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Foto: „Letzte Generation“

1: Was nicht sein kann

Der Mensch weiß zu viel, über sich und die Welt. Selbst unsere eigene Endlichkeit ist uns schmerzlich klar. Einer der wichtigsten Mechanismen unserer Psychohygiene ist deshalb die Verdrängung. Würden wir bei jedem Spaziergang ausführlich bedenken, überfahren werden zu können, wären wir gelähmt vor Angst – und blieben zu Hause. Ebenso normal scheint es, jenes wissenschaftlich belegte Szenario, als Spezies milliardenfach in Tod und Elend zu laufen, im Alltag auszublenden. Wir müssen unser Leben heute leben, egal was in 20 oder 200 Jahren mit der Welt passiert. Der Alltag geht schließlich weiter, auch wenn er unsere Normalität früher oder später zerstören wird.

In diesen Wochen erleben wir vielleicht den Anfang vom Ende einer immensen kollektiven Verdrängungsleistung. Als vorvergangene Woche die Aktivistin Carla Rochel bei Markus Lanz saß, hatte der Diskursaufbruch seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht: „Wie sollte ich denn sonst mit meinen 20 Jahren hier sitzen“, sagte sie, „und über die Klimakatastrophe debattieren können, wenn wir nicht [den Alltag] unterbrechen würden? Und ich weiß, dass das unangenehm ist, weil wir Tag für Tag auf die Straße oder in die Museen tragen, was wir alle so gerne ignorieren würden.“

Nur der Konjunktiv stimmt in diesen Sätzen nicht: Die meisten von uns ignorieren sehr erfolgreich und seit langem die Realität des drohenden Klimakollaps. Doch spätestens in diesem Moment musste man feststellen: Die „Letzte Generation“ hat ihre Themen, Anliegen und Persönlichkeiten mit wenig Budget innerhalb kürzester Zeit in die breite Öffentlichkeit gebracht. Über sie und ihre Schwesterorganisationen „Extinction Rebellion“ und „Just Stop Oil“ wurde so groß berichtet wie über kaum eine Gruppierung der vergangenen Jahre. Die Videos erreichten hunderte Millionen Abrufe, die „New York Times“ kommentierte, Staatschefs äußerten sich. Wer mir ein Beispiel eines quantitativ effizienteren Protests zeigt, bekommt einen unversehrten Monet.

Die qualitativen Reaktionen jedoch waren forsch bis feindlich: Man warf den Aktivist:innen Totschlag vor, stellte sie mit Terrorist:innen gleich, belehrte und beleidigte sie. Die Springer-Presse fuhr eine typische Hetzkampagne rund um den skrupellos instrumentalisierten Fall einer von einem Betonmischer überfahrenen Radfahrerin („Das ist auch eure Schuld, ihr Klimakleber“). Doch selbst in Qualitätsmedien wie dem Deutschlandfunk mussten sich Aktivist:innen schon der Schuldfrage stellen, bevor der Hergang gesichert war.

Es fanden sich genug, die mithetzten: Der FDP-Bundestagsabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff twitterte vom „ersten Todesopfer“ der „Letzten Generation“, sogar Innenministerin Nancy Faeser („jede Grenze legitimen Protests überschritten“) und Justizminister Marco Buschmann sprangen mit Vorverurteilungen und Abwertungen („Dummheit“) bei. CSU-Landesgruppenleiter Dobrindt warnte vor der „Klima-RAF“, und Reinhard Müller soufflierte in der FAZ: „So kann Terror beginnen – und bei Gruppen mit anderen Zielen wäre das längst benannt worden und ein großes neues Kapitel im Verfassungsschutzbericht aufgeschlagen“.

„In Bezug auf die Klimaaktivistinnen und -aktivisten scheint keine Beschreibung zu krass und keine Bestrafungsfantasie zu haarsträubend zu sein“, schrieb Sophie Garbe im „Spiegel“ und beobachtete eine enorme „Aggressivität und Enthemmung“ in der Debatte. Die „Bild“-Zeitung fantasierte schließlich von Selbstjustiz: „Abreißen von selbst festgeklebter Haut dürfte ohne Weiteres in Kauf zu nehmen sein“, folgerichtig tauchen immer wieder Videos von gewalttätigen Übergriffen auf.

Ein Lehrstück an Feindbildpflege – von der statistischen Erfassung in den Berliner Behörden, die Verkehrsbehinderungen nur bei Klimaprotesten ganz genau dokumentieren, bis zu unzähligen Hasskommentaren und Morddrohungen im Netz. Ein Hauch von 1968 weht durch den Diskurs, als Springer mit Hilfe der rechten und konservativen Milieus so lange Stimmung gegen die Student:innen machte, bis Schüsse fielen.

Doch auch aus dem wohlmeinenden Lager der Linken und Progressiven wurde den Protestierenden – von prominenten Grünen wie Cem Özdemir bis Renate Künast, von Klimaforscher Mojib Latif bis Kulturstaatsministerin Claudia Roth, von SZ bis „Zeit“ – erklärt: Das geht nach hinten los. Die intuitive Abneigung, mit der besonders auch das linksliberale Feuilleton reagierte, verdichtete sich am absurdesten in einem Walter-Benjamin-Zitat von Autor und Kunstkenner Florian Illies: Er schrieb vom „Irrtum des Aktivismus“. Den hatte Benjamin 1932 in einem Essay einigen überheblichen Schriftstellern der späten Weimarer Republik unterstellt, weil die völlig realitätsfremd eine Herrschaft der Intellektuellen einführen wollten – also in Thema und Kontext das Gegenteil des zu besprechenden Aktivismus. Vielleicht ein Versehen, aber symptomatisch für das empörte Desinteresse, mit dem dieser Protest bedacht wurde.

In den sozialen Medien lief es nicht besser. Die Gegenargumente reichten von „dafür wird Essen verschwendet“ bis zu „jetzt redet keiner mehr über andere Proteste“ und „die volkswirtschaftlichen Schäden der Blockaden sind zu hoch“, angesichts von 30 Milliarden Aufbauhilfe im Ahrtal eine interessante Rechnung. Dass 2020 auf dem Höhepunkt der Corona-Proteste eine tatsächlich hochgradig zerstörerische Anschlagserie von Rechtsextremen, die der Koch Attila Hildmann im Kampf gegen „Satanismus“ angestachelt hatte, beinahe unbemerkt vorüber ging, zeigt, wie selektiv die Empörung anspringt.

Aktivisten mit Monet hinter Kartoffelbrei im Potsdamer Museum Barberini Foto: „Letzte Generation“

Viele solcher Widersprüche brachte der Protest an die Oberfläche: „Kunst ist wie Kinder“, sagte ein Museumsdirektor, der befragt wurde. Sie müsse Tabu sein, unbedingt schützenswert – ohne zu merken, dass die echten Kinder aus Fleisch und Blut gerade um ihre sichere Zukunft fürchten.

Niemand rede über ihre Forderungen, schallte es den beiden Frauen von „Just Stop Oil“ entgegen, die Tomatensuppe in Richtung eines Van Gogh warfen, was lustig war, denn ihre Forderung steht im Namen, und der wurde hundertmillionenfach wiederholt. Dennoch zeigten sich auch viele derer, die sich mehr Debatte rund ums Klima wünschen, öffentlich skeptisch, ob dieser Protest sich nicht ausschließlich selbst zum Thema mache.

Am vergangenen Sonntag sah sich Aktivistin Carla Hinrichs bei „Anne Will“ mit ähnlichen Anwürfen konfrontiert und bekam gleichzeitig mehrmals die Gelegenheit, niemand geringerem als dem Bundesjustizminister live zur besten Sendezeit den Klimaschutz-Rechtsbruch seiner Regierung anzukreiden. Ihre Kollegin Aimée van Baalen erklärte bei anderer Gelegenheit, was überall zu bezeugen war: dass eine Verhandlung der Legitimität des Protests gar nicht stattfinden kann, ohne die von ihm als Hebel seiner Legitimation herangezogene drohende Katastrophe ebenso zu diskutieren.

Neben einer gewissen Analysefaulheit der Wirkung stach vor allem der nachhaltige mediale und politische Unwillen heraus, die Proteste fehlerfrei abzubilden. Noch Wochen nach den Aktionen in Museen sprach, nur ein Beispiel von vielen, der Liberale Gerhart Baum zwar vom „dummen Zeug“ des RAF-Vergleichs, aber auch von „Barbarei“ der „Zerstörung von Kunstwerken“, obwohl nach wie vor kein einziges Kunstwerk Schaden genommen hatte. In der „Zeit“ schrieb Florian Eichel stur von „Angriffen auf die Kunst“ und damit auch „auf die Freiheit und Demokratie“, um Klimaschutz an sich am Ende wiederum als „Kunst“ einzustufen, da er nur von Eliten betrieben würde.

Es brauchte Wochen, bis eine Headline des Radiosenders FM4 die Wirklichkeit korrekt formulierte: „Schutzscheibe vor Klimt-Gemälde mit ‚Öl‘ beschmiert“ – auch wenn im Text dann schon wieder davon die Rede war, das Gemälde selbst sei beschmiert worden.

Aktion der „Letzten Generation“ vor dem Gemälde „Tod und Leben“ von Gustav Klimt im Leopold Museum in Wien. Foto: aal.photo / Imago

Ein ganzer Diskurs schien einem Prank auf den Leim gegangen, aber nicht nur für einige Schocksekunden, in denen man einen Klimt für immer zerstört sieht, sondern wie Kinder, die noch Wochen nach dem Horrorfilm unterm Bett nachschauen, ob der böse Klimaclown dort haust. Dieser Protest scheint eine Sehnsucht nach Eskalation auszulösen, als würden sich manche fast wünschen, dass wirklich ein Kunstwerk beschädigt wird, damit endlich klare Verhältnis herrschen.

