Reformpädagogisch wertvoll oder Vorläufer der völkischen Siedler? Kolonie Monte Verità, gegründet um 1900. Bild: Gemeinfrei
Wer sich mit einem Schlagwort politische Kontrahenten vom Leib halten will, muss aufpassen, dass es ihm nicht auf die eigenen Füße fällt
Der Attentäter von Christchurch nannte sich einen Ökofaschisten. Der Attentäter von El Paso1 [1] nannte sich ebenso. Für linke Gruppierungen der Umweltbewegung ist Extinction Rebellion ökofaschistisch. Diese wiederum distanziert sich von linker Militanz als, wen wundert’s, ökofaschistisch, wenn nicht gar "ökoterroristisch".
Jede Gruppe hat ihre Leitfiguren, die für die Gegenseite zum Buhmann werden. Einerseits ist das Roger Hallam [2] Mitbegründer von Extinction Rebellion, der den Holocaust relativierte, um die Klimakrise stärker zur Geltung zu bringen. Für den Ökoterrorismus kann hingegen Tadzio Müller [3] stehen, bunter Vogel der Bewegung, der jüngst verkündete: "Wer Klimaschutz verhindert, schafft die grüne RAF."
Der Ökofaschismus-Keule wird quer durch alle Fraktionen geschwungen und trifft gelegentlich auch Abweichler in den eigenen Reihen. Der Begriff wird durch inflationären Gebrauch seines Inhalts entleert. Jeder kann ihn nach seinem Gusto auslegen, sich aneignen und die verbleibende aggressive Konnotation gegen Andersgläubige richten.
Solche politischen Wortkompilation scheinen Gefahr zu signalisieren und neue Bedeutungen und Zuschreibungen zu kondensieren. So etwa die Wortschöpfung "Sozialfaschismus", die auf die deutsche Sozialdemokratie gemünzt war. Stalin erklärte damit die Partei zu einem Zweig des Faschismus. Ihm passte das ins Machtkalkül, aber der Partei tat es gar nicht gut.
Es ist genau hinzuhören, wer wie "Ökofaschismus" in seiner Rede verwendet, welches Motiv er hat. Man könnte es als Cui-bono-Frage bezeichnen: Wer ist es, der das mit welchem Zungenschlag unters Volk streut? Welchen Nutzen zieht er daraus?
Dieses mehrschichtige Hinhören ist umso nötiger, als im Zusammentreffen von linken und rechten Botschaften in der Umweltbewegung eine Seite die Regie führt. Die Rechte rückt von außen ihre Positionen an die linkslastigen Umweltorganisationen und deren Klientel in verschlüsselter Form heran. Die Verschlüsselung ist nicht zu durchschauen, weil sie als solche nirgends erscheint.
Gelogen wird mit der Wahrheit. Die Lüge wird nicht bemerkt, weil viele umweltpolitische Themen, mit denen die rechtsextremen Gruppierungen aufwarten, wortwörtlich denen der hergebrachten linken und sozial bewegten Gruppen entsprechen. Die Rechte, die auf Grün macht, hat mimetische Fähigkeiten.
In historischer Perspektive haben die rechten Umweltschützer sogar die älteren Rechte. Sie behaupten nicht ganz falsch, sich ihre ureigenen Themen zurückzuholen.
Die Unschärfe des Begriffs Ökofaschismus bildet einen virtuellen Raum, in dem sich linke und rechte Argumentationsmuster treffen. Sobald sich die rechte der linken umweltpolitischen Position assimiliert hat, kippt der ganze Komplex in die Realität und offenbart ein hohes faschistoides Vernichtungspotential.
Die Weltbevölkerung dezimieren
Ganz harmlos wird auf das Wirtschaftswachstum sowie die Bevölkerungsexplosion verwiesen. Sie seien ein Raubbau an der Natur. Diese ist nur zu erhalten, wenn die Weltbevölkerung dezimiert wird. Das geschieht nicht allein durch Geburtenregelung, sondern unter eugenischen Gesichtspunkten. Eine Auswahl ist zu treffen. Getroffen werden zwangsläufig die Armen und Schwachen.
Da der Schutz der Rasse in ihrer Landschaft Vorrang hat, ist die Ausmerzung alles Fremden zu betreiben. Solche Ideen stammen nicht nur von den eingangs erwähnten Attentätern, sondern prominent auch von dem verstorbenen, international bekannten finnischen Umweltschützer Pentti Linkola [5], der die Vorteile eines Genozids darin sah, der Mutter Erde zu helfen.2 [6] Das Corona-Virus assistiert dabei. Das tatsächlich zu bekämpfende Virus ist der Mensch.
Der Mensch beutet die Tiere aus, wofür er, die Schlussfolgerung liegt auf der Hand, bestraft werden muss. Singer bringt die Euthanasie ins Spiel. Ausdrücklich rechtfertigt er die Tötung behinderter Babys.3 [8]
Die Tierrechtsdiskussion ist eine Kippfigur. Ein von einer hohen ethischen Warte aus befeuertes emotionales Engagement zum Schutz der Tiere mündet in einen Hass gegen karnivore Täter, die Tiere quälen, foltern, töten und die zur Not, im Notstandsfall, auch am Rechtssystem vorbei bestraft werden müssen.
Wer die Schuldigen sind, wird schon in dem von Goebbels inspirierten Film "Der ewige Jude" am Beispiel des Schächtens aufgezeigt. Mit solchen verschreckenden Stimulanzien wurden die Juden zugleich zu einer "Gegenrasse" stilisiert.
Dass die Nazis, vorneweg der Vegetarier Himmler, in Auschwitz, Dachau und Mauthausen Versuche mit ökologischem Landbau und veganer Ernährung durchführten, widerspricht dem nicht. Der Sozialökologe Rudolf Bahro [9] schlug 1990 den Bogen zurück von der grünen zur braunen Ökologie: "Eigentlich ruft es in der Volkstiefe nach einem neuen Adolf."
Vorurteile und Feindbilder – in der Mitte der Gesellschaft angekommen
Die Linien verlaufen nicht nur quer zwischen den Fraktionen, sondern auch längs der Geschichte. Der Naturschutz war ein Abkömmling des 1904 institutionalisierten Heimatschutzes. Dieser wurde spätestens 1933 durch den Schutz der Rasse untermauert.
Die nächste Zäsur von 1945 beeindruckte durch eine große Kontinuität in den Karrieren des Personals, das unter den Nazis für die Landschaftspflege zuständig gewesen war.
Es war gar keine Zäsur [10]. Etliche der Altvorderen tauchten in der Gründungsphase der Grünen bzw. beim BUND wieder auf. Die Zuschreibung "Ökofaschisten" war herabsetzend, aber diesmal gerechtfertigt. Sie brauchten nicht viel vom erlernten Handwerk aufzugeben. Das war scheinbar neutral. Man könnte die Frage stellen: Ist Landschaft unpolitisch?
Anastasia. Ein völkisch-antisemitischer Siedlungsmythos aus Russland. Bild: Belltower News
Wie kann der friedliche Kern der Umweltbewegung den antisemitischen, völkischen und rassistischen Kräften von rechts begegnen, wie kann sie sich der wachsenden Militanz erwehren? Einmal durch klare Abgrenzung. Das ist ein Allgemeinplatz, aber es sollte klar geworden sein, dass das immer nur zeitweise hilft.
Die Einflüsse sind subtil, und die Einflüsterer treiben Camouflage. Sie sind vor und hinter der Grenze, quer zur Grenze aktiv, und die Bedeutungen der politischen Aussagen, siehe Ökofaschismus, changieren. Sie sind anpassungs- und anschlussfähig.
Die manichäische [11] Einteilung in "wir, die Friedfertigen" auf der einen Seite und "ihr, die menschenfeindlichen Ökofaschisten" auf der anderen Seite, hält nicht lange. Hannah Arendt [12] beschreibt die Banalität des Bösen.
Adolf Eichmann ist kein Monstrum gewesen, keine zerrissene Figur, sondern ein Niemand, ein braver Beamter, der funktionieren wollte. Er war "einer von uns". Wer sich heute mit dem Unheil beschäftigt, das Eichmann anrichtete, sollte sich fragen, wie er/sie unter den gleichen Umständen sich verhalten hätte. Wohnt nicht etwas von dem Übel und dem Opportunismus in uns allen? Oder kann das mit Sicherheit verneint werden?
Aber was exkludiert wird, kommt gerade wegen des Ausschlusses um so monströser zurück. Das könnte in Eichmanns eigenes Psychogramm passen. Es könnte im kleinen Maßstab aber auch auf die Umweltbewegung zutreffen, die immer wieder aufs Neue sich politisch unerwünschter Strömungen erwehren muss, denen sie "Hausverbot" erteilt hat. Das Übel kehrt immer stärker wieder. Da die Quelle nicht erkannt wird, entsteht unbestimmter Hass. Auf wen nur?
Die Vertauschungslogik, das Quidproquo von innen und außen, ist auch das logische Grundmuster, auf dem sich Antisemitismus und Rassismus analysieren lassen. Im Umgang mit der Gesellschaft entspricht dem Anteil des Eigenen am Anderen, am Fremden, umgekehrt ein Anteil des Fremden im Eigenen.
Dieser Fremdkörper kann nach Einverleibung virulent werden. Der eigene Körper drängt auf Abstoßung, so wie erweitert "der Volkskörper" auf Abstoßung "der Juden" drängt. Auch diese Logik reproduziert sich im kleinen Maßstab - bei der Debatte um das Impfen und die Schädlichkeit des Vakzins [13].
