetorik ausposaunt [5].

"America first!" kommt dabei in einer Negativform vor. Wenn sich die USA nicht im Land (wo unterschiedliche ethnische Herkünfte die Gemeinsamkeit der US-amerikanischen Nation in den Hintergrund rücken könnten) zusammenschließen, wenn sie sich auswärts nicht in klarer Front aufstellen und wenn sie die Stärke der Gegner nicht ernst nehmen, fallen sie möglicherweise als abgemeldete Nation hinter China, hinter Indien und andere zurück.

Das politische Versagen wird aber nicht wie bei Clinton weiter ausgeführt, indem etwa vorbildliche Politikergestalten gegen den opportunistischen Abschaum oder gelungene Ideen für ein neues Politik-Management der Weltherrschaft aufgeboten würden.

Die Nato und damit Europa spielen in dem Buch überhaupt keine Rolle, Japan oder Israel auch nicht, dafür aber dessen Gegenspieler Iran. Wie bei Clinton sind dann die Russen wieder die eigentlichen Bösewichter. Die Chinesen, die mit den Amis in den Dritten Weltkrieg schlittern, sind eher durch Fehleinschätzungen ihrer eigenen (Cyber-)Macht und des Kampfeswillens der US-Soldaten geblendet.

"Schlafwandelnde" Politiker eben, wie man sie aus der modernen Aufbereitung des Ersten Weltkriegs kennt.

Und wie bei Clinton geht es um die Einsicht in die Notwendigkeit, gegen den Feind zusammenzustehen. Das aber mit verschärfter Eskalationsbereitschaft, passend zu Bidens Präsidentschaft, die die US-Strategie konsequent fortführt.

Das Szenario, das Stavridis bietet, basiert dabei auf militärischer Expertise, die man aber auch aus der Zeitung kennt. Der Konflikt beginnt im Pazifik, bei den umstrittenen Spratley-Inseln, wobei die USA als eine Nation dargestellt werden, die die Bedeutung der "Cyber-Fähigkeiten" verschlafen hat und die dann der Eskalation-Logik, die sie in ihren Strategiepapieren festgeschrieben hat, schematisch folgt.

Hier bietet der Roman Realismus härtesten Kalibers, der den Leser das Gruseln lehrt. Spannend ist das allerdings nicht, die Erzählung ist – wie bei Patterson – recht holzschnittartig gearbeitet.

Gegen Schluss, wenn von Ferne der nukleare Holocaust grüßt, kommt etwas Spannung auf, die dann aber zugunsten soldatischer Helden-Porträts ins Nationalistisch-Sentimentale umgebogen wird.

Soldatentum im Atomzeitalter

Das ist die eigentliche Härte des Romans: Der Blickwinkel des Militärhandwerks wird an die globalen Konflikte angelegt. Hier hat man den US-Standard in Kriegsdingen, der sich jetzt auch bei der Rückkehr "unserer Soldaten und Soldatinnen" aus Afghanistan bemerkbar macht: Der Einsatz adelt den Auftrag.

Dass Leute bereit sind, sehenden Auges in den Tod zu gehen und Millionen Menschen dabei mitzunehmen, soll einem diese Figuren nicht fragwürdig erscheinen lassen, sondern als humane Gestalten, die sogar nachts von den Verwüstungen träumen, die sie anrichten, und sich dann allerlei einfallen lassen müssen, um wieder zur Ruhe zu kommen.

Dabei ist auch der Brutalismus des Stils bemerkenswert. Bis auf die taktisch-nukleare Ebene eskaliert das geschilderte Kriegsgeschehen, getreu der US-Doktrin, dass die USA im Fall des Falles zuerst Atomwaffen einsetzt, wie das Manöver Defender Europe zeigt [6].

Wie die legendäre "cyber capability" zählen diese Massenvernichtungswaffen, die früher einmal als Kriegsverhinderungspotenzial – weil nur zur Abschreckung verwendbar - dargestellt wurden, nun selbstverständlich als Kriegsmittel.

Die stilistische Brutalität des Romans gipfelt darin, dass die Vernichtung von zig Millionen Menschen beiläufig, gewissermaßen im Vor- und Rückblick, erwähnt wird, während ein einziger Tötungsakt hautnah geschildert und ausgewalzt wird: Es ist die Szene, in der ein iranischer (!) Offizier mit bloßen Händen und aus purem Sadismus ein Eichhörnchen erwürgt. Eine unfassbar brutale Stelle. Sollte der Roman verfilmt werden, kann man dies den Zuschauern keinesfalls zumuten!

Die Feindbilder, die der Roman ausmalt (imperialistische Russen, überhebliche Chinesen, fanatische Perser), sind aber sekundär, sie werden sogar in einem – fast – versöhnlichen Schluss als Varianten des "universeller Soldaten" vorgeführt.

Entscheidend ist, wie die Selbstverständlichkeit des Befehlsgehorsams bis hin zur Herbeiführung der atomaren Apokalypse als edles Menschentum gezeichnet wird.

Dass es süß und ehrenvoll ist, fürs Vaterland sterben, wusste auch schon ein Horaz. Dass dasselbe aber auch für die Einleitung des Weltuntergangs gilt, ist neu.

Stavridis kann man dabei nicht als direkten Kriegshetzer einstufen. Er warnt: Wenn die Dinge weiter schieflaufen (mangelhafte eigene Aufrüstung, mangelhaftes Containment gegenüber Rivalen), könnte es noch so weit kommen!

Auch ist ihm bewusst, dass die USA mit ihrer Weltherrschaft lauter Missgunst auf dem Globus praktizieren. Entsprechende Vorwürfe werden beiläufig abgespult. Aber das Fazit lautet: Für all das muss ein besseres Handling her, das Militär steht jedenfalls bereit und kann ein einwandfreies Potenzial aus US-amerikanischen Patrioten aufbieten.

Hier moniert Stavridis nur gewisse Fehlentwicklungen. Wie Ernst Jünger vermisst er den Kampf als inneres Erlebnis, wo man von Mann zu Mann kämpft und das Weiße im Auge des Feindes sieht. Techniker treten an die Stelle von Soldaten. "Der Kult der Technologie (...) hat uns verkümmern lassen" (S. 192), so die wiederholte Klage.

Aber das Gegenbild wird mit dem US-Piloten Wedge gezeichnet. Der Teufelskerl liebt den Geruch von jet fuel, fliegt sein Flugzeug mit vollem Körpereinsatz ohne Bord-Computer und ist überhaupt der eigentliche Held des Romans.