Dass hier nicht die Kunst angegriffen wird, sondern im Gegenteil, wie die Aktivist:innen auch erklärten, ihr Schutz eingefordert wurde, würde man verstehen, wenn man ihnen zuhörte. Dass nur ein ökologisch intaktes System überhaupt erst die Existenzbedingungen – Wohlstand, Frieden, Sicherheit und so weiter – für Kunst und ihre Rezeption zu erzeugen vermag, scheint banal. Markus Lanz versicherte in seiner Sendung: „Ich kenne Plätze in den Dolomiten, da kommt kein Wasser hin, da parken wir die Kunstwerke zur Not.“ Dann sprach er der Aktivistin Rochel die Liebe zur Kunst ab: „Wer so etwas tut, kann die Kunst nicht lieben.“ Das fasst die Haltung des feinsinnigen Bürgertums gut zusammen: Mit Kunst und Essen spielt man nicht, mit eurer Zukunft schon.

Carla Rochel bei Markus Lanz Foto: ZDF

Schließlich gab sogar ein Mann, der bisher eher nicht mit Interesse am zivilen Ungehorsam auffiel, gratis Nachhilfe in aktivistischer Taktik: „Was hat das Werfen von Tomatensaft auf ein teures Kunstwerk (…) mit Klimaprotest zu tun? Was hat das Werfen von Brei auf ein schönes Gemälde mit Klimaprotest zu tun?“, fragte ein ratloser Olaf Scholz in einem Interview mit dem RND. Aus seiner Sicht nichts, so der Kanzler weiter. Der Protest sei „nicht richtig zu Ende gedacht“. Die Aktivist:innen sollten sich etwas anderes auszudenken, „das weniger aufregt“, sagte Scholz. Sehr lustig: der Kanzler des geräuschlosen Zauderns berät die Agenten des Aufruhrs.

Näher mit Theorie und Praxis dieser Protestformen auseinandersetzen mochte sich auch nach Wochen der Verhandlung kaum jemand. Zu genau wusste man, dass das alles nichts bringen kann. Und kam in einem gigantischen, medialen, performativen Widerspruch nicht umhin, den wohl formulierenden, wissenschaftlich argumentierenden, höflichen „Chaoten“ mehr und mehr Raum zu überlassen. Mit einem Bruchteil des Mobilisierungsaufwandes hatte man blitzschnell mehr Präsenz als die üblichen Demonstrations-Rituale. Am Ende saßen die Aktivist:innen bei Lanz und Maischberger und Will, wurden befragt und beschaut, geliebt und gehasst – aber in ihrer Strategie doch erstaunlich wenig ernst genommen.

Dabei und damit hatten sie nach dem Handbuch des disruptiven Protests alles, aber auch alles richtig gemacht. Protest ist kein Schönheitswettbewerb und keine Beliebtheitsgala, sondern ein Schlagen nach dem Alarmknopf. Und Halleluja, ist die Bundesrepublik nun alarmiert. Aber was kommt danach? Was kann man für den weiteren Klimadiskurs lernen? Ich glaube: Wir nähern uns einem entscheidenden sozialen Kipppunkt, dank dieser Proteste.


Foto: „Letzte Generation“

2: Der Plan der Planlosen

Die quer durch alle Lager und Medien wiederholte These, diese Art von Protest sei „kontraproduktiv“, „abschreckend“, kurz: „ein Eigentor“ – sie kommt meistens ohne Erklärung aus, wo denn in diesem Spiel die Tore stehen, was der Ball ist und was das Spielfeld, und warum man bei einem aktuellen Spielstand von 0:6 gegen das Klima so sicher wäre, zu wissen, wie man sonst noch gewinnen kann. Hatten sich denn die Aktivist:innen so gar nichts dabei gedacht, geschweige denn, wie vom Kanzler gefordert, „zu Ende“? War das „blinder Vandalismus“ von verzweifelten Seelen, ein Hilfeschrei der Hoffnungslosigkeit? Schrecklicher Verdacht: Man hätte erfahren, wie gut vorbereitet sie sind, wenn man nur ernsthaft mit diesen seltsamen Leuten gesprochen oder wenigstens ihre Webseite gelesen hätte.

In einem menschlichen Reflex aus Bauchgefühlprojektionen und Gesellschaftssimplifizierung wurde allerorts behauptet, dieser Protest würde die Leute, die man doch so dringend bräuchte, nur abschrecken. Als wären die bisherigen Mittel so viel erfolgreicher gewesen. Als würden alle so funktionieren wie man selbst. Und als wären alle ein bisschen doof, weil sie nicht zwischen Protest und Zweck und Mittel unterscheiden können.

Gestützt wird sich dabei vor allem auf eine Umfrage des Instituts Civey: 81 Prozent empfinden danach die Protestformen („z.B. Straßenblockaden“) als zu weitgehend. Eine Bewegung und ihre Protestformen müssen jedoch nicht beliebt sein, um erfolgreich zu sein. Selbst eine charismatische Persönlichkeit wie Martin Luther King beispielsweise war 1966 in den USA bei 64 Prozent der Bevölkerung völlig unbeliebt, auch weil seine Bewegung deutlich radikaler war, als ikonische Worte wie „I have a dream“ im Nachhinein klingen.

Wer echte Veränderung will, macht sich selten Freunde, allein schon, weil nur Konflikte es in die Nachrichten schaffen. Dieses sogenannte „Activist’s Dilemma“ ist in der Forschung ausführlich beschrieben – aber gilt in seiner politischen Wirkung als umstritten. Welche jüngere Studie zu Klimaprotesten man auch betrachtet: so lange sie beim friedlichen zivilen Ungehorsam bleiben, schaden sie dem Anliegen nicht oder kaum. Die betreffende Umfrage sagt also nur aus, dass 81 Prozent die Protestform nicht gut finden. Und nicht, was sie mittelfristig sozial wie politisch auslöst.

Und was für ein Menschenbild steht auch hinter dieser Gleichsetzung? Als würden vernunftbegabte, informierte Bürger:innen eines Industrielandes ein paar Protestaktionen langfristig mehr aufwühlen als das Überleben der Menschheit. Als hätten wir alle vorher kollektiv emsig an den Lösungen der Krise gearbeitet, bis diese bösen Klima-Chaoten uns dabei störten. Als müsse Protest gefallen, um legitim und wirksam sein zu können, und als wäre dagegen der zivile Gehorsam der deutschen Nationalmannschaft, die sich in Katar nicht einmal eine One-Love-Armbinde zu tragen traut und deren Sprecher Steffen Simon allen Ernstes dazu sagte, man habe zwar eine Binde verloren, „aber nicht unsere Werte“ – aber lassen wir das lieber.

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Hört man den zu selten befragten Protestforscher:innen zu, erfährt man: Wirksame soziale Bewegungen nutzten meistens „radikale Flanken“, um eine verdrängende Gesellschaft an den Tisch zu zwingen. Als historische Beispiele taugen hier neben Malcom X und den Black Panthers vor allem die Sufragetten; aber auch andere epochale Vorbilder wie Nelson Mandelas ANC und Mahatma Gandhis Unabhängigkeitsbewegung gingen nicht komplett gewaltfrei vor, kannten Taktiken der Blockade und des zivilen Ungehorsam. Dieser entzündete in Person von Rosa Parks das Ende der Rassentrennung in den USA, ihre Statue steht heute im Kapitol von Washington.

Über 347 Anschläge gegen Gegenstände und Sabotageakte verübten die britischen Frauenrechtlerinnen allein im Jahr 1913 in London, und gelten deshalb sogar als Erfinderinnen der Briefbombe. Ihr Motto: So lange das System uns Gewalt antut, dürfen wir dem System Gewalt antun – jedenfalls seinen Orten, Gegenständen, Institutionen. Diese Argumentation beleuchten theoretische Texte von Thoreau bis Habermas, von Rawls bis Arendt. In Deutschland gibt es unter anderem mit der Studenten- und der Anti-Atomkraft-Bewegung prominente Beispiele, wie ziviler Ungehorsam spätestens im Nachhinein als Bestandteil einer gesunden, lernfähigen Demokratie eingeordnet wird.

Ins Gegenteil verkehrt sich auch die These, die „Letzte Generation“ würde die Früchte der Arbeit von „Fridays For Future“ zerstören, wie Konstantin Kuhle (FDP) es im Bundestag markig ausdrückte: „Die ‚LetzteGeneration‘ reißt mit dem Hintern ein, was Luisa Neubauer und Greta Thunberg mühsam aufgebaut haben“ (denen übrigens, wie man in diesem Interview mit Neubauer sehen kann, vor wenigen Jahren exakt die gleichen Vorwürfe begegneten, um jetzt selbst von Politiker:innen als Vorzeigebewegung gelobt zu werden). Eine radikale Flanke lässt, wie bei Kuhle live zu beobachten, die moderateren Ableger einer diversen Bewegung im Gegenteil attraktiver und anschlussfähiger erscheinen. Auch dieser Effekt ist historisch gut erforscht.

Die Empirie bezüglich gegenwärtiger Bewegungen ist naturgemäß ungleich dünner. Einstellungsveränderungen auf Grund von jüngsten Aktionen sind sehr schwer nachzuvollziehen. Experimentelle Studien liefern eher positive Ergebnisse, sind aber wegen Laborbedingungen nur bedingt aussagekräftig. Welche Probleme zudem eine Forschungsrichtung hat, deren Wissenschaftler:innen oft selbst Teil der Klimabewegung sind, hat der Soziologe Sven Hillenkamp hier aufgeschrieben. Aber es gibt aktuelle Daten: Nach den ersten Protesten von „Just Stop Oil“ in England 2021 stieg in einer repräsentativen, dreistufigen Befragung die Bereitschaft zu Klimaschutzmaßnahmen leicht, obwohl die Aktivist:innen unter anderem mit Fußballunterbrechungen nervten.