Die Kräfte, welche die Umweltbewegung in totalitäre Denk- und Verhaltensweisen lenken mögen, schlummern ebenso in ihr selbst, wie sie von außen kommen. Wenn rechtsextreme Vorurteile in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, können sie auch in der Mitte der Umweltbewegung Platz greifen. Der Sprengsatz ist gelegt.
Die wechselseitigen Einflüsse linker und rechter Ideologeme entziehen sich weitgehend dem rationalen Diskurs. "Klimaangst" treibt die Diskutanten vor sich her. Die Kombination aus Abgrenzung nach außen und tiefenentspannter Motivforschung nach innen mag zur Aufklärung beitragen.
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Wie staatliche Fehlentscheidungen und individuelle Unvernunft ein verheerendes Gespann bilden konnten (Teil 1)
Es kann verwundern, dass Deutschland trotz seiner beträchtlichen Ressourcen eher schlecht als recht durch die Pandemie-Krise kommt. Offenkundig liegt dies an einer Vielzahl von Fehlern – einerseits einer Serie von Fehlentscheidungen und Nicht-Entscheidungen in der Politik und andererseits an mehr oder weniger unvernünftigem Verhalten in weiten Teilen der Bevölkerung.
Um als Gesellschaft die Herausforderungen besser meistern zu können, gilt es, die Fehler, deren Ursachen und mögliche Lösungen sorgfältig analysieren. Hierzu soll dieser Essay einen Beitrag leisten.
Fremdeln mit der Wissenschaft
Trotz der ausgeprägten Stärken im Bereich von Wissenschaft und Technik, auf denen auch ein Großteil des erreichten Wohlstands beruht, gelingt eine konsequente geistige Orientierung am besten verfügbaren Wissen weiten Teilen der Bevölkerung nicht.
Selbst bei etlichen gebildeten Menschen fehlt es offenkundig an Verständnis dafür, dass diverse wichtige Fakten und komplexen Zusammenhänge nur durch eine systematische und sorgfältige Arbeit von dafür speziell geschulten Fachpersonen einigermaßen sicher beurteilt werden können.
Wo völlige Sicherheit nicht erreichbar ist, müssen gerade angesichts notwendiger folgenreicher Entscheidungen solche Einschätzungen gefunden werden, die auf der Basis des momentan besten vorhandenen Wissens am vernünftigsten sind. Dazu gehört beispielsweise, dass sie besser als andere Einschätzungen zu den bekannten Fakten passen und dass sie verbleibende Risiken betreffend möglicher Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit möglichst realistisch beschreiben und abwägend bewerten.
Diese Arbeit ist in einer komplexen Situation wie einer Pandemie weitaus schwieriger, als sich viele vorstellen. Jede einzelne, noch so wissende und intelligente Person wäre damit völlig überfordert. Jedoch arbeitet eine große Zahl von Wissenschaftlern Hand in Hand an der Untersuchung der Sachlage und an der Ausarbeitung möglichst zuverlässiger Beschreibungsmodelle und praktischer Schlussfolgerungen.
Die Wissenschaft funktioniert zwar in der Praxis keineswegs perfekt, und es kommen nicht alle Wissenschaftler dabei zu den gleichen Einschätzungen. Trotzdem kann und muss davon ausgegangen werden, dass Einschätzungen, von denen am Ende der größte Teil der Fachwelt überzeugt ist, dem mit Wissen und Vernunft bestmöglichen Resultat ziemlich nahekommen – jedenfalls erheblich näher als jede andere Methode.
Personen ohne besondere Fachkenntnis sollten sich immerhin eine gewisse Vorstellung davon machen können, wie schwierig die Gewinnung und Auswertung solchen Wissens ist und dass deswegen die Qualität (Aussagekraft, Präzision, Verlässlichkeit etc.) der Resultate der Wissenschaft niemals mit alternativen Methoden erreichbar ist, etwa mit der Auswertung von Einzelfällen und einiger mit Google gefundener Texte durch einen Laien.
Man kann die Resultate umfangreicher wissenschaftlicher Studien nicht vom Tisch wischen mit dem bloßen Hinweis auf sein Bauchgefühl und Pseudo-Widerlegungen auf der Basis weniger Einzelfälle (etwa nach der Art, das Rauchen könne gar nicht schädlich sein, denn schließlich kenne man jemanden, der damit gesund alt geworden sei).
Ebenso sollte klar sein, dass es auch in der Wissenschaft immer abweichende Einzelmeinungen geben wird, denen aber kein übergroßes Gewicht zugeschrieben werden sollte, wenn der Großteil der Fachwelt davon nicht überzeugt werden kann: Das wird wohl Gründe haben. Man kann etwa die Erde nicht mehr als eine Scheibe ansehen, selbst wenn es immer noch ein paar Promovierte gibt, die daran festhalten.
Bedauerlicherweise gilt aber selbst ärgste Ignoranz zu solchen Grundlagen vielerorts nicht als bedenklich und peinlich. Leider überschätzen viele Menschen auch ihre diesbezügliche Bildung völlig; insbesondere übersehen sie völlig die Lücken in ihrem Verständnis von grundsätzlichen Aspekten der Wissenschaft.
Manche fühlen sich sogar geadelt durch ihre "alternative" Weltsicht, die auf vermeintlich höheren Einsichten beruht, und betrachten konventionelles wissenschaftliches Denken (basierend auf Evidenz, Logik und diversen Mechanismen der Überprüfung) als etwas für den geistig beschränkten Mainstream, was für sie nicht maßgeblich sein könne.
Mit ideologischen Scheuklappen durch die Pandemie
Extreme Unvernunft kann nicht nur aus mangelndem Wissen entstehen, sondern insbesondere auch durch ideologische Verblendung. Solche führt leicht dazu, dass gar nicht erst nach bestmöglichem Wissen gesucht wird, sondern nur nach Möglichkeiten der Bestätigung längst gefasster Meinungen und Glaubenssätze wie auch der Widerlegung "feindlicher" Meinungen.
Je stärker die psychische Notwendigkeit des Erreichens solcher Ziele ist, desto geringer werden die Anforderungen an die Evidenz und an die Stringenz von Überlegungen. In diversen Zirkeln wurde und wird die Fähigkeit, dabei störende Einflüsse (etwa nicht ins Bild passende Fakten) so effektiv wie möglich auszublenden, immer wieder trainiert, auch mit Anleitung durch die Führer entsprechender Gruppen.
Das konsequente Operieren mit "alternativen Fakten" wurde keineswegs erst von Donald Trump und seiner Entourage erfunden, sondern ist schon seit langer Zeit eine vielerorts übliche Methode, etwa in esoterischen Zirkeln, bei Anthroposophen und natürlich in religiösen Gruppen.
Teils werden sogar erhebliche Spannungen mit offenkundigen Tatsachen oder mit Grundsätzen der Logik hingenommen, etwa wenn der soziale Preis für die Ablehnung unhaltbarer Positionen zu hoch wäre.
Ein solcher Preis kann entstehen durch den Gruppendruck, aber auch dadurch, dass man sich mit eigenen Meinungen schon so weit aus dem Fenster gelehnt hat, dass man sie nicht mehr ohne ein Eingeständnis massiver eigener Fehler revidieren könnte. Eine große Hilfe bei der Stabilisierung seltsamer Ansichten sind natürlich die Filterblasen des Internets.
Mangelndes kritisches Denken
Zu den Grundsätzen der Wissenschaft gehört ein kritisches Denken, welches aber gerade die Gegner der Wissenschaft immer wieder fest für sich reklamieren. Sie verstehen darunter oft die Freiheit, noch so klar präsentierte Evidenz beiseite wischen zu können und ihrem eigenen Bauchgefühl den unbedingten Vorrang zu geben.
Sie fallen damit geistig weit hinter den Stand zurück, der schon von Denkern der Antike längst erreicht war. In Wirklichkeit praktizieren sie genau das Gegenteil von kritischem Denken: Sie legen ein extremes Maß an Voreingenommenheit an den Tag, greifen begierig alle ihre vorgefasste Meinung scheinbar bestätigenden Berichte und Einschätzungen auf und wehren alles, was die eigene Meinung infrage stellen könnte, ungeprüft ab.
Wenn aber kritisches Denken nur zur Suche nach Fehlern bei anderen dient und die eigene Position davon ausgenommen ist, ist es schlicht pervertiert. Bezeichnungen wie "Kritiker" oder "Skeptiker" sollten Personen, die so operieren, verwehrt bleiben. Stress macht unvernünftig
In Zeiten mit schwierigen Herausforderungen für die Gesellschaft wäre es natürlich besonders wichtig, die Vernunft erfolgreich gegen ideologische Einflüsse zu verteidigen. Leider scheint aber die Neigung vieler, sich gegen als bedrohlich empfundene Einsichten zu wehren, gerade in solchen Zeiten sogar erheblich zuzunehmen.
Dies ist natürlich beunruhigend, gerade auch mit Blick auf voraussehbare Herausforderung etwa im Zusammenhang mit Auswirkungen des Klimawandels (Naturkatastrophen, wirtschaftliche Schäden, Flüchtlingsströme etc.) und mit internationalen Spannungen.
