geschätzte Lesezeit: 3 min

Das System Krone

Österreichs führende Boulevardzeitung soll über Jahre hinweg Minister bestimmt haben, sagen enge Ex-Mitarbeiter des Chefredakteurs (Teil 2 und Schluss)

Wie weit geht die Mediokratie, genauer: Wie weit ging die Alleinherrschaft eines Medienmachers in Österreich? Nach der Veröffentlichung des ersten Teils mit dem Tiel Macht und Medien [1] in Telepolis erhielten wir neue, irritierende Hinweise auf eine austriazistische Hinterbühne der einmaligen Art.

Eine erste Spur findet sich in der nicht veröffentlichten Langfassung der Chat-Protokolle aus der Inseratenaffäre:

Quelle: Auswertungsbericht 1633 der WKStA (Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft) zum "Beinschab Österreich Tool", S. 234

Noch kein österreichisches Medium ist dieser Sache auf den Grund gegangen: Mit Moser ist der ehemalige FPÖ-Politiker Josef Moser [2] gemeint. Er hätte in der Regierung Kurz I, die am 18.12.2017 – also sieben Tage nach dieser Chatnachricht – angelobt wurde, Finanzminister werden sollen.

Aber was bedeutet hier "Achtung wegen Pandi und Dichand. Die müssen dann noch überzeugt werden"? Warum schreibt ÖVP-Strippenzieher Thomas Schmid so etwas an den damaligen Bundeskanzler in spe Sebastian Kurz?

Claus Pándi war zu dem Zeitpunkt einflussreicher Innenpolitik-Chef der Kronen Zeitung. Er wechselte dann nach Salzburg, wo er Chefredakteur der Bundesland-Ausgabe wurde. Christoph Dichand alias Dichand junior ist Chefredakteur und Herausgeber der Kronen Zeitung und damit Österreichs mächtigster Medienmann. Aber warum sollen beide von einer geplanten Ministerbesetzung überzeugt worden sein müssen?

Mehrere Zeugen berichten übereinstimmend, dass Dichand und Pándi Josef Moser als Finanzminister ablehnten, weil er als "unsteuerbar" – durch die Kronen Zeitung – gegolten habe. Man einigte sich dann darauf, ihn zum Justizminister zu machen.

Bestimmt(e) der Krone-Chefredakteur mit über Top-Minister?

Der Vorgang beleuchtet eine dunkle Seite Österreichs, eine vielleicht einmalige Hinterbühne: Schon zu Zeiten von Hans Dichand, also Dichand senior, soll es Usus gewesen sein, dass zumindest der Innen- und der Finanzminister von der Kronen Zeitung, und damit letztlich von ihm selbst, bestimmt wurde.

Das berichten einhellig ein derzeitiger Chefredakteur aus Wien sowie ein Ex-Journalist der Kronen Zeitung, beide Namen sind der Telepolis-Redaktion bekannt.

Dabei soll es bei der Wahl des geeigneten Innenministers vor allem um inhaltliche, bei der Wahl des geeigneten Finanzministers vor allem um finanzielle Kompatibilität mit dem Boulevardmedium gegangen sein – hier insbesondere um Aspekte der Gesetzgebung und der Steuerpolitik, die ja Auswirkungen auf das Geschäftsleben der Kronen Zeitung haben.

Quelle: Messenger-Kommunikation mit einem Ex-Mitarbeiter der Kronen Zeitung vom 02.11.2021

Von der Kronen Zeitung nominierte Politiker waren stets Freunde des Hauses. Dazu gehört auch traditionell der Bürgermeister der Stadt Wien, vor allem auch wegen des Inseratengeschäfts. Das Schema der vom Medium nominierten Politiker (ergo Freunde des Hauses) und der anderen (tendenziell Feinde) funktionierte lange Jahre über die Parteigrenzen hinweg.

"Und wenn einer nicht gezahlt hat. Bumm"

Eine diesbezügliche, von den österreichischen Leitmedien ebenfalls nicht weiter diskutierte Stelle befindet sich auch im Protokoll des Ibiza-Videos:

Quelle: Transkript des Ibiza-Videos, unveröffentlicht

Mag freilich sein, dass bei diesen Aussagen, wie bei vielen anderen aus dem Video, Alkohol und Prahlerei im Spiel waren. Ein Ex-Krone-Mitarbeiter berichtet allerdings, dass die Verzahnung von – vom Medium Krone ausgesuchten – Politikern, wohlwollender Berichterstattung über diese und Inseratengeschäft immer schon sehr eng war.

Die Aussage "Und wenn einer nicht gezahlt hat. Bumm" weist darauf hin, dass das Freund-Feind-Schema der Kronen Zeitung nicht nur geeignete Kandidaten für die Spitzenpolitik betraf, sondern auch die "Inserierfreudigkeit" ihres Umfelds.

Österreich – eine Medien-Autokratie?

Diese Enthüllungen werfen ein neues Licht auf das Land: Österreich wäre über Jahrzehnte eigentlich keine Demokratie, sondern eine antidemokratische Mediokratie, eigentlich eine demokratisch nicht legitimierte Medien-Autokratie gewesen.

Erfahren wir deshalb nichts von diesen Vorgängen in den österreichischen Medien? Ist die Vorstellung, dass ein künftiger Regierungschef mit einem Chefredakteur die Besetzung von Ministerposten bespricht und der Chefredakteur das letzte Wort hat, zu absurd, um wahr zu sein?

Wozu gehen wir wählen, wenn – zwar im Rahmen des Wahlergebnisses – der Chef einer Boulevardzeitung den Ausschlag gibt für die Besetzung der Ministerriege?

