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8. Dezember 2022
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Beim Eingießen löst sich der Deckel von der Kanne. Er fällt in die Teetasse und zerteilt das kostbare Porzellan in zwei Scherben. Die Überschwemmung ist schnell beseitigt – aber was tun mit der kaputten Tasse? Die Reaktion ist ein Test, wie tief die Wegwerfgesellschaft verinnerlicht wurde. Es gibt makellosen Ersatz, also kommen die Scherben in den Müll! Aber auf der anderen Seite verlocken zwei passende Bruchstücke zu dem Versuch, sie mit geeigneten Mitteln wieder zu verbinden.

Wer sich auf den Weg zu solchen Lösungen macht, betritt eine Welt, die älter und zukunftsträchtiger ist als die Konsumgesellschaft: Die Welt der Reparatur. Wenn er sich auf sie einlässt, entdeckt er auch neue Freuden und ganz nebenbei ein Thema, das uns seit dem Krieg in der Ukraine endlich die Sorgen macht, die es schon lange verdient: Rohstoffe sind knapp, auch wenn sie angesichts der überfüllten Regale unserer Supermärkte unerschöpflich wirken.

„Wer sich dem Gedanken öffnet, Kaputtes zu reparieren, muss sich auf eine Weise für Struktur, Material und Innenleben von Dingen interessieren, die zwar fordernder, aber auch inspirierender ist als die Suche nach dem perfekten Ersatz.“

Die seelische Haltung des Reparateurs passt gut zu meinem Brotberuf, dem des Psychotherapeuten. Ich arbeite viel mit Paaren und Familien. Dort begegne ich einem Impuls, der aus der Konsumwelt in die Gefühlsbeziehungen hinübergreift: Was nicht so funktioniert, wie ich es mir vorstelle, was gar kaputt auf mich wirkt, das werfe ich weg. Nur dass es in diesem Fall leider kein Regal gibt, aus dem ich mir die gute Neuware holen kann, wenn ich den defekten Partner entsorgt habe. Den primitiven Impuls, sich vom Unvollkommenen zu trennen, sollte im reifen Erleben die Einsicht hemmen, dass wir den Verlust oft nicht ersetzen können. Wir sollten also versuchen, die Störung zu verstehen, nach ihren Ursachen zu forschen und den Mangel zu beheben.

Wer sich dem Gedanken öffnet, Kaputtes zu reparieren, muss sich auf eine Weise für Struktur, Material und Innenleben von Dingen interessieren, die zwar fordernder, aber auch inspirierender ist als die Suche nach dem perfekten Ersatz. Diese Einstellung ist es auch, die uns weiterhilft, wenn beispielsweise Kinder so störrisch auf unsere Erziehungsversuche reagieren wie ein Gerät, dessen Bedienungsanleitung wir ignorieren.

Es gibt in der Psychologie die Unterscheidung zwischen Regression und Progression. Regression ist die Rückkehr zu möglichst einfachen und bequemen Haltungen, wie sie sich etwa in dem Jugendwort chillen oder in dem etwas makabren die Seele baumeln lassen finden. Progression hingegen ist die aktive Einstellung des Menschen, der sich für die Lösung eines Problems engagiert. Wer der Regression gehorcht, bleibt im gemachten Bett; wer sich für die Progression entscheidet, steht auf und sucht nach Antworten. Die Konsumgesellschaft hat eine aberwitzige Tendenz, mit höchstem progressivem Aufwand maximal regressiv eingestellte Konsumenten zu produzieren. Dass auf diesem Weg auch Abhängigkeiten und selbst neue Formen von Verzweiflung entstehen, wird erst einmal nicht ins Kalkül gezogen. Es ist natürlich bequemer, Motorräder mit einem Knopfdruck zu starten und Texte mit einem Schreibprogramm zu verfassen. Aber wenn die Batterie leer ist, sehnt sich der Fahrer nach der guten alten Tretkurbel – und wenn die Textverarbeitung durch Fehlbedienung oder Absturz seine Arbeit löscht, kann die Arbeit von Wochen einfach verschwinden.

Wenn wir Unlust verspüren, erhält unser Verstand den Auftrag, dem abzuhelfen. Er geht in der Regel ökonomisch vor, das heißt, er bevorzugt gebahnte Wege, auf denen das Ziel schneller und bequemer erreicht wird. Anderseits ist zu viel Bequemlichkeit nicht gut, sie macht uns träge, lässt unsere Fähigkeiten verkümmern, sperrt uns von neuen Erfahrungen ab. Aus diesem Grund gibt es auch eine Neigung, den gebahnten, bequemen Weg zu verlassen, etwas Neues auszuprobieren, einen Weg zu gehen, den noch niemand betreten hat.

„Ingenieure und Programmierer werden immer schlauer und die Konsumenten immer dümmer, weil ihnen die Geräte Lernmöglichkeiten rauben, die durch eine reparaturoffene Konstruktion angeboten würden.“

Die typische Maschine der Konsumgesellschaft ist hermetisch. Sie öffnet sich nur dem Spezialisten, dem Käufer wird gesagt: du verstehst sowieso nichts, lass dich von der Automatik verwöhnen. In der Folge werden die Ingenieure und Programmierer immer schlauer – und die Konsumenten immer dümmer, weil ihnen die Geräte Lernmöglichkeiten rauben, die durch eine reparaturoffene Konstruktion angeboten würden.