Häufig zu beobachten ist, dass eine als bedrohlich empfundene Komplexität von Sachverhalten einfach dadurch reduziert wird, dass eigentlich wichtige Teile davon komplett ignoriert werden. Funktionierende Lösungen zu finden, wird so freilich nicht leichter. Konflikte werden geschürt
Falsche Vorstellungen entstehen nicht nur durch Ignoranz und Dummheit. Konflikte werden gezielt geschürt von manipulierenden Akteuren, die sich davon Vorteile versprechen. So haben sich einige Politiker nach dem Vorbild von Donald Trump darauf verlegt, Teile der Bevölkerung gegen die Corona-Maßnahmen aufzuhetzen, um damit eine treue Gefolgschaft zu bilden.
Diese übt dabei geflissentlich die geistige Abschottung ein, die für die Verteidigung ihrer Positionen gegen Fakten und Vernunft nötig ist, und wird damit für weitere Manipulationen bestens vorbereitet. Letztendlich ermöglicht dies dann die Unterstützung einer Politik, die den eigenen vitalen Interessen vielfach massiv zuwiderläuft.
Auch eine wirtschaftliche Schädigung der Irregeleitenden dürfte eher sogar vorteilhaft sein für die Anführer, da die Manipulation umso besser funktioniert, je mehr sich die Menschen bedroht fühlen.
Zudem gibt es klare Anzeichen, dass z. B. von der russischen Regierung gesteuerte Gruppen gezielt in den sozialen Medien Desinformationskampagnen zu verschiedenen Themenbereichen durchführen, die unsere Gesellschaften destabilisieren.
Leider sind solche Aktivitäten schwer zu bekämpfen bei gleichzeitiger Verteidigung essenzieller Werte unserer demokratischen Gesellschaft. Mit viel kreativer Denkarbeit sollte trotzdem einiges möglich sein.
Eine Epidemie der Irrationalität
In der Coronaviren-Pandemie ist sehr klar auch eine Epidemie der Irrationalität und Unvernunft klar zu beobachten. Im Folgenden werden einige typische Beispiele erläutert.
Von Anfang an gab es einen Streit darum, ob diverse Maßnahmen zur Eindämmung von Ansteckungen wirksam und sinnvoll seien. Dass durch das konsequente Tragen von medizinischen und FFP2-Masken das Ansteckungsrisiko erheblich gesenkt wird, hat sich schnell erwiesen, wird aber von bestimmten Gruppen immer noch vehement abgelehnt.
Hilfsweise wird zusätzlich noch die völlig unbegründete Behauptung eingesetzt, das Maskentragen selbst sei gesundheitlich bedenklich. Das ideologisch bedingte Beharren auf alternativen Fakten ist hier sehr augenfällig.
Exponentielles Wachstum
Häufig zu beobachten ist ein mangelndes Verständnis für die Dynamik exponentiellen Wachstums. Zwar wurde vielfach erklärt, dass es entscheidend wichtig ist, ob der sogenannte R-Wert durch entsprechende Maßnahmen unter 1 gedrückt werden kann oder doch oberhalb von 1 bleibt.
Im letzteren Falle resultiert unausweichlich ein exponentielles Wachstum der Infektionszahlen, welches zwar für die nächsten zwei Wochen noch beherrschbar bleiben mag, innerhalb der weiteren Wochen jedoch unausweichlich in eine Katastrophe führen würde, vor allem in den dann völlig überlasteten Intensivstationen.
Die Krankenhauskapazitäten können offenkundig nicht exponentiell ausgeweitet werden, um mit einem exponentiellen Anstieg der Infektionen mitzuhalten, und selbst stark ausgeweitete Kapazitäten würden von einer exponentiell ansteigenden Belastung nur wenig später erschöpft. So erzwingen die üblen Konsequenzen unzureichender Maßnahmen unweigerlich Verschärfungen. Die Folgen der anfänglichen Unvernunft werden noch massiv gesteigert durch den Umstand, dass die Wirkung der Maßnahmen z. B. auf die Belegung der Intensivstationen leider immer erst verzögert einsetzt. Zur Vermeidung inakzeptabler Schäden müsste deswegen die Einsicht als Voraussetzung für wirksame Gegenmaßnahmen bereits vorhanden sein, deutlich bevor die Folgen mit aller Härte zuschlagen.
Leider sind wir in Deutschland trotz der bereits im Winter 2020/21 gemachten Erfahrungen immer noch nicht so weit. Und aus im Ausland gemachten Erfahrungen kann man offenbar auch nicht lernen; man muss den Schaden immer erst in unmittelbarer Nähe beobachten.
Infektionswellen: Wie weit dürfen sie wachsen?
Ärgerlich ist auch, dass die Belegung der Intensivstationen immer wieder zum zentralen Maßstab gemacht wird und andere Aspekte völlig ausgeblendet werden: nicht nur die sehr hohen Behandlungskosten, sondern auch die zu befürchtenden Langzeitfolgen für die vielen Erkrankten (Stichwort Long Covid).
Daraus resultieren auch enorme finanzielle Risiken für die Gesellschaft, wenn etwa Tausende dauerhaft arbeitsunfähig werden sollten. Dazu kommen dann noch die üblen Folgen für viele mangelhaft versorgte Patienten mit anderen Erkrankungen.
Erstaunlicherweise nehmen viele mit einem Achselzucken hin, dass in Deutschland zeitweise mehrere hundert Menschen täglich (!) an Corona-Infektionen qualvoll sterben. Normalerweise würde man erwarten, dass so etwas als ein unbedingt zu vermeidender Horror wahrgenommen würde. (Man stelle sich vor, Terroristen würden täglich drei Geiseln erschießen – wie viele Monate bräuchten wir, bis wir fänden, jetzt sei es genug, auch wenn eine signifikante Übersterblichkeit fehlt?)
Jedoch scheinen sich gerade unter den sonst eher sensiblen Anhängern der Alternativmedizin viele recht leicht damit abzufinden. Anscheinend hängt dies damit zusammen, dass man diese Todesfälle als "natürlich" einstufen kann, während die extrem viel weniger schwerwiegenden Impfschäden als das Werk von sinistren Verbrechern (die Gentechnik verwenden!) und somit als völlig inakzeptabel empfunden werden.
Gewiss wäre anders, wenn das Virus ein Produkt der Gentechnologie wäre, der Impfstoff dagegen homöopathisch, also harmlos, wenn auch leider wirkungslos.
Kosten und Nebenwirkungen von Maßnahmen
Selbstverständlich müssen die Kosten und negativen Nebenwirkungen von Maßnahmen zur Bewältigung der Pandemie immer in eine vernünftige Abwägung einbezogen werden. Gerade hier zeigt sich immer wieder eine erschreckende Inkompetenz, und dies in ganz unterschiedlichen Spielarten.
Besonders offensichtlich ist der Fehler, ausreichende Gegenmaßnahmen ohne konstruktiven Gegenvorschlag als zu teuer und damit unzumutbar abzulehnen, obwohl die Folgen einer unzureichend eingedämmten Pandemie gesundheitlich wie wirtschaftlich verheerend wären.
Große unnötige Schäden entstehen aber auch durch die Unfähigkeit zu erkennen, dass die notwendige Eindämmung aus mehreren Gründen wesentlich schwieriger und kostenträchtiger wird, wenn man einen starken Anstieg der Infektionszahlen für einige Zeit hinnimmt.
Anstatt erst dann den R-Wert wieder auf deutlich unter 1 zu drücken, um die Infektionszahlen wieder zu senken, könnte man mit insgesamt weniger Aufwand und weitaus geringeren Schäden den R-Wert von Anfang an auf einen Wert etwas unterhalb von 1 stabilisieren. Wohlgemerkt sind z. B. die für ein ausreichendes R = 0,95 erforderlichen Maßnahmen kaum einschneidender als die für R = 1,05 oder 1,1.
Man beachte auch, dass der R-Wert ganz ohne Gegenmaßnahmen (die Basisreproduktionszahl R0) für die aktuell bedrohliche Virusvariante Delta weitaus höher wäre – vermutlich 6 oder noch mehr. (Für Omikron wissen wir es noch nicht.)
Es ist also richtiggehend dumm, eine tödliche und teure Pandemiewelle über uns ergehen zu lassen, anstatt sie von vornherein mit kaum einschneidenderen Maßnahmen weitestgehend zu unterdrücken. Aber man versteht offenbar nicht, dass relativ geringfügige Änderungen der Maßnahmen darüber entscheiden, ob eine massive Welle auftritt oder nicht, oder rafft sich trotzdem nicht zum Handeln auf.
Übrigens hätte die erfolgreiche Unterdrückung einer Infektionswelle zur Folge, dass die meisten Geimpften am Ende dem Virus gar nicht mehr ausgesetzt würden. Daraus würden manche dann gerne schließen, die Impfungen seien gar nicht nötig. Das ist aber nur unter der Annahme korrekt, dass man ein einzelnes Individuum in einer weitgehenden geimpften Gesellschaft betrachtet.
Einzelne Trittbrettfahrer kämen tatsächlich risikoarm durch, aber eben nicht eine Gesellschaft mit Millionen von Trittbrettfahrern. Ähnlich könnte man beim Klimaschutz denken, es genüge doch, wenn es alle Länder täten außer eben unserem, wo wir es leider unpraktisch finden, auf Billigflüge, SUVs und Raserei ohne Tempolimit zu verzichten. Das stimmt schon, außer dass man so niemals zur Problemlösung kommt.
Natürlich mag man sich im Einzelfall darüber streiten, welche Maßnahme genau wie effektiv und angemessen ist. Leider sind wir aber von einem optimalen Mix von Maßnahmen vor allem an einer Stelle weit entfernt: Gewisse Kreise ignorieren zeitweilig komplett alle Notwendigkeiten (etwa bei Fußballspielen oder Familienfeiern) oder lehnen sich gar öffentlich gegen Schutzmaßnahmen auf, wobei sie dicht gedrängt auf den Straßen stehen und jede Menge von Infektionen unnötig zulassen.