Er ist bereit, bis zum Weltuntergang zu gehen bzw. zu fliegen, den eigenen Tod natürlich inbegriffen. "Er hatte immer akzeptiert, dass es ein schmutziges Geschäft war... Dies fühlte sich nicht wie ein Selbstmord an. Es fühlte sich notwendig an. Wie ein Akt der kreativen Zerstörung." (S. 278)

Sein Tod darf natürlich nicht - so viel Feindbildpflege muss sein - mit Selbstmordattentaten muslimischer Fanatiker gleichgesetzt werden. Seine Todesbereitschaft ist das pure nationale Hochgefühl! In seinem Griff nach dem roten Knopf materialisiert sich der Wille der US-Nation und kommt eine soldatische Haltung zu ihrer Vollendung.

Diese Idealisierung von Kriegsbereitschaft im Volk, die Zweifel an den Führungsqualitäten der Politik zulässt, ist die passende Volkserziehung in den Vorkriegszeiten, die die US-Amerikaner mit ihren Kampfansagen in der Großmacht-Konkurrenz eingeläutet haben.

Auf die soldatische Bereitschaft, sich gegenüber Chinesen und Russen aufstellen zu lassen, darf sich keine Kritik richten. Die Truppe hält schließlich ihren Kopf hin - für uns alle! In diesem Sinne hat sich jetzt auch der Militärhistoriker Michael Wolffsohn zur Rückkehr "unserer" Afghanistan-Veteranen geäußert:

Die Diskussion um den Afghanistan-Einsatz trägt tragischerweise dazu bei, dass die Distanz zwischen Gesellschaft und Bundeswehr noch größer wird. Das ist ungerecht gegenüber den Soldaten.

Wolfsson in Spiegel 42/2021

Kritik muss sich zurückhalten, eben wegen "unserer" Soldaten.

Die Süddeutsche Zeitung, die seinerzeit Clintons Buch schwach fand, sieht in "2034" ein (auch literarisch) gelungenes Lehrstück, das gerade die deutschen Soldaten auf der Bundeswehr-Fregatte "Bayern", die zu den Spratley-Inseln unterwegs ist, lesen sollten.

Von Stavridis könnte Deutschland einiges lernen, meint das Blatt. Ganz ungerührt wird das Expertentum des Admirals gelobt, aber auch mitgeteilt, "dass seine noch in der US-Armee aktiven Ex-Kollegen ihm nach der Lektüre gesagt hätten, er würde nur in einem Punkt irren: dem Handlungsdatum des Plots, 13 Jahre in der Zukunft: ‚Es könnte morgen passieren‘, hätten sie gesagt", so sie Süddeutsche Zeitung am 12.08.2021 [7].

Pro patria mori ...

Zurück zu Stephen King. Sein Thriller Billy Summers ist auch eine Kriegsheimkehrer-Erzählung, übrigens kein besonders gelungener Roman. Die Bauteile kennt man alle (der eiskalte und einsame Samurai, von seinen Auftraggebern verraten, der Profi-Killer und das Mädchen etc.).

Der Schlussteil ist dann wieder eine der langgezogenen Todesmelodien, mit denen King so oft seine zunächst auf Suspense angelegten Romane abschließt, d.h. vermurkst.

Im Irak schießt Romanheld Billy als Sniper auf "Muj" und "Haj", wie sie ihm vor die Flinte gesetzt werden, also auf namenlose Islamisten, die wie Schießscheiben im Computerspiel auftauchen und erledigt werden. Zurück in den USA verpasst er – wie Scorseses "Taxi Driver" – den Anschluss ans zivile Leben und wird kriminell.

Jetzt erst entsteht der Gewissenskonflikt zwischen "bad" und "good" beim Töten. Da Billy zu Hause eigenmächtig vorgeht, verwirkt er sein Lebensrecht. Er ist nicht der Held aus einem Guss wie der Massenvernichter Wedge bei Stavridis. Aber ein Held ist er trotzdem - und ein sympathischer Kerl sowieso.

Hier hat man also den Pluralismus der US-Unterhaltung, die auf alle Länder ausstrahlt - auf die, die an der US-Weltordnung mitwirken (wollen), und die, die ihr zum Opfer fallen. Den Völkern der Welt muss eins klar werden: Kriegs- und Todesbereitschaft verdienen jeden Respekt.

Das kann man mal als offene Feier soldatischen Heldentums vortragen, mal mit einer Träne im Knopfloch. Und das Publikum darf auswählen! Hauptsache, es kommt keine Distanz zwischen Gesellschaft und Militär auf.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.buchreport.de/news/king-reuessiert-weltweit/
[2] http://General-Anzeiger,9.8.2021
[3] https://www.magazin-auswege.de/data/2018/06/Schillo_Clinton-Patt-1.pdf
[4] https://www.spiegel.de/kultur/bill-in-pattersonia-a-435649bd-0002-0001-0000-000157772750
[5] https://www.heise.de/tp/features/Von-Religion-und-Verschwoerungsglauben-5045344.html
[6] https://www.heise.de/tp/features/Deutschland-muss-mehr-Verantwortung-uebernehmen-4678336.html
[7] https://www.sueddeutsche.de/kultur/2034-roman-neuer-weltkrieg-1.5380848

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Kurz erklärt

Obgleich die Vorständin als weibliche Form zum Vorstand schon länger im Duden verzeichnet ist, wirkt diese Bezeichnung auf viele befremdlich – und wird von Sprachhütern teils vehement abgelehnt. Wir werfen einen kurzen Blick auf die Begriffsfamilie rund um den Vorstand.

Nicht nur die Gästin erregt so manche Gemüter, auch die Vorständin hat unter Akzeptanzproblemen zu leiden. Dabei wurde es rein von der Sache her Zeit für sie: Auch ohne Quotenzwang bemühen sich viele Firmen, zwecks gelebter Diversität den weiblichen Anteil ihrer Belegschaft zu steigern – auch und gerade in der Führungsriege. Speziell bei börsennotierten Unternehmen unterteilt sich die Führung hierbei in Vorstand und Aufsichtsrat, wobei wir mit dem auf die gleiche Weise konstruierten Femininum Aufsichtsrätin deutlich weniger fremdeln.

Beim Begriff Vorstand fällt zunächst die homonyme Verwendung auf: Wir gebrauchen das Wort für das gesamte Gremium ebenso wie für ein Mitglied dieses Gremiums. Zurückzuführen ist der Begriff auf das Präfixverb vorstehen: Jemand, der einer Sache vorsteht, sie also leitet oder repräsentiert, war zunächst ein Vorsteher oder eine Vorsteherin – besonders in Komposita wie Bahnhofsvorsteher oder Schulvorsteher ist diese Bezeichnung noch geläufig. Bereits im 16. Jahrhundert fasste man die Gesamtheit der Vorsteher im Sammelbegriff Vorstand zusammen, was zunächst für Vorsitz stand – wobei man hier interessanterweise nur selten vom Vorsitzer oder von der Vorsitzerin spricht (beides sind aber orthografisch korrekte Begriffe), sondern die adjektivische Substantivierung der/die Vorsitzende bevorzugt.