Als Kind habe ich noch das dörfliche Handwerk miterlebt, den Schmied zum Beispiel, bei dem mein Großvater seinen Pflug reparieren ließ, den Sattler, der mir aus unverwüstlichem Schweinsleder meinen ersten Schulranzen nähte. Solche Handwerker waren immer auch Lehrmeister für den Reparaturinteressierten, man konnte ihnen über die Schulter schauen und sehen, wie Sachen gemacht werden. Der Schuster, der mir ein Paar von ihm gefertigter Schuhe verkauft, wird mit Verständnis reagieren, wenn ich sie ihm mit durchgelaufener Sohle bringe.

Das Fahrrad ist ein gutes Beispiel dafür, wie es den Strategen der Konsumgesellschaft gelingt, eine geniale Idee zu maximaler Dummheit weiter zu entwickeln – etwa Schaltungen, die per Funk die Gänge wechseln und natürlich Batterien brauchen. Professionelle Mechaniker werfen bei einer Panne die in den meisten Fällen bis auf eine winzige Fehlstelle intakte Luftkammer weg und ersetzen sie durch eine neue. Wo Zeit Geld ist und der Stundenlohn hoch, ist es teurer, das Löchlein zu flicken als den kompletten Schlauch samt Ventil zu erneuern. Diese Verschwendung wird sogar begründet: Man wisse doch nie, ob es nur eine oder etwa gar mehrere undichte Stellen gäbe. Außerdem werde Gummi im Alter porös, also weg damit.

Ich lernte das Radfahren 1949 mit dem Rad meiner Mutter, das ebenso alt war wie sie; ich bin sicher, dass die Schläuche unter den Decken so alt waren wie das ganze Rad. Ein gepflegter Schlauch hält länger als der Mantel, der ihn umgibt. Gummi leidet vor allem unter dem Sonnenlicht. Porös werden die Decken oder Mäntel an dem klassischen Dunlop-Reifen, das lässt sich nach einigen Jahren unschwer erkennen. Schläuchen sieht man ihr Alter nicht an, so lange sie nicht schlecht behandelt worden sind.

Das Flicken hat seine eigene Poesie, vor allem dann, wenn es um einen dieser tückischen Luftverluste geht, die sich erst nach Tagen bemerkbar machen und oft dazu führen, dass zum ersten ein zweiter Schaden kommt, wenn der Reifen an ein Hindernis stößt und das Luftpolster zu schlaff ist, den Stoß aufzufangen.

Kein Fahrradschlauch sollte „entsorgt“ werden ohne das gehörige Ritual der Taufe. Zu diesem gehört, dass das Luftpolster nicht hastig an der Stelle eines erkannten Defekts unter der Decke hervorgegraben und geflickt wird. Ich sollte mir die Zeit nehmen, die Decke abzunehmen, den Schlauch noch einmal aufzupumpen und ihn einmal durch eine große, mit Wasser gefüllte Schüssel zu ziehen.

Ein nicht mehr unter seine Decke gezwängter, von der alten, nach Gummi stinkenden Luft befreiter und frisch aufgepumpter Schlauch individualisiert sich, er nimmt Formen an, die er sich in seiner Zwangsjacke niemals zugetraut hätte, bläht sich links und rechts von der Taille, die durch die verstärkte Textur um das Ventil geschaffen wird. In dem Wasserbad enthüllt er dann alle Geheimnisse. Feinste Luftblasen perlen aus einem sonst niemals sichtbaren Loch, das jetzt mit Kugelschreiber oder Filzstift markiert wird.

Auch das Ventil wird geprüft. Bei der Scavenger-Variante lässt sich sogar etwas bessern, wenn sich ganz langsam eine dicke Blase bildet und aufsteigt: ich schraube es einen Tick fester zu. Am reparaturfreudigsten waren die alten Dunlop-Ventile mit dem Schläuchlein, das freilich nur widerwillig dem Druck der Luftpumpe nachgab und mehr Kraft erforderte als die staubanfälligen Patentventile, die es dem Radler nicht verzeihen, wenn er die Ventilkappe verliert.

Das gründliche Flicken mit Aufrauhen, Salben mit der Gummilösung, Aufdrücken des passenden (manchmal passend geschnittenen) Flickens und erneuter Prüfung im Wasserbad gibt während der nötigen Pausen auch Gelegenheit, die Decke zu prüfen und vor allem deren Innenseite abzutasten, ob nicht ein besonders tückischer Dorn oder Metallsplitter verborgen im Gummi steckt und erst unter Druck gerade so weit hervorspringt, dass er den Schlauch zum zweiten Mal punktiert.

Auf solchen Wegen können wir einem Fahrradschlauch ein zweites und drittes Leben besorgen, statt ihn beim ersten Defekt zu entsorgen. Dieses Wort kann einen wirklich besorgt machen, es enthält einen Appell an Gedankenlosigkeit, der das Ex und Hopp spiegelt. Wir entsorgen den Schlauch ja nicht, sondern wir verleugnen die Sorgen, die uns dieses Stück Verschwendung machen sollte.

Wir haben kurzfristig ein Problem mit dem sparsamsten Aufwand an Intelligenz und Handfertigkeit „entsorgt“, aber langfristig sowohl unsere persönliche Tauglichkeit für eine lebenswerte