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Wie realistisch ist eine allgemeine Corona-Impfpflicht überhaupt noch?

Maßnahme wäre starker Eingriff in Persönlichkeitsrechte. Wie realistisch ist Erfolg mit Blick auf Omikron und saisonale Effekte? Ausblick auf das Gesundheitssystem im demografischen Wandeln

In Deutschland wurde im November 2019 eine Impfpflicht gegen die Masern verabschiedet. Diese soll insbesondere Kinder schützen, die aus medizinischen Gründen keine Impfung gegen das Virus bekommen können.

Kurz gesagt sollen darum alle anderen Kinder sowie die Angestellten in Kindergärten und Schulen geimpft sein – oder sonst den Einrichtungen fernbleiben. (Natürlich gilt nach wie vor die Schulpflicht.) Beim Verstoß drohen Bußgelder, auch gegen die Einrichtungen.

Einige Eltern zogen darum vors Bundesverfassungsgericht. Dieses lehnte im Mai 2020, also kurz nach Beginn der Coronapandemie, erst einmal die Eilanträge gegen das Gesetz ab [1].

Die hohen Richterinnen und Richter wägten die unterschiedlichen Folgen gegeneinander ab – und ließen das Gesetz erst einmal in Kraft. Dabei spielte der Entscheidungsspielraum des demokratisch legitimierten, nämlich vom Volk gewählten Gesetzgeber eine wichtige Rolle.

Mit Blick auf die Bekämpfung des Coronavirus hat nun das Masernschutzgesetz eine ganz neue Bedeutung bekommen. Die Entscheidung wird das Bundesverfassungsgericht erst nach sorgfältiger Prüfung im Hauptverfahren fällen. Diese hätte dann auch eine Signalwirkung für eine Impfpflicht gegen Corona.

Von Bedeutung ist hier auch eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für die Menschenrechte in Straßburg. Dieser erklärte eine Impfpflicht gegen mehrere Viruserkrankungen in Tschechien für mit den Menschenrechten vereinbar [2].

Das gilt aber nur, wenn die Strafen verhältnismäßig sind. Konkret ging es um Geldbußen in Höhe von bis zu 10.000 Tschechischen Kronen (rund 400 Euro). Die Betreuung ihrer ungeimpften Kleinkinder müssen die Eltern dann selbst organisieren.

Erst einmal Wahlkampf

In Deutschland war dann erst einmal Wahlkampf. Trotz der gefährlicheren Deltavariante des Coronavirus spielte die Impfpflicht darin keine Rolle. Im Gegenteil wurde sie sogar ausgeschlossen. An diesem heißen Eisen wollte sich offenbar keine Partei die Finger verbrennen.

Dabei hatte die schwarz-rote Koalition unter Angela Merkel ja das besagte Masernschutzgesetz verabschiedet. Und war das Coronavirus etwa nicht gefährlicher als die Masern? Zudem hat sich die CDU schon auf einem Bundesparteitag 2015 zur Impfpflicht bekannt [3].

Insofern erweisen sich jetzt die Forderungen der auf die Oppositionsbank verdrängten CDU/CSU nach der Impfpflicht als janusköpfig. Was hätte die Unionsparteien, bis Ende 2021 immerhin in der führenden Rolle der Bundesregierung, denn am Einbringen eines Gesetzesvorschlags gehindert? Was, wenn nicht Wahlkampftaktik?

Olaf Scholz' Vorschlag, die Bundestagsabgeordneten selbst einen Gesetzesvorschlag ausarbeiten zu lassen, scheint nun strategisch klug: Gesetzgeber ist ohnehin nur das Parlament, nicht die Regierung; die umstrittene Impfpflicht könnte stärker in der Bevölkerung akzeptiert werden, wenn sie parteienübergreifend eingeführt wird; und falls das Vorhaben doch scheitert, würde man es dem Bundeskanzler nicht so stark anlasten.

Wird die Initiative scheitern?

Wie realistisch sind aber die Erfolgsaussichten? In diesem Zusammenhang ist die Rolle der FDP von Bedeutung, die die individuellen Freiheitsrechte meist stärker gewichtet als die anderen Parteien. Darum kommen auch nach den Wahlen aus ihren Reihen Bedenken gegen eine allgemeine Impfpflicht zur Bekämpfung des Coronavirus, unter anderem vom stellvertretenden Bundesvorsitzenden Wolfgang Kubicki.

Neben den Freiheitsrechten spielt die Gefährlichkeit des Virus, insbesondere seiner vorherrschenden Mutationen, ebenfalls eine wichtige Rolle. Denn der Eingriff in die Persönlichkeitsrechte wird ja mit dem Gesundheitsschutz gerechtfertigt.

Das ursprünglich für den März 2022 anberaumte Ziel zur Verabschiedung der Impfpflicht erscheint nun unrealistisch. Dabei spielt auch die wegen Fasching geringere Anzahl an Bundestagssitzungen eine Rolle. Von außen betrachtet wirft das die Frage auf, wie dringlich das umstrittene Vorhaben wirklich ist, wenn es 2021 wegen des Wahlkampfs und nun auch wegen eines Volksfests aufgeschoben wird.

Vielleicht erledigt sich das Problem aber auch von selbst, nämlich wegen der Saisonalität des Infektionsgeschehens – und womöglich auch der geringeren Gefährlichkeit der Omikronvariante. Wenn es dabei bleibt, dass Omikron zwar viel ansteckender ist, doch weniger schwere Krankheitsverläufe verursacht, würde das die Notwendigkeit der allgemeinen Impfpflicht verringern.

Zudem gibt es zurzeit auch noch keine zugelassenen Impfstoffe, die spezifisch gegen die in vielfacher Weise mutierte Virusvariante entwickelt wurden. Darum scheint bis auf Weiteres auch der Zugewinn an Immunität durch die Impfung geringer.

Für Eingriffe in Grundrechte gilt die Verhältnismäßigkeitsregel: Das heißt, dass eine Maßnahme sowohl wirksam (zur Lösung des Problems) als auch angemessen (mit Blick auf Grundrechtseinschränkungen) sein muss. Beides werden im Endeffekt die deutschen und europäischen Gerichte überprüfen, so viel ist sicher.

Saisonalitäten

Wenn das Gesetz wegen fehlender Sitzungstage nicht im März verabschiedet werden kann, wäre April der nächstmögliche Zeitraum. Da sind wir aber schon im Frühling – und demnach ändert sich das Klima.

Dass das Infektionsgeschehen der Coronapandemie im April/Mai zurückläuft, sahen wir schon 2020 und 2021 [4]. Ein Forscherteam der koreanischen Handong Global University hat hierzu rund 20 wissenschaftliche Studien verglichen und das vor allem auf die steigende Temperatur zurückgeführt [5].

Die Luftfeuchtigkeit spiele wahrscheinlich ebenfalls eine Rolle, auch wenn hier der Zusammenhang bisher weniger klar sei. Breitengrad, Sonnenstrahlung, Luftverschmutzung oder Windgeschwindigkeit seien jedoch eher nicht oder nur geringer von Bedeutung.

Wie Telepolis bereits berichtete, ist eine allgemeine Corona-Impfpflicht auch aus gesetzlicher Perspektive komplex: Dazu hat der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags im Auftrag der Linken-Abgeordneten Sevim Dagdelen im November 2021 ein Gutachten angefertigt [6].