Das sind alles Fragen, die wir in Österreich dringend diskutieren sollten. Das sind alles Themen für die kritischen Medien und Blogs, für die Politik- und Kommunikationswissenschaft. Interessanterweise hört man dazu nichts. Entweder wussten es bislang nur wenige Insider, oder es wussten viele, und viele haben bislang geschwiegen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-6282707

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Macht-und-Medien-6280185.html
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Moser_(Jurist)

geschätzte Lesezeit: 9 min

Macht und Medien

Die Inserate-Affäre in Österreich wirft ein Schlaglicht auf einen bedrohlichen Trend: korrupte Geschäfte zwischen politischen Akteuren und Medienkonzernen

Die Anfang Oktober in Österreich bekanntgewordene Inseratenkorruptionsaffäre [1] der konservativen ÖVP ist natürlich eine Geschichte von Machtstreben, von Gier, Einfluss, Eitelkeit und Geld. Interessanterweise ist sie auch eine fast rein männliche Geschichte von Aufstieg und Fall. Die involvierten Frauen – die Unternehmerin Sabine Beinschab und die Politikerin Sophie Karmasin – fungierten nur als Statistinnen bei den Machtspielen der Männer.

Die Affäre ist aber auch der bisherige Höhepunkt eines Phänomens, das es in dieser radikalisierten Form vielleicht nur in Österreich gibt: Austriazistisch heißt es "Verhaberung", also etwa gegenseitige Begünstigung.

Politologen wie Fritz Plasser sprachen schon vor Jahren von einem neuen "Supersystem" zwischen Medien und Politik, andere von einer "Mediokratie", ich nannte das Phänomen in meinem Buch über die Kronen Zeitung im Jahr 1995 [2] die "strukturelle Kopplung" zwischen Journalisten hier und Politikern und Polizei dort.

Antrittsbesuche neuer Minister beim Chefredakteur

Es ist keine Übertreibung, zu sagen: Hans Dichand, der 2010 verstorbene ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der Kronen Zeitung, war über Jahrzehnte der geheime Bundeskanzler und -präsident in Personalunion in Österreich.

Der Dokumentarfilm Kronen Zeitung: Tag für Tag ein Boulevardstück [3] von Nathalie Borgers aus dem Jahr 2011 ist ein historisch ungemein wertvoller Beweis dafür: Unvergessen ist die Schlussszene, in der Hans Dichand und der damalige Bundespräsident Thomas Klestil in der Hofburg Guglhupf essen, sich gegenseitig loben und sich dann zu einem eindeutig ironischen "Für Österreich!" hinreißen lassen. Es geht nämlich nicht um Österreich.

Ein Wiener Journalist berichtet mir glaubwürdig, dass Dichand über die "Ministrabilität" von Regierungskandidaten mitentschieden hat. Mehr noch: "Antrittsbesuche" von neuen Ministern bei Dichand scheinen in Österreich über viele Jahre Usus gewesen zu sein.

Wer dem Chef sympathisch war, um den hat man sich "gekümmert", so der redaktionelle Jargon für wohlwollende Berichterstattung. Wer durchgefallen ist, war meist schon vor den nächsten Wahlen weg.

Wer nicht mit dem Chefredakteur diniert, wird zum Feind

Die Kronen Zeitung als mächtigstes Boulevardblatt Österreichs arbeitet nach einem klaren Freund-Feind-Schema, das in der wissenschaftlichen Literatur (von Ruth Wodak bis zu Peter A. Bruck) vielfach beschrieben wurde. Dabei geht es nicht um Parteien. Es geht um Personen.

Buckeln Politiker vor dem Boulevard, konkret: gehen sie mit dem Chefredakteur essen und hören sie auf ihn, dann wird positiv über sie berichtet. Wird das Ritual der gemeinsamen Agenda-Besprechung hingegen verweigert, wird man zum neuen Feindbild des Blattes.

Ich habe das als 21-jähriger Freelancer in der Salzburg-Redaktion der Kronen Zeitung erlebt: Der damalige SP-Vizebürgermeister verweigerte das Dinieren mit dem Krone-Boss im Sheraton. Außerdem war seine Politik nicht mehrheitsfähig: Es wurden gesellschaftskritische Künstler, ja sogar die autonome Punkerszene unterstützt.

Auch eine SP-Stadträtin buckelte nicht und war ein rotes Tuch der "Krone". Der damalige SP-Bürgermeister Salzburgs sowie der SP-Landeshauptmann-Stellvertreter hingegen waren Freunde des Hauses: Sie gingen mit dem Chefredakteur essen und kamen daher in den Kommentaren immer als die Guten und Anständigen weg.

Von der "Verhaberung" zur möglichen Veruntreuung

Dass die "gegenseitige Begünstigung" nicht bei "wohlwollender Berichterstattung für die Bereitschaft zur Agenda-Abstimmung mit dem Chefredakteur" aufhört, sondern handfest in den Bereich möglicher Datenfälschung und möglicher finanzieller Veruntreuung hineingehen könnte – es gilt für alle Verfahrensbeschuldigten die Unschuldsvermutung –, das ist die mögliche neue Dimension, die sich nach der Lektüre der SMS-, iMessage- und WhatsApp-Nachrichten nach der Enthüllung der Affäre Anfang Oktober auftut.

Bei den vielen Essensterminen von Schmid und Co. wurde also nicht nur vor dem Medienmann gebuckelt und es wurde nicht nur die Agenda für die nächste Zeit besprochen. Das war die Ebene, die ich aus Salzburg kannte.

Nein, es ging offenbar auch darum, dass Zahlen frisiert wurden, dass für die Genese dieser Zahlen Gelder veruntreut wurden, dass eine konzertierte Konstruktion stattfand, um einen politischen Willen einer kleinen Männertruppe durchzusetzen.

Ja, man könnte dies auch einen "Putsch" nennen. Sobald Geld ins Spiel kommt, relativiert sich auch die Macht des Medienmannes. Denn für beide Seiten gilt nun: Wer zahlt, schafft an.

Das Boulevardmedium ist bereit, Zufälle absichtlich zu konstruieren

Dass das Boulevardmedium im Prinzip zu solchen Konstruktionen bereit ist, habe ich in meinem Buch über die Kronen Zeitung 1995 beschrieben: Der Chefredakteur plante eine "Versöhnungskampagne" für die Roten, bei der eine Reihe von Storys die SPÖ in gutem Licht erscheinen lassen sollte.