Im 17. Jahrhundert vollzog sich ein Bedeutungswandel; der Vorstand (im Sinne der Person) war nun der Bürge oder Verteidiger. Erst seit dem 19. Jahrhundert gebrauchen wir Vorstand im heutigen Sinne von Vorstandsmitglied. Es erscheint plausibel, dass diese etwas verschlungene Etymologie – Ableitung der Mitgliedsbezeichnung aus einer Gremiumsbezeichnung, die wiederum aus einer Tätigkeitsbezeichnung abgeleitet wurde – ihren Teil dazu beiträgt, dass die Vorständin noch fremd in unseren Ohren tönt. Schon allein der Drang zur Sprachökonomie wird aber sicher dafür sorgen, dass dem bald anders sein wird. Rein formal handelt es sich um eine ebenso natürliche Ableitung wie Rätin zu Rat. Dass manche die weibliche Form als gezwungen oder gar oktroyiert empfinden, ist wohl schlicht darauf zurückzuführen, dass die Vorständin in unserem lebendigen Sprachschatz noch recht neu ist.

Julian von Heyl am 20.05.17 | Kommentare (9) | Visits: 19659

Rubrik Kurz erklärt:

Die deutsche Sprache ist gespickt mit Fallstricken. Hier gehen wir auf ausgewählte Problemfälle ein und liefern kurze Erklärungen und Definitionen zu Schreibweise, Grammatik und praktischer Anwendung.

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1  Jörg Dahlmann

Das die weibliche Form Vorständin abgelehnt wird, liegt wohl eher daran, das es völlig ungewöhnlich ist einzelne Personen als Vorstand zu bezeichnen. Der Vorstand definiert sich doch aus einer Gruppe Personen, die unterschiedliche Funktionen haben. Spricht man von einer einzelnen dem Vostand zugehörigen Person, ist es eben geschlechtsneutral das Vorstandsmitglied, oder der Funktion entsprechend die Vorsitzende, der Schriftführer o.ä.
Als Obmann in einem Kleingartenverein würde ich mich niemals als Vorstand vorstellen, das käme mir anmaßend vor, immer als Vorstandsmitglied oder Obmann.
Ähnlich ist es doch auch bei dem Wort der Verein, als Weibliches Vereinsmitglied sagt man auch nicht die Vereinin.

Geschrieben von Jörg Dahlmann am 05.06.17 08:27

2  Axel Hagemann

Obmännin, da lässt sich die gendernde Vergewaltigung der Sprache kaum noch überbieten. "Vorständin" kommt dem recht nah.
Der Mensch, ob weiblich oder männlich, bleibt ein Mensch, obwohl doch sehr unterschiedlich. Solange eine Bezeichnung anonym bleibt, war es kein Problem, es bei Position oder Funktion zu belassen. "Frau .... ist Vorstand", auch das müsste man nicht verbiegen, wenn man DIE Vernunft walten ließe.

"Frau Bundeskanzlerin Doktorin Merkel", Frau Merkel ist Kanzler und hat einen Doktortitel, ist Doktor rer. nat.- wo ist das Problem? Alles künstlich.

Geschrieben von Axel Hagemann am 02.01.18 10:02

3  Philipp Barth

Ich dachte eigentlich sofort an "Obfrau".

Kurz im Duden online nachgesehen
- tatsächlich, mit der Idee war ich wohl nicht alleine.

Geschrieben von Philipp Barth am 14.05.18 10:27

4  Tracy

Vorständin ist richtig und auch wichtig. Niemand käme auf die Idee alles in weiblicher Form zu schreiben und den Männern zu sagen:"ach, ihr seid doch mitgemeint- jetzt stellt euch nicht so an." Wenn ich als Frau nicht einmal persönlich mit meiner Qualifikation angesprochen werde,dann möchte ich Männer auch nicht mehr damit anreden. Man(n) sieht doch selbst, wie empfindlich Männer auf die sogenannte "Mütterrente" reagieren- von Forderung nach Abschaffung, weil es angeblich ja nur den Müttern zukommt,verunglimpfung und Hetze- alles schon im Netz gefunden. Sprache ist Macht- und diese Macht versuchen Männer zu verteiligen. Als Frau finde ich es schon interessant, dass Männer Sturm gegen eine genaue Bezeichnung von Frauenpositionen laufen. Wahrscheinlich wird es nur helfen, wenn alles in der weiblichen Form geschrieben wird, bevor sie begreifen, wie ausgrenzend so etwas ist.

Geschrieben von Tracy am 23.06.20 12:34

5  Tomasina

Meine Position als Frau ist folgende: es ist einfach nur affig und unfassbar nervig! Menschen, die auf sowas Wert legen oder irgendwelche Diskriminierungsemotionen dabei empfinden - haben meines Erachtens gaanz andere Probleme mit sich selbst und eigenen Selbstwertgefühl. Und wenn ich an diese grenzwertige HU Berlin ForscherIN Lann Hornscheidt denke, die man kaum als Frau bezeichnen kann, die dafür Forschungsgelder bekommt um die Deutsche Sprache zu verunstalten und sich selbst Professix und ihre Stundenten Studentix nennt - da kann man nur mit dem Kopf schütteln und eine Therapie empfehlen...

Viele Grüsse aus Berlin

Geschrieben von Tomasina am 03.07.20 18:16

6  Jörg Dahlmann

@ Tracy
Ich weiß ja nicht mit was für Männer Du dich umgibst, daß Du eine solche Einstellung erlangst. Ich für meinen Teil, finde die Gleichstellung der Frau richtig und auch wichtig. Aber wie ich oben schon sagte, kenne ich den Begriff Vorstand nur als Bezeichnung für eine Gruppe, oder besser Gremium, nicht als Einzelperson. Daher käme ich nie auf die Idee Herr oder Frau Vorstand zusagen sondern nur Vorsitzende/Vorsitzender (und bitte nicht Vorsteher/in, die findet man am Bahnhof). Es fühlt sich für mich einfach falsch an, eine einzelne Person als Vorstand anzusprechen. Das ist vielleicht vergleichbar mit dem Bundestag, die dortigen Abgeordneten würde man auch nicht mit Herr Bundestag ansprechen und erst Recht nicht mit Frau Bundestägin. Da beides zusammengesetzte Nomen sind kann auch nicht das Vorstand sagen. Aber warum heißt es überhaupt der Tag, aber die Stunde, die Minute, die Sekunde. He Moment mal, da ist das Maskulin aber benachteiligt ;-)
Allerdings sollte eine Doktorin auch als solche angesprochen werden und nicht als Frau Doktor, das hört sich so an als meine man die Frau des Doktor.
Hier, in den Kommentaren zu Vorstand/ Vorständin, läuft niemand Sturm gegen weibliche Berufsbezeichnungen, sondern gegen die Verwendung des Wortes Vorstand bei Einzelpersonen. Mir würde es aber genauso wenig gefallen wenn jemand vorschlagen würde es heißt jetzt der Sonne und die Mond weil man sich den Europäischen Nachbarn anpassen will und somit Sprachbarrieren abbauen will. Die letzte Reform hat da schon genug Chaos angerichtet und in Ohren, die schon seit einem halben Jahrhundert die Sonne gehört haben, hört sich das einfach doof an.
Wie Herr Hagemann schon schrieb, die Vernunft wallten lassen.
Grüße aus dem Bergischen