Alles noch keine Beweise für die konkrete Wirkmacht der „Letzten Generation“, allein schon weil wir grundsätzlich zu wenig wissen, wie Überzeugung wirklich funktioniert. Gesellschaftliche Aushandlungsprozesse sind komplexer als Umfragen. Politisch wirksamer Druck entsteht selten durch direkten Bürger:innenwille. Manchmal hilft eine Polarisierung, manchmal schadet sie. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man starke Indizien gegen die von vielen Medien nachgebetete Intuition vom Eigentor, keinen „wirren Wahn“ (Illies) am Werk, sondern etwas strategisch Fundierteres und kühler Gezieltes als die meiste Kritik.

Selbstverständlich ist dieser Protest hässlich, wo er für Schockbilder Kunst riskiert, zumal eine gewisse Gefahr der Beschädigung unschätzbarer Werte bestand (wenn es auch erstaunlich ist, wie viele Beobachter:innen den Aktivist:innen spontan zutrauten, einfach ihr Glück mit einem potenziellen Millionenschaden versucht zu haben). Natürlich habe man recherchiert, sagte Carla Rochel bei Lanz trocken.

Foto: „Letzte Generation“

Und dennoch muss man, wie bei jedem Protest für jedes Ziel, diskutieren, wo das Verhältnis stimmt. Ob Straßenblockaden nicht ein zu großes Risiko darstellen, ob es nicht eine Frage der Zeit ist, bis ein Rettungseinsatz entscheidend behindert wird. Ob man statt Kunstwerkglasscheiben nicht lieber wie in England die von Luxusautohäusern bespritzen sollte. Ob die Terminals für Privatjets, wie sie in den Niederlanden blockiert wurden, nicht die besseren Orte des zivilen Ungehorsams sind als Museen und Autobahnkreuzungen (ein ähnlicher Protest in Berlin verhallte kaum bemerkt). Ob die Adressaten, die Antagonisten im Narrativ dieses Protestes die richtigen sind.

Wenn man eine Aktivist:in wie Carla Hinrichs dazu befragt, kommt eine Gegenfrage: Ob man davon erfahren habe, dass die „Letzte Generation“ im April diesen Jahres über 30 Mal deutsche Öl-Pipelines abgedreht und dabei der fossilen Industrie einen Millionenschaden zugefügt habe? Nein, wusste ich nicht. Und auch niemand aus meinem hinreichend gut informierten Umfeld. Das, sagt Hinrichs, sei ein Beleg dafür, dass das Unterbrechen von fossiler Infrastruktur kaum mediale Aufmerksamkeit brächte. Zu moralisch eindeutig, könnte man vermuten, kein Aufreger.

Die „Letzte Generation“ halte jeden Vormittag ein Strategie-Meeting ab und diskutiere immer wieder ihre Maßnahmen und Ziele, sagt Hinrichs. Sie seien selbst überrascht gewesen, wie sehr die Tomatensuppenaktion von „Just Stop Oil“ einschlug. „Wir machen eben, was funktioniert.“ Im Vergleich zu briefbombenden Sufragetten, von denen sich eine sogar tödlich verletzte, als sie sich 1913 vor das Pferd des Königs warf, sind die Aktionen der „Letzten Generation“ zum Glück völlig brav. Sie wissen warum: Ihre vergleichsweise harmlosen Mittel sind viel zu erfolgreich darin, den Diskurs zu kapern, als dass man auch nur über Gewalt nachdenken müsste. Unzählige weitere Schmerzpunkte der offenen Gesellschaft lägen blank, es gebe noch viele Ideen, sagt Hinrichs.

Dass die Organisationen selbst einen sehr genauen Plan davon haben, den aber niemand wirklich erfragte, ist ein merkwürdiges Versäumnis dieses Diskurses. Es gibt ganze Vorträge online, in denen beispielsweise „Extinction Rebellion“ (ER) die Mobilisierungsstrategie hinter den Aktionen erklärt. ER stützt sich besonders auf die „3,5 Prozent“ der Bevölkerung, die es laut einer berühmten Studie der Protestforschung braucht, um selbst autoritäre Regimes zur Umkehr zu zwingen.

Im Falle der „Letzten Generation“ und „Just Stop Oil“ ist der Anspruch, Mehrheiten zu erzeugen, allerdings ein vornehmlich von außen herangetragener. Die Bewegungen wenden sich ausdrücklich nur an die Regierung. Sie fordern mit dem 9-Euro-Ticket und Tempolimit 100 teilweise schon erprobte, breit mitgetragene, überschaubare, umsetzbare Schritte.

Die angesichts dieser maßvollen Ansprüche umso heftiger erscheinenden Reaktionen, die erratische Aggressivität mancher Gegenrede, die Machtdemonstration des Rechtsstaates, der in Bayern ein umstrittenes Antiterrorgesetz nutzt, um dutzende Aktivist:innen ohne Prozess mehrere Wochen in „Präventivgewahrsam“ zu nehmen (und damit laut Aktivist:innen mehr zur Mobilisierung beiträgt als jede Kampagne), dazu die überwiegende mediale Verweigerung einer konstruktiven Auseinandersetzung  – das sind alles Zeichen eines sozialen Systems, das sich gegen eine aufgezwungene Ausleuchtung seiner kognitiven Dissonanzen wehrt. Oder auch: Das sich einem Kipppunkt nähert. Wir stehen damit möglicherweise an der Schwelle zur dritten Phase des Klimadiskurses. Denn wir beginnen, die Krise, ihre Abgründe und ihre Widersprüche nicht mehr nur zu diskutieren. Sondern sie zu fühlen.


Foto: „Letzte Generation“

3: Das Ende der Verdrängung

Erst war „Klima“ lange ein Thema unter vielen, dann zu groß und zu kompliziert und zu anstrengend, um angemessen behandelt zu werden. Erst kontrovers diskutierter Protest holt all diese Konflikte in alle Gesellschaftsbereiche und Wohnzimmer. Er zwingt uns, die Verzweiflung der Aktivist:innen angesichts einer hochgradig unsicheren Zukunft mitzufühlen. In unserem „finite pool of worries“, wie eine psychologische Hypothese heißt, also in unseren begrenzten Ressourcen der Sorge, wird die Zerstörung unserer Lebensgrundlage angemessen übergeordnet. Und politisch wird Klima dadurch endlich das, was es längst hätte sein sollen: zur diskursiven conditio sine qua non; zu der einen Frage, die beantwortet werden muss, bevor man andere angehen kann.

Juristisch sind wir schon so weit. 2021 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass sich aus dem Grundgesetz eine Pflicht zu ausreichendem Klimaschutz ergebe, weil sonst die Freiheit künftiger Generationen gefährdet sei. Und dass das Klimaschutzgesetz dahingehend unzulänglich, also verfassungswidrig sei. Zuletzt sprach das Amtsgericht Berlin-Tiergarten einige Aktivist:innen der „Letzten Generation“ frei (ebenso eine Richterin in Flensburg einen Baumbesetzer), weil die existenzielle Bedrohung durch die Klimakrise dem Strafrecht überzuordnen sei (und auch im Interesse der von der Blockade betroffenen Autofahrer:innen und Einsatzkräfte sei). Als Bundesjustizminister Buschmann sie bei Anne Will über ihren Rechtsbruch belehrte, sagte die Aktivistin und Jura-Studentin Carla Hinrichs ihm ins Gesicht, dass er das Grundgesetz breche.

Carla Hinrichs mit Marco Buschmann bei Anne Will Foto: Das Erste

Genau das wird durch eine radikale Flanke erreicht: Die Systeme gesellschaftlicher Organisation (Politik, Medien, Zivilgesellschaft) können ihr Anliegen nicht länger ignorieren. Und die folgende Diskussion zwingt viel mehr Menschen als zuvor, die Widersprüche nicht nur zu hören, sondern zu fühlen. Ein Justizminister, der selber Recht bricht. Eine Medienelite, die selbst verwirrt ist. Ein Land der Ordnung und Sauberkeit, das nicht in Ordnung ist und die Welt überdurchschnittlich verschmutzt.

Meine gute Freundin Samira El Ouassil schenkte mir einen Vergleich: Kollektiv sitzen wir in einer U-Bahn, in der ein Obdachloser zu betteln beginnt; die meisten versuchen ihn zu ignorieren, sein Elend, die Ungerechtigkeit, die kollektive Scham. Nur wenige schauen hin und geben etwas. Alle anderen suchen nach Ausreden, er solle doch arbeiten oder wenigstens Musik machen für Geld, sich erst einmal waschen und überhaupt, nicht so laut reden. Die Behörden, schlimmstenfalls die Security werden sich schon um ihn kümmern. Das grundlegende Problem Armut und Ungerechtigkeit verdrängen dabei alle.

Manche hassen die Aktivist:innen nun, angefeuert von Medien wie der „Bild“-Zeitung, die nur davon leben. Aber glücklicherweise haben viele Menschen andere Ressourcen zur Verfügung, allen voran empathische und moralische. Wenn wir einen aus Verzweiflung drastisch handelnden Menschen sehen, fragen wir uns unwillkürlich: Wenn es diesen Leuten so ernst ist, sollte es mich auch kümmern? So beginnen langfristige Diffusionseffekte der Überzeugung und Nachahmung. Die interessante Frage ist deshalb weniger, wie man solchen Protest spontan empfindet. Sondern wie viele Menschen in den nächsten Wochen und Monaten anfangen zu googeln: Drei Grad zum Beispiel oder Klimakollaps oder unbewohnbare Erde.

Eine weitere spezielle Dissonanz: Alle Information liegt frei verfügbar für die meisten Menschen nur ein paar Handbewegungen entfernt. Und trotzdem kümmert es die meisten nicht. Selbst Journalist:innen, deren Beruf das Aufnehmen und Aufbereiten dieser Informationen sind, verdrängen noch viel zu oft, wie Ann-Kristin Tlusty es in der „Zeit“ offen gesteht: „Nach 50 Seiten ging es mir so schlecht, dass ich das Buch beiseitelegte.“ Sie hatte „Deutschland 2050“ gelesen, ein Buch über die Auswirkungen der Katastrophe hier. Und sich danach in Zynismus geflüchtet, um nicht fühlen zu müssen.