Jetzt oder nie

Nimmt man alles zusammen, erscheint es somit fraglich, ob Deutschland noch eine allgemeine Corona-Impfpflicht bekommen wird. Vielleicht verläuft das Vorhaben schlicht im Sande, wenn die Pandemie im Frühling weniger ein öffentliches Thema sein wird.

Das setzt allerdings voraus, dass Omikron – oder mögliche neue Mutationen – nicht gefährlicher sein werden, als wir zurzeit denken. Gesundheitsminister Karl Lauterbach warnte, dass die Menschen im Herbst 2022 ohne Impfungen unzureichend geschützt seien [7]. Doch welche Virusvarianten es dann geben mag, das kann er freilich auch nicht wissen.

Ich gehe davon aus, dass die allgemeine Impfpflicht entweder bis April kommen wird – oder gar nicht. Das gilt freilich nur unter der Annahme, dass die Pandemie keine unerwartete und dramatische Wendung nehmen wird.

Wenn die Anzahl der in den Krankenhäusern behandelten Covid-19-Patienten weiter abnimmt, könnte die Dringlichkeit bald vom Tisch sein. Dann könnte das Coronavirus schließlich so ungefährlich (und gefährlich) werden wie die saisonale Grippe.

Der Impfstoffhersteller Moderna arbeitet zurzeit tatsächlich an einem Kombi-Impfstoff gegen Corona und Influenza. Wer sich impfen lassen will, hatte dazu bisher zahlreiche Gelegenheiten, insbesondere in den Risikogruppen. Vielleicht wird bald jährliches Angebot für eine Kombi-Impfung so normal wie heute die Grippe-Impfung.

Das allgemeine Problem wird aber bleiben: Wie weit darf man die individuelle Freiheit einschränken, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen? Es gibt zwar kein "Supergrundrecht" Sicherheit, wohl aber eine staatliche Verpflichtung zum Lebens- und Gesundheitsschutz.

Deutschland hat im internationalen Vergleich ein recht gutes Gesundheitssystem – noch. In der Coronapandemie hat man aber gesehen, wie wichtig die "Ressource" Mensch ist. Denn so ein Intensivbett können jedenfalls bis auf Weiteres nicht die Computer allein betreuen, sondern erfordert spezielle Fachkräfte.

In Zukunft mehr Arbeitsdruck

Der demografische Wandel lässt vorausahnen, dass der Druck nicht nur, aber auch im Gesundheitswesen zunehmen wird: Fachkräfte werden sich immer schwieriger finden – und halten lassen. Wenn die Arbeitsbedingungen zu schlecht sind, wechseln sie eben den Arbeitgeber und/oder gleich das Arbeitsgebiet.

Daher gehe ich davon aus, dass der individuelle Druck, sich "gesundheitskonform" zu verhalten, zunehmen wird. Juli Zeh hat in ihrem dystopischen Roman Corpus Delicti ein Szenario geschildert, in dem es Strafen gibt, wenn die Bürgerinnen und Bürger zu wenig Sport treiben oder etwa ihre Urinproben nicht ordnungsgemäß einschicken; Rauchen gilt darin fast schon als Terrorismus.

So weit werden die Einschränkungen in einem demokratischen Rechtsstaat wohl nicht gehen. Der Roman führt uns aber eine mögliche Richtung vor Augen. Ein Lösungsweg könnte sein, individuelle Freiheit stärker mit individueller Verantwortung zu verknüpfen.

Das heißt, dass sich Menschen nach wie vor ohne Strafen für oder gegen Impfungen entscheiden könnten. Falls sie sich aber dagegen entscheiden und es dann später zu einem großen Druck im Gesundheitssystem kommt, könnte ihre Entscheidung folgen haben.

In einem leichteren Szenario könnte das bedeuten, schlicht an den Kosten der Behandlung beteiligt zu werden – wenn man sich das denn leisten kann [8]. Bei einer schwereren Variante könnte beispielsweise der Impfstatus auch bei einer Triage-Entscheidung mitberücksichtigt werden.

Das dürfte bei Impfgegnern Empörung auslösen. Bei einer Triagesituation wird es aber immer Beteiligte geben müssen, die das Nachsehen haben. Die verfügbaren Mittel sind eben nicht unbegrenzt. Und nicht nur die Entscheidung über Leben und Tod, sondern auch schon der immense Arbeitsdruck für das Personal in den Gesundheitsberufen hat es in sich.

Oder mit anderen Worten: Unser Gesundheitssystem ist in dem Sinne solidarisch, als es allen Menschen hilft, die in Not sind. Solidarität ist aber keine Einbahnstraße. Anderen Menschen eine Härte aufzubürden, die leicht vermieden hätte werden können, ist auch nicht gerade solidarisch.

Alternative Verantwortlichkeit

Eine Alternative zur umstrittenen Impfpflicht könnte somit sein, die Entscheidungen erwachsener Menschen für oder gegen eine Impfung ernst zu nehmen. Und für die Individuen würde das bedeuten, Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen.

Wichtig ist, hier keine soziale Selektion vorzunehmen. Das wäre dann der Fall, wenn bestimmte Präventions- oder Impfmaßnahmen nur für wohlhabendere Menschen zur Verfügung stünden. Das ist bei den Impfstoffen aber in der Regel nicht der Fall: Diese sind frei verfügbar, auch wenn es nach Alter und Gesundheit (Beispiel Vorerkrankung) zu einer Priorisierung kommen kann.

Wir sind moralische Subjekte, weil wir einander als solche anerkennen. Im Rechtsstaat und aufgrund der Menschenwürde behält selbst derjenige einigen grundrechtlichen Schutz, der schwere Verbrechen begeht und damit grundlegende Interessen anderer Personen verletzt.

Übertragen aufs Gesundheitssystem könnte das bedeuten: Auch jemand, der prinzipiell gegen gesundheitsschützende Maßnahmen wie Impfungen ist, bekommt eine Grundversorgung. Eine Maximalbehandlung wäre dann aber, bei begrenzten Ressourcen, erst einmal denjenigen vorbehalten, die sich an die Spielregeln des Gesundheitssystems halten.

Das könnten neben Impfungen auch bestimmte Kontrolluntersuchungen sein. So würde auch die höhere Sterblichkeit unter Männern reduziert, die seltener zum Arzt gehen oder häufiger erst dann, wenn es schon zu spät ist.

Voraussetzung für ein solches Modell wäre ein großes Vertrauen in die Institutionen des Gesundheitssystems. Beispielsweise dürften Gewinninteressen privater Akteure oder großer Unternehmen deren Arbeit nicht beeinflussen. Entscheidungen müssten transparent und nachvollziehbar sein, Geheimverträge vermieden werden.

Letztere geraten irgendwann doch an die Öffentlichkeit und dann ist das Entsetzen groß. Bei Verträgen mit Impfstoffherstellern ist das in der Coronapandemie tatsächlich so passiert.