Jörg

PS Es gibt halt auch Bezeichnungen die sind Geschlechtsneutral und nur durch den Artikel zu unterscheiden.

Geschrieben von Jörg Dahlmann am 04.07.20 07:57

7  Mark

"Stand" bezeichnet normalerweise keine Person. Das grammatische Geschlecht ist eben zufällig männlich. "Person" ist weiblich, interessiert mich auch nicht weiter. Mein Steuerberater bezieht sich mit "meine Mandantin" auf mich ("die Firma"). Wie schlimm das alles ist...

Geschrieben von Mark am 07.10.20 18:00

8  Bodo Schliefke

Das vom Verb „stehen“ abgeleitete Substantiv ist „Stand“, also wäre es nur grammatikalisch richtig für „vorstehen“ den „Vorstand“ abzuleiten. Ich denke, dass man man sich deshalb hauptsächlich schwer mit dem Genderwort „Vorständin“ tut. Bei der Bewertung des Problems ist jedoch zu beachten, dass „Stand“ nicht gegendert werden müsste, da es sich dabei nicht wie bei „Vorstand“ um eine Person oder Personengruppe handelt. Es wäre jedoch richtig, das Wort „Vorständin“ für die Vorstandsmitglieder anzuwenden, obwohl die meist fehlende Akzeptanz dafür aus instinktivem grammatikalischen Verständnis heraus nachvollziehbar ist.

Im Übrigen: der Kommentar zum „Obmann“ mit dém Hinweis auf „Obfrau“ hat mich sehr amüsiert,

Geschrieben von Bodo Schliefke am 19.01.21 17:24

9  Karl Mantel

.
Gut dann sag ich jetzt auch
die Vereinin, der Vereiner
die Behördin, der Behörder,
die Gruppin, der Grupper,

Geschrieben von Karl Mantel am 03.09.21 04:16

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Arbeitsam, fromm und bigott bis zum Anschlag waren Amerikas früheste Helden, die Puritaner von Plymouth. Da beginnt ein neuer Nachbar, mit Sex und Schnaps sein Leben zu feiern.

Im Herbst des Jahres 1628 hatten die Puritaner genug gesehen. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn ihm der böse Nachbar nicht gefällt. Seit acht Jahren hatten sie an ihrer bescheidenen Plymouth Colony gebaut, hatten unter größten Härten in der Neuen Welt ein rechtschaffenes, gottgefälliges Leben begonnen. Und sahen sich nun seit bald der Hälfte dieser Zeit den lasterhaften Provokationen eines gewissen Engländers ausgesetzt, der unweit ihrer eigenen Siedlung ausgerechnet einen »Berg des Frohsinns« gegründet hatte: den Merrymount.

Die Siedler stellten einen kleinen Trupp Bewaffneter zusammen und marschierten gegen den Merrymount, wo sich der Nachbar und seine Kumpane verschanzt hatten. Es folgte eine nahezu slapstickhafte Belagerung, glaubt man den Schilderungen des puritanischen Gouverneurs. Die Verteidiger, so berichtet er, seien nicht nur mit Waffen ausgerüstet gewesen, sondern auch mit Unmengen von alkoholischen Getränken, denen sie hemmungslos zusprachen. Stockbetrunken habe sich einer von ihnen am Spieß eines seiner Gesellen verletzt. Der Anführer und Merrymount-Gründer Thomas Morton habe zwar versucht, auf die Angreifer zu schießen, sei aber kaum noch in der Lage gewesen, aufrecht zu stehen, geschweige denn zu feuern.

Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, mag bezweifelt werden. Es gelang den Puritanern jedenfalls, den Querulanten festzunehmen und einige Zeit darauf nach England zu deportieren, wo er vor Gericht gestellt werden sollte. Der Hauptanklagepunkt war, dass er den Indianern Feuerwaffen verkauft hatte. Das sah zwar auch der englische König nicht gern, explizit verboten war es jedoch nicht.

Ohnehin war es nur ein Vorwand: In der kleinen Kolonie am Rand der Neuen Welt sollte endlich wieder Ruhe einkehren. Und das tat es auch.

Zumindest für eine Weile.

102 Männer, Frauen und Kinder waren im September 1620 aus Europa aufgebrochen, um die Kirche ihrer englischen Heimat endgültig abzuschütteln. Jede christliche Gemeinde solle in völliger Autonomie existieren, glaubten sie, kein Bischof dürfe die Hoheit über das religiöse Leben haben. Und dieses selbstbestimmte Dasein, das ihnen die Church of England mit Verhaftungen und Hausdurchsuchungen auszutreiben versucht hatte, hofften sie in der Neuen Welt endlich Wirklichkeit werden zu lassen.

Schlechter Start in eine Neue Welt

Zwei Monate dauerte die Überfahrt an Bord der Mayflower, dann landeten sie an der Küste des heutigen US-Bundesstaats Massachusetts. Der Start verlief denkbar schlecht. Als das gecharterte Schiff im folgenden Frühjahr wieder abfuhr, hatten sie durch Hunger und Krankheit fast die Hälfte ihrer Angehörigen verloren. Doch die andere Hälfte blieb und lieferte mit ihrer Beharrlichkeit den Stoff für eine Art Gründungsmythos der modernen USA, wonach die rechtschaffenen Puritaner von Plymouth den Grundstein für eine Nation von gleichermaßen unerschrockenen, freiheitsliebenden und gottesfürchtigen Menschen legten.

Außer Rand und BandLaden...
© Alamy / The Picture Art Collection (Ausschnitt) Außer Rand und Band | Wie ausgelassen sich der Tanz um den Maibaum entwickeln kann, hat zur Zeit von Thomas Morton der niederländische Maler Pieter Brueghel der Jüngere in einem Gemälde (um 1627) festgehalten.