Diese Diskrepanz zwischen Sein und Bewusstsein legt der Protest frei. Seine Hoffnung: Wenn das Wissen um eine mögliche dystopische Zukunft unignorierbarer wird, kippt die Beschämung der Störer früher oder später in eine Scham der Passiven.

Wie diese Scharniere tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderung ohne Druck von außen oder neue Argumente funktionieren, hat der britisch-ghanaische Philosoph Kwame Anthony Appiah in seiner Studie „Eine Frage der Ehre – Wie es zu moralischen Revolutionen kommt“ beschrieben. Erst schämt man sich, gegen die Normalität zu verstoßen. Dann schämt man sich, so lange an der Normalität festgehalten zu haben. Dazu braucht es viele, aber weitaus weniger Menschen, als man annehmen würde: einige Tausend Frauen, die als Sufragetten für ihr Wahlrecht kämpften. 20 Prozent der (britischen) Männer, die 1833 eine Petition gegen die Sklaverei unterschrieben. 3,5 Prozent, die auf die Straße gehen müssen. Gegen sie ist langfristig kaum Politik zu machen.

Kurzfristig wird Politik aus der Angst der Entscheidungsträger vor den Konsequenzen, vor Unruhe und unbequemen Widerstand gemacht. Langfristig von tektonischen Verschiebungen der Stimmung.

Was genau verdrängen wir heute noch? Erstens: Dass wir Vampire sind, die den Planeten aussaugen. Davon hat der Planet, nein, hat die Menschheit Fieber bekommen. 1,5 ist krank, 3 Grad gefährlich, mehr als 4 Grad tödlich. Das wissen wir, und doch versagen wir kollektiv, es zu senken. Die Klimakrise scheint bis dato ein „wicked problem“ zu sein, ein unlösbar verkeiltes Problem, wie Jens Beckert in der „Zeit“ noch einmal darlegte. Die Profitinteressen einer sagenhaft reichen und skrupellosen Industrie sind zu groß, die Politik ist zu sehr auf Wachstum angewiesen, die Bevölkerung zu passiv. Alle bedienen sich am Kollektivgut Klima, keiner der trittbrettfahrenden Nationen will als erste damit aufhören, daher die Paralyse.

Ohnmacht in einer beängstigenden Situation ist ein sehr negatives Gefühl. Um sie und die nachfolgende Scham nicht fühlen zu müssen, brauchen wir die Verdrängung. Deshalb klammern wir uns an die Simulation einer Normalität, an die Utopie eines zu bewahrenden Status Quo. Mit im Kern widersprüchlichen Begriffen wie „Wohlstand“, der besser „Wohlbeute“ heißen müsste, weil es in einem ausbeuterischen System keine Stabilität geben kann. Mit einem Verzichtsdiskurs, der uns einredet, unser CO2-Sparen löse das Problem schon. Mit einem modischen Fatalismus, der im Verzicht aufs Kinderkriegen mündet.

Foto: „Letzte Generation“

Die konkrete politische Situation in Deutschland ist eine ironische Spiegelung der Proteste: Politiker der Beharrung wie Verkehrsminister Volker Wissing blockieren jeden Weg zu einer echten Klimapolitik, das Pariser Abkommen wird gebrochen (so wie in allen anderen 186 Unterzeichnerstaaten auch), als Reaktion auf die von Russland ausgelöste Energiekrise klebt man sich auf Jahrzehnte an andere fossile Abhängigkeiten, Christian Linder empfindet ein Tempolimit als „nicht erforderlich“.

Obwohl allen klar ist, dass Naturkatastrophen, Pandemien, Dürren, Fluten, Hungersnöte, Bürgerkriege, Migrationsbewegungen, Wasserknappheiten und Hitzetote zunehmen werden, zigfach schlimmer als heute, wird die Externalisierung von Kosten nicht nur nicht sanktioniert, sondern meist noch mit Profit belohnt. Kein Wunder, dass viele Menschen einfach resignieren. Oder sich einreden, die Regierung hätte schon alles im Griff.

Das ist die zweite Ebene der Verdrängung: Wir wollen nicht glauben, dass der Fahrer des Wagens, in dem wir hilflos auf der Rückbank auf den Abgrund zurasen, die Hände nicht am Steuer hat. „Was, wenn die Regierung das nicht im Griff hat“, fragt die „Letzte Generation“ auf ihren Bannern. Und was, wenn in Wirklichkeit der Beifahrer, die fossile Industrie, weiter fest gen Abgrund steuert, weil sie bei der rettenden Vollbremsung unangeschnallt aus der Windschutzscheibe fliegen würde?

„Wir kämpfen um unser Leben“, sagte UN-Generalsekretär António Guterres, wiederholte Carla Rochel bei Lanz, „und wir verlieren.“ Das Ende des Ökosystems, wie wir es kennen, kampflos hinzunehmen – das wäre der eigentliche Wahnsinn. Verrückt ist nicht, wer dagegen Widerstand leistet, sondern wer die Zerstörung akzeptiert. Angesichts der Skala der Verwüstung erscheint ein bisschen Essen auf Glasscheiben und die Blockade einer Straße ein völlig adäquater Protest.

Unsere Reaktanz kommt vermutlich auch daher, dass wir selbst wissen: Die natürliche Reaktion auf große Gefahr ist nicht mehr Alltag. Sondern die Aufkündigung der Normalität. Die Aktivist:innen sind nicht verzweifelt oder defätistisch, im Gegenteil: „Die Optimistischsten kleben sich an die Straße“, schreibt Nele Pollatschek in einem der wenigen Texte, die nicht als Prämisse die Proteste für kontraproduktiv erklären. Oder wie Carla Rochel bei Lanz sagte: „Ich bin voller Hoffnung. Sonst würde ich mich ins Privatleben zurückziehen.“

Das ist die dritte, noch wichtigere Ebene der Verdrängung: Wir verdrängen, wie mächtig wir sein könnten. Wir, die wir die Klimakrise angeblich verstanden haben, danach einkaufen und wählen, mäkeln immer noch bequem von zu Hause aus, statt zu streiken und zu blockieren oder eben auszuprobieren, was immer wir an Protest für wirksamer halten. Wir sind die desillusionierten Fatalisten. Wir sind die Endzeitsekte, die existenzielle Verwüstungen akzeptiert, nur weil wir das perfekte Gegenmittel noch nicht gefunden haben. Bevor wir uns schmutzig machen, uns im direkten Kontakt mit den Gegnern vielleicht sogar wehtun, erzählen wir uns in sicherer Distanz lieber gegenseitig, dass man das Spiel sowieso nicht mehr gewinnen könne.

Auch deshalb nerven die Aktionen: sie zeigen, was möglich ist, und stellen damit jedem Menschen die unangenehme Frage, ob man lieber an einer zerstörerischen, aber kollektiv akzeptierten Normalität festhält, oder diese schleunigst aufkündigt und aktiv wird. Und deshalb, weil dieser Protest diesen Selbstbetrug und seine Konfliktlinien heller ausleuchtet als jemals einer zuvor, ist er genau der richtige. Er verunmöglicht, im „gleißenden Licht einer klaren moralischen Frage“ (Salman Rushdie), den Kern unserer mächtigen Verdrängung.

Was kommt danach? Der französische Philosoph Bruno Latour fordert in seinem neuen, letzten Buch „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse“ (gemeinsam mit Nikolaj Schultz), dass die „ökologische Klasse“ sich endlich findet – also diejenigen, denen der Schutz der Lebensgrundlagen am wichtigsten ist. Dazu muss diese Klasse jedoch nicht nur wissen, was ihr Ziel ist. Sondern auch, was sie zu opfern bereit ist. Die Protestierenden opfern momentan ihre Zeit, Ressourcen, Energie und Freiheit. Die Kräfte der Beharrung opfern ihre Energie, um sie abzuwerten. Was opfern wir anderen?

Soeben ging die 27. Klimakonferenz zu Ende, und sie lieferte nicht einen Funken Hoffnung, warum die nächsten 27 mehr für die Rettung von Milliarden Menschen tun sollten. „Wissenschaftlich gesehen ist das kein Klimaschutz“, sagte Mojib Latif und forderte, mit diesen Konferenzen aufzuhören. Man kann angesichts dessen mit gutem Grund mutlos sein. Man muss aber auch feststellen: Wir haben noch gar nicht angefangen zu kämpfen. Deshalb senden diese Proteste, wenn sich der Rauch der Empörung verzogen hat, eine Botschaft voller Hoffnung: Es ist nicht zu spät. Es ist nicht allen egal. Und sie stellen jedem einzelnen eine kleine, mächtige Frage: Wo stehst du?

Korrektur, 29. November. Wir hatten eine Anschlagsserie auf Kunstwerke fälschlicherweise auf das Jahr 2022 datiert; sie fand 2020 statt.

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Werden die Klimaproteste militant, wenn sie ohne Wirkung bleiben? Ja, aus Notwehr, warnt der langjährige Aktivist Tadzio Müller. Ob sich daraus eine Untergrundbewegung entwickle, habe die Gesellschaft in der Hand.

Zur Person:
Tadzio Müller (45) ist Politikwissenschaftler, Autor und seit zwei Jahrzehnten Aktivist, unter anderem in der globalisierungskritischen Bewegung. Seit 2008 baut er die Klimabewegung in Deutschland mit auf. Im Jahr 2014 hat er die Anti-Kohle-Kampagne »Ende Gelände« mitbegründet. Zuletzt arbeitete er als Referent für die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

SPIEGEL: Herr Müller, gerade ist die Weltklimakonferenz zu Ende gegangen – mit einem historischen Ergebnis, wie die Bundesumweltministerin sagt. Was sagen Sie?

Tadzio Müller: Unmittelbar nach der Weltklimakonferenz in Kopenhagen hat man auch erzählt, sie sei ein großer Erfolg gewesen. Heute gilt sie als kolossal gescheitert. Das hat mit Gipfelidiotie zu tun. Die Teilnehmer entwickeln einen Tunnelblick. Sie starren zwei Wochen auf irgendwelche Klammern und glauben irgendwann, es sei entscheidend, ob da »phase out« oder »phase down« steht.