Wer ein solches Modell heute noch für unrealistisch hält, der möge sich einmal die demografische Entwicklung anschauen: Zwar gibt es immer technologische Innovationen, doch in zehn bis zwanzig Jahren wird ein viel kleinerer Teil der Gesellschaft noch am Arbeitsmarkt partizipieren. Wenn sich dann wieder ein gefährliches Virus verbreitet, könnte die Coronapandemie seit 2020 nur ein kleiner Vorgeschmack gewesen sein.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" [9] des Autors.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-6338432

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2020/bvg20-036a.html;jsessionid=0D53D767E51E2B7272538E8135695307.1_cid344
[2] https://www.heise.de/tp/features/Wie-wahrscheinlich-ist-eine-Coronavirus-Impfpflicht-6139221.html
[3] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-12/cdu-beschluss-impfpflicht-kinder-masern-windpocken
[4] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1100739/umfrage/entwicklung-der-taeglichen-fallzahl-des-coronavirus-in-deutschland/
[5] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0013935121002668
[6] https://www.heise.de/tp/features/Bundestagsgutachten-Hohe-Huerden-fuer-Corona-Impfpflicht-6277807.html
[7] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/impfpflicht-debatte-133.html
[8] https://www.heise.de/tp/features/Was-heisst-Solidaritaet-in-der-Corona-Aera-6245180.html
[9] http://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/

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Hey, hey, Wiki!

Bild: Christie Rixford - ™ Wikimedia Foundation, Inc. / CC BY-SA 4.0

Das M-Hörnchen: Che Guevara-Wikimedia und die Befreiung des Wissens auf Kosten der User

Unsere Freiheit und unser tägliches Brot tragen die Farbe des Blutes und stecken voller Opfer.

Che Guevara

Wir alle lieben Wikipedia! Wikipedia ist toll, oder? Wer hat nicht schon mal gespendet für Wikipedia? Denn so etwas muss man doch unterstützen. Hier ist er einmal wahr geworden, der Traum aus den Anfängen des Internet: Ein selbstgeschaffenes, unabhängiges Projekt, zu dem Millionen von Autoren unentgeltlich etwas beisteuern, um auch unentgeltlich etwas zu bekommen: Das größte, beste, detaillierteste und zugänglichste Lexikon der Welt und dies gleich in einem Dutzend Sprachen. Redigiert durch Selbstkorrektur und, von verzeihlichen Fehlern abgesehen, auch ziemlich zuverlässig.

Wunderschön, oder? Oder schön blöd? Warum haben wir eigentlich noch nie etwas für Amazon gespendet? Oder für Facebook? Oder für Apple? Oder für Volkswagen? Genau: Weil dies globale Konzerne sind, gewinnorientiert und an eigenen Geschäftsinteressen orientiert, nicht am Gemeinwohl. Und Wikipedia? Ist eigentlich genau das auch.

Obwohl: Ehrlich gesagt, geht es gar nicht um Wikipedia. Sondern um Wikimedia. Was ist jetzt das schon wieder? Ist das nicht eigentlich nichts anderes als das rechtliche Fundament, also das, was für den Eintrag in die jeweiligen Amtsblätter juristisch notwendig ist, eine Art erweiterte Rechtsform, die dafür sorgt, dass Wikipedia reibungslos funktionieren kann? Hm, nicht ganz.

Geld verdienen mit Gemeingut

Ausgerechnet in der FAZ, die nicht gerade berühmt für ihr kritisches Verhältnis zu Wirtschaftskonzernen ist und auch nicht übermäßig bekannt für investigative Recherche, ausgerechnet dort erschien am vergangenen Dienstag ein ausgezeichneter und in seinen Folgen bahnbrechender Text des Gastautors David Bernet, der erstmals in einem Mainstream-Medium die ökonomischen Hintergründe [1] der Lexikon-Betreiberorganisationen und die dazugehörige massive Lobby-Arbeit in den Fokus rückt.

David Bernet [2], ein in Berlin lebender Schweizer, ist von Beruf Filmemacher und zur Zeit einer der Vorstände des Dokumentarfilm-Verbandes AG Dok [3]. 2015 hat er den Film "Democracy – Im Rausch der Daten" gedreht, in dem es um die Datenschutz-Grundverordnung und um den Kampf für informationelle Selbstbestimmung innerhalb der EU ging. Er ist also "drin" im Thema.

"Wikimedia pervertiert das Gemeinwohl", schreibt Bernet. Bernet. Er zeigt, dass Wikipedia vor allem durch Spenden von Silicon-Valley-Giganten finanziert wird: Google, Facebook, Apple. Es lohnt sich für sie, denn sie verdienen durch Traffic mit Inhalten aus Wikipedia sehr viel Geld. Das reicht dem Wikipedia-Konzern nun nicht mehr.

Bernets Thema ist aber vor allem die aktuell in Angriff genommene direkte und automatische Kommerzialisierung von Wikipedia-Content. Und wofür die kommerziellen Unternehmen bezahlen sollen. Zum Beispiel, wenn Sprachassistenten wie Siri oder Alexa über Wikipedia auf Inhalte zugreifen.

Das oben beschriebene Spendengeschäft auf Gegenseitigkeit würde damit in eine ordentliche Geschäftsbeziehung umgewandelt werden. Der Name dafür: Wikimedia Enterprise API [4], ein 2020 gegründetes "Projekt", dessen Logo lustigerweise ein nüssesammelndes Einhörnchen ist.

Damit sich das Geschäft lohnt, müssen die Wikipedia-Inhalte möglichst kostenlos und rechtefrei sein.

Kalifornische Ideologie und der schmutzige Pakt der TV-Sender

"In diesem Zusammenhang ist auch die seit einigen Jahren anhaltende intensive Lobby-Kampagne von Wikimedia Deutschland für sogenannte 'freie Lizenzen' zu verstehen", schreibt Bernet in der FAZ. Die gern verwendete Formel "Öffentliches Geld = Öffentliches Gut" sei eine "Vulgarisierung des Gemeinwohlgedankens, die den rechtlichen Status von Gütern abwertet", auch solchen, die ohne den Gedanken an ökonomische Auswertung produziert wurden.

Bernet warnt, dass der Wikipedia-Kapitalismus hier von einer typischen Internet-Mentalität profitiere, der "Verquickung von libertärer Staatsverachtung und Kollektivismus-Idealen, die sich in diesem Fall recht schamlos hinter Gemeinwohl-Rhetorik und flimmernden Fantasien vom 'freien Internet' versteckt". Die britischen Soziologen Richard Barbrook und Andy Cameron haben diese Mentalität und ihre Folgen bereits vor 25 Jahren auf Telepolis klarsichtig mit dem Schlagwort "Kalifornische Ideologie" [5] beschrieben.

Bernet greift in seinem Text auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender an, die im Gegensatz zur deutschen Filmbranche über "creative commons"-Lizenzen einen schmutzigen Pakt mit Wikimedia geschlossen haben:

"Warum benötigt Wikimedia überhaupt CC-lizenzierte öffentlich-rechtliche Inhalte? Wikimedia könnte auch ganz einfach eine Pauschallizenzierung mit den zuständigen Verwertungsgesellschaften wie der VG Bild-Kunst abschließen. Genauso wie das Schulen, Universitäten und Bibliotheken tun."