Unter solchen Umständen kann eine Infektionswelle nur durch zusätzliche einschneidende Maßnahmen an anderer Stelle wieder zum Abklingen gebracht werden. Oft regen sich dann ausgerechnet diese Kreise über die wirtschaftlichen Schäden auf, die sie zuallererst zu verantworten haben. Und wenn man diese ja nicht von der Hand zu weisende Verantwortung benennt, kracht es erneut.
Impfungen
Besonders konfliktreich ist derzeit der Streit um die Impfungen. Aus wissenschaftlicher Sicht kann kein vernünftiger Zweifel daran bestehen, dass die Impfungen zwar nicht perfekt wirken, aber jedenfalls einen sehr großen Beitrag zur Problemlösung bringen. Wenn alle geimpft wären (mit Auffrischungen ca. alle sechs Monate), bei denen kein triftiger Grund dagegenspricht, könnte der R-Wert mit moderaten und kostengünstigen Zusatzmaßnahmen zuverlässig unter 1 gehalten werden.
Das öffentliche Leben und die Wirtschaft kämen damit gut zurecht. Das Risiko von Nebenwirkungen der Impfungen liegt für den Einzelnen mit hoher Wahrscheinlichkeit weit unter dem, welches eine Pandemiewelle mit massenhaften Infektionen verursacht. Zwar sind im Prinzip schwere Langzeitwirkungen der Impfungen denkbar, aber auch sehr unwahrscheinlich.
Gleichzeitig gibt es für schwerwiegende Langzeitwirkungen der Infektionen bereits eine erhebliche Evidenz: Eine große Zahl von Menschen leidet seit Monaten unter Long Covid, und ob diese Erkrankungen entweder mit der Zeit doch von selbst abklingen oder durch neuartige Behandlungen (ohne Nebenwirkungen?) geheilt werden können, ist völlig ungewiss, außer für Anhänger der Alternativmedizin, die auch ohne jede Evidenz auf deren segensreiche Wirkungen vertrauen.
Übrigens beinhaltet auch die Intensivbehandlung bei schweren Infektionen notwendigerweise schwere Eingriffe, bei denen mit erheblichen Nebenwirkungen zu rechnen ist; dieses Risiko wird von vielen aber völlig ignoriert, obwohl es viel größer ist als das der Impfungen. Aus den genannten Gründen ist es in hohem Maße irrational, die Impfungen auf der Basis gefürchteter Nebenwirkungen abzulehnen – außer in außergewöhnlichen Fällen mit speziellen medizinischen Umständen.
Man bedenke auch, wie katastrophal unsere Lage ohne Impfungen wäre: Man müsste dann entweder mit viel einschneidenderen Maßnahmen den R-Wert trotz unter 1 halten oder aber voll von einer unkontrolliert sich entwickelnden Infektionswelle überrollen lassen, inklusive Zusammenbruch des Gesundheitssystems.
Die Impfgegner an Kants kategorischen Imperativ zu erinnern, treibt sie so in die Enge, dass sie gewöhnlich mit alternativen Fakten kontern. Viel anderes bleibt ihnen nicht, wenn ihre Position eben bedingungslos verteidigt werden muss, egal was Fakten und Logik sagen.
Die Sinnhaftigkeit einer Impfpflicht ergibt sich natürlich nicht einfach aus diesen Erkenntnissen. Neben praktischen Erwägungen wie der Verfügbarkeit von Impfstoffen sind hierfür auch weitere Aspekte eingehend zu prüfen, etwa betreffend denkbare andere (hinreichend wirksame?) Methoden sowie Abwägungen zwischen Freiheit und dem Schutz von Gesundheit und Leben (mit zu Ende zu denkenden Konsequenzen).
Ebenso können pragmatische Überlegungen über antizipierte Reaktionen eine Rolle spielen: Würde damit Vertrauen zerstört und eine Spaltung vertieft? Oder hat die Spaltung ganz andere Ursachen (etwa Desinformationskampagnen) und eine Impfpflicht womöglich sogar entspannende Wirkungen, etwa indem sie Impfungen ohne Gesichtsverlust erlaubt (d.h. ohne offizielle Aufgabe von verirrten Positionen)? Das sind gewiss schwierige Fragen.
Weltfremde Überlegungen
Manche Meinungen sind immerhin nicht absurd im Sinne von logisch unsinnig, aber doch weltfremd. Beispielsweise kann man nicht auf ein "natürliches" Abebben einer Infektionswelle hoffen, wenn dies zwangsläufig bedeuten würde, dass viele Millionen infiziert und unzählige Tausende getötet werden – und all dies so schnell, dass es zum Zusammenbruch des Gesundheitssystems oder noch mehr führt.
Ebenso zum Scheitern verurteilt wäre eine Strategie, nur die besonders Gefährdeten zu schützen und die Infektionen im größeren Teil der Bevölkerung sich frei entwickeln zu lassen: Erstens, weil viele besonders Gefährdete gar nicht als solche identifiziert sind (also erst im Rahmen einer dramatisch verlaufenen Infektion als solche erkannt würden), und zweitens, weil es nicht ersichtlich ist, wie z.B. pflegebedürftige Alte im Falle ausufernder Infektionen beim Pflegepersonal geschützt werden könnten.
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Ein Jahr Impfen gegen das Coronavirus: Schwere Nebenwirkungen extrem selten
(Bild: FabrikaSimf/Shutterstock.com)
Vor einem Jahr begann die Impfkampagne in Deutschland. Seither sorgten immer wieder Berichte über Nebenwirkungen für Irritationen. Was wissen wir heute darüber?
Thrombosen bei Frauen, Herzmuskelschwäche bei Jugendlichen: Seit einem Jahr verunsichern Berichte über mögliche Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe viele Menschen. Am 27. Dezember 2020 startete offiziell die Impfkampagne. Weil die Zahl der Geimpften anfangs gering war, war es zunächst schwierig, solche Berichte einzuordnen. Inzwischen sind Millionen Menschen immunisiert: Zeit für eine Bilanz.
Corona-Pandemie: Neue Varianten - Erkrankung - Impfung
Seit knapp zwei Jahren sind wir mittlerweile mit dem Coronavirus und der Pandemie konfrontiert. Der große Themenkomplex liefert viel Material für die Berichterstattung. Hier gibt es eine Artikel-Auswahl über neue Varianten, Symptome wie Long Covid und Neues zu den Impfstoffen.
Die Impfungen hätten nicht nur Krankenhauseinweisungen und Todesfälle verhindert, sondern auch wieder einen großen Teil des sozialen Lebens ermöglicht, schreiben US-Autoren im Fachblatt "Jama". Damit Menschen den Impfstoffen vertrauten, sei es wichtig, "den großen Nutzen und die geringen Risiken" klar zu kommunizieren, aber auch die Sicherheit der Impfstoffe zu überwachen, betonen die Experten der Gesundheitsbehörde CDC.
Deutschland habe "von Beginn an die Verdachtsfallmeldungen zu Impfstoffnebenwirkungen und -komplikationen mit höchster Priorität beobachtet, auch sehr seltene Nebenwirkungen frühzeitig erkannt und Maßnahmen zur Risikominimierung eingeleitet", schreiben die Chefs vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Klaus Cichutek und Karl Broich, in ihrer Bilanz ein Jahr nach Start der Impfungen.
Typische Beschwerden durch erwünschte Immunreaktion
Typische Beschwerden nach einer Impfung sind laut Deutscher Gesellschaft für Immunologie (DGfI) Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Schüttelfrost und Fieber. "Diese Reaktionen sind Ausdruck der erwünschten Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Impfstoff und klingen in der Regel nach wenigen Tagen komplett ab", schreibt das Robert Koch-Institut (RKI).
Das für die Sicherheit von Impfstoffen zuständige PEI veröffentlicht regelmäßig sogenannte Sicherheitsberichte zu den Covid-19-Vakzinen [15]. Der jüngste stammt vom 23. Dezember und bezieht sich auf über 123 Millionen Impfungen, die bundesweit bis Ende November verabreicht wurden. Gemeldet wurden bis dahin 1,6 Verdachtsfälle pro 1000 Dosen – das entspricht 0,16 Prozent. Betrachtet man nur die schwerwiegenden Reaktionen, liegt die Melderate bei 0,2 Verdachtsfällen pro 1000 Impfdosen – 0,02 Prozent.
Als "schwerwiegend" definiert das Arzneimittelgesetz Nebenwirkungen, die tödlich oder lebensbedrohend sind, eine stationäre Behandlung erfordern oder zu bleibenden Schäden führen. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind laut Infektionsschutzgesetz meldepflichtig, wenn sie "über das übliche Maß einer Impfreaktion hinausgehen".
Als "sehr seltene Risiken der Covid-19-Impfstoffe" listet der jüngste PEI-Sicherheitsbericht auf: Allergien (Anaphylaktische Reaktionen), Herzmuskelentzündung (Myokarditis) und Herzbeutelentzündung (Perikarditis), die Nervenentzündung Guillain-Barré-Syndrom sowie Blutgerinnsel (Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom, TTS).
Was weiß man bisher darüber?
Generell verweist das PEI darauf, "dass unerwünschte Reaktionen im zeitlichen, nicht aber unbedingt im ursächlichen Zusammenhang mit einer Impfung gemeldet werden. Ob eine Reaktion tatsächlich eine Folge der Impfung ist, könnten nur Studien beweisen. Das PEI arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten: Es vergleicht, wie häufig eine unerwünschte Reaktion gemeldet wird, und setzt das in Relation dazu, wie häufig dies statistisch in einer vergleichbaren ungeimpften Bevölkerung vorkommt. "Nach derzeitigem Kenntnisstand sind schwerwiegende Nebenwirkungen sehr selten und ändern nicht das positive Nutzen-Risiko-Verhältnis der Impfstoffe", betont der jüngste Sicherheitsbericht.
Herzmuskelentzündungen:
"Myokarditis ist eine relevante Nebenwirkung", sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung, Thomas Voigtländer. Das dürfe aber kein Grund sein, sich gegen eine Covid-19-Impfung zu entscheiden: "Wer sich nicht gegen Covid-19 impfen lässt, geht ein weit höheres Risiko durch die Gefahren eines schweren Covid-19-Krankheitsverlaufs ein."
Myokarditis oder Perikarditis als Impfreaktionen seien sehr selten. "Wir sprechen hier von knapp fünf Fällen bezogen auf 100 000 Impfungen." Sie verliefen zudem in der Regel mild und heilten in nahezu allen Fällen aus. Die Verdachtsmeldungen betrafen hauptsächlich die beiden mRNA-Impfstoffe und überwiegend männliche Jugendliche. Dem Sicherheitsbericht zufolge wurden 15 Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Covid-19-Impfung genannt. In drei davon hält das PEI einen ursächlichen Zusammenhang für möglich, in den anderen Fällen geht die Behörde "auf Basis der derzeitigen Datenlage" nicht davon aus.
Thrombosen:
Im Frühjahr sorgten Berichte über sehr seltene Thrombosen für Aufregung [17] – das Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS). Diese Blutgerinnsel treten oft an ungewöhnlichen Stellen auf, etwa im Gehirn, Betroffene haben gleichzeitig eine verminderte Anzahl von Blutplättchen. "Diese Erkrankung ist eine seltene, aber potenziell gefährliche Nebenwirkung von vektorbasierten Sars-CoV-2-Impfstoffen", betont die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH).
Die Meldungen betrafen überwiegend die Vektorimpfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson. Frauen waren überdurchschnittlich oft betroffen. Laut Sicherheitsbericht wurden 43 Todesfälle durch TTS mit den Impfungen in einen Zusammenhang gebracht. 29 davon erfüllen laut PEI die speziellen Kriterien für eine TTS: Sie betreffen demnach die Präparate von Astrazeneca und Johnson & Johnson. Astrazeneca wird in Deutschland nicht mehr verwendet, Johnson & Johnson spielt eine untergeordnete Rolle.
Allergische Reaktionen:
Anaphylaktische Reaktionen traten bei allen vier zugelassenen Impfstoffen auf, allerdings waren auch sie sehr selten. Die Melderate betrug bis Ende November weniger als ein Fall pro 100 000 Impfdosen. Sie ist bei Frauen etwas höher als bei Männern und bei der ersten Impfdosis höher als bei den Folgeimpfungen.
Nervenschäden:
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine sehr seltene Autoimmunerkrankung des Nervensystems. Die Melderate nach einer Impfung mit einem der beiden Vektorimpfstoffe lag laut Sicherheitsbericht niedriger als eine Meldung pro 100 000 Impfdosen.
Was ist mit Langzeitfolgen?
"Es gibt zwei Möglichkeiten, was unter dem Begriff "Langzeitfolgen" zu verstehen ist", schreibt das PEI. "Etwas, das erst nach langer Zeit eintritt, oder etwas, das über einen langen Zeitraum anhält." Dass sehr seltene Impfkomplikationen über einen langen Zeitraum andauerten, sei "die absolute Ausnahme", schreibt die Behörde.
"Besorgte Bürgerinnen und Bürger verstehen unter Langzeitfolgen – häufig auch Spätfolgen genannt – Nebenwirkungen, die erst mit einer Verzögerung von vielen Monaten oder Jahren nach der Impfung auftreten", heißt es weiter. "Diese Sorgen sind unberechtigt. Wir kennen solche sehr spät einsetzenden Nebenwirkungen von Impfstoffen nicht."
Dem jüngsten Sicherheitsbericht zufolge wurde 1919 Mal der Verdacht auf einen Todesfall nach einer Impfung gemeldet. Aber nur in 78 Einzelfällen hat das PEI "den ursächlichen Zusammenhang mit der Impfung als möglich oder wahrscheinlich bewertet". Ein Vergleich der Anzahl der gemeldeten Todesfälle mit der statistisch zu erwartenden Zahl der Todesfälle im gleichen Zeitraum "ergab für keinen der vier bisher in Deutschland eingesetzten Covid-19-Impfstoffe ein Risikosignal", schreibt das PEI.
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Warum Social Media eigentlich wie eine Stadt verwaltet werden sollte
Sahar Massachi
(Bild: Andrea Daquino)
Hassrede, Cybermobbing – und trotzdem eigentlich viel Gutes: Wenn wir Facebook, Twitter & Co. retten wollen, braucht es neue Regeln aus der Offline-Welt.
Wer sich in den sozialen Medien tummelt, fühlt sich manchmal so, als würde er oder sie in einer neuen Art von Stadt leben – in der größten Stadt der Welt. Millionen von Menschen können hier Dinge tun, von denen ihre Eltern nicht mal geträumt hätten. Sie können virtuell miteinander leben, miteinander spielen, miteinander lernen. Auf den ersten Blick sieht diese unendliche Metropole aus wie ein Wunderwerk.
Ein Wunderwerk, das oft hässlich ist
Doch schaut man näher hin, zeigen sich in der Stadt der sozialen Medien auch extreme Hässlichkeiten. Ungeklärte Abwässer scheinen durch die Straßen zu fließen. Von Zeit zu Zeit gibt es Aufstände und die Bürger denunzieren sich gegenseitig und ihre Beziehungen untereinander scheinen manchmal unwiderruflich zerrüttet.
Um im Bild zu bleiben: Meine Aufgabe war es, diese Stadt zu schützen. Ich war Mitglied des Facebook-Teams für Civic Integrity – bürgerliche Integrität auf der Plattform. Meine Kollegen und ich untersuchten und behoben Probleme – von der Bekämpfung der Verbreitung von Fake News über Hassrede, Belästigung bis hin zu Aufrufen zu nackter Gewalt.
Mit der Zeit wurden wir zu Experten, wir wandten viele, viele Stunden Manpower und eine riesige Datenbasis an. Wie in jeder anderen Community von Experten hatten wir alle zumindest leicht unterschiedliche Sichtweisen auf das Problem. Ich für meinen Teil begann schließlich, wie ein Stadtplaner zu denken. Und die Stadt muss von Anfang an richtig geplant werden. Sie braucht Stadtteile, die so aufgebaut sind, dass Bewohner, Gesellschaft und Demokratie gedeihen können.
Getrimmt auf Integrität
Ein solcher Ansatz scheint sich in der gesamten Social-Media-Landschaft mehr und mehr durchzusetzen: das sogenannte Integrity Design. Für die Integrität zuständige Mitarbeiter wie ich versuchen, ein System gegen Angreifer zu verteidigen, die Fehler oder Schlupflöcher in seinen Regeln oder seinem Design gefunden und gelernt haben, diese zu missbrauchen. Unsere Aufgabe war es, systematisch die Verletzungen einzudämmen, die sich die Nutzer gegenseitig beibringen.
Wir mischen uns dabei (oft) nicht direkt ein und versuchen nicht, Entscheidungen über bestimmte Beiträge oder Personen zu treffen. Stattdessen denken wir über Anreize, Informationsökosysteme und soziale Systeme im Allgemeinen nach. Dabei zeigt sich: Die Social-Media-Firmen müssen der Gestaltung hin zur Integrität Vorrang vor der Moderation von Inhalten einräumen. Wenn sie das nicht tun, sollte sich die Öffentlichkeit dagegen wehren.
Lassen Sie uns aber zunächst einen Schritt zurückgehen: Wenn soziale Medien eine neuartige Stadt sind, warum ist sie dann so schwer zu regieren? Warum schließen sich in realen Städten nicht Millionen von Bürgern plötzlich irgendwelchen Sekten an? Warum funktionieren dort Konferenzen oder Clubs ohne viel Belästigung und Propaganda? Warum wird dort nicht offen für Neonazis rekrutiert? Mit anderen Worten: Was hat die physische Stadt, das die virtuelle nicht hat?
Irgendwo ist Schluss in der echten Welt
Die Antwort ist einfach: echte, physische Grenzen. Als Gesellschaft haben wir eine Kombination aus Regeln, Normen und Gestaltungsmustern entwickelt, die mehr oder weniger funktionieren, um bestimmte Arten schrecklichen Verhaltens einzudämmen. Diese Regeln setzen aber voraus, dass wir keine physischen Superkräfte entwickelt haben. Online haben die Menschen diese jedoch tatsächlich. Sie können sich klonen (Bot-Armeen), teleportieren (die Fähigkeit, an vielen Orten gleichzeitig zu posten), sich unerkennbar verkleiden (sogenannte Sockenpuppen [1]) – und vieles mehr. In einer physischen Stadt ist ein einzelner Propagandist durch seine stimmliche Ausdauer (oder seine Geldbörse) begrenzt.
In unserer Online-Stadt kann ein und dieselbe Person jede Stunde kostenlos in 400 Gruppen (mit Zehntausenden von Menschen) posten. In einer physischen Stadt erfordert die Annahme einer neuen Identität viel Schminke oder eine Verkleidung, gefälschte Dokumente und viel harte Arbeit. In der Stadt der sozialen Medien genügt eine Anmeldung von wenigen Minuten, um ein neues Konto zu erstellen. Die physische Stadt wird von echten Menschen bevölkert. In "Social-City" könnten Sie jederzeit mit jemandem sprechen, der insgeheim ein Roboter ist. In einer realen Stadt braucht eine Reise Zeit. In der Stadt der sozialen Medien ist es für einen mazedonischen Teenager [2] trivial, die Identität von Tausenden von Menschen in einer anderen Hemisphäre anzunehmen, um damit Werbegelder einzusammeln.
In einem System, in dem es die größten Anreize dafür gibt, ein möglichst schlimmes Verhalten an den Tag zu legen, ist nachträgliche Bestrafung zum Scheitern verurteilt. Zum Glück haben wir mittlerweile andere Ansätze. Schließlich löst auch die physische Stadt die Probleme nicht, indem sie jeden überwacht und verhaftet. Öffentliche Gesundheitskampagnen und örtliche Sozialarbeiter können Menschen helfen, bevor es zu spät ist. Es gibt öffentliche Räume wie Kulturzentren oder Bibliotheken beispielsweise, um ein Gefühl der Gemeinschaft zu erzeugen.
Wenn wir Integrity-Designer die Stadtplaner sind, dann sind die Moderatoren auf den Plattformen Polizisten, Richter und Geschworene in einem. Diese Menschen, bei denen es sich in der Regel um unterbezahlte und oft genug nach kurzer Zeit traumatisierte Vertragsarbeiter handelt, haben die unmögliche Aufgabe, Millionen potenziell problematischer Beiträge zu prüfen und in Sekundenschnelle und ohne kritischen Kontext zu entscheiden, ob sie gegen die sich ständig ändernden Gesetze des jeweiligen Netzwerks verstoßen, damit die richtigen Sanktionen verhängt werden können.
Sie sind gezwungen, mit minimalen Beweisen und ohne Gerichtsverfahren über Fälle zu entscheiden, bei denen viel auf dem Spiel steht. Wie auch immer sie entscheiden, die Menschen bleiben wütend – und die Online-Stadt scheint nie sicherer zu werden. Die Moderation von Inhalten kann die systemischen Probleme in den sozialen Medien ebenso wenig beheben wie die Verkehrspolizei Straßen ohne Fahrbahnmarkierungen, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Schilder oder Ampeln sichern kann. Wir werden dieses Problem niemals durch "Verhaftung" (also Zensur) lösen können – und wir sollten es auch nicht versuchen.
Die Arbeit von Integritätsteams bietet eine andere Lösung. Wir mögen zwar erst seit jüngster Zeit im Rampenlicht stehen, aber wir haben eine lange Geschichte in der Branche. Wir haben viel von den Ansätzen zur Bekämpfung von Spam bei E-Mails oder in Suchmaschinen gelernt – und wir leihen uns viele Konzepte aus der IT-Sicherheit.
Mechanismen der Offline-Welt integrieren
Eine der besten Integritätsstrategien, die wir kennen, besteht darin, eine Form von Bremsmechanismen der realen Welt – quasi Friktion – wieder zurück in die Online-Interaktionen zu bringen. Ich werde mich hier auf zwei Beispiele konzentrieren, um dies zu erläutern, aber es gibt noch viele weitere solcher Mechanismen, wie z. B. die Begrenzung der Gruppengrößen, ein Karma- oder Reputationssystem (wie Googles Suchmaschinenalgorithmus PageRank), Indikatoren für die "Nachbarschaft, aus der du kommst", Vorgaben für gute Kommunikation und Menüs, die das Teilen erschweren oder die Nutzer zumindest nachdenken lassen.
Ich greife hier zwei Ideen heraus: "Fahrprüfungen" und "Geschwindigkeitsbegrenzungen". Zunächst müssen wir es den Leuten schwerer machen, falsche Konten zu haben. Stellen Sie sich vor, dass jeder, der wegen eines Verbrechens verhaftet wird, aus dem Gefängnis kommt und sich als eine völlig neue Person ausgeben kann. Stellen Sie sich weiter vor, es wäre unmöglich zu erkennen, ob Sie mit mehreren Personen sprechen oder mit einer einzigen Person, die sehr schnell ihre Verkleidung wechselt. Dieser Mangel an Vertrauen ist nicht gut.
Gleichzeitig dürfen wir aber nicht vergessen, dass pseudonyme Konten nicht immer schlecht sind. Vielleicht ist die Person hinter dem Pseudonym ein schwuler Teenager, der sich vor seiner Familie nicht outet – oder ein Menschenrechtsaktivist, der unter einem repressiven Regime lebt. Wir dürfen nicht alle Fake-Konten verbieten. Aber wir können die Kosten dafür erhöhen.
Neue Konten nach dem Vorbild der Fahrprüfung
Eine Lösung könnte darin bestehen, dass wir uns das Beispiel Auto vornehmen. In den meisten Ländern darf man erst hinters Lenkrad, wenn man unter Aufsicht gelernt hat, wie man das Auto bedient und eine Fahrprüfung bestanden hat. In ähnlicher Weise sollten neue Konten nicht sofort Zugang zu allen Funktionen einer App erhalten. Um Funktionen freizuschalten, die am meisten missbraucht werden können (um zu spammen, zu belästigen usw.), sollte ein Neunutzer vielleicht einige Kosten in Form von Zeit und Mühe zahlen müssen. Vielleicht braucht es die Zeit, um zu "reifen". Vielleicht muss er genug Goodwill in einem Karmasystem angesammelt haben. Vielleicht muss er ein paar Dinge tun, die schwer zu automatisieren sind. Erst wenn sich das Konto durch diese "Fahrprüfung" qualifiziert hat, wird ihm der Zugang zum Rest der Anwendung gewährt.
Spammer könnten diese Hürden natürlich überspringen. Tatsächlich erwarten wir das auch von ihnen. Schließlich wollen wir es den legitimen Nutzern gefälschter Konten nicht zu schwer machen. Indem wir jedoch einen gewissen Aufwand für die Erstellung einer neuen "Tarnung" verlangen, bringen wir wieder etwas Echtwelt in die Gleichung ein. Drei gefälschte Konten könnten funktionieren. Aber bei Hunderten oder Tausenden wäre es zu schwierig, das durchzuziehen.
Doch das reicht nicht. Denn online gehen die schlimmsten Schäden fast immer von den Power-Usern aus. [5] Das ist ziemlich intuitiv zu verstehen: Soziale Anwendungen ermutigen ihre Mitglieder im Allgemeinen dazu, so viel wie möglich zu posten. Power-User können dies viel häufiger, an verschiedene Zielgruppen und gleichzeitig tun, als dies im wirklichen Leben möglich ist. In herkömmlichen Städten sind die Kosten für eine Person, die Schaden anrichtet, durch die physische Notwendigkeit begrenzt, sich an einem Ort aufzuhalten oder zu einem bestimmten Publikum zu sprechen. Dies ist online nicht der Fall. Hier erreicht man alle gleichzeitig.
Einige dieser Aktionen sind durchaus sinnvoll, wenn sie in Maßen durchgeführt werden, aber sie werden verdächtig, wenn sie in großem Umfang durchgeführt werden. Stellen Sie sich vor, Sie erstellen zwei Dutzend Gruppen auf einmal, kommentieren tausend Videos pro Stunde oder posten einen ganzen Tag lang jede Minute. Wenn wir sehen, dass jemand eine Funktion zu häufig nutzt, denken wir, dass er wahrscheinlich "zu schnell fährt". Und es gibt eine Lösung: die Geschwindigkeitsbegrenzung. Wir sperren den Raser eine Zeit lang für diese oder jene Funktion. Hierbei gibt es kein Werturteil – es ist keine Bestrafung, sondern eine Sicherheitsmethode. Solche Maßnahmen wären ein einfacher Weg, die Dinge für alle besser zu machen, während sie nur einen kleinen Teil der Menschen belästigen würden.
Bremsen gegen Spam
Die Ideen beruhen allesamt auf demselben Prinzip: Sie bringen Friktion zurück ins System. Bei Fahrprüfungen geht es um die Erstellung eines Kontos, bei Geschwindigkeitsbegrenzungen um das Posten oder Kommentieren. Die Friktion muss aber nicht unbedingt in Geld bestehen. Sie kann auch darin bestehen, dass eine gewisse Verzögerung eingefügt wird, bevor die Aktion abgeschlossen ist, dass die Rangfolge der Inhalte des Nutzers in einem Feed verschlechtert wird oder dass das Erscheinungsbild verändert wird, um sie weniger attraktiv zu machen. Kurz gesagt: Ab einem bestimmten Schwellenwert sollte das Anlegen des xten Beitrags/Kommentars/Retweets mehr kosten als das vorherige.
Daraus lässt sich sogar eine schöne Definition von Spam ableiten. Spam ist das, was passiert, wenn Menschen betrügen, indem sie den Mangel an physischen Grenzen im Internet ausnutzen. Die Lösung scheint einfach zu sein – man baut wieder Bremsen ein. Schließlich wissen wir als Branche, wie man Spam bekämpft.
Integritätsdesign kann einige heikle Probleme lösen, wie den ständigen Krieg um "Zensur". Es kann den Druck auf ein überlastetes Content-Moderations-System verringern. Es kann ein System schaffen, das sowohl gegen absichtliche "Angriffe" von Geheimdiensten als auch gegen "organische" Probleme von Menschen gewappnet ist, die herausfinden, wie man die Regeln missbraucht. Aber Integritätsdesign allein kann Unternehmen nicht davon abhalten, schlechte Entscheidungen zu treffen.
Wege zum Aufbau besserer Online-Städte
Die Stakeholder-Falle kann die Arbeit eines jeden Integritätsteams zunichte machen. Ein großer Teil der Spam-Bekämpfung besteht darin, Schlupflöcher im System zu finden und sie dann zu schließen. Es ist unmöglich, gegen diese Schlupflöcher, die Spam ermöglichen, vorzugehen, ohne denjenigen zu schaden, die gerade davon profitieren. Wenn man das tut, werden sie wütend. [7] Vielleicht beschweren sie sich sogar lautstark. Denken Sie daran: Ihre derzeitige Reichweite kommt von Spam. Sie "besitzen" sie nicht. Es ist Diebstahl, kein Anspruch. Wenn Sie sich von ihnen einschüchtern lassen, werden Sie scheitern. Soziale Unternehmen scheitern oft an diesem Test. [8]
Zu lange war Integritätsarbeit ein öffentlicher Dienst, der in privaten Einrichtungen gefangen war. Wir haben Wege zum Aufbau besserer Online-Städte aufgezeigt und dafür gekämpft, dass sie umgesetzt werden, aber wenn unsere Vorschläge anderen Unternehmenszielen zuwiderlaufen, erblicken sie vielleicht nicht das Licht der Welt. Wir waren auch allein: Wenn ein Team in einem Unternehmen eine wichtige neue Technik zum Schutz der Menschen entwickelt, ist es schwierig, dies den Kolleginnen und Kollegen in anderen Unternehmen mitzuteilen. Deshalb haben wir gerade das Integrity Institute [9] ins Leben gerufen, eine erste gemeinnützige Denkfabrik, die von einer Gemeinschaft von Integritätsexperten geleitet wird. Wir werden die Theorie und Praxis der Integritätsarbeit voranbringen und dieses Wissen mit der Öffentlichkeit, den Unternehmen und untereinander teilen. Die Welt verdient es, unabhängige, ehrliche Erklärungen darüber zu hören, wie diese neuen Städte funktionieren und wie wir sie tatsächlich besser gestalten können.
Wir wissen, was die Unternehmen tun müssen. Sie müssen die Integrität des Designs in den Vordergrund stellen, mit Konzepten wie physisch inspirierten Grenzen und Strategien zur Bekämpfung von Spam. Sie müssen eine gewisse Content-Moderation beibehalten, sich aber mehr auf die Untersuchung von Angriffen konzentrieren, anstatt die Leute – bildlich gesprochen – wegen Müllabladens zu verhaften. Sie müssen stark bleiben und ihre eigenen Richtlinien tatsächlich durchsetzen. Wir wissen auch, was die Öffentlichkeit tun muss: entweder Druck auf die Unternehmen ausüben, damit sie das Richtige tun, oder ihre Mitarbeiter, Werbekunden oder Gesetzgeber davon überzeugen, sie zu zwingen. Einfach kündigen wird nicht funktionieren: Ihr Onkel wird auf gewalttätige Verschwörungstheorien hereinfallen, egal wie oft Sie sich bei YouTube einloggen oder nicht.
Glaube an das Internet
Integritätsdesign findet bereits in einigen Unternehmen statt, aber es braucht Unterstützung. Allzu oft hindern Unternehmen diese Teams daran, ihre Arbeit in vollem Umfang zu leisten, wenn diese mit anderen Prioritäten des Unternehmens kollidiert, z. B. der Steigerung des Engagements.
In den letzten Jahren hatte ich die Ehre, eine kambrische Explosion in der Theorie und Praxis der Integrität mitzuerleben (zum Teil dank der Einstellungswellen von Unternehmen wie meinem früheren Arbeitgeber). Ich habe die rigorose Arbeit, den ausgeprägten Sinn für Professionalität und das hohe Niveau der Fähigkeiten gesehen, die meine Mitarbeiter in ihre Arbeit einbringen. Sie wissen im Detail, wie man die Städte in den sozialen Medien aufbaut, nach denen wir uns alle sehnen. Applaudieren wir ihnen, lernen wir von ihnen und helfen wir ihnen bei ihrer Arbeit.
Trotz allem glaube ich immer noch an das Internet. Die soziale Stadt ist zu wertvoll, um sie verkommen zu lassen.
Interview mit Alexander von Pechmann über die gegenwärtigen Eigentumsverhältnisse und ihre Folgen
In seiner brillanten Studie "Die Eigentumsfrage im 21. Jahrhundert [1]" untersucht der Philosoph [2]Alexander von Pechmann [3] den Begriff des modernen Eigentums, seine Rechtfertigungsstrategien und die daraus resultierenden Konsequenzen: Das privatkapitalistische Eigentum ist eine Art logische Fiktion, die die drängenden Probleme der Menschheit nicht löst. Im Gegenteil: Es ist Teil des Problems.
Herr von Pechmann, in Ihrem gerade erschienenen Buch über die "Eigentumsfrage im 21. Jahrhundert" unterscheiden Sie zunächst das Eigentum vom Besitz. Was ist Besitz beziehungsweise Eigentum überhaupt?
Alexander von Pechmann: Im Unterschied zum Eigentum bezeichnet der Besitz das tatsächliche physische Verhalten der Menschen zu den Dingen. So etwa kann ich den Kaffee nicht trinken, ohne zuvor die Kaffeetasse in Besitz genommen zu haben, oder das Auto nicht fahren, ohne es zu besitzen. Die Juristen drücken das so aus, dass man etwas dann besitzt, wenn man es in seiner tatsächlichen Gewalt hat.
Das Eigentum hingegen ist vom Besitz ganz verschieden. Es bezeichnet ein Rechtsverhältnis, nach dem mir oder uns etwas rechtlich zugehört. Ich nenne zwei Beispiele: In meiner Mietwohnung bin ich ihr Besitzer, weil ich in ihr wohne; aber ihr Eigentümer ist mein Vermieter, der vielleicht noch nie physisch in der Wohnung war. In einem Betrieb sind die Arbeiter oder Angestellten seine Besitzer, weil sie in ihm arbeiten; aber seine rechtlichen Eigentümer sind, zumindest in kapitalistischen Gesellschaften, nicht die Arbeiter oder Angestellten, sondern sind dessen Aktionäre, die nicht einmal zu wissen brauchen, dass ihnen Teile des Betriebs gehören.
Wenn man daher, wie ich es tue, die Eigentumsfrage stellt, dann ist es eine der wesentlichen Fragen, ob es sinnvoll ist, dass die, die in einem Betrieb arbeiten und ihn damit in ihren Besitz nehmen, auch rechtlich dessen Eigentümer sind, oder ob es ganz andere Leute sind, die darüber verfügen, was im und mit dem Betrieb geschieht.
"Angesichts der globalen Krise versagt die privatkapitalistische Eigentumsordnung"
Welche Folgen hat diese eigentümliche Eigentumsstruktur etwa für die Coronakrise?
Alexander von Pechmann: Darf ich dazu etwas ausholen? Zu Beginn der Coronakrise im vorletzten Mai hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die ich hier als die Vertreterin des gemeinschaftlichen Menschheitsinteresse verstehe, den Vorschlag erarbeitet und gemacht, die Impfstoffe gegen das Corona-Virus nach einem weltweit gemeinsamen Plan zu erforschen und zu produzieren, so dass alle Nationen und Kontinente daran teilnehmen und teilhaben können: eine multinationale Forschung mit vergleichbaren Tests, solidarisch und koordiniert von der WHO.
Doch dieser Vorschlag wurde von den reichen Nationen abgelehnt. Stattdessen geschieht die Erforschung und Herstellung der Impfstoffe nach den Rechtsvorschriften der Welthandelsorganisation (WTO) nicht gemeinschaftlich, sondern privat. Das heißt konkret: Die Impfstoffe werden durch privatkapitalistische Pharmakonzerne wie Pfizer oder Moderna entwickelt und produziert.
Die Folge der Geltung dieses kapitalistischen Eigentumsrechts ist, dass zwar die Eigentümer der Konzerne, die Aktionäre, als Krisengewinnler durch den Verkauf des Impfstoffs an die reichen Länder horrende Gewinne einstreichen, dass aber die armen Länder des globalen Südens keinen Impfstoff erhalten, weil er für sie zu teuer ist. Im reichen Norden sind folglich ca. 75 Prozent geimpft, im armen Süden hingegen nicht einmal 10 Prozent.
Und diese geringe Impfquote hat ihrerseits zur Folge, dass dort nicht nur viele Menschen in den Slums der Megacities sterben – was im Norden ja niemand interessiert –, sondern dass dort auch neue Corona-Varianten entstehen, die sich erneut weltweit ausbreiten.
Setzt sich diese Mutantenspirale fort, so wird die Coronakrise unter dem privaten Eigentumsregime ein gigantisches Reichtumsumverteilungsprogramm: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer.
Ich meine, dass der Verlauf der Pandemie ein schlagendes Beispiel dafür ist, dass angesichts dieser globalen Krise die derzeit weltweit geltende privatkapitalistische Eigentumsordnung versagt. Wären alle Nationen gemeinschaftlich Eigentümer und hätten in gleicher Weise Zugang zu den Patenten und Produktionstechniken, so gäbe es weniger Infizierte, Klinikaufenthalte und Todesfälle und könnte viel wirkungsvoller der Pandemie begegnet werden.
Um wie viel mehr ist zu befürchten, dass diese Rechtsordnung versagt, wenn es in den nächsten Jahrzehnten um die Bewältigung der drohenden Klimakrise gehen wird? Für mich folgt daraus: Statt der bestehenden privaten brauchen wir eine andere, eine globale und soziale Eigentumsordnung.
"Es ist die Produktivität, die letztlich das kapitalistische Eigentumsrecht begründet"
Wie wird diese nicht ganz dysfunktionale Eigentumsordnung philosophisch gerechtfertigt?
Alexander von Pechmann: Bevor ich Ihre Frage beantworte, möchte ich zunächst klar zwischen dem Recht auf privates Eigentum überhaupt und dem Recht auf kapitalistisches Privateigentum unterscheiden. Denn zum einen gehen beide in den meisten Diskussionen durcheinander, nicht zuletzt bei vielen sozialistischen und marxistischen Kritikern des Privateigentums, und zum anderen sind auch die Begründungen für das eine oder das andere Recht durchaus verschieden.
Für das Recht auf privates Eigentum gibt es zwar viele philosophische Begründungen; aber die wirkungsvollsten waren und sind vor allem drei:
Das erste Argument, das schon von Aristoteles stammt und immer wieder angeführt wird, lautet, dass dann, wenn jeder sich um "das Seine" kümmert, die Gesellschaft friedlicher sein und man mehr zustande bringen wird, als wenn allen alles – und damit keinem etwas – gehört.
Das zweite Argument, das von John Locke dann in der Neuzeit entwickelt wurde, heißt: All dasjenige, was ich mir selbst erarbeitet habe, muss rechtlich mir gehören. Der Fleißige, aber auch nur der Fleißige, hat das Recht auf die Früchte seiner Arbeit. Hier begründet die eigene Arbeit das Recht aufs private Eigentum.
Die dritte Begründung stammt vom Philosophen Hegel und lässt sich so zusammenfassen: Ohne eine Sphäre des ausschließlich Privaten ist eine Entfaltung der Persönlichkeit nicht denkbar. Bei Hegel wird also das Recht auf privates Eigentum mit der Freiheit meines Willens zusammengedacht.
Etwas ganz anderes jedoch ist das Recht auf das kapitalistische Eigentum. Denn dieses Eigentum stammt ja gerade nicht aus eigener Arbeit oder Leistung, sondern aus der Lohnarbeit und damit aus der Arbeit anderer. Das kapitalistische Eigentumsrecht legitimiert folglich die Exploitation, vulgo: Ausbeutung.
Hier ist denn auch die Begründung eine ganz andere. Sie argumentiert in der Tat so, wie Ihre Frage es nahelegt, nämlich mit der Funktionalität dieser Eigentumsordnung. Mag auch die dadurch legitimierte Ausbeutung in moralischer Hinsicht bedenklich sein, und mag sie auch in sozialer Hinsicht die Gesellschaft in Kapitalisten und Lohnarbeiter spalten – aber der stetig wachsende Reichtum all der Güter, die wir konsumieren und genießen, ist nur dann und dadurch möglich, dass der Kapitalist sein privates Kapital einsetzt und riskiert, um es zu verwerten, das heißt einen Profit aus ihm zu machen.
Hier gibt also weder die Ethik noch die Moral, sondern in der Tat die Funktionalität das Argument. Es ist die Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit hinsichtlich der Masse der Güter des Konsums, die letztlich das kapitalistische Eigentumsrecht begründet.
"Ich konfrontiere die gegenwärtige Eigentumsordnung mit den globalen Menschheitsproblemen"
Und was ist der philosophische Kern Ihrer Kritik an diesem gegenwärtig geltenden Eigentumsrecht?
Alexander von Pechmann: Meine Kritik ist weder moralisch in dem Sinne, dass ich mit ethischen Prinzipien wie der Gerechtigkeit argumentiere. Ich zeige aber auch nicht, wie etwa in der Marxschen Tradition, die inneren Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise auf, die nur in einer anderen Produktionsweise gelöst werden können.
Vielmehr konfrontiere ich in meinem Buch die gegenwärtige Eigentumsordnung mit den globalen Menschheitsproblemen, die in diesem Jahrhundert gelöst werden müssen. Und diese sind zum einen die ökologische, das Leben kommender Generationen bedrohende Krise, und zum anderen die mit der Umweltzerstörung eng zusammenhängende wachsende Schere zwischen der reichen und der armen Welt. Diese globalen Probleme des 21. Jahrhunderts, so meine Kritik, können im Rahmen der geltenden privatkapitalistischen Eigentumsordnung nicht gelöst werden.
Diese Eigentumsordnung war zwar der rechtliche Rahmen, in dem in den letzten zwei Jahrhunderten seit der industriellen Revolution eine "ungeheure Warensammlung", wie Marx sie nennt, entstanden ist. Aber dieser rechtliche Rahmen ist gerade deswegen nicht in der Lage, die künftigen Folgeprobleme dieses ökonomischen Wachstums, in ökologischer Hinsicht die allmähliche Zerstörung unseres Planeten und in sozialer Hinsicht die schleichende Verelendung der Massen in den Slums der explodierenden Megacities, bewältigen zu können.
"Die Sache der Vereinten Nationen ist nicht, den Profit zu maximieren"
Sie gehen jedoch über diese Kritik hinaus und konzipieren ein anderes künftiges Eigentumsrecht. Wie schaut das aus?
Alexander von Pechmann: Mein Ausgangspunkt ist, vereinfacht gesagt, dass diese globalen Probleme eine globale Eigentumsordnung erfordern. Diesen Problemen entspricht weder ein Verfassungsrecht, das die private Verfügung über die gesellschaftlichen Produktionsmittel zum Zweck der Profitmaximierung garantiert.
Ihnen entspricht aber auch nicht auf der Ebene des Völkerrechts das Prinzip der Souveränität, das es den einzelnen Staaten erlaubt, in Konkurrenz miteinander nach ihren nationalen Eigeninteressen zu handeln. Nach diesen Rechtsgrundsätzen, so meine Überzeugung, werden die globalen Probleme dieses Jahrhunderts nicht gelöst.
Ich habe mich nun gefragt, ob sich nicht jenseits der Klasse der kapitalistischen Privateigentümer und der Menge der souveränen Nationalstaaten ein Rechtssubjekt finden lässt, das weder das eigene Profitinteresse noch das jeweilige Nationalinteresse verfolgt, und bin in meinem Buch zum Ergebnis gekommen, dass die Vereinten Nationen dieses Rechtssubjekt sind.
Die Sache der Vereinten Nationen ist nicht, den Profit zu maximieren, aber auch nicht, ein partikulares nationales Interesse zu verfolgen, sondern dem Wohl der ganzen Menschheit zu dienen. Genau aus diesem Grund sind die Vereinten Nationen gegründet worden, und sie werden von der Staatenwelt als Vertreterin der Menschheit anerkannt. In meinem Buch unternehme ich es, sie rechtlich als den transnationalen "Eigentümer der Erde" darzulegen.
"Um dieses künftige Ziel zu erreichen, bedarf es eines politischen Gesamtwillens"
Wenn man sich aber die Geschichte und das gegenwärtige Wirken der Vereinten Nationen anschaut: Sind sie nicht ein zahnloser Tiger? Und haben sich nicht all die Hoffnungen auf einen transnationalen politischen Gesamtwillen – man denke an die EU-Euphorie in den 80er-Jahren oder an Gorbatschows "gemeinsames Haus Europa" – angesichts der in Klassengesellschaften zutiefst gespaltenen ökonomischen und politischen Welt bis auf die Knochen blamiert?
Alexander von Pechmann: Das sind zwei Fragen, die aber in der Tat eng miteinander zusammenhängen. Sie nennen die Vereinten Nationen einen "zahnlosen Tiger", ich nenne sie, wohl begrifflich genauer, im derzeitigen Zustand einen "machtlosen Eigentümer". Und so, wie ein Tiger ohne Zähne dennoch ein Tiger bleibt, so bleibt ein machtloser Eigentümer dennoch ein Eigentümer.
Und in der Tat sehe ich es als das zentrale politische Problem für die Zukunft, dass und wie dieser "zahnlose Tiger" Zähne erhält. Diese Zähne erhält er nur, so meine Argumentation, im Rahmen einer anderen künftigen Eigentumsordnung, in deren Rahmen die Gesellschaft eben nicht, wie gegenwärtig, gespalten ist in die kleine Klasse der kapitalistischen Privateigentümer und in die große Klasse der davon ausgeschlossenen Lohnarbeiter, und in der sich die Nationalstaaten nicht als bis zu den Zähnen bewaffnete Konkurrenten zueinander verhalten, sondern tatsächlich vereint sind.
Um dieses künftige Ziel von solch vereinten Nationen allerdings zu erreichen, bedarf es in der Tat eines politischen Gesamtwillens, wie Sie sagen, der diese partikularen Klassen- und Nationalinteressen überwindet. Ob dieser Gesamtwille das angesichts der von mir genannten drohenden Zukunftsprobleme des 21. Jahrhunderts tun wird oder nicht, weiß ich nicht. Ich kenne ja die Zukunft nicht. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, und man kann ja dafür auch etwas tun.
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Links in diesem Artikel: [1] https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5872-9/die-eigentumsfrage-im-21.-jahrhundert/?c=313000000 [2] https://www.eigentumsfrage.de/ [3] https://www.philosophie.uni-muenchen.de/lehreinheiten/philosophie_2/personen/pechmann/index.html