Von Thomas Morton, der nahezu zeitgleich mit ihnen seinen fröhlichen Hügel bezog, ist in dieser Heldenerzählung kaum je die Rede. Was wenig überrascht, legt seine Geschichte doch wie kaum eine andere Episode offen, welche Lücken dieses Bild der Puritaner aufweist.

»Unsere frühesten amerikanischen Helden sind die Männer, die Morton unterdrückten: Endicott, Bradford, Standish«, sagt Philip Roths (1933–2018) Romanfigur David Kepesh in seinem 2001 erschienenen Werk »Das sterbende Tier«. Für einen Verfechter der sexuellen Revolution der 1960er Jahre wie Kepesh setzt sich der Konflikt aus dem Massachusetts des 17. Jahrhunderts bis heute fort. Bei den genannten Herren handelt es sich um John Endicott (eigentlich Endecott), William Bradford und Miles Standish – allesamt glühende Puritaner und legendäre Figuren der frühen Besiedlung Nordamerikas.

Dabei waren die »Pilgrim Fathers«, wie sie später genannt wurden, keineswegs die ersten Europäer, die hier dauerhaft Fuß fassten. Nicht einmal die ersten Engländer: Die hatten 13 Jahre früher, also 1607, und einiges weiter südlich eine Siedlung errichtet, die sich, ebenfalls allen Widrigkeiten zum Trotz, dauerhaft etablierte. Nach Jamestown, im heutigen Virginia, waren vor allem Abenteurer auf der Suche nach Profit gekommen – und sie wären um ein Haar gescheitert, wie so viele Kolonisten jener Zeit. Denn die Ostküste Nordamerikas warf weit weniger ab, als man sich in der Alten Welt erträumte. Erst der mit Sklaven betriebene Tabakanbau sicherte Jamestown das Überleben.

Flucht vor Krone und Kirche

Um Reichtümer war es den christlichen Eiferern in der Plymouth Colony aber ohnehin nie gegangen. Sie waren in der Hoffnung auf eine neue Heimat gekommen, zumal ihnen der Rückweg in die Alte Welt versperrt war. Dort, im Dörfchen Scrooby in der Grafschaft Nottinghamshire, hatten sie unter ihrem Anführer William Bradford (1590-1657) mit der anglikanischen Kirche gebrochen. Anders als andere Puritaner wollten sie die Staatskirche nicht von allen Elementen des verhassten katholischen Papismus »reinigen«, sondern schlicht abschaffen. Ein Teil der Separatisten – unter ihnen neben Bradford auch Miles Standish (1584-1656), ein alter Haudegen und später militärischer Anführer der Kolonisten – war vor den Repressalien der Kirche bereits Anfang des 17. Jahrhunderts in das calvinistische Holland geflohen. Doch auch in den Niederlanden sahen sie auf Dauer keine Zukunft für sich, ihre Familien und ihre Gemeinschaft. Von der Plymouth Company, die im Auftrag der englischen Krone die neuen Besitztümer in Übersee verwaltete, beschafften sie sich Siedlungsrechte in Neuengland, das Geld für die Überfahrt liehen sie von einer Londoner Kaufmannsvereinigung. Und mit einem gewaltigen Schuldenberg im Nacken machten sie sich auf die Reise.

Welche Nachbarn er sich da ausgesucht hatte, als er sich rund 50 Kilometer von ihrer Kolonie entfernt niederließ, dürfte Morton längst klar gewesen sein. Immerhin hatte er die Separatisten von New Plymouth bereits zwei Jahre zuvor kennen gelernt, als er gemeinsam mit einem gewissen Captain Wollaston eine Entdeckungsreise nach Neuengland unternommen hatte.

Schnaps »im Wert von zehn Pfund an einem Morgen«!

Dieser »grausamen Sekte von Schismatikern«, wie er sie später einmal nennen wird, war selbst das festliche Begehen christlicher Feiertage wie Weihnachten verpönt. Sie sahen sich als Auserwählte des Herrn, als Gotteskrieger, allzeit bereit, dem teuflischen Blendwerk immer und überall entgegenzutreten – jenem Blendwerk, dem sie allerdings auch immer und überall zu begegnen meinten, sei es unter den heidnischen Indianern ihrer neuen Umgebung, den papistischen Iren oder den sündigen Engländern.

Auch die harmlosesten Vergnügungen galten ihnen als des Teufels: Sie lehnten das Singen weltlicher Lieder, den Besuch von Theatern, den Genuss von Alkohol oder Tabak genauso ab wie das Glücksspiel und selbstverständlich außereheliche Beziehungen, ja selbst das Schreiben von Liebesbriefen und vieles mehr. Hinzu kam eine erbitterte Intoleranz gegenüber all jenen, die sich nicht anpassen wollten. Sie wurden bestraft, verjagt, aus der Kolonie verbannt – und bald sogar aus der Nachbarschaft.

Was Thomas Morton – Anglikaner, aber augenscheinlich nicht an kirchlichen Dogmen interessiert – dazu trieb, mit Mitte 40 den Atlantik zu überqueren, ist nicht überliefert. Geboren wurde er um 1575 im Westen Englands. Aus seiner Jugend ist heute nur noch wenig bekannt, doch offenbar studierte er die Rechte am Clifford's Inn, einer Londoner Anwaltskammer und juristischen Ausbildungsstätte. 1620 heiratete der Anwalt eine Witwe namens Alice Miller, die er in einem Erbstreit gegen ihren Sohn aus erster Ehe, George, vertrat. Der Prozess wurde erbittert geführt und fand wohl mitunter auch außerhalb des Gerichtssaals seine Fortsetzung. In Protokollen aus der Zeit ist nachzulesen, wie die beiden Streitparteien die jeweils gegnerische Seite grober und verbrecherischer Methoden bezichtigten. Mal behauptet da George Miller, der neue Gemahl seiner Mutter habe ihn mit vorgehaltener Waffe bedroht, mal bezichtigen Morton und Alice Miller den Sohn, er sei in das Haus seiner Mutter und Schwestern eingebrochen und habe diese beraubt. Die Spuren verlieren sich, wie der Prozess ausging, ist unbekannt. Nach zwei Jahren hatte Morton jedoch anscheinend genug von alledem: vom Rechtsstreit, von der Witwe, ihrer Familie – und auch von England.

Fröhlich und mit Meerblick

1624 unternahm er seine Reise nach Amerika, wo er sich auf Mount Wollaston niederließ, dem nördlich von Plymouth gelegenen Anwesen seines Partners während der Expedition zwei Jahre zuvor. Er taufte die kleine Kolonie um und nannte sie fortan Ma-Re Mount. Lateinisch ausgesprochen nahm der Name Bezug auf den Meerblick, der sich von dem Haus und der Siedlung drum herum bot. Englisch ausgesprochen aber wurde daraus der Merry Mount (später: Merrymount), der fröhliche Hügel. Das war wohl ganz im Sinn Mortons.