In Bernets frei zugänglichem Artikel ist vieles davon näher ausgeführt. Es lohnt auch der Blick in das Leserforum zum Text [6]. Offenkundig hat Bernet ins Schwarze getroffen und auch vielen Mitarbeitern des Lexikons aus dem Herzen gesprochen, die keineswegs glücklich über das Treiben ihrer Betreiberorganisation sind.

"Die Befreiung des Wissens"

Wer sich ein bisschen informiert, der sieht Bernets Ausführungen und ähnliche Zweifel an der Selbstlosigkeit von Wikimedia bestätigt.

Beim Anklicken der Website der deutschen Wikimedia [7] springt als Erstes die pathetische Formel "Wir befreien Wissen" ins Auge. Sie ist militant. Es geht nach ihr nicht einfach darum, etwas vorhandenes zugänglich zu machen, sondern es wird etwas Verborgenes, Gefangenes, in Ketten liegendes befreit. Wikimedia als Befreiungsbewegung, als Avantgarde der Weltrevolution. So viel Sendungsbewusstsein ist – wie jeder fundamentalistische Gestus – suspekt.

Die deutsche Wikimedia, das ist hier wichtig. Denn zum einen muss man fein unterscheiden zwischen der deutschen Wikimedia und der "Wikimedia Foundation" in den USA. Zum Zweiten ist die Wikimedia Deutschland keineswegs nur für Deutschland zuständig. Deutschland ist einfach ihr Sitz.

Der in vier Punkten formulierte Vereinszweck des deutschen eingetragenen, also steuerlich begünstigten Vereins ist zum einen keineswegs ganz schlicht die Förderung freien Wissens oder der Betrieb des Online-Lexikons, sondern im Gegenteil erstens "die Unterstützung des Betriebs der Wikipedia Foundation", also der US-amerikanischen Stiftung.

Zum zweiten "die Offline-Verbreitung der Inhalte der Wikimedia-Projekte in digitaler oder gedruckter Form", also etwas salopper formuliert die Kommerzialisierung der gratis von unbezahlten Usern erstellten Inhalte. Zum dritten "die Durchführung von Informationsveranstaltungen und die Erstellung und Verbreitung von Informationsmaterial über freie Inhalte, Wikis und die Wikimedia-Projekte", vulgo: PR und Lobbyismus.

Viertens: "die Klärung wissenschaftlicher, sozialer, kultureller und rechtlicher Fragen im Zusammenhang mit freien Inhalten und Wikis". Also der juristische und publizistische Kampf gegen das bestehende Urheberrecht.

Ausbeutung und Enteignung von Millionen Content-Lieferanten

Übersetzen wir das mal: Es geht um die Kommerzialisierung von unkommerziellen Inhalten und um Interessenvertretung eines globalen Konzerns. User erarbeiten in ihrer Freizeit kostenlos Inhalte, mit denen ein Konzern Gewinne macht. Eine geniale Geschäftsidee.

Dazu passt die Aufklärung, wohin eine Wikipedia-Spende fließt. Sie landet nämlich keineswegs, wie die allermeisten glauben, bei Wikipedia, um den Betrieb des Lexikons zu finanzieren. Sondern bei Wikimedia. Die wiederum geben immerhin einen kleineren Teil des Spendenvolumens tatsächlich an Wikipedia weiter. Der größere Teil dient den oben beschriebenen Vereinszwecken. Spender, die öffentliches Wissen und Gemeinwohl-Ideen unterstützen wollen, finanzieren also tatsächlich die Lobby-Arbeit, die PR-Leute und die Hausjuristen eines Konzerns.

"Tja!", wie Luisa Neubauer sagen würde – es ist weit gekommen, wenn Millionen User ein Spiel klaglos mitspielen, in dem sich ein Konzern zum "Che Guevara des Internet" erklärt und mit viel Propagandanebel mit den Formeln "Freie Lizenzen" und "Gemeinwohl" de facto die Wissensproduzenten – denn nichts anderes sind die kleinen wie die großen Wikipedia-Content-Lieferanten – enteignet und im Eigeninteresse des Konzerns entschädigungslos ausbeutet.

Jetzt ist das Thema auf dem Tisch. Es wird noch für Furore sorgen. Wir bleiben dran.


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[1] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/wikimedia-plant-die-kommerzialisierung-ihrer-inhalte-17736141.html
[2] https://www.filmportal.de/person/david-bernet_b3a32c0ca0934b6eb521b6ef3643341a
[3] https://www.agdok.de/
[4] https://meta.wikimedia.org/wiki/Wikimedia_Enterprise/de
[5] https://www.heise.de/tp/features/Die-kalifornische-Ideologie-3229213.html
[6] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/wikimedia-plant-die-kommerzialisierung-ihrer-inhalte-17736141.html
[7] https://www.wikimedia.de

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Kampagne entwirft Zerrbild - AfD sieht Brandenburg als Hort der linksextremen Gewalt

Mi 19.01.22 | 12:16 Uhr

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Die AfD im Brandenburger Landtag steht politisch am rechten Rand und beschäftigt Rechtsextremisten. Parlamentarischen Einfluss und Fraktionsgeld nutzt sie, um Akteure der Zivilgesellschaft anzugreifen. Dafür entwirft sie das Zerrbild eines linksextremistisch verfilzten Bundeslandes. Von Hanno Christ

Eine aktuelle Broschüre der AfD-Fraktion hat es in sich. Über dem Titel "Linker Extremismus in Brandenburg" setzt ein im Comic-Stil gezeichneter Vermummter mit loderndem Molotow-Cocktail zum Wurf an. Wer weiter blättert, liest über "Filzokratie von Staat und Staatsfeinden", über Justiz und Polizei, die auf dem linken Auge blind seien und über "staatlich gezüchtete Kriminalität". Eine Karte klärt über "linke Hotspots" des Landes auf. In Städten wie Potsdam, Cottbus und Frankfurt/Oder tauchen auch hier wieder symbolisch die Molotow-Cocktails auf – brennend versteht sich.

Die These der AfD: Die Gefahr durch Linksextremismus werde nicht nur kleingeredet und verschwiegen, sie werde sogar noch staatlich gefördert. Erst die AfD decke auf, was tatsächlich in Brandenburg passiere. Die Broschüre der AfD-Fraktion, vorgestellt vergangene Woche von der Landtagsabgeordneten Lena Kotré und Fraktionschef Christoph Berndt, zeichnet ein Bild von Brandenburg als Hort der linksextremen Gewalt. Es ist nicht das erste Mal, dass die AfD damit ihre Sicht auf die politische Entwicklung in Brandenburg dokumentiert, aber die wohl bislang aufwändigste.

Netzwerk als Dorn im Auge der AfD

Hauptangriffsziel der Kampagne: Die Organisation Tolerantes Brandenburg und das Bündnis für Brandenburg, ein Handlungskonzept der Landesregierung mit einer gleichnamigen Koordinierungsstelle, die sich für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen soll. In AfD-Broschüre aber heißt es, das Tolerante Brandenburg "spielt sowohl für die linke bis linksextremistische Szene in Brandenburg als auch die Landesregierung eine entscheidende Rolle".