Am Ende der Serie schrieb der Chefredakteur einen Kommentar, der mit den Worten begann: "Der Zufall will es, dass in diesen Tagen im Land ein paar Leute zeigen, was Sozialdemokratie wirklich bedeutet...". Damals hatte ich die Verlogenheit und Scheinmoral dieses Mediums durchschaut, und so kam es zu meiner Diplomarbeit und zu meinem Buch.

Man mag sich salopp fragen: Warum haben Politiker nicht mehr Mut? Warum machen sie diesen entwürdigenden Gang zum Chefredakteur mit? Die Antwort lautet: Sie haben die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Machen sie das Ritual der Verhaberung mit dem Chefredakteur nicht mit, müssen sie damit leben, dass die Kronen Zeitung und wohl auch andere entsprechende Titel gegen ihre Politik anschreiben.

Das kostet Energie und Zeit, und die Gefahr besteht, zum Loser geframt zu werden, die nächsten Wahlen zu verlieren. Machen sie das Ritual der Verhaberung mit dem Chefredakteur mit, müssen sie sich fortan verbiegen oder können sie ihre politische Agenda nur noch mit Abstrichen verfolgen. Wenn sie Glück haben, gibt es eine Übereinstimmung zwischen den Ansichten.

Der Populismus regiert seit Jahrzehnten Österreich

Es ist genau dieser Mechanismus, der bewirkt, dass Österreichs Politik seit Jahrzehnten vom Populismus, genauer: vom empirisch nicht begründeten Populismus regiert wird. Über Sachthemen entscheiden nicht Umfragen, sondern es entscheidet das Ohr am Volk des Chefredakteurs.

Natürlich kann das auch mal fehlschlagen, es gibt Beispiele für gescheiterte Kampagnen des Boulevards. Aber im Prinzip läuft das Zusammenspiel zwischen Politik und Medien in Österreich so, seit Jahrzehnten. Und es ist ein männliches Zusammenspiel.

Nicht nur die Verhaberungswilligen sind die Freunde. Es gibt noch einen Effekt, den ich in meinem Krone-Buch das "Informanten-Belohnungsprinzip" genannt habe: Der Lieferant von (mitunter vertraulicher, geheimer) Information, das Leak, wird in der Story belohnt, wenn er oder sie es wünscht.

Jener Politiker, der den noch geheimen Amtsbericht an die Redaktion "geleakt" hat, erhält ein Positiv-Zitat, ist oft gar der Held der Story. So kann man nicht nur ablesen, mit wem der Chefredakteur essen war, man kann auch ablesen, von wem die Story stammt.

Die "vierte Macht im Staat" ist eine Mär

Die kritische Distanz zur Politik, sie ist in Österreich eine Mär. Sie trifft allenfalls auf die journalistischen "Arbeitsbienen" zu (ich verwende hier einen Begriff eines Krone-Insiders aus dem Buch Das österreichische Format von Peter A. Bruck [4]).

Immer wieder erstaunen Berichte über Naheverhältnisse von Politikern und Medienmachern: Werner Faymann war auffällig eng mit Krone und Fellner-Imperium [5], man traf sich zur Hochzeit der Faymann-Pressesprecherin mit dem Krone-Chronikchef in Venedig [6].

Auch bei Faymann wurde wegen Verdachts der Inseratenkorruption ermittelt. Es gab auch damals den Verdacht: Großflächige Inserate für wohlwollende Berichterstattung. Christian Kern urlaubte (vor seiner Kanzlerschaft) mit einem führenden ORF-Moderator [7]. Ex-Grünen-Klubchef Christoph Chorherr urlaubte wiederum mit Falter-Chefredakteur Florian Klenk [8]. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Geschichtsvergessenheit der Kommentatoren

Das Thema ist also in Österreich nicht neu. Neu ist offenbar nur, dass wir nun erstmals private Kommunikation schwarz auf weiß sehen, konkrete empirische Hinweise auf Verhaberung und mögliche Straftaten haben.

Die Geschichtsvergessenheit in den massenmedialen Kommentaren ist indes bedauerlich. Der Spott und die Häme, die vorwiegend von Kommentatoren wie Armin Thurnher ausgehen, ist schier unerträglich: Permanent wird der Eindruck erweckt, als wäre das alles nur ein singuläres Fehlverhalten einer türkisen Boygroup, als wäre es eben nicht ein systemisches Problem Österreichs.

Mit jeder Zeile, mit jedem Untergriff liest man bei Thurnher: Es geht schon wieder nur um Parteipolitik, es wird wieder nur in der Links/Rechts-Schablone gedacht. Nun, davor war die blaue Boygroup rund um Strache, noch früher die um Haider.

Davor waren das Netzwerk Kerns, die Silberstein-Affäre, das Netzwerk Faymanns und das wohl durch und durch fragwürdige Ost-Netzwerk Gusenbauers. Zum "guten Ton" in Österreichs Presse gehört wohl immer auch, nur die eine Reichshälfte zu kritisieren.

Schon während der Silberstein-Affäre war man geneigt, jeden Glauben an die Politik zu verlieren. Ich erinnere mich, dass ich damals vor der ersten "Presse"-Story saß und mir dachte: Ich will nicht, dass meine Kinder in dieser verlogenen Welt groß werden.

Nun ist dieser Gedanke wieder da. Aber diesmal bezieht er sich nicht nur auf die Inseratenkorruptionsaffäre, sondern auch auf den verlogenen Umgang mit dieser, der vorwiegend von SP-nahen Medien betrieben wird.