SPIEGEL: In Glasgow wurde die Passage zum Kohleausstieg zum Schluss noch so geändert, dass dort »phase down« steht, also schrittweiser Abbau, und nicht mehr »phase out«, also Ausstieg,…

Müller: …was überhaupt keine Bedeutung hat. Ich kämpfe seit mehr als einem Jahrzehnt gegen Kohle, diese Begrifflichkeiten existierten bis jetzt gar nicht. Und über solche Details verkämpft man sich. Das ist wie ein Elfmeterschießen beim Fußball: Du musst nichts von Fußball verstehen, um von der Dramaturgie gefesselt zu werden. Das geht selbst den guten Leuten so, die bei so einer Klimakonferenz dabei sind.

SPIEGEL: Man sieht vor lauter Klammern den Epochenbruch nicht mehr?

Müller: In den USA sind große Teile des Landes verbrannt, andere sind abgesoffen. Im Ahrtal starben mehr als 180 Menschen in Fluten, in Südeuropa standen die Wälder in Flammen. Ich hoffe, dass dieser Sommer etwas verändert hat. Es gab fast nichts mehr zwischen Verbrennen und Absaufen. Eigentlich sollte bei jedem angekommen sein, dass wir vor einem Epochenbruch stehen.

SPIEGEL: Dann läuft es also ganz gut für die Klimabewegung, der Sie seit mehr als zehn Jahren angehören?

Müller: Ganz und gar nicht. Der Ausstoß von Treibhausgasen und die Konzentration in der Atmosphäre steigen weiter. Der zentrale Mechanismus, auf den Ökobewegungen immer aufgebaut haben, funktioniert nicht mehr: Protestbewegungen lenken als Feuermelder die Aufmerksamkeit auf ein Thema, verändern die öffentliche Meinung, und dann muss Politik handeln. Aber sie handelt nicht. Der Mechanismus ist kaputt. Wir hatten 26 Klimagipfel, und die Emissionen steigen. Daraus ergibt sich die Frage: Was machen wir jetzt?

SPIEGEL: Seit einer Weile wird in der Klimabewegung offen über eine Radikalisierung diskutiert. Selbst Fridays for Future erprobt zaghaft zivilen Ungehorsam.

Müller: Wir werden sehr wahrscheinlich eine dreifache Radikalisierung erleben. Eine Radikalisierung der Klimakrise. Eine Radikalisierung der Ignoranz, um die kognitive Dissonanz zu verarbeiten. Und dann, als Reaktion, eine Radikalisierung der Klimaproteste.

SPIEGEL: Was heißt das?

Müller: Zerdepperte Autoshowrooms, zerstörte Autos, Sabotage in Gaskraftwerken oder an Pipelines. Das wird es nächsten Sommer auf jeden Fall geben. Ich höre das aus der Bewegung, sogar von eher moderaten Akteuren. »Ende Gelände« hatte dieses Jahr schon Pläne für Sabotageakte. Natürlich werden alle darauf achten, dass niemand zu Schaden kommt. Die entscheidende Frage ist: Was geschieht nach den ersten Sabotageakten? Wie reagiert die Gesellschaft, wenn nachts regelmäßig Autobahnbaustellen verwüstet werden?

SPIEGEL: Was glauben Sie?

Müller: Dann wird sich wahrscheinlich eine sogenannte Moral Panic entwickeln, es wird massiven Repressionsdruck geben. Politik und Sicherheitsbehörden werden Militanz als Terrorismus brandmarken, militante Aktivisten für mehrere Jahre im Knast landen. So haben wir das im Westen der USA in den Neunzigern gesehen. Ein Großteil der Bewegung wird Angst bekommen und friedlich werden. Ein kleiner Teil wird in den Untergrund gehen.

SPIEGEL: In den Untergrund?

Müller: Ja, davon gehe ich aus. Wer Klimaschutz verhindert, schafft die grüne RAF. Oder Klimapartisanen. Oder Sabotage for Future. Wie auch immer sie sich dann nennen.

SPIEGEL: Jemand, der so lange dabei ist wie Sie, ein Stratege mit Öffentlichkeitswirkung, könnte Einfluss nehmen auf die Entwicklung, statt einer angeblich unvermeidlichen Eskalation das Wort zu reden.

Müller: Ja und nein. Ich werde nicht in den Untergrund gehen, ich bin viel zu alt. Ich würde auch niemandem dazu raten. Es ist politisch fatal, und man weiß aus den Erfahrungen der RAF, dass der Untergrund einen kaputt macht. Aber es wird passieren, wenn die Repression gegen Notwehraktionen zu heftig ausfällt. Ich weiß das aus Erfahrung, ich war selbst schon einmal kurz davor, in den Untergrund zu gehen.

SPIEGEL: Wie bitte?

Müller: Ich war Teil des linken Flügels der Anti-Globalisierungsbewegung. Als Carlo Giuliani im Juli 2001 in Genua bei Protesten gegen den G8-Gipfel erschossen wurde, haben wir das ernsthaft diskutiert. Hätte es nicht die Anschläge am 11. September gegeben, hätte es 2002 wahrscheinlich eine globalisierungskritische Guerilla gegeben. In der Lage war aber klar: Der Staat wird brutal zurückschlagen, das wird lebensgefährlich.

SPIEGEL: Fänden sie es also gut oder schlecht, wenn es eine Untergrundbewegung gäbe?

Müller: Mir geht es um entschlossenen, gewaltlosen Protest, der Regeln bricht und auch mal Bauzäune umwirft. Das ist für mich keine Gewalt. Wie soll ich einem Zaun Gewalt antun? Gewaltloser Protest ist erfolgreicher. Aber ich bin kein prinzipieller Pazifist. Natürlich hätte man Hitler erschießen sollen. Wenn mir Leute sagen: Tadzio, nichts funktioniert gegen die Klimakrise, COP 1 bis 26 sind gescheitert, aber wir können mit einer Aktion wirklich etwas verändern und müssen dafür Dinge zerstören – dagegen habe ich keine moralischen Argumente.

SPIEGEL: Sie reden von gewaltlosem Protest. Aber Dinge zu zerstören, ist gewaltvoll. Menschen könnten zu Schaden kommen, wenn auch unbeabsichtigt. Mit Gewalt wird sich die Breite der Gesellschaft sicher nicht überzeugen lassen.

Müller: Die Öffentlichkeit wird das hassen, aber dass die Öffentlichkeit Klimaaktivismus gut findet, hat auch nichts gebracht. Die Regierung schnürt ein wirkungsloses Klimapaket, während Millionen auf der Straße sind. Das war wirklich der maximale Mittelfinger. Wenn die Gesellschaft weiter so macht, entscheidet sie sich für die Militanz, nicht diejenigen, die dann militant werden.

SPIEGEL: Schuld sind die anderen – da machen Sie es sich schön leicht. Aus der Verantwortung für die eigenen Entscheidungen können Sie sich nicht einfach entlassen.

Müller: Habe ich mich für Gewalt entschieden, wenn ich einen Nazi schlage, der mich angreift?

SPIEGEL: Natürlich. Aus guten Gründen, aber: ja. Klar.

Müller: In einer Situation, in der ich mich nur zwischen Sterben und Gewalt entscheiden kann. In der Klimakrise kann sich die Bewegung gerade zwischen Irrelevanz und Militanz entscheiden. Es geht längst um Notwehr. Notwehr ist die straffreie Verteidigung gegen einen Angriff, bei dem einem Angreifer Schaden zugefügt wird. Wenn jemand ein Gaskraftwerk sabotiert oder Autos zerstört, ist das mittlerweile Notwehr. Es ist legitim, Dinge kaputt zu machen.

SPIEGEL: Ist das Ihr Ernst? Sie nehmen sich heraus, selbst den Notstand zu erklären. In der Klimakrise gibt es keinen eindeutigen Angreifer. Jeder Mensch verursacht Emissionen, es geht um systemische Effekte. Wer soll der Angreifer sein? Und wenn es keinen gibt: Wie soll es Notwehr sein?

Müller: Das Bundesverfassungsrecht hat gesagt, dass Freiheitsrechte der Zukunft die Freiheitsrechte in der Gegenwart einschränken. Wenn man das einbezieht, ist jede fossile Infrastruktur ein Angriff auf die Freiheit. Und es sterben schon jetzt Menschen, etwa im Ahrtal. Ich bin übrigens sehr dafür, die Behauptung der Notwehr bis zum Bundesverfassungsgericht durchzufechten.

SPIEGEL: Sie behaupten, es gebe für die Bewegung nur Irrelevanz oder Militanz. Die Klimabewegung ist aber extrem gewachsen in den vergangenen drei Jahren, vieles ist in Bewegung gekommen. Warum sollte es nichts zwischen Militanz und Irrelevanz geben?

Müller: Ein Beleg ist die Wahl. Ich bin wirklich kein Fan der Grünen, aber es ist schon etwas dran: Wäre der Bevölkerung Klimaschutz wirklich wichtig, hätten die Grünen mehr als 14,8 Prozent bekommen.

SPIEGEL: Damit ist nun wirklich nicht bewiesen, dass die Klimabewegung durch öffentlichen Druck nichts mehr erreichen kann.

Müller: Hätten wir Zeit, wäre das wahr. Alle linken Strategien basieren seit jeher darauf, dass wir Zeit haben. In den Bauernkriegen hieß es: »Geschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel fechten’s besser aus.« Bei Martin Luther King hieß es: »The arc of the moral universe is long, but it bends toward justice.« Die anarchistische Band Chumbawamba singt in ihrem Partyhit: »I get knocked down, but I get up again.« Wir haben aber keine Zeit. Wir können es uns nicht mehr leisten, geschlagen zu werden. Es muss schneller gehen.

SPIEGEL: Sie setzen voraus, dass Radikalisierung Beschleunigung bedeutet. Auch das ist aber nicht zwingend.

Müller: Erstens rafft Militanz unter bestimmten Bedingungen die Zeit. Manchmal passiert in wenigen Tagen mehr als zuvor in Jahren. Etwa 2001 in Göteborg bei Protesten gegen die EU-Gipfel. Da wurde der Gesellschaft bewusst, dass sie keineswegs befriedet ist und wie schlecht es Migrantinnen und Migranten geht. Das hat politisch alles verändert in Schweden. Zweitens: Wir haben einfach keine anderen Optionen mehr. Wir haben alles probiert. Ich mache mir keine Illusionen: Sabotage kann super kontraproduktiv sein. Es kann, das stimmt ja und Gott bewahre, trotz aller Vorsicht jemand zu Schaden kommen, dann bricht alles zusammen. Es ist extrem riskant. Aber wenn wir noch weiter diskutieren – und ich diskutiere gern – und noch 26 weitere Klimakonferenzen durchdebattieren, geht die Grundlage der Zivilisation kaputt.

SPIEGEL: Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob Sie eine Lageanalyse formulieren oder ein Plädoyer halten. Und vor allem an wen Sie sich eigentlich wenden.

Müller: Ich will die bürgerliche Mitte darauf vorbereiten, was passieren wird. Ich rufe sie dazu auf, zu erdulden, dass Leute Dinge tun werden, die sie ablehnt und habituell abstoßend findet. Die Leute dürfen keinen Leserbrief schreiben und sich empören. Nicht im Späti über die Zecken lästern. Moral Panic baut sich von unten auf. Jeder Mensch muss sich klarmachen: Sabotage ist vielleicht nicht in ihrem Sinne, aber in ihrem Interesse.

SPIEGEL: Wenn die Voraussetzung für das Gelingen von Militanz, der Sie das Wort reden, ist, dass die Mehrheitsgesellschaft sie toleriert – gegen wen richtet sich diese Militanz dann überhaupt noch?

Müller: Meistens verändern Protestbewegungen Politik über die Veränderung der Mehrheitsmeinung. Es gibt aber noch einen anderen Weg: Man kann das ökonomische Kalkül von Akteuren verändern. Wenn die Autobahn oder das Gaskraftwerk nicht fertig gebaut werden, weil ständig die Baustelle verwüstet wird, dann verändert das die Kalkulationen. Und natürlich kann man auch Entscheidungsträger beeinflussen: Ich finde es legitim, wenn die Klimabewegung vor dem Haus von Joe Manchin Terz macht, wenn der im US-Senat Klimaschutz verhindert. Die Gesellschaft muss verstehen, dass so etwas mehr und mehr passieren wird. Ich will die Mehrheit überzeugen, damit wir sie nicht durch Sabotage zwingen müssen.

SPIEGEL: Ihnen ist klar, dass das wie eine Drohung klingt?

Müller: Ja, das ist eine Drohung. Nicht an irgendwen persönlich, aber an die Gesellschaft: Wenn es keinen Klimaschutz gibt, gibt es bald auf die Mütze. Sie treibt dann Tausende Aktivistinnen und Aktivisten, die hundertprozentig von der Richtigkeit ihrer Position überzeugt sind, in die Militanz. Herzlichen Glückwunsch, große Klasse. Das ist irrsinnig. Ich will das nicht. Ich will diese Zukunft nicht, das ist die Hölle.

SPIEGEL: So klingen Sie nicht, um ehrlich zu sein. Wie könnte die Gesellschaft denn Ihren heiligen Zorn besänftigen?

Müller: Ich bin nicht zornig und schon gar nicht heilig. Ich sage nur, was Sache ist.

SPIEGEL: Dann anders: Was müsste passieren, damit es nicht zu Untergrundaktionen kommt?

Müller: Zum Beispiel müsste eine Aktion des zivilen Ungehorsams nicht nur mit ein paar Tausend Menschen durchgeführt werden, sondern von Hunderttausenden oder Millionen. Kleine Proteste sind irrelevant oder werden niedergeschlagen. Die Leute müssen massenhaft anfangen, etwas zu blockieren.

SPIEGEL: Die Junge Union müsste anfangen, Nord Stream 2 zu besetzen?

Müller: Darauf würde ich nicht warten, aber ja, es wäre gut. Im Grunde müsste die Klimabewegung von einer kleinen Protestbewegung zur sozialen Bewegung werden. Das hier ist mein letzter verzweifelter Appell: Schließt euch an! Wir stehen seit zehn Jahren da, wir haben mit allem, wirklich allem recht behalten.

SPIEGEL: Aufrufe zu Sabotage klingen verdächtig nach dem Modell Actionfilm: Ein männlicher Held krempelt die Ärmel des zerrissenen Hemdes hoch und knallt die Faust auf den Tisch. Fridays for Future und die junge Klimabewegung wird sehr von Frauen geprägt. Was denken die, glauben Sie, über solche Aufrufe?

Müller: Ich wende mich gar nicht an die Bewegung. Ich sage der Gesellschaft: Geht blockieren! Die Ideen, die ich hier ausführe, habe ich übrigens alle aus der Bewegung selbst. Ich spreche hier zur Masse, ich will der Bewegung helfen, indem ich erkläre, was in der Bewegung diskutiert wird. Und dafür werde ich verbal verprügelt werden, das ist mir schon klar.

passiert am 21.11.2021

geschätzte Lesezeit: 14 min
In diesem Beitrag geht es um das Für und Wider einer gendergerechten Sprache im Allgemeinen und das Entgendern nach Hermes Phettberg im Besonderen.
In diesem Beitrag geht es um das Für und Wider einer gendergerechten Sprache im Allgemeinen und das Entgendern nach Hermes Phettberg im Besonderen.

Entgendern nach Hermes Phettberg

13 Min.

In diesem Beitrag befasse ich mich mit dem Für und Wider der Einführung einer gendergerechten Sprache und beschreibe, warum ich das Entgendern nach Phettberg für den einzig praktikablen Weg erachte.

Die Einführung einer gendergerechten Sprache ist eines der gegenwärtigen Themen im deutschsprachigen Raum. Das Entgendern nach Phettberg ist dabei der breiten Öffentlichkeit noch nicht geläufig. Vielmehr wurde und wird das Pro und Kontra einer mehrgeschlechtlichen Schreibweise kontrovers und teils emotional diskutiert.

All diese Diskussionen haben mich in der Tat für die Problematik sensibilisiert. Ich habe mich mit der Thematik auseinandergesetzt und konnte die Argumente der Kritikys des Status quo gut nachvollziehen.

Bislang hatte ich mich jedoch nicht an eine Umsetzung gewagt, da mich die dargebotenen Lösungsansätze nicht überzeugten. Für mich gilt jedoch:

Nur weil einem die Lösung nicht gefällt, hört das Problem deswegen nicht auf zu existieren.

Daher habe ich weitergesucht, um einen Einfluss auf die Lösung haben zu können und nicht eines Tages vor vollendeten Tatsachen gestellt zu werden. Nun glaube ich die Lösung gefunden zu haben und traute mich daher sogar, sie in einer gesprochenen Variante umzusetzen:

Die 2. Auflage meines Hörbuches „Nachhaltige Entscheidungsprozesse“ ist kürzlich veröffentlicht worden.

Darin wende ich erstmalig das Entgendern nach Phettberg an.

Hermes Phettberg (* 5. Okt. 1952 in Hollabrunn als Josef Fenz) ist ein österreichischer Schauspieler, Aktionskünstler, Schriftsteller und Talkshow-Moderator.

In seiner Kolumne verwendet er seit 1992 (!) eine genderneutrale Sprache.

Auszug Buchcover Nachhaltige Entscheidungsprozesse. Das eBook ist auch als Hörbuch erhältlich. Nur Hörbuch ist das Entgendern Phettberg angewendet.

Welche organisatorischen Hürden gilt es zu berücksichtigen, um gute Entscheidungen treffen zu können? Welchen Mehrwert liefern Hierarchien? Und warum reden wir Menschen so oft aneinander vorbei?

Welche Erkenntnisprozesse lagen meiner Entscheidung zugrunde? Bevor wir uns mit dem Entgendern nach Phettberg auseinandersetzen, erscheint es geboten, Ihnen zuerst Kontextinformationen zur Verfügung zu stellen.

Generisches Maskulinum

Die Gender-Problematik geht einher mit dem Konzept des „generischen Maskulinums“. Damit ist die geschlechtsneutrale Verwendung maskuliner Substantive oder Pronomen gemeint. Exemplarisch:

  • „Der Manager“ soll ein Sammelbegriff für alle Personen sein, die mit Managementaufgaben betraut sind – unabhängig von ihrem Gender.
    • Wenn eine männliche Person explizit gemeint ist, dann bleibt es beim „der Manager“.
    • Erst wenn eine weibliche Person explizit gemeint ist, dann wird das Wort „die Managerin“ daraus abgeleitet.

Beim „Gendern“ geht es somit darum, die Geschlechter sprachlich gleichzubehandeln. Dafür wurden zunächst beide Geschlechter konkret geschrieben („Der/die Manager/in“), respektive gesprochen („Manager oder Managerin“).

Spätestens seit der rechtlichen Einführung des Geschlechts „diverse“ im Jahre 2018 (m, w, d, x) wird bewusster wahrgenommen, dass mehr als nur zwei Geschlechter existieren. Seitdem wird über die Verwendung von mehrgeschlechtlichen Schreibweisen diskutiert, mit denen eine Bandbreite [von … bis] zum Ausdruck gebracht werden soll – also inklusive „divers“.

Form Beispielsatz
Gener. Maskul. Der Manager & seine Mitarbeiter nehmen teil.
Unterstrich [ _ ] Die_der Manager_in & ihre_seine Mitarbeiter_innen nehmen teil.
Stern [ * ] Die*der Manager*in & ihre*seine Mitarbeiter*innen nehmen teil.
Doppelpunkt [ : ] Die:der Manager:in & ihre:seine Mitarbeiter:innen nehmen teil.