Mithilfe des Netzwerkes werde "Druck auf Vereine" ausgeübt und ihnen ein finanzieller Anreiz geboten, um sie politisch auf eine linksgerichtete Linie zu bringen. Zum Kreis der Nutznießer, den das Tolerante Brandenburg speise, zählt die AfD unter anderem das Moses-Mendelssohn-Zentrum, den Verein Opferperspektive, die Fachstelle Islam, die Brandenburgische Sportjugend oder das Institut für Gemeinwesenberatung DEMOS. Es ist ein Netzwerk, das der AfD ein Dorn im Auge ist.

Angriff auf bewährte Strukturen

1998 gegründet gehört das Netzwerk zu den Fundamenten einer langsam gewachsenen demokratischen Zivilgesellschaft in Brandenburg. Seine Gründung war beispiellos im Osten und eine Reaktion auf eine Welle rechtsextremen Hasses und Gewalt. Nirgendwo sonst in Deutschland war es damals wahrscheinlicher Opfer eines rechtsextremistischen Angriffes zu werden. Die Amadeu-Antonio-Stiftung listet bis heute 29 Todesfälle rechter Gewalt alleine in Brandenburg auf – das letzte 2008. Bis heute gehört Brandenburg bei der Zahl registrierter fremdenfeindlicher, rechtsextremistischer Straftaten zu den traurigen Spitzenreitern der Republik.

Mit dem Toleranten Brandenburg ging die Landesregierung die dauerhafte Verpflichtung ein, sich für eine demokratische Gesellschaft mit Zivilcourage und gegen Rechtsextremismus, Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit einzusetzen, heißt es auf der Internetseite des Netzwerkes. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren. Fast ein Vierteljahrhundert nach seiner Gründung kümmert sich das Netzwerk nicht mehr nur um Rechtsextremismus, sondern um Extremismus jeder Form – aktuell auch aus dem Milieu der Querdenker oder dem Islamismus.

Im Jahr steht dem Toleranten Brandenburg zusammen mit dem Bündnis für Brandenburg ein Etat von fast fünf Millionen Euro für die Unterstützung Projekten von zur Verfügung und zur Finanzierung einer Geschäftsstelle mit sechs Mitarbeitern. Ein vergleichsweise schmaler Etat gemessen an den Gesamtausgaben von 14,7 Milliarden Euro, die das Land Brandenburg für 2022 veranschlagt hat. Mit der AfD hat das Tolerante Brandenburg ungewollt nun einen parlamentarischen Gegenspieler – der dessen Arbeit nicht nur hinterfragt, sondern auch diskreditiert.

Parlamentarische Anfragen als Masche?

Angelika Thiel-Vigh ist die langjährige Chefin des Bündnisses und koordiniert dessen Arbeit. Die heute 65-Jährige war einst Landtagsabgeordnete und Staatssekretärin und fragt sich, ob man sich das wirklich alles gefallen lassen müsse. "Alle Akteure des Netzwerkes werden diffamiert", sagt sie. Für sie ist es zu einer Gratwanderung zwischen Wahrung von Neutralität und Aufbegehren geworden. Seitdem die AfD im Landtag sei, müsste sich der ohnehin kleine Mitarbeiterstab wiederholt Großen und Kleinen Parlamentarischen Anfragen stellen. Das nehme Zeit in Anspruch, die dann für die eigentliche Arbeit an den Projekten fehlt.

Für Thiel-Vigh steckt dahinter bei der AfD System. Mit Informationen über ihre Arbeit hat Thiel-Vigh kein Problem. "Sie können alles sehen, wir haben nichts zu verbergen," sagt sie. Es sei aber auffällig, dass es immer wieder die gleichen Anfragen nach ihrer Förderung, nach ihrer Neutralitätspflicht oder ihrer gesetzlichen Grundlage seien. Immer wieder hätten AfD-Abgeordnete Akten-Einsicht beantragt. "Es ist immer wieder die gleiche Leier", sagt Thiel-Vigh. So kenne man das auch aus anderen Bundesländern wie zum Beispiel aus Sachsen.

Auch dort sehen sich Demokratie-Netzwerke wie das Kulturbüro wiederkehrenden, zeitraubenden Anfragen der AfD ausgesetzt. Bei der AfD aber würden Erkenntnisse aus den Antworten auf Anfragen offenbar gar nicht zur Kenntnis genommen, beobachtet die Bündnis-Leiterin. Sonst würden nicht wiederholt bereits bekannte Fakten abgefragt werden. Mittlerweile frage die AfD auch nach Adressen von Mitarbeitern. Thiel-Vigh sorgt sich um die Sicherheit derjenigen, die sich für das Tolerante Brandenburg engagieren. "So wie wir angegriffen werden, müssen wir gefährlich für sie sein", schließt sie daraus.

Mehr Angriffe von rechts als von links

Die polizeilichen Zahlen sprechen eine klare Sprache, wo in Brandenburg nach wie vor das größte Problem liegt: So zählte die Polizei noch 2020 1.750 rechtsmotivierte Straftaten und 168 linksmotivierte. AfD-Büros und Mandatsträger wurden dabei vergleichsweise am häufigsten Ziel von Attacken, ebenso wie Einrichtungen oder Politiker von Linken und Grünen. 69 Gewalttaten wurden als rechtsmotiviert eingestuft, 12 als linksmotiviert [polizei.brandenburg.de].

Einen Vergleich, den die AfD mit ihrer Broschüre unterlässt: Zwar listet sie die gestiegenen linksextremistischen Straftaten auf, blendet die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Fälle komplett aus. Unhinterfragt muss die Molotow-Cocktail-bebilderte Broschüre zum Linksextremismus auf die Anhänger der AfD einer investigativen Erleuchtung gleichkommen, beweist sie doch vermeintlich bislang unbeleuchtete Zusammenhänge.

Die AfD erscheint als eine unterdrückte politische Kraft, alleine im Kampf gegen das Establishment. Übrigens: Nach Auskunft des Innenministeriums auf eine rbb-Anfrage fand der letzte Brandanschlag auf eine Polizeiwache im Januar 2021 statt. Am Rande einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Spremberg. Eine Attacke, die damals aber als rechtsmotiviert eingestuft wurde.

geschätzte Lesezeit: 10 minDie geschlechtergerechte Bezeichnung der Vögel

Der Beitrag ist eher spassig gemeint, denn man könnte einen ähnlich umfangreichen auch für die Fische, die Reptilien, die Hunde, die Katzen, die Pferde und die Insekten schreiben und hätte dort vermutlich die gleichen Probleme bei der namenmässigen Unterscheidung von Männchen und Weibchen.

Vogelnamen sind zwar mehrheitlich männlich, doch gibt es auch zahlreiche Vögel mit weiblichem und sogar ein paar wenige mit sächlichem Artikel. Wollte man dem Anspruch einer geschlechtergerechten Schreibweise der Vogelnamen Rechnung tragen, wäre es eigentlich notwendig, für die Vögel männliche und weibliche Namen zu führen.