Trennung von Politik und Medien gehört in die Verfassung

Ich sage nicht: Es betrifft alle. Alle Politiker sind korrupt. Oder präziser: Um in der Politik Karriere zu machen, muss man korruptionswillig sein. Ich sage nur: Korruption betrifft rot, schwarz, blau und grün gleichermaßen. Und offenbar auch jede politische Ära der Nachkriegszeit. Wir engen die Optik ein, wenn wir das alles als singuläres Problem dieser Tage und einer Partei betrachten. So wird sich strukturell nichts ändern.

Diese Einengung vernebelt den Blick auf das, was wirklich zu Änderungen führen würde: Eine klare Trennung von Politik und Medien gehört wie die Trennung von Staat und Kirche in die Verfassung. Der Einfluss der Parteipolitik auf den ORF muss durch Gesetzesreformen minimiert werden. Die Presseförderung sollte man in dieser Form ganz abschaffen. Aber wer geht schon heiße Eisen wie diese an? Der Kreis schließt sich: zum Buckeln vor dem Boulevard.

Auf Wikipedia gibt es eine Liste aller politischen Korruptionsaffären, offenbar noch nicht für Österreich, nur für Deutschland [9]. Höchste Zeit wird es!


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-6280185

Links in diesem Artikel:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96VP-Korruptionsaff%C3%A4re
[2] https://www.amazon.de/Nachrichtenkonstruktion-Boulevardmedium-Wirklichkeit-derKronen-Gesellschaft/dp/3851651634/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=ÅMÅŽÕÑ&crid=1FVEFASRI9XSI&dchild=1&keywords=Nachrichtenkonstruktion+Weber&qid=1635678887&qsid=262-1297569-5658816&s=books&sprefix=nachrichtenkonstruktion+webe%2Cstripbooks%2C216&sr=1-1&sres=3851651634&srpt=ABIS_BOOK
[3] https://www.hoanzl.at/185-kronen-zeitung-tag-fur-tag-ein-boulevardstuck.html
[4] https://www.amazon.de/%C3%96sterreichische-Kulturkritische-Beitr%C3%A4ge-Medienerfolges-Kronenzeitung/dp/3900379610
[5] https://www.profil.at/home/das-netzwerk-werner-faymann-wie-freunde-kanzleramt-212952
[6] https://www.derstandard.at/story/1220459810275/werner-faymann-auf-hochzeitsreise
[7] https://kurier.at/politik/inland/urlaub-mit-den-kerns-efgani-doenmez-verschaerft-vorwurf-gegen-leitner-und-kern/284.040.269
[8] https://www.oe24.at/oesterreich/politik/fall-chorherr-seine-unterstuetzer-tragen-wenig-zur-entlastung-bei/403801827
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Korruptionsaff%C3%A4ren_um_Politiker_in_der_Bundesrepublik_Deutschland
[10] https://www.heise.de/tp/features/Das-System-Krone-6282707.html

geschätzte Lesezeit: 9 min

Tierleid unter Wasser

Welche Aquakultur soll uns ernähren?

Fast die Hälfte des weltweit konsumierten Fischs stammt aus Aquakultur. Ein Großteil davon stammt aus riesigen Lachsfarmen in Norwegen. Eine Alternative zu Massenfischzuchtanlagen könnten Kreislaufanlagen sein.

Mit mehr als 260 Milliarden Dollar gehört die Aquakultur zum am schnellsten wachsenden Segment der globalen Nahrungsmittelproduktion. Rund 90 Prozent der Lachse in deutschen Kühlregalen stammen aus Aquakulturen, besser gesagt, aus künstlichen Zuchtbecken in norwegischen Flüssen und Meeren.

In Norwegen ist die Lachszucht nach dem Erdöl zweitwichtigster Wirtschaftszweig. So wurden 2020 mehr als eine Million Tonnen Lachs aus norwegischen Aquakulturen exportiert. Damit verdiente das Land knapp sieben Milliarden Euro.

In norwegischen Fjorden gibt es zahllose schwimmende Lachskäfige. In den überfüllten Anlagen stehen die Tiere unter Stress. Sie leiden unter Krankheiten und Parasiten - trotz des Einsatzes von Antibiotika. Täglich sinken große Mengen an Ausscheidungen und Futterresten auf den Boden des Fjordes.

Für die Ökosysteme bleibt das nicht ohne Folgen: Kleine Bakterien bauen die Stoffe ab, wobei sie jede Menge Sauerstoff verbrauchen. Der Sauerstoffgehalt sinkt mitunter derart stark ab, dass Kleinstlebewesen wie Würmer, Seeigel oder Krebse darin nicht mehr überleben können. Häufig entweichen Fische aus den Gehegen, vermehren sich in den natürlichen Gewässern und verdrängen einheimische Arten.

Auch Spuren von Kot, Hormonen und Medikamenten landen auf den Tellern der Verbraucher. Zudem macht das Leben in den engen Gehegen die Zuchtlachse anfällig für Parasiten. Viele Tiere sind von Lachsläusen [1] befallen.

Weil diese für die Fische meist tödlich sind, werden die Lachse mit Pestiziden behandelt. Aber auch für Krill und wild lebende Fische sind Lachsläuse aus den Zuchtanlagen eine große Gefahr, erklärt Jens Olav Flekke von der Tierschutzorganisation Reddvillakksen im Interview [2].

Wenn die kleinen in den Wildgewässern geborenen Fische nach zwei Jahren zum Meer hinaus schwimmen, kommen sie an den Fischfarmen vorbei und werden von den Parasiten getötet. In manchen Jahren sterben sogar 80 Prozent der jungen Lachse. Nur wenige kommen dann wieder zurück. Das macht dem Naturschützer große Sorgen.

Einer der großen norwegischen Lachsproduzenten ist Leroy Seafood [3]. Hier werden jedes Jahr 36000 Tonnen Fisch gezüchtet. In den hochmodernen Anlagen werden die Lachse aus den Käfigen über Fließbänder auf die Schlachtbank gespült.