Exkurs: Das „generische“ Problem in der englischen Sprache:

Das deutsche Problem der maskulinen Substantive existiert in der englischen Sprache aufgrund des Artikels „the“ nicht. „The manager“ ist daher immer ein Sammelbegriff für alle Personen.

Meint das Sprechy explizit eine männliche/weibliche Person, dann kann es dies verdeutlichen durch das Hinzufügen der Adjektive „male/female“ oder der Pronomen „he/she“.

Aber es existiert das Problem des generischen „He“! Im Beispiel „the manager and his staff…” ist das Wort „his“ generisch verwendet und meint damit alle Gender.

Und damit einhergehend sind auch die kontrovers und emotional geführten Diskussionen, wie eine gendergerechte Sprache zu gewährleisten sein könnte:

  • she/he, him/her, his/hers
  • s/he, him/r, his/rs
  • they, their, theirs
  • zhe, zhim, zhers
  • peh, pehm, peh’s
  • fae, faer, faers
  • U. v. a. m.

Ich bin seit einigen Jahren nicht mehr aktiv in der englischsprachigen Welt unterwegs und weiß daher leider nicht, was der aktuelle Stand der Diskussionen ist. Wenn Sie es wissen, würde ich mich freuen, wenn Sie ein Kommentar hinterlassen.

Ende Exkurs

Warum wird eine gendergerechte Sprache gefordert?

Das Hauptargument für das Gendern ist, dass trotz des Wunschdenkens bezüglich des generischen Maskulinums nicht alle Gender angesprochen sind – respektive diese sich nicht angesprochen fühlen.

Die Kontrahentys hingegen merken an, dass die männliche Form aufgrund des allgemein-gültigen Sprachgebrauchs ausreiche und diese Form ihnen gefällt.

Wer hat recht? Wessen Emotionen haben Vorrang? Auf wen sollten wir hören?

In erster Linie zählen die Stimmen der betroffenen Personen. Nicht die der anderen!

Ich denke, wir sollten uns danach richten, wie das, was wir sagen, bei einer signifikanten Anzahl der betroffenen Personen ankommt, und nicht danach, wie wir es gemeint hatten.

Ich persönlich handhabe es daher so: Wenn ich nicht betroffen bin, oder mich nicht betroffen fühle, dann

  • halte ich mich mit Meinungsäußerungen und Ratschlägen zurück,
  • höre den Betroffenys empathisch zu, versuche sie zu verstehen und
  • halte Ausschau nach Möglichkeiten, ihnen entgegenzukommen.

Vom Status quo fühlen sich eine signifikante Anzahl von Frauen und diverse betroffen. Nicht wir Männer. Die Empfindungen von uns Männern sind daher m. E. genauso irrelevant, wie die minderen von Frauen und diverse, die drüberstehen können/wollen und kein Problem damit haben!

Denn wir, die nicht betroffen sind, oder uns nicht betroffen fühlen, müssen keine mentalen oder körperlichen Schäden befürchten, wenn wir in diesem Punkt unsere liebgewonnenen Sprachgewohnheiten ein Stück weit aufgeben.

Natürlich gesetzt den Fall, dass keine Sachargumente dagegen sprächen, denn dann würde ich sie selbstverständlich thematisieren.

Lassen Sie uns daher nachfolgend die Sachargumente gegen das Gendern näher beleuchten, die üblicherweise vorgetragen werden.

Werden durch das generische Maskulinum alle Geschlechter angesprochen?

Es ist für mich objektiv nachvollziehbar, dass nicht alle Geschlechter angesprochen sind. Denn erst 1977 wurde in D die „Hausfrauenehe“ abgeschafft und Frauen dürfen erst seit dieser Zeit ohne Genehmigung ihres Mannes entscheiden, ob und welchen Beruf sie ausüben wollen.

Davor war ein Großteil der Berufe für Frauen schlicht nicht zugänglich. Sei es, weil die Ehemänner das nicht wollten, oder der Arbeitgeber das nicht wollte. Lufthansa beispielsweise antwortete 1975 einer Bewerberin wie selbstverständlich: „Wir stellen grundsätzlich keine Frauen als Pilotin ein“. Sie klagte daraufhin. (Das habe ich gelesen, jedoch nicht verifiziert.)

Ich habe Stellenanzeigen aus den 60ern und 70ern überflogen. Auffällig war für mich, dass in aller Regel explizit auch die weibliche Anrede verwendet wurde, wenn die Stelle auch für eine Frau zugänglich war.

Wenn vom „der Pilot“, „der Chirurg“, „der Chef“, etc. die Rede war, dann war damit in der überwiegenden Mehrheit der Fälle eben mutmaßlich nicht das generische Maskulinum gemeint, sondern ein Mann. Genauso wie mit „die Hebamme“ eine Frau gemeint war und kein generisches Femininum.

Ich kam für mich zur Überzeugung:
Das Konzept des generischen Maskulinums ist eine nachträglich etablierte Mär, um die rechtlich vollzogene Gleichstellung von Frauen sprachlich nicht umsetzen zu müssen.

Die Bilder in unseren Köpfen!

Und es ist für mich leicht nachvollziehbar, warum eine signifikante Anzahl von Frauen und diverse behaupten, sie würden sich nicht angesprochen fühlen. Der Germanist Thomas Kronschläger, der im Übrigen das Entgendern nach Phettberg entdeckt, für gut befunden und seitdem publik macht, schlägt das folgende Experiment vor:

  • Stellen Sie in der Fußgängerzone 12 Personen die Frage: „Nennen Sie mir Ihre drei Lieblingsschauspieler.“
  • Anschließend stellen Sie weiteren 12 Personen diese Frage: „Nennen Sie mir Ihre drei Lieblingsschauspielerinnen und Lieblingsschauspieler.“

Und Sie werden feststellen, dass die Ergebnisse sich signifikant unterscheiden werden, was die Anzahl der genannten weiblichen Schauspieler betrifft.

Ist diese Gender-Debatte eine reine Symptombehandlungsdebatte?

Ein oft vorgetragenes Gegenargument lautet: Die Thematik einer gendergerechten Sprache würde vom eigentlichen Thema ablenken, das lautet: Wir sollten uns um die Bekämpfung des „Gendergap“ insgesamt kümmern und nicht um Nebenkriegsschauplätze wie diese!

Beim Gendergap geht es um den signifikanten Unterschied zwischen den sozialen Geschlechtern im Hinblick auf Lebensbedingungen, Einkommen o. Ä.

Dieses Argument ist m. E. leicht zu widerlegen. Nehmen wir einfach an, wir hätten es mit einer Managerin zu tun, die von ihren männlichen Kollegen auf Augenhöhe wahrgenommen und ebenso behandelt wird. Sie erhält die gleiche Bezahlung wie diese und besitzt die gleichen Karrierechancen. Die Gendergap-Problematik liegt somit hier nicht vor.

Und dennoch möchte sie sich womöglich nicht damit abfinden, dass sie „mitgemeint“ ist, wenn jemand im Unternehmen der Manager sagt.

Als ihr männlicher Kollege hätte ich persönlich ihre Forderung als absolut legitim erachtet. Denn ich gebe es gerne zu: Ich selbst hätte es auch nicht als sehr prickelnd empfunden, „mitgemeint“ zu sein, wenn jemand die Managerin sagt.

Wie Sie sehen, tatsächlich ist es genau umgekehrt:

Das Gendergap-Argument ist ein Scheinargument, um die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Argument abzulenken und stattdessen auf ein viel komplexeres und fundamentaleres Problem zu verweisen.

Was haben die Personen davon, die das Gendergap-Argument anbringen? Andere werden Verständnis dafür haben, dass eine gute Lösung für so ein komplexes Problem nicht leicht und im Hier und Jetzt zu finden ist.

Und schon geht durch dieses rhetorische Spielchen der Kelch an sie vorüber und sie brauchen das mit dem generischen Maskulinum zusammenhängende Problem im Hier und Jetzt nicht ernst zu nehmen und die vorliegenden konkreten Lösungsansätze zu diskutieren.

Eine Sprache bietet kulturelle Stabilität und sollte nicht durch sprachliche Anpassungen verhunzt werden?

Und dann haben wir solche Gegenargumente, wie z. B., dass das Gendersternchen o. Ä. nicht den Regeln der deutschen Rechtschreibung entsprechen. Solche Argumente laufen letztlich darauf hinaus, dass die deutsche Sprache als statisch zu betrachten sei und festen Regeln folge.

Nichts könnte weiter weg von der Realität sein, denn nichts ist beständiger als der Wandel der Sprache.

  • Vergegenwärtigen Sie sich beispielsweise, was 1941 passierte: Durch den „Normalschrifterlass“ wurde das Lehren der bis dahin gültigen Sütterlin-/Kurrentschrift im Schulunterricht ganz untersagt. Sprich: Alle mussten tatsächlich das Schreiben neu erlernen!
  • Oder der Umstand, dass 1996 die deutsche Sprache eine weitreichende Rechtschreibreform verpasst bekam, die seitdem mehrfach überarbeitet wurde – zuletzt im Jahre 2018.

Sprache im Internet-/Social-Media-Zeitalter

  • Oder betrachten Sie die Veränderungen der Sprache seit Beginn dieses Jahrhunderts bis heute.

Früher war es beispielsweise Menschen wichtig, sprachlich zu demonstrieren, dass sie belesen sind und komplex denken können. Sie bildeten Schachtelsätze und verwendeten gerne ungewöhnliche Worte.

Im Internetzeitalter hingegen bestimmen Lesbarkeits-„Scores“ und die englischen Schreibusancen unseren Schreibstil und sorgen dafür, dass die Sätze immer kürzer und die verwendeten Worte immer schlichter werden.

Apropos, sehen Sie sich diese von mir konstruierte Passage an:

  • Bro, das ist ja ein Claim, den Du hier chillig aufstellst. Vermutlich hast Du aber recht und wir alle sollten tatsächlich die angelsächsischen Tags downsizen und OK-Boomer enabeln, sich zu engagen. Why hin, Purpose her, am Ende kommt es ohnehin darauf an, dass wir mit unserer Attitude beim täglichen Walk impressen.