Früher war es allerdings wenig üblich, für die Bezeichnung aller Lebewesen männliche und weibliche Formen zu bilden. Man beschränkte sich bei den Menschen meist auf die Frauen und Kinder. Bei den Haustieren gibt es männliche und weibliche Formen, doch werden sie nicht immer benützt. Die Jäger und Fischer haben jedoch für zahlreiche weitere Tiere, welche regelmässig gejagt oder gefischt wurden, ebenfalls beide Formen gebildet, die aber nur vereinzelt in die Alltagssprache eindrangen und eher dem Jäger- oder Fischerlatein zugeordnet werden. Im Gegensatz zu den Jägern und Fischern findet man bei den Vogelkundlern erstaunlicherweise wenig historisch belegte Vogelnamen mit beiden Geschlechtsformen. Es sind dies die Schwänin, die Pfäuin und die Täubin und bei der männlichen Form fand sich gerade mal, Irrtum vorbehalten, der Spätzerich, der Wippsterz und der Erpel, wobei der Wippsterz eher als mundartliche Form der Bachstelze angesehen wird. Ein eigentliches Vogelkundlerlatein gibt es zwar durchaus, doch blieb es bis heute nahezu geschlechterfrei. Auf ein einziges "Latein"-Beispiel bin ich doch noch gestossen: Beim Gimpel nannte man das Weibchen die Quetsch und das Männchen den Gügger. Sie kamen nur regional zur Anwendung und konnten sich im Volksmund nicht durchsetzen. Sie gelten heute als nahezu vergessen oder einer regionalen Mundart vorbehalten.

Die weibliche Form wird in aller Regel durch das Suffix -in am Wortende gebildet, während es bei der männlichen Form nicht so eindeutig ist. Am häufigsten findet man eine Bildung mit dem Suffix -rich, wie zum Beispiel der Gänserich, doch gibt es auch die Suffixe -ling, -ler und -er, welche man benützen kann. Zum Glück gibt es in der deutschen Sprache eine gewisse Korrelation zwischen der Pluralform und der weiblichen Form. Das bedeutet, dass beide nach ähnlichen Regeln gebildet werden. Im Falle der Unsicherheit bilde man rasch die Pluralform und schon hat man auch die korrekte weibliche Form ermittelt. Beispiel: Der Albatros, wo der Plural Albatrosse lautet. Daraus kann dann die weibliche Form 'die Albatrossin' gebildet werden. Diese Vorgehensweise klärt dann fast alle Probleme mit dem Umlaut auf, denn die Mehrzahlformen der Vogelnamen sind durch den Duden geregelt.

Das Beispiel des weiter unten zitierten Gauchs bzw. der Gauchin/Gäuchin zeigt aber auch auf, wie inkonsequent die deutsche Sprache manchmal sein kann: Mal ist der Umlaut richtig, mal ist er falsch und gelegentlich ist beides richtig. Meist tut der Duden die Benützung des Umlauts als oberdeutsche Marotte ab. Er scheint da ein sehr norddeutsches Sprachgefühl zu haben. Es ist also durchaus möglich, dass ich weiter unter in der Aufzählung doch noch ein eher oberdeutsches Wort habe durchschlüpfen lassen. Bei der Pluralform gilt die Regel, dass die Bildung eines Umlauts am Wortende nicht zulässig ist. Uhü ist also falsch, denn sie fehlt in der Duden'schen Liste der 8 möglichen Pluralbildungsformen. Uhüin wäre aber nicht falsch, weil hier der Umlaut nicht am Wortende ist, doch hat hier die Regel oder besser die Gewohnheit vorrang, dass die weibliche Form der Mehrzahlform entsprechen sollte.

Freiheit bei der Wahl der weiblichen Formen

Für Vögel war es bis anhin ziemlich unüblich, sie nach Geschlechtern zu unterscheiden. Man benützte dazu einfach den Zusatz Männchen und Weibchen, wenn es im Gesamtzusammenhang nötig war, das Geschlecht zu betonen. Gelegentlich benützt man aber auch die Formen Hahn und Henne. Diese Regelung hat allerdings den Nachteil, dass bei längeren Vogelnamen Wortungetüme entstehen, die im Volksmund nicht beliebt sind, wie etwa das Rotschnabelmadenhackerweibchen oder -henne. Dennoch wird diese Variante derzeit gelegentlich angewendet. Ein weiterer Nachteil ist, dass sie die ausdrückliche Forderung nach einer geschlechtergerechten Schreib- und Sprechweise nur auf schwerfällige Art erfüllt.

Bei der nachfolgenden Liste von Vogelnamen sieht man schön, wohin eine geschlechtergerechte Schreibweise führen kann. Sie zwingt bei den Vögeln oft dazu, eine männliche Form zu bilden, die es noch gar nicht gibt, da zahlreiche Vögel bisher nur eine weibliche Form hatten. Ob die männliche Form mit der Endung '-rich' überall akzeptiert wird, ist unsicher, denn sie ist vom Duden noch nicht definiert und fusst allein auf ein paar Beispielen. Auch hier ergibt sich noch viel Freiraum. Und da anzunehmen ist, dass der Duden die geschlechtergerechte Bezeichnung der Vögel nicht vordringlich zu regeln gedenkt, wird es darauf hinauslaufen, dass er dem Volksmund den Vortritt lässt und erst hinterher reguliert.

Da es heute aber immer aktueller wird, entweder ganz bewusst geschlechtsneutral oder dann aber ebenso geschlechtergerecht zu schreiben, wurden von diesem Trend auch die Vögel erfasst. Da der Duden bei zahlreichen Tierarten noch längst nicht alle weiblichen Namen geregelt hat, besteht bei der Bildung der weiblichen Form der Vögel noch viel Freiraum.

In der nachfolgenden Liste findet man wohl den einen oder anderen Vogel bzw. die eine oder andere Vögelin, bei der möglicherweise die von mir verwendete Form als falsch empfunden wird. Dennoch habe ich versucht, die nachfolgend aufgeführten, geschlechtergerechten Formen so gut es eben ging, der gepflegten Schriftsprache anzunähern. Allerdings ging das nicht bei allen Vögeln, sodass einige noch offen bleiben. Auch bei den weiblichen Formen gibt es die eine oder andere Eigentümlichkeit. Das muss aber nicht unbedingt falsch sein, sondern ist einfach ungewohnt. Damit muss man vorerst leben, bis noch bessere Formen gefunden werden. Eigentümlich ist auch, dass es keine Vogelnamen gibt, die mit einem X oder Y beginnen. Ganz offensichtlich nicht nur in der deutschen Sprache.

Geschlechtergerechte Formen für Vögel und Vögelinnen wären dann:

A

- Die Aaskrähe
- der Adler - die Adlerin
- der Albatros - die Albatrossin
- der Alk - die Alkin
- der Alpenbirkenzeisig - die Alpenbirekenzeisigin
- die Alpenbraunelle
- der Alpenstrandläufer - die Alpenstrandläuferin
- die Amsel
- der Ara - die Arain
- das arabische Wüstenhuhn - die arabische Wüstenhenne
- der Auerhahn - die Auerhenne - als Neutrum: das Auerhuhn
- der Austernfischer - die Austernfischerin