Der Tod kommt per Elektroschock. Um zu überprüfen, ob sie wirklich tot sind, stechen Mitarbeiter den Tieren in die Eingeweide. Pro Stunde werden 27 Tonnen Lachs produziert, alle 45 Minuten wird ein Laster für den europäischen Markt beladen.

Den Preis für die industrielle Lachszucht zahlt die Natur

Norwegische Lachszuchtanlagen werden von ihren Betreibern gerne als "nachhaltig" bezeichnet. Doch ist Lachs wirklich ein gesundes, nachhaltiges Nahrungsmittel? Sicher nicht, wenn er aus einem schwimmenden Käfig stammt, ist Jens Olav Flekke überzeugt.

Norwegen ist bekannt für seine sauberen Fjorde. Werde alles weiter mit Gift und Chemikalien zerstört, so wird auch das Image der unberührten Natur bald ruiniert sein.

Weil alles unter Wasser passiert, bekommt man all das Elend nicht so mit. Daher gibt es kaum Kritik an den Lachsfarmen, bedauert der Hobby-Angler. Unterdessen plant das Land, seine Lachsproduktion bis 2050 zu verfünffachen.

Für noch mehr Lachse aber braucht es weitere Anlagen. Das junge Unternehmen Salmon Evolution [4] verwirklicht derzeit auf einer kleinen Insel den Traum von einer Lachszucht an Land. Eigens hierfür werden zwölf riesige Tanks gebaut und mit Meerwasser befüllt.

In einem Zuchtbecken sollen sich bis zu 200.000 Fische tummeln. Aus diesen Betonsilos können dann wenigstens keine Fische mehr ins Meer entweichen. Aber ist dieses Konzept wirklich nachhaltig?

Lachszucht vor Färöer. Bild: Erik Christensen / CC-BY-SA-3.0 [5]

Beim Futter kann von Nachhaltigkeit jedenfalls keine Rede sein. So wird rund ein Viertel der im Meer gefangenen Fische zu Fischmehl verarbeitet. Mittlerweile bestehen zwar 80 Prozent des Lachsfutters aus pflanzlichem Soja.

Doch um ein Kilo Lachs zu produzieren, werden rund 500 Gramm Sojabohnen benötigt. Ein großer Teil davon stammt von riesigen Sojaplantagen aus Südamerika, für die große Teile des Regenwalds gerodet werden.

Momentan isst jeder Deutsche im Schnitt etwa vierzehn Kilo Fisch im Jahr [6]. Würden wir weniger Fisch essen, wäre dies ein erster Schritt. Denn weniger Tiere würden nicht nur weniger Futter benötigen, sie hätten auch mehr Platz in den Zuchtanlagen.

Aus oben genannten Gründen wurde die industrialisierte Lachszucht in der argentinischen Provinz Feuerland kürzlich verboten. Auf Druck der indigenen Gemeinschaft der Yagán sind gegenüber des Beagle-Kanals installierte Becken nicht nur wieder abgebaut worden, 130 weitere Becken konnten sogar verhindert werden.

Chilenische Lachszüchter wollten ihre Farmen bis nach Feuerland ausweiten. Am Ende der Welt sei somit ein Zeichen gegen die zerstörerische Industrie der Lachszucht gesetzt [7] worden, erklärt David Alday, ein Vertreter der Yagán-Gemeinschaft in Chile. Auch in Deutschland wollen Investoren mit Lachsfarmen viel Geld verdienen [8]. Ein erster Bauantrag wurde im Sommer 2021 allerdings wieder zurückgezogen.

Aquaponik - Kreislauf mit Fischen und Gemüsepflanzen

Nachhaltiger dürften geschlossene Kreislaufanlagen sein - eine Kombination aus Becken und Filtersystemen, in denen das Abwasser ständig wieder aufbereitet und in Fischzuchtbecken zurückgeführt wird. Unter konstanter Sauerstoffzufuhr wird das Wasser durch die Anlage gepumpt, wobei Futterreste und Exkremente gefiltert werden. Die sogenannte Aquaponik [9] kombiniert Aquakultur und Pflanzenzucht mit geschlossenen Wasser- und Nährstoffkreisläufen - bei minimalem Einfluss auf die Umwelt.

Um ein Kilogramm Forelle aufzuziehen, werden in gewöhnlichen Teichzuchtanlagen 100.000 bis 200.000 Liter Wasser verbraucht. In einer Kreislaufanlage kann man bereits mit tausend Liter Wasser ein Kilogramm Biomasse erzeugen, erklärt [10] Werner Kloas [11] gegenüber dem Bayerischen Rundfunk.

Der Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei erforscht in einer Aquaponikanlage am Berliner Müggelsee, wie sich bei der Aufzucht von Fischen Wasser sparen lässt.

Denn das Abwasser aus der Fischzucht düngt Pflanzbeete mit Tomaten, Basilikum oder Auberginen, die in Pflanzensubstrat wie Kies oder Tongranulat wachsen. Tomaten oder Zucchini ist es egal, ob sie mit Exkrementen von Rindern oder Schweinen, mit Mineraldüngern oder den Ausscheidungen von Fischen gedüngt werden.

Zunächst wird der Kot der Tiere über einen Feststofffilter abgefischt. Anschließend bauen Bakterien in einem Bio-Filter giftige Ausscheidungsprodukte ab. Das Ammonium, das die Fische aus den Kiemen ausscheiden, wird von den Bakterien zu Nitrat umgewandelt.

Dieses wiederum wird über das Wasser zu den Pflanzenwurzeln geleitet, die es aufnehmen. Vorher wird dem Wasser Kalium und Phosphat beigegeben.

Der Mix an Nährstoffen ist optimal auf den Bedarf der jeweiligen Gemüsepflanzen abgestimmt. Nachdem es durch Pflanzen und Substrat gefiltert wurde, werden bis zu 95 Prozent des Wassers zurück ins Fischbecken geleitet, in dem die Fische bis zur Schlachtreife heranwachsen.