Ich behaupte: Sogar vor 10 Jahren hätte kaum ein Mensch dechiffrieren können, was für ein Kauderwelsch ich hier von mir gegeben habe. Heutzutage jedoch gibt es eine beachtliche Anzahl von Menschen, die das könnten.


Oben skizzierte Veränderungen der deutschen Sprache sind in der Tat gravierend. Bildhaft gesprochen, die Sprache musste sich stationär und unter Vollnarkose behandeln lassen. Im Vergleich dazu erscheint mir das Gendersternchen als ein simpler ambulanter Eingriff.

All solche „Wenn-wir-mit-der-Diskussion-fortfahren-dann-geht-die-Welt-unter“-Scheinargumente laufen letztlich darauf hinaus, dass wir Menschen keine Veränderungen unserer Gewohnheiten mögen und uns mit Händen und Füßen zur Wehr setzen. Nicht mehr und nicht weniger.

Das war bei der Einführung der Gurtpflicht genauso zu beobachten, wie bei der Einführung des Rauchverbots.

Nicht das Gendern ist m. E. die Lösung, sondern das ENTgendern!

Ja, ich sehe ein: Wir benötigen dringend eine Reform, um eine gendergerechte Sprache zu gewährleisten.

Aber auch ich habe ein Problem mit den oben offerierten Lösungsansätzen. Auch wenn die Welt gewiss nicht unterginge, ich bin sehr froh, dass sie bis dato nicht zur Pflicht gemacht wurden. Nicht nur aus dem Grund, weil sie mündlich kaum aussprechbar sind, sondern hauptsächlich deswegen:

Wenn ich Unternehmen berate und begleite, damit sie produktiver und profitabler arbeiten, versuche ich die Menschen dort dafür zu begeistern, ihre Personas in gewisser Hinsicht außen vor zu lassen. Mit „Persona“ ist das zur Schau getragene, selbst inszenierte Bild der eigenen Persönlichkeit gemeint.

Stattdessen lenke ich die Aufmerksamkeit darauf, wie einzelne Tätigkeiten ineinandergreifen, welche Faktoren einen Einfluss auf die Zusammenarbeit haben und wie jedes Individuum positiv darauf Einfluss nehmen kann.

Dies vorausgeschickt, nehmen wir an, vor mir sitzt eine Person, die dafür zuständig ist, die Produkt-/ Preislisten anzulegen und zu pflegen.

  • Was Einfluss auf die Leistungsgüte und -menge der Person hat, sind die Unternehmenskultur, die organisatorischen Rahmenbedingungen oder die IT-Infrastruktur des Unternehmens.
  • Was ebenfalls Einfluss hat, sind die Fähigkeiten der Person, ihre Persönlichkeit und auch die an sie gerichteten Rollenerwartungen.
  • Was keinen Einfluss hat, ist die Frage, welche Hautfarbe, Religion oder kulturellen Hintergrund die Person hat, ob sie in einem Rollstuhl sitzt, voll tätowiert ist, sichtbare Implantate trägt, oder jede andere beobachtbare Auffälligkeit.
  • Und was ebenfalls keinen Einfluss darauf hat, ist das Gender oder die sexuelle Orientierung der Person. Leider gilt:

Durch das Gendern wird die Aufmerksamkeit auf das Gender einer Person gelenkt!

Und das, obwohl das Gender in den aller seltensten Fällen eine Relevanz hat. Und mit diesem Argument landen wir zwangsläufig beim ENTgendern.

Das Entgendern nach Phettberg

Anstelle der Verwendung einer mehrgeschlechtlichen Schreibweise geht es beim Entgendern darum, den Satz geschlechtsneutral zu formulieren, wenn das Geschlecht der Person nicht bekannt oder in dem gegebenen Kontext schlicht nicht relevant ist.

Dafür war mir bislang nur die „x-Form“ bekannt, die sowohl optisch als auch phonetisch sehr grauenvoll daherkommt.

Das Entgendern nach Phettberg hingegen ist nicht nur optisch und phonetisch ansprechend, sie ist darüber hinaus phänomenal einfach umsetzbar:

Nach Phettberg hängen wir zum Entgendern ein -y an den Wortstamm an – respektive -ys im Plural – und das Wort wird im Genus zum Neutrum.

Form Beispielsatz
x-Form [ x ] X Managx & xs Mitarbeitxs nehmen teil.
Phettberg [ y ] Das Managy & seine Mitarbeitys nehmen teil.

Das Entgendern nach Phettberg im Detail:

  1. Bei Wörtern, die auf -er enden, ersetzt das -y das -er:
    Der Manager → Das Managy
  2. Bei Wörtern, die nicht auf -er enden, wird das -y angehängt:
    Der Mentor → Das Mentory
    1. Ausnahme: Personenbezeichnungen, die auf -ling enden:
      Der Lehrling → Das Lehrly
  3. Ob zusätzlich im Wort entgendert werden soll, ist Geschmackssache und wohl jedem selbst überlassen:
    Mitarbeitersprecher → Mitarbeityersprechy
  4. Es gelten alsdann die bekannten Grammatikregeln.
    1. Dazu gehört somit auch, dass Wörter, die für die Pluralbildung umgelautet werden, auch hier umgelautet werden:
      Betriebsrat → Betriebsräte → Betriebsrätys
    2. Und die Verwendung von Pronomina im Fließtext erfolgt wie bei jedem anderen Neutrum auch:
      In seiner Präsentation stellte das Managy vor …
      (Es wird jedoch empfohlen, im schriftlichen Gebrauch ein (n.) dazuzuschreiben, wenn man Unklarheiten vermeiden u/o deutlich machen möchte, dass das Geschlecht keine Rolle spielt:
      In seiner (n.) Präsentation stellte das Managy vor …)

Mein Hörbuch nach diesen Regeln (frappierend leicht) umzuformulieren, bedeutete für mich das Betreten von Neuland. Bonus: Ich war dabei gut gelaunt und hatte viel Spaß.

Dies ist sicher ein recht ungewohntes Hörerlebnis für Sie. Sollten Sie die Zeit und Muße finden, werden Sie hoffentlich feststellen, dass ein trockenes Sachthema sich sogar ein Stück weit niedlich anhören kann.

Eine Kostprobe?

“[…] „Von Controlly über IT- bis HR-Spezialisty, zur Unterstützung stellt das Unternehmen den Fachkräftys interne Dienstleistys zur Seite.

Auch dieser Input bedeutet einen Mehrwert für das Nutznießy – und in letzter Folge für das externe Kundy des Unternehmens.“

Nach dieser Lesart sind Leitendys weitere Dienstleistys der Fachkräftys!

Obacht: Nicht das Dienstleisty entscheidet, was einen Mehrwert darstellt, sondern das Nutznießy! […]”

Auszug Buchcover Nachhaltige Entscheidungsprozesse. Das eBook ist auch als Hörbuch erhältlich. Nur Hörbuch ist das Entgendern Phettberg angewendet.

Welche organisatorischen Hürden gilt es zu berücksichtigen, um gute Entscheidungen treffen zu können? Welchen Mehrwert liefern Hierarchien? Und warum reden wir Menschen so oft aneinander vorbei?


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geschätzte Lesezeit: 2 min

Eugen Rochko looks exhausted. The 29-year-old German programmer is the founder of Mastodon, a distributed alternative to Twitter that has exploded in popularity in recent weeks as Elon Musk’s ownership of the platform has rained chaos on its users.

Rochko began developing Mastodon shortly after leaving university in 2016. He was a fan of Twitter but wanted to create a platform not controlled by any single company or person, reasoning that online communication is too important to be at the whim of commercial interests or CEOs. He believed that the lack of profit motive and canny design could discourage harassment and abuse, and provide users more control.

Instead of creating a single unified platform, the the protocol that Mastodon uses, called ActivityPub, allows anyone to use open-source software to boot up a server that hosts a Twitter-style community with its own rules. Together those servers, and other, non-Mastodon ones, form a collective of interlinked communities dubbed the “Fediverse.” People can join a server that matches their interests and community standards, but also connect with users on other servers, or block all content from a particular server completely.

Mastodon grew slowly after the first code was released in 2017, appealing mostly to free software enthusiasts. Then Elon Musk took control of Twitter for $44 billion. His promises to weaken moderation, deep staff cuts, and chaotic changes to the platform turned many dedicated Twitter users off the platform. In the past few weeks, Rochko says, some 800,000 new Mastodon accounts have been created, overwhelming popular servers and flooding existing users’ timelines with introductions, questions, and complaints from newbies. Last year, donations to the nonprofit that runs Mastodon and where Rochko is CEO totaled 55,000 euros; it spent only 23,000 euros.

Since Musk took over Twitter, Rochko has been working long hours to keep his own server, Mastodon.Social, running, while also preparing a major upgrade to Mastodon, but he took time to videochat with WIRED from his home in Germany. The conversation has been edited for length and clarity.

Will Knight: What have the past couple of weeks been like?

Eugen Rochko: People probably want to hear that it's been great—all this growth and success—but I would prefer to be watching from the sidelines. There is more work, there are more fires to put out. It's incredibly stressful. I’m pulling 14-hour workdays, sleeping very little, and eating very little.

The whole story coincides with the process of releasing a new version of the Mastodon software. You have to put a lot of focus into that. And then suddenly, you also have to deal with responding to press inquiries and running social media accounts to take advantage of the opportunity.

Despite the challenges, is it gratifying to see that Mastodon is where people turning away from Twitter have headed?

Yeah, it was good and gratifying at an objective level. I would love to just lean back and just enjoy the fact that so many new people are using Mastodon, like Stephen Fry. Unfortunately, I don't have time to lean back and enjoy that. There has been an increase in funds due to all the new Patreon donations in the past 10 days, it’s been unprecedented.