B

- die Bachstelze - der Wippsterz
- der Balearensturmtaucher - die Balearensturmtaucherin
- der Bartgeier - die Bartgeierin
- die Bartmeise
- der Basstölpel - die Basstölpelin
- der Baumläufer - die Baumläuferin
- der Baumpieper - die Baumpieperin
- der Bairdstrandläufer - die Bairdstrandläuferin
- der Bekassien - die Bekassine
- der Bergfink - die Bergfinkin
- der Bergstrandläufer - die Bergstrandläuferin
- der Beringstrandläufer - die Beringstrandläuferin
- die Beutelmeise
- der Bienenfresser - die Bienenfresserin
- der Bindenstrandläufer - die Bindenstrandläuferin
- das Blässhuhn - der Blässhahn
- der Blauracker - die Blauracke
- die Blaumeise
- der Blauwangenspint - die Blauwangenspintin
- der Blesshahn - die Blesshenne - als Neutrum: das Blesshuhn
- der Brachvogel - die Brachvögelin
- der Brahminenweih - die Brahminenweihin
- die Braunelle
- der Buchfink - die Buchfinkin
- der Buntspecht - die Buntspechtin
- der Bülbül - die Bülbülin
- der Buschsänger - die Buschsängerin
- der Bussard - die Bussardin

C

- der Chukarhahn - die Chukarhenne - als Neutrum: das Chukarhuhn

D

- der Distelfink - die Distelfinkin
- der Dodo - die Dodoin (ausgestorben)
- die Dohle
- der Dompfaff - die Dompfäffin
- die Drossel
- die Dünnschnabelmöwe

E

- der Eichelhäher - die Eichelhäherin
- der Eilseeschwälbler - die Eilseeschwalbe
- der Eisvogel - die Eisvögelin
- die Elster
- das Emu
- der Erpel - die Ente
- die Eule - Der Heuel

F

- der Falke - die Falkin
- der Fasan - die Fasanin
- der Feldsperling - die Feldsperlingin
- der Feldschwirl - die Feldschwirlin
- der Feuerweber - die Feuerweberin
- der Fichtenkreuzschnabel - die Fichtenkreuzschnäbelin
- der Fink - die Finkin
- der Flamingo - die Flamingin
- die Fledermaus - die Fledermäusin (Säugetier, kein Vogel)
- der Fliegenschnäpper - die Fliegenschnäpperin
- der Flughund - die Flughündin (Säugetier, kein Vogel)
- der Flussuferläufer - die Flussuferläuferin

G

- der Gänserich, Ganser, Ganterich, Ganter - die Gans
- der Gauch - die Gäuchin/Gauchin (beides ist richtig)
- der Geier - die Geierin
- der Gelbkopfamazon - die Gelbkopfamazone
- der Gimpel - die Gimpelin
- der Girlitz - die Girlitzin
- der Gischtläufer - die Gischtläuferin
- der Gleitaar - die Gleitaarin
- die Goldammer
- der Goldsittich - die Goldsittichin
- der Grasläufer - die Grasläuferin
- der Grasmuck - die Grasmücke
- der Grassänger - die Grassängerin
- die Grauammer
- der Graubruststrandläufer - die Graubruststrandläuferin
- der Graureiher - die Graureiherin
- der Greif - die Greifin
- der Grossfusshahn - die Grossfusshenne - Neutrum: Grossfusshuhn
- der Grosstrapper - die Grosstrappe
- der Grünfink - die Grünfinkin
- der Grünspecht - die Grünspechtin
- der Gryllteister - die Gryllteiste

H

- der Habicht, auch Terzel - die Habichtin
- der Habichtskauz - die Habichtskäuzin
- der Hahn - die Henne - als Neutrum: das Huhn
- der Halmsänger - die Halmsängerin
- der Halsbandsitich - die Halbandsittichin
- der Hänfling - die Hänflingin
- die Harpyie
- der Haubentaucher - die Haubentaucherin
- der Hausrotschwanz - die Hausrotschwänzin
- der Haussperling- die Haussperlingin
- die Heckenbraunelle
- der Hoatzin - die Hoatzinin

I

- der Ibis - die Ibissin

J

- der Jägerliest - die Jägerliestin
- der Jerichonektarvogel - die Jerichonektarvögelin
- der Junko - die Junkin

K

- der Kaiserpinguin - die Kauserpinguinin
- der Kakadu - die Kakaduin
- der Kakapo - die Kakapoin
- der Kampfläufer - die Kampfläuferin
- der Kanarienvogel - die Kanarienvögelin
- der Kardinal - die Kardinalin
- der Kasuar - die Kasuarin
- der Katzenvogel - die Katzenvögelin
- der Kauz - die Käuzin
- der Kernbeisser - die Kernbeisserin
- der Kiebitz- die Kiebitzin
- der Kiwi - die Kiwiin
- der Kleiber - die Kleiberin
- der Knutt - die Knuttin
- die Kohlmeise
- der Kolibri - die Kolibriin
- der Kokako - die Kokakoin (Lappenkrähe)
- der Kondor - die Kondorin
- der Königsnektarvogel - die Königsnektarvögelin
- der Königsparadiesvogel - die Königsparadiesvögelin
- der Kormoran - die Kormoranin
- die Kornweihe
- die Krähe
- der Kranich - die Kranichin
- der Kuckuck - die Kuckuckin

L

- die Lachmöve
- der Langzehenstrandläufer - die Langzehenstrandläuferin
- der Lappentaucher - die Lappentaucherin
- die Lerche
- der Laubsänger - die Laubsängerin
- der Löffelstrandläufer - die Löffelstrandläuferin
- der Löffler - die Löfflerin

M

- der Marabu - die Marabuin
- der Mauerläufer - die Mauerläuferin
- der Mauersegler - die Mauerseglerin
- der Meerstrandläufer - die Meerstrandläuferin
- die Mehlschwalbe
- die Meise
- der Merlin - die Merlinin
- der Milan - die Milanin
- der Moa - die Moain
- die Mönchsgrasmücke
- die Möwe

N

- die Nachtigall
- der Nandu - die Nanduin
- die Nebelkrähe
- der Neuntöter - die Neuntöterin
- der Nonnenkranich - die Nonnenkranichin
- der Nymphensittich - die Nymphensittichin

O

- der Ortolan - die Ortolanin

P

- der Papagei - die Papageiin
- der Papageitaucher - die Papageientaucherin
- der Pelikan - die Pelikanin
- das Perlhuhn
- der Pfau - die Pfauin/Pfäuin (beides ist überliefert)
- der Pfefferfresser - die Pfefferfresserin
- der Pfirsichkopf - die Pfirsichköpfin. als Neutrum: das Pfirsichköpfchen
- der Pinguin - die Pinguinin
- der Pirol - die Pirolin
- der Prärieläufer - die Prärieläuferin

Q

- der Quetzal - die Quetzalin

R

- der Rabe - die Räbin
- die Ralle
- die Rauchschwalbe
- der Rebhahn - die Rebhenne - als Neutrum: das Rebhuhn
- der Regenbrachvogel - die Regenbrachvögelin
- der Regenpfeiffer - die Regenpfeifferin
- der Reiher - die Reiherin
- der Rennvogel - die Rennvögelin
- der Rohrdommler - die Rohrdommel
- der Rosenkopf - die Rosenköpfin - als Neutrum: das Rosenköpfchen
- das Rotkehlchen
- der Rotkehlstrandläufer - die Rotkehlstrandläuferin
- der Rotmilan - die Rotmilanin
- der Rotschenkel - die Rotschenkelin
- der Rotschnabelmadenhacker - die Rotschnalbelmadenhackerin
- der Rotschwanz - die Rotschwänzin