Auf diese Weise wird nicht nur Wasser, sondern auch Energie, Dünger und Pflanzenschutzmittel eingespart. Temperaturen, Salzgehalt und pH-Wert - alles ist im Wasser optimiert. Die Anlage läuft nahezu klimaneutral.

Wenig Wasserverbrauch, optimale Nährstoffnutzung

Eine weitere Anlage in Waren/Müritz beweist, dass man mit Aquaponik auch Geld verdienen kann. https://www.mueritzfischer.de/aquaponik-anlage/ In einem 400 Quadratmeter großen Gewächshaus mit Tomaten gibt es zwölf Fischbecken mit insgesamt 26 Kubikmeter Wasser.

Die afrikanischen Welse, die hier schwimmen, sind robust und wachsen schnell. Innerhalb von sechs Monaten wachsen 15 Gramm leichte Jungfische zu 1,5 Kilo schwerer Biomasse heran.

Die Fäkalien von insgesamt 8.000 Fischen reichen aus, um 600 Tomatenpflanzen im benachbarten Gewächshaus zu düngen. Der Wasserverbrauch beträgt etwa 35 Liter je Kilo. Spanische Freilandtomaten schlucken fünfmal mehr. Selbst das Schwitzwasser der Tomatenpflanzen wird kondensiert und anschließend wieder genutzt.

Der Süßwasserfisch braucht weniger Protein, um eigene Biomasse anzusetzen, denn er ist ein besserer Futterverwerter als etwa ein Huhn. Um ein Kilo Hähnchen zu erzeugen, wären eineinhalb Kilo Futter nötig. Bei der Aufzucht von Arapaimas liegt der Futtereinsatz bei weniger als einem Kilogramm. Auf den Einsatz von Antibiotika wird verzichtet.

Der Bedarf an Fisch steigt ständig. In der Aquaponikanlage werden jährlich 18 Tonnen Fisch und acht Tonnen Tomaten erzeugt. Im weniger Meter entfernten Fischkaufhaus erfreuen sich die Produkte großer Nachfrage. Wegen Trockenheit und Verknappung von Kunstdünger werden Aquaponikanlagen im urbanen Raum in zehn Jahren Normalität sein, ist Werner Kloas überzeugt [12]. Ginge es nach ihm, so gehört an jedes Gewächshaus eine Fischzuchtanlage – oder umgekehrt.

Vor- und Nachteile von Aquakulturen

Geschlossene Kreislaufanlagen für Fischzucht gibt es bereits seit den 1980er-Jahren. Aber sind sie tatsächlich umweltfreundlich? Eine Studie des Öko-Instituts in Freiburg [13] von 2018 lotete die nachhaltige Nutzung diverser Formen der Aquakultur aus.

Im Ergebnis besteht noch erheblicher Forschungsbedarf, vor allem was die Umweltauswirkungen betrifft. Weil es nicht in der Erde wächst, bekommt Gemüse aus derartigen Anlagen kein EU-Bio-Zertifikat [14]. Doch es fehlt nicht nur an natürlichem Boden, die Anlagen seien auch zu wenig aufs Tierwohl ausgerichtet, lautet die Kritik.

Auch in Sachen Rentabilität ist noch Luft nach oben. So braucht es größere Flächen - etwa 10.000 Quadratmeter und mehr, um rentabel zu werden. Eine andere Möglichkeit sind sogenannte Durchflussanlagen. Diese eignen sich besonders für Fische, die an strömendes Wasser angepasst sind. Der Sauerstoffgehalt ist stets konstant hoch, sodass auf gleichem Raum mehr Fische gehalten werden als in Teichanlagen.

Allerdings wird eine beträchtliche Menge Wasser benötigt, die aus benachbarten Gewässern gepumpt wird. Um Umweltbelastungen durch Futterreste und Exkremente der Tiere zu vermeiden, muss das Abwasser vor der Rückführung in das Quellgewässer wieder aufbereitet [15] werden.

Bio-Fisch – meist weniger fett, dafür aromatisch

Fisch, der nach EU-Bio-Richtlinien aufgezogen wurde, punktet nicht nur bei Tierwohl und Geschmack, sondern auch bei Gesundheit und Umwelt. Denn die Regeln sind streng: Pflanzliche Futtermittel müssen aus Bio-Anbau, Fischmehl und Fischöl müssen aus nachhaltiger Fischerei stammen. Um stressfrei heranwachsen zu können, brauchen die Fische viel Platz.

Einem Bio-Karpfen müssen rund 20 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Karpfen aus konventioneller Aufzucht hat etwa achtmal weniger Platz. Auf den Einsatz von Hormonen, künstlichen Farbstoffen und Pestiziden wird verzichtet. Antibiotika dürfen nur in Ausnahmen verabreicht werden. Gentechnisch veränderte Organismen sind sowohl im Futter als auch im Fisch verboten. All das wirkt sich positiv auf natürliches Wachstum, Gesundheit und Geschmack der Tiere aus.

Noch strenger als EU-Bio sind die Richtlinien der Bio-Verbände. Naturland etwa zertifiziert allerlei Fischarten [16] aus Farmen in Asien und Südamerika. Bioland [17] hingegen fokussiert sich auf einheimische naturnah bewirtschaftete Karpfenteiche. Karpfen sind vielseitig: Außer von Schnecken, Maden, Wasserflöhen, Muscheln, Würmern und Raupen ernähren sie sich [18] auch von pflanzlicher Nahrung.

Grundsätzlich ist Fisch aus kleinen regionalen Fischzuchten zu empfehlen [19]. Mit einer Ausnahme: Aal. Dieser Fisch gilt hierzulande als vom Aussterben bedroht und sollte von allen Speisekarten gestrichen werden.

Filmtipp: Die Gier nach Lachs [20] (Arte-Doku, D 2020)


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-6284110

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.aquakulturinfo.de/lachslaus
[2] https://www.youtube.com/watch?v=eOV-VcdquUI
[3] https://www.leroyseafood.com/
[4] https://salmonevolution.no/
[5] http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en
[6] https://www.quarks.de/umwelt/landwirtschaft/fischzucht-in-norwegen-so-umweltschaedlich-ist-dein-lachssteak/
[7] https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/feuerland-verbietet-die-lachszucht---mit-grund--30606180.html
[8] https://www.rbb24.de/studiofrankfurt/wirtschaft/2021/07/eberswalde-finow-lachszuchtanlage-planung.html
[9] https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/aquakulturmethoden
[10] https://www.youtube.com/watch?v=Fjo6K7lVB2w
[11] https://www.igb-berlin.de/profile/werner-kloas
[12] https://www.youtube.com/watch?v=Fjo6K7lVB2w
[13] https://www.oeko.de/fileadmin/oekodoc/Politik-fuer-Nachhaltige-Aquakultur-2050.pdf
[14] https://www.oekolandbau.de/landwirtschaft/tier/spezielle-tierhaltung/fische/bioaquakultur-in-deutschland/
[15] https://www.aquakulturinfo.de/durchflussanlagen
[16] https://www.naturland.de/de/naturland/was-wir-tun/fisch/nachhaltiger-fischfang.html
[17] https://www.bioland.de/fachinfos/news-1/detail/chancen-fuer-teichwirte
[18] https://www.tipp-karpfenangeln.de/karpfen-nahrung/
[19] https://utopia.de/ratgeber/warum-bio-fisch-die-bessere-wahl-ist/
[20] https://www.youtube.com/watch?v=uWpsO1aAoqI

geschätzte Lesezeit: 1 min

Das seltsame Phänomen hat einen Grund.

, 16:05 Uhr

So manch einer dürfte beim Öffnen einer Bierflasche bereits festgestellt haben, dass der Geruch des Getränks an Cannabis beziehungsweise den Qualm eines Joints erinnert. Tatsächlich ist dies keine Einbildung, denn es gibt eine wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen.

Anzeige

Schuld daran ist eine Reaktion des Bieres, die durch Sonneneinstrahlung herbeigeführt wird. Wie genau dies funktioniert, fand im Jahre 2001 der Chemieprofessor Malcolm Forbes von der Universität North Carolina heraus. „Hopfen trägt zur Aromatisierung des Bieres bei, hemmt das Bakterienwachstum und ist weitgehend für die Stabilität des Schaums in der Schaumkrone verantwortlich. Hopfen ist jedoch lichtempfindlich, und die drei wichtigsten Verbindungen, die als lichtempfindlich identifiziert wurden, heißen Isohumulone.“

Anzeige

Wirkt das sichtbare oder ultraviolette Licht auf sie ein, zerfallen diese und bilden reaktive Zwischenprodukte. Schließlich führen sie zu dem besagten Geruch. Deshalb füllt man das Bier in grüne und braune Flaschen. So kann dieser Prozess etwas verlangsamt werden. „Trocken, kühl und lichtgeschützt aufbewahren“, erweist sich trotzdem weiterhin als wichtig.

Anzeige

ISO-Alphasäuren entstehen beim Brauvorgang. Sie sind für die Aromatisierung des Bieres verantwortlich. Durch das Sonnenlicht verwandeln sie sich in die besagten freien Radikalen. Sie können sich durch die Einstrahlung mit bestimmten Molekülen verbinden, welche mit Terpenen verwandt sind. Dies ist ein Pflanzenstoff, der unter anderem für den Geruch und Geschmack von Cannabis verantwortlich ist. So entsteht der leicht verwechselbare Duft des Bieres.

Anzeige

Nächster Artikel

Anzeige

geschätzte Lesezeit: 5 min

Interview | Impfpflicht in Ost und West - "Das Impfen gehörte zur DNA der DDR"

Do 18.11.21 | 10:24 Uhr

  45

Befürworter einer Impfpflicht verweisen oft auf die Impf-Erfolge der DDR: Hier wurde ohne Wenn und Aber geimpft. Doch war das wirklich erfolgreich? Ein Interview mit dem Medizinhistoriker Malte Thiessen, der zu dieser Frage geforscht hat.

rbb|24: Herr Thiessen, wer hat besser geimpft, die DDR oder die BRD?

Malte Thiessen: Auf den ersten Blick ist der Wettbewerb zwischen Ost und West ganz eindeutig entschieden: Da gewinnt die DDR.

Die DDR führte schon relativ früh, in den 1960er-Jahren, Impfpflichten ein, und zwar für fast alle Impfprogramme, die es in Ostdeutschland gab - außer für die Grippeschutzimpfung, die blieb freiwillig. Das führte dazu, dass tatsächlich die Impfquote im Osten sehr viel höher war als im Westen. Das hat die DDR dem Westen auch immer sehr gerne unter die Nase gerieben, um zu sagen: 'Seht her, wir tun was für unsere Bürgerinnen und Bürger.'

Wie hat sich die Impfpflicht in beiden Ländern entwickelt?

In der Tat war die Impfpflicht 1949/50, als die beiden Staaten ihren Anfang nahmen, schon gesetzt - nämlich bei der Pockenimpfung. Die ist seit dem 19. Jahrhundert eine Pflichtimpfung für ganz Deutschland, und da blieb man auch erst mal dran.

Aber dann trennten sich die Wege. Im Westen setzte man zunehmend auf Freiwilligkeit. Alle neuen Impfungen, die eingeführt wurden, blieben freiwillig. Man setzte stärker auf Aufklärung, auf Medienkampagnen, auf niedrigschwellige Angebote. In der DDR setzte man dagegen auf eine Pflicht. Polio, Diphtherie, später Masern, Mumps, Röteln, alles das waren dann in der DDR Pflichtimpfungen, die fest im Kalender der DDR-Bürgerinnen und -Bürger verankert waren.

Mit über einem Dutzend Impfungen vor dem 18. Lebensjahr.

Das ist tatsächlich etwas, was manchmal auch beklagt wurde. Die Termine ballten sich, was ein Stück weit dann auch die Impf-Erfolgsgeschichte der DDR ein bisschen schmälert. Die DDR schaffte es nämlich im Gegensatz zum Westen nur sehr viel später oder zum Teil gar nicht, Mehrfachimpfstoffe anzubieten. Deshalb war dieser Impfkalender immer eine ziemliche Herausforderung. Im Westen funktionierte das eben dank Vier-, Fünf- und Sechsfachimpfstoffen sehr viel besser. Deshalb ist dieses Impf-Rennen auf den zweiten Blick gar nicht mehr so eindeutig.

Dazu muss man wissen, dass die die DDR bei der Impfstoffentwicklung sehr stark abhängig war von der Sowjetunion. Was zum Beispiel beim Polioimpfstoff ein großer Vorteil war, weil die DDR sehr viel früher als der Westen auf ein flächendeckendes Impfprogramm setzen konnte. Aber die Entwicklungsrückschritte, die dann seit den 1970er-Jahren in der Sowjetunion auftraten, schlugen eben auch in der DDR durch. Man wurde bei der Impfstoffentwicklung abgehängt und musste letztlich ab den 1980er-Jahren sogar klammheimlich West-Impfstoffe importieren, vom "Systemgegner".

Aber Fakt ist doch: Mit der Impfpflicht hatte die DDR eine hohe Impfquote. Zwang schlägt Freiheitsliebe.

Wenn man genauer hinguckt, kann man da einige Fragezeichen dahinter setzen. Die Impfpflicht bestand zwar auf dem Papier. Es machte sich zum Beispiel bemerkbar, dass man bei Ferienlagern oder bei FDJ-Veranstaltungen immer wieder den Impfstatus abfragt und versucht, dann zu impfen. Aber es ist eben nicht so, dass sich die DDR als totalitärer Gesundheitsstaat behauptet hat. Es gab auch in der DDR Impfgegner, und man ging zum Teil ziemlich pragmatisch mit ihnen um. Es gab zum Teil Kreise oder Bezirke, die zwanzig bis dreißig Prozent nicht angetroffene Impflinge meldeten. Die galten dann aber nicht als Impfgegner oder Impfskeptiker, sondern sind einfach nicht angetroffen worden.

Man realisierte auch in der DDR, dass eine forcierte Durchsetzung des Zwangs nicht unbedingt der goldene Weg ist. Es gab immer wieder Repressionen, beispielsweise beim Studium, wo der Impfnachweis nachgefragt wurde, oder bei bestimmten Berufsgruppen. Da gab es auch ganz klare Vorgaben: ohne Impfung kein Zutritt. Aber im Alltag war man nicht gewillt oder auch nicht fähig, die 98-prozentige Impfquote, die immer wieder gefordert wurde, wirklich durchzusetzen, weil man sich nicht mit den Skeptikern rumschlagen wollte - auch weil dann Fragen aufkommen konnten, wie der sozialistische Staat mit seinen Bürgern umgeht. Deshalb ist ein gewisser Impf-Pragmatismus auch in der DDR festzustellen.

Wie hingen Impfpflicht und Sozialismus zusammen?

Das Impfen war in der DDR ein Stück weit die Grundlage für das Gesellschaftsverständnis. Weil es eines der besten Werkzeuge für Prävention und Prophylaxe ist, wie es in der DDR oft hieß. Von Anfang an waren Impfprogramme Ausdruck und Beweis des sozialistischen Bewusstseins und auch der sozialistischen Überlegenheit. Darin sehe ich eine große Stärke der DDR im Vergleich zum Westen: die Verankerung des Impfens im Alltag.

Es wurden zum Beispiel Dauerimpfstellen geschaffen, damit Eltern mit ihren Kindern zur Impfung gehen konnten, wann es ihnen passte. Das war im Westen noch gar nicht so selbstverständlich. Auch die Impfungen in den Werken, den vielen Kliniken, Polikliniken oder eben bei Partei- und Jugendveranstaltungen, auch da war die DDR sehr viel weiter als die Bundesrepublik. Das Impfen gehörte sozusagen zur DNA der DDR.

Warum ist dann heute auch in Teilen Ostdeutschlands die Impfbereitschaft so gering? Den Leuten wurde das doch anders "eingeimpft"?

[lacht] Schönes Wortspiel.

In der Tat haben wir Gebiete, in denen die Impf-Akzeptanz ziemlich niedrig ist. Und das lässt sich mit einem anderen Phänomen erklären: Beim Impfen geht es nie nur um den Piks für den Einzelnen, nie nur um die Gesundheit, sondern es geht immer auch um das Vertrauen in den Staat. Da scheint es mir tatsächlich in einigen Teilen Ostdeutschlands ein Problem zu geben, dass die Akzeptanz der Impfung senkt. Impfen ist ein Stück weit eine Projektionsfläche für die Unzufriedenheit mit staatlichen Einrichtungen. Und deshalb geht dann die Impf-Akzeptanz wieder runter.

Also, was können wir vom Impfsystem der DDR lernen?

Heute wird oft die Impfpflicht als Vorbild der DDR genommen. Da bin ich skeptisch. Was tatsächlich eine Lehre ist, ist die niedrigschwellige Verankerung des Impfens im Alltag. Und eine intensive Aufklärungs- und Werbearbeit.

Da ist der Westen vielleicht sogar das bessere Beispiel, weil man dort auf Freiwilligkeit gesetzt hat. Umso stärker musste man eben die Menschen auch überzeugen, warum es sich lohnt, zu impfen. Dass wir uns nicht nur für uns impfen, sondern für andere.

Das hat die DDR aber auch gemacht und Überzeugungsarbeit geleistet - obwohl sie eigentlich auf die Impfpflicht setzen konnte. Das tat sie aber nicht, sondern sie versuchte, die Menschen mitzunehmen. Das ist eigentlich immer der erfolgreichere Weg als Druck und Zwang.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Sebastian Schöbel.