Es soll dort tatsächlich ausgesprochen fröhlich zugegangen sein. Das behauptete zumindest William Bradford, der auch in der Plymouth Colony bald zum Anführer der Puritaner gewählt worden war und drei Jahrzehnte als ihr Gouverneur fungierte. In den Jahren 1620 bis 1647 schrieb er an seinem Werk »History of Plimouth Plantation«, sein für die Nachwelt bestimmtes Tagebuch, in dem er die Geschichte der ersten 30 Jahre der Kolonie festhielt – und von dem in England nach und nach Auszüge veröffentlicht wurden. In diesem frühen Bericht ist auch Bradfords Darstellung der Auseinandersetzung zwischen den Puritanern von Plymouth und den Siedlern von Merrymount enthalten.

Thanksgiving mit den IndianernLaden...
© Alamy / Album (Ausschnitt) Thanksgiving mit den Indianern | Teil des Gründungsmythos ist auch das erste Erntedankfest in Amerika, das die Pilgerväter mit den Ureinwohnern gemeinsam feierten und das zum Ursprung der Thanksgiving-Tradition der USA wurde. Tatsächlich war das Verhältnis zu den Indianern meistens gespannt und schlug nicht selten in blutige Auseinandersetzungen um. Gemälde von Jennie Augusta Brownscombe, 1914.

Nachdem sich Morton dort niedergelassen und erfolgreich Handelsbeziehungen mit den benachbarten Indianerstämmen aufgenommen hatte, so Bradford, verfielen er und seine Kumpanen »größter Lasterhaftigkeit, führten ein zügelloses Leben und gaben sich allem möglichen Frevel hin«. Hatten die fröhlichen Siedler vom Merrymount beim Handel mit den Ureinwohnern gute Einkünfte erwirtschaftet, verprassten sie diese, »sowohl Wein als auch Schnaps zechend«, naturgemäß in großen Mengen, »wie manche berichten, im Wert von zehn Pfund an einem Morgen«! Puritanisch war dies nicht, der Gipfel der Provokation war damit aber auch noch nicht erreicht.

Wilde Feste um einen Maibaum

Den erklommen Morton und Genossen spätestens im Frühjahr des Jahres 1627, als sie auf Merrymount einen Maibaum errichteten, den sie mit allerlei Blumen, Zweigen und Geweihen schmückten. Dies war ein im damaligen England durchaus verbreiteter Brauch, der bereits in puritanischen Predigten und Schriften des 16. Jahrhunderts angeprangert wurde und auch den Separatisten von Plymouth außerordentlich missfiel.

Um diesen Baum, so berichtet wieder Bradford, »tranken sie tagelang« zusammen mit Indianern und Indianerinnen, die sie zu »Gattinnen« nahmen. Morton wurde zum »Herrn der Gesetzlosigkeit«, dem »Lord of Misrule«, eine Verkörperung der Umkehr aller natürlichen Ordnung und nach altem Brauch Zeremonienmeister ausgelassener Feierlichkeiten. Die Feiernden trugen Tiermasken und »tanzten und sprangen, als hätten sie die Feste der römischen Göttin Flora oder gar die Praktiken der verrückten Bacchanalien wiederbelebt«. Kurz: Es war empörend, und es fand kein Ende! Denn die Feiern wurden schon bald zu einer ständigen Einrichtung. Allmonatlich vergnügten sich fortan die wahrscheinlich nicht viel mehr als ein Dutzend zählenden Siedler von Merrymount gemeinsam mit ihren eingeborenen Nachbarinnen und Nachbarn bei ausgelassenen Gelagen rund um den Maibaum. Ein eigens verfasstes Trinklied aus Mortons Feder hebt an mit der Losung zum festlichen Reigen: »Drink and be merry, merry, merry boyes; Let all your delight be in the Hymens joys.« Trinken solle man und Hymenaios, dem griechischen Gott der Hochzeit, huldigen.

Kein Singen, Alkohol oder Tabak: Selbst die harmlosesten Vergnügungen galten den Puritanern als des Teufels

Im Herbst 1628 war das Maß voll. Bradford wies Standish an, den Bewohnern Merrymounts die Feierwut gewaltsam auszutreiben. Es kam zu der eingangs geschilderten Attacke, der anschließenden Verhaftung und Vertreibung Mortons unter dem Vorwurf illegaler Handelsbeziehungen mit den Ureinwohnern. Das sollte reichen, um Morton für lange Zeit in einem englischen Kerker verschwinden zu lassen.

Doch die Gerichte in old England taten den Puritanern diesen Gefallen nicht. Bereits im Jahr darauf war er zurück in Amerika.

Morton nimmt es mit der Massachusetts Bay Colony auf

Die englischen Kolonisierung der Ostküste hatte seit der Gründung von Jamestown und der Plymouth Colony beständig Fahrt aufgenommen. Jahr für Jahr trafen Schiffe mit neuen Auswanderern ein, darunter immer wieder auch Glaubensgenossen der Pilgrim Fathers, deren Gemeinde auf annähernd 300 Personen angewachsen war. Schon bald aber waren sie nicht mehr die einflussreichste Kraft vor Ort. Denn in der alten Heimat spitzte sich 1625 der Konflikt zwischen Staatskirche, Krone und den Puritanern mit der Thronbesteigung Karls I. so weit zu, dass selbst unter jenen Puritanern, die keine separatistischen Ansichten vertraten, immer mehr ihr Heil in der Emigration suchten. Vor allem die 1628 gegründete Massachusetts Bay Colony, die an die Plymouth Colony angrenzte, wurde zu ihrem Zufluchtsort. Im Lauf der folgenden zehn Jahre nahm sie geschätzte 20 000 Emigranten auf und wuchs zum alles beherrschenden Machtfaktor in der Region.

Die Unversöhnlichkeit, mit der sich die gemäßigteren und die separatistischen Puritaner sowie die Mitglieder anderer Glaubensrichtungen in England begegneten, spiegelte sich auch in der Neuen Welt. So stand an der Spitze der Massachusetts Bay Colony unter anderem John Endecott (1588-1665), der mehr als 16 Jahre lang als Gouverneur ihre Entwicklung bestimmte. Er ging als ebenso sittenstrenger und arbeitsamer wie jähzorniger und selbstgerechter Mann in die Annalen Amerikas ein. Endecott brach Kriege mit den Ureinwohnern vom Zaun, ließ Quäker hinrichten, und wer ihm nicht passte, der musste mit Vertreibung rechnen.

So wie jener alte Bekannte, der 1629 aus England kommend einlief, eine kurze Zeit in New Plymouth weilte, um danach wieder seinen fröhlichen Hügel zu beziehen. Morton nahm bald nicht nur seinen früheren Lebenswandel wieder auf, sondern auch die Geschäfte mit den Indianern. Ein Affront gegenüber der Massachusetts Bay Company und somit auch Endecott, denn die beanspruchte für sich ein Monopol am Handel. Morton hingegen vertrat die Ansicht, dass es jedem Siedler freistehe, eigenständig und nach eigenem Ermessen mit wem und womit auch immer Handel zu treiben. Die Puritaner fackelten nicht lange: Morton wurde verhaftet, in Fußeisen gelegt zur Schau gestellt und kurz darauf erneut nach England verschifft.

Die Häuser von Merrymount ließ Endecott niederbrennen, der Maibaum wurde gefällt. Unter anderem dienten unbewiesene und sehr wahrscheinlich völlig haltlose Gerüchte, er hätte Jahre zuvor in der alten Heimat (vielleicht im Zusammenhang mit den Streitigkeiten um das Erbe der Witwe Miller) einen Mord begangen, als Begründung für die Maßnahmen. Außerdem hätte er, so hieß es vage, die Indianer schlecht behandelt – ausgerechnet er, den sie zuvor beschuldigt hatten, den Indianern allzu gewogen zu sein.

Ein Paradies mit einer Schwäche

Auch beim zweiten Anlauf wurden Vorwürfe gegen Morton von englischen Gerichten zurückgewiesen. Nun begann er in der alten Heimat seinerseits sowohl rechtlich als auch publizistisch gegen die Puritaner in Neuengland vorzugehen. Gemeinsam mit anderen unzufriedenen Siedlern und unterstützt von dem Gründer der Kolonie Maine, Sir Ferdinando Gorges (1568-1647), versuchte er ab 1632 vor Gericht, den Puritanern von Plymouth wegen diverser Vergehen die königliche Genehmigung zur Gründung einer Kolonie in Neuengland aberkennen zu lassen. Sie hätten, so argumentierte er, ihre Befugnisse weit überschritten, etwa indem sie versuchten, die Grenzen ihres Einflusses zu erweitern oder die Kontrolle über alle Handelsbeziehungen mit den Ureinwohnern zu übernehmen. Trotz anfänglicher Erfolge blieben diese juristischen Anstrengungen allerdings fruchtlos. Also verlegte sich der Mann vom Merrymount zusätzlich auf Publizistik und Propaganda. Morton schrieb seine Erfahrungen in und mit der Neuen Welt nieder und schuf dabei zugleich eine Art Gegendarstellung zu den unterdessen auch in England bekannt gewordenen Passagen aus Bradfords Tagebuch.

Die Puritaner fackelten nicht lange: Morton wurde verhaftet und in Fußeisen gelegt zur Schau gestellt

Sein 1637 in Holland erschienenes Buch »New English Canaan« ist ein bemerkenswertes Dokument aus den ersten Jahrzehnten der Inbesitznahme Nordamerikas durch englische Siedler. Es ist gleichzeitig eine Lobrede auf die Ureinwohner der Neuen Welt, eine Werbeschrift für die Kolonisierung des Kontinents sowie eine bittere Polemik gegen die Puritaner. Im ersten von drei Teilen schildert der Autor Sitten und Gebräuche der Indianer, von denen er im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Berichten nur in den höchsten Tönen schreibt. Er lobt ihre Genügsamkeit ebenso wie ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit. Mehrmals hebt er ihre Menschlichkeit, Gastfreundschaft, Vertragstreue und sittliche Reife hervor, nennt sie gar zivilisierter als so manche Europäer. Schlüssig drängte Morton darauf, mit den amerikanischen Ureinwohnern harmonisch und zum gegenseitigen Nutzen zusammenzuleben, statt sie nach und nach zu verdrängen. Umso mehr, als sie »den begierigen Wunsch, mit unserer Nation Handel zu treiben« hegten und den Engländern mit Wohlwollen, ja gar mit Liebe begegneten. Lohnende Handelsgüter gebe es schließlich im Überfluss, lässt Morton seine Leser wissen.

Im zweiten Teil seines Buchs gibt er begeistert Auskunft von der Schönheit, der Fruchtbarkeit und dem Reichtum Neuenglands. Gleichsam wie das biblische Kanaan sei auch dieses neue ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Besser noch: »Es gibt einen derartigen Überfluss von Vögeln, Wild und Fischen, dessen sich Kanaan nicht rühmen konnte.« Das Wasser sei süßer, die Erde fruchtbarer, die Wälder dichter, die Bäume höher als in der alten Heimat. An Wild und Federvieh herrsche kein Mangel, ihr Fell sei dichter und widerstandsfähiger als das englischer Tiere, ihr Fleisch schmecke besser, und aus den Federn der Gänse etwa könne man Schlafstätten herstellen, »die weicher sind als jedes Bett, in dem ich gelegen habe«. Die Neue Welt ist also gleichsam ein Schlaraffenland, ihre eingeborenen Bewohner so anständige wie verlässliche Geschäftspartner und Arbeiter.

Es wäre alles perfekt, wenn da nicht diese frommen Siedler wären. Die Puritaner nämlich, das hält der Autor im dritten Teil seines Werks fest, seien so selbstgefällig wie unfähig. Vom Handel verstünden sie nichts, von der Jagd wenig. Zwar führten sie ständig Gott im Munde, missachteten aber unentwegt das fundamentale christliche Gebot der Nächstenliebe. Sie ignorierten das Recht, hielten sich an keine Verträge und übten eine Macht aus, die ihnen nicht zustünde. Ihr ganzes Streben gelte ihren bornierten Gemeinderegeln und Gesetzen, die ihnen etwa vorschrieben, mit geschlossenen Augen zu beten, denn: »Sie halten sich für derart perfekt auf dem hohen Weg in den Himmel, dass sie meinen, blind hinzufinden.«

Mortons Buch verschwindet aus der Öffentlichkeit

1643 – in England war der Konflikt zwischen Anhängern König Karls I. und jenen des puritanisch dominierten englischen Parlaments zu einem Bürgerkrieg eskaliert – machte sich Morton ein letztes Mal auf den Weg über den Ozean und steuerte direkt die Massachusetts Bay an. Die Puritaner dort können sich noch gut an ihn erinnern – und sie haben inzwischen auch von seinem Buch gehört, kennen zumindest Passagen daraus. Kurz nach seiner Ankunft wird der gealterte Störenfried zum dritten Mal festgenommen und einige Monate inhaftiert, ehe er nach Maine ausgewiesen wird, in die Kolonie seines alten Gönners Ferdinando Gorges. Dort verlebt er die letzten Jahre bis zu seinem Tod 1647 in dem Städtchen Acomenticus an der Atlantikküste, dem heutigen York am Golf von Maine.

In der alten Heimat geht Morton juristisch gegen die Puritaner vor: Die königliche Genehmigung zur Koloniegründung soll ihnen entzogen werden

Mit dem Tod Mortons setzte auch das Vergessen ein. Schon nach wenigen Jahren gab es kaum noch öffentlich zugängliche Exemplare von »New English Canaan«, dessen Erscheinen die Puritaner nicht hatten verhindern können. Zwar veröffentlichte Nathaniel Morton, ein Neffe William Bradfords und nicht mit dem einstigen »Herrn der Gesetzlosigkeit« verwandt, 1669 ein Werk namens »New-Englands Memorial«, in dem er auch von den Querelen um Merrymount berichtete, allerdings bediente er sich dabei ausschließlich der Aufzeichnungen seines Onkels.

Das andere Amerika

Mit der Zeit gerieten Thomas Morton und sein Werk so gut wie in Vergessenheit. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts erwachte das Interesse an ihm wieder. Kurioserweise waren gleich drei US-Präsidenten an der Wiederentdeckung Mortons beteiligt. John Quincy Adams (1767-1848), der spätere sechste Präsident, ersteigerte 1798 als Botschafter am preußischen Hof in Berlin ein Exemplar von »New English Canaan«. Offenbar erregte dieses das Interesse seines Vaters John Adams (1735-1826), des zweiten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Persönlich hielt er zwar keine großen Stücke von Thomas Morton, den er einen »Brandstifter und Aufwiegler« nannte, schrieb aber um 1802 dennoch ein unveröffentlichtes Büchlein mit dem Titel »Scraps of the History of Mount Wollaston«. In einem Brief an den dritten und damals amtierenden Präsidenten Thomas Jefferson (1743-1826), der seinerseits großes Interesse an der Geschichte bekundete, verriet Adams auch ein persönliches Motiv für seine Beschäftigung mit dem Thema: Der Merrymount lag auf seinen eigenen Ländereien.

Der romantische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne (1804-1864) war der Erste, der die Ereignisse literarisch aufgriff. In seiner Kurzgeschichte »The May-Pole of Merry Mount« stellt er Morton als tragischen Helden dar, der sich gegen die beklemmende Herrschaft der bigotten Puritaner auflehnt. »Es ging bei diesem schwer wiegenden Streit um das künftige Antlitz Neuenglands«, schrieb Hawthorne und beklagte die Siedler von Merrymount, deren »Heimatort der wilden Fröhlichkeit inmitten eines düsteren Waldes zum Veröden gebracht« worden sei.

Als Urahn des anderen gegenkulturellen Amerika stellt ihn auch Philip Roth vor, der seinen David Kepesh fragen lässt: »Warum betrachtet man Morton nicht als das, was er ist: den Gründervater der persönlichen Freiheit? In der puritanischen Theokratie hatte man die Freiheit, Gutes zu tun; in Mortons Merry Mount hatte man die Freiheit – und das war's.«

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Potsdam - Für das von Stadtpolitikern für Sportplätze im Norden neu vorgeschlagene Deponiegelände an der Kirschallee müsste das Rathaus sich noch mit dem Eigentümer einigen. Denn die etwa 22.600 Quadratmeter große Fläche gehöre einer Gesellschaft des Bundes, sagte Stadtsprecherin Christine Homann am Donnerstag auf PNN-Anfrage. Mit dieser sei man schon im Gespräch. „Eine Entwicklung des Areals ist aufgrund des aktuellen Kontakts mit dem Eigentümer vorstellbar.“
Wie berichtet haben die Fraktionen von Linke, SPD, Grünen und der CDU jüngst eine ehemalige Deponiefläche zwischen Kirschallee und Habichtweg als mögliches Areal für einen neuen Sportplatz vorgeschlagen – das könnte einen Durchbruch für die strittige Frage bedeuten, wo im Norden Potsdams ein neuer Sportplatz entstehen soll. In der Stadtverordnetenversammlung am 25. August soll die Verwaltung zur Prüfung der Fläche einen offiziellen Auftrag bekommen. Einen Antrag dafür haben die Fraktionen bereits geschrieben. Stadtsprecherin Homann sagte, die nähere Untersuchung halte man für sinnvoll. Klar ist bereits: Die Fläche liegt am Rand einer Trinkwasserschutzzone. Keine Erkenntnisse lägen zu Biotopen auf der wild bewachsenen Fläche vor, bis 1990 sei dort vor allem Bauschutt gelagert worden. Eine genaue Altlastenuntersuchung stehe aber noch aus.

Eine gemeinsame Erklärung

In einer gemeinsamen Erklärung hatten die Initiatoren für den Antrag – die Stadtverordneten Tina Lange, Sascha Krämer (beide Linke), Gerd Zöller (Grüne), Leon Troche, Uwe Adler (beide SPD) sowie Clemens Viehrig (CDU) deutlich gemacht, wegen der Nähe des Geländes zur Karl-Foerster-Schule sei sogar eine Art Campus vorstellbar. Seit Jahren wird nach Platz für den Sport im Norden gesucht. Der letzte Vorschlag, dafür den nördlichen Volkspark zu nutzen, war aber von Anwohnern heftig kritisiert worden.

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Potsdam - In die seit Jahren strittige Frage, wo im Potsdamer Norden ein neuer Sportplatz entstehen könnte, kommt neue Bewegung. Ein großes Bündnis aus Stadtverordneten von Linken, SPD, Grünen und der CDU schlägt nun eine ehemalige Deponiefläche zwischen Kirschallee und Habichtweg als mögliches Areal für einen neuen Sportplatz vor. Dieses Grundstück, vis à vis der Karl-Foerster-Grundschule, solle die Stadtverwaltung nun auf seine Eignung prüfen, heißt es in einem gemeinsamen Antrag der Fraktionen für die Stadtverordnetenversammlung am 25. August. Damit könne das Defizit an Sportflächen im Potsdamer Norden verringert werden, hoffen die Antragsteller.

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Das Thema sorgt seit Jahren für Kontroversen

Seit Jahren wird gerade im schnell gewachsenen Bornstedter Feld ein Areal für neue Sportplätze gesucht. Ein Standort am Lerchensteig war bekanntlich aus Naturschutz- und Kostengründen verworfen worden. Doch auch der alternative Vorschlag, den nördlichen Teil des Volksparks für Sportplätze zu nutzen, hatte für erheblichen Widerstand gesorgt – einige Anwohner hatten sogar mit Gerichtsklagen gedroht.