S

- die Saatkrähe
- der Sanderling - die Sanderlingin
- der Sandstrandläufer - die Sandstrandläuferin
- der Schlangenhalsvogel - die Schlangenhalsvögelin
- der Schlammläufer - die Schlammläuferin
- die Schleiereule - der Schleiereheuel
- der Schnäpper - die Schnäpperin
- die Schneeammer
- die Schneeeule - der Schneeheuel
- die Schnepfe
- der Schwalbentangar - die Schwalbentangarin
- die Schwalbe
- der Schwan - die Schwänin
- die Schwanzmeise
- der Schwarzmilan- die Schwarzmilanin
- der Schwarzstirnschneegimpel - die Schwarzstirnschneegimpelin
- der Schwarzstorch - die Schwarzstörchin
- der Seeadler - die Seeadlerin
- der Seetaucher - die Seetaucherin
- der Seidenschwanz - die Seidenschwänzin
- der Sichelstrandläufer - die Sicherstrandläuferin
- der Sichler - die Sichlerin
- die Singdrossel
- der Skua - die Skuain
- der Spatz - die Spätzin
- der Specht - die Spechtin
- der Sperling - die Sperlingin
- der Spiessflughahn - die Spiessflughenne
- der Spitzschwanzstrandläufer - die Spitzschwanzstrandläuferin
- der Spötter - die Spötterin
- der Sprosser - die Sprosserin
- der Star - die Starin
- der Steinadler - die Steinadlerin
- der Steinhahn - die Steinhenne - als Neutrum: das Steinhuhn
- der Steinkauz - di Steinkäuzin
- der Steinschmätzer - die Steinschmätzerin
- der Steinrötel - die Steinrötelin
- der Steinwälzer - die Steinwälzerin
- der Steppenkiebitz - die Steppenkiebitzin
- der Stieglitz - die Stieglitze
- der Stockerpel - die Stockente
- der Storch - die Störchin
- der Strandläufer - die Strandläuferin
- der Strauss - die Straussin
- der Sturmvogel - die Sturmvögelin
- der Sumpfläufer - die Sumpfläuferin

T

- der Tannenhäher - die Tannenhäherin
- die Tannenmeise
- die Taube - der Täuberich
- der Teichrohrsänger - die Teichrohrsängerin
- der Temminckstrandläufer - die Temminckstrandläuferin
- der Tordalk - die Tordalkin
- der Trauerschnäpper - die Trauerschnäpperin
- der Triel - die Trielin
- der Trottellümmler - die Trottellumme
- der Truthahn - die Truthenne - als Neutrum: das Truthun
- der Tukan - die Tukanin
- die Türkentaube

U

- die Uferschnepfe
- der Uhu - die Uhuin

V

- der Vireo - die Vireoin
- die Virginawachtel

W

- die Wachtel
- der Waldkauz - die Waldkäuzin
- der Waldrapp - die Waldräppin
- die Waldohreule - der Waldohrheuel
- der Wanderfalke - die Wanderfälkin
- der Wasserläufer - die Wasserläuferin
- der Wassertreter - die Wassertreterin
- die Weidenammer
- der Weih - die Weihin
- der Weissbürzelstrandläufer - die Weissbürzelstrandläuferin
- der Weisskopfseeadler - die Weisskopfseeadlerin
- der Weissstorch- die Weissstörchin
- der Wellenläufer - die Wellenläuferin
- der Wellensittich - die Wellensittichin
- der Wendehals - die Wendehälsin
- der Wiedehopf - die Wiedehöpfin
- der Wintergoldhahn - die Wintergoldhenne
- der Wiesenstrandläufer - Wiesenstrandläuferin
- der Wippsterz: abgeleitet von 'mit dem Bürzel wippen', siehe Bachstelze!
- der Würger - die Würgerin

X

Y

Z

- der Zaunkönig - die Zaunkönigin
- der Zebrafink - die Zebrafinkin
- der Zeisig - die Zeisigin
- der Ziegenmelker - die Ziegenmelkerin
- der Zilpzalp - die Zilpzälpin
- die Zippammer
- der Zistensänger - die Zistensängerin
- die Zwergammer
- der Zwergsäger - die Zwergsägerin
- der Zwergscharber - die Zwergscharbe
- der Zwergstrandläufer - die Zwergstrandläuferin

Mit diesen 263 Vogelnamen dürfte ein Grossteil der bekannteren Vögel abgehandelt sein. Weitere Vögel, die ich vergessen habe, folgen nach und nach, allerdings nicht alle Arten, denn es gibt davon weltweit über 10'000 und nicht alle haben deutsche Namen!

Letztmals nachgeführt am: 20.10.2021

Quellen:
- OGS-eigene, Kluge, lexikon-voegel.de, Birds-online.ch, Wikipedia, Tageszeitungen

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Herr L. stellte uns eine Frage, über die ich bei mir zu Hause schon des Öfteren “gestolpert” bin. Kann eine oder-Frage mit ja oder nein beantwortet werden?

Antwort:

Sehr geehrter Herr L.,

um es gleich vorwegzunehmen: Eine oder-Frage (Alternativfrage) sollte nicht mit ja oder nein beantwortet werden. Siehe auch Canoo-Grammatik. Auf die Frage Möchtest du Kaffee oder Tee? ist die Antwort ja oder nein also nicht möglich. Die Antwort muss entweder Kaffee oder Tee enthalten oder mit Umschreibungen wie das Erste oder das Letztere formuliert werden. Weshalb ist das eigentlich so?

Wenn eine Frage mit ja oder nein beantwortet werden kann, handelt es sich um eine sogenannte Entscheidungsfrage.

Frage: Möchtest du Kaffee?
Antwort: Ja (ich möchte Kaffee) / Nein (ich möchte keinen Kaffee).

In einer mit oder gestellten Fragen werden zwei Entscheidungsfragen miteinander kombiniert:

Möchtest du Kaffe oder Tee? = Möchtest du Kaffee? oder Möchtest du Tee?

Beide dieser Teilfragen können individuell mit ja oder nein beantwortet werden. Wenn man also die Gesamtfrage mit ja oder nein beantwortet, ist nicht deutlich auf welche der beiden Teilfragen diese Antwort sich bezieht. Eine oder-Frage fordert uns auf, eine von zwei (oder mehr) Alternativen zu wählen. Mit einem einfachen Ja oder Nein lässt sich nicht ausdrücken, welche Alternative man wählt. Deshalb ist, wie oben bereits gesagt, eine andere, deutlichere Antwort nötig.

Eine andere Interpetation lautet, dass die Antwort ja sich auf den letzten Teil der oder-Frage bezieht. Die Antwort ja auf die obenstehende Frage würde dann bedeuten: Ich möchte Tee. Dieser Intepretation begegne ich in meinem Alltagsleben des Öfteren, aber es ist mir immer noch nicht gelungen, mich daran zu gewöhnen. Sie wird auch nur auf die Antwort ja bezogen. Bei der Antwort nein wird diese Interpretation nämlich ziemlich kompliziert: Nein, ich möchte keinen Tee und daraus folgt, dass ich Kaffee möchte. Außerdem könnte nein auch noch als keines von beiden interpretiert werden.

Deshalb empfiehlt es sich zumindest in der Standardsprache, der Deutlichkeit halber oder-Fragen nicht einfach mit ja oder nein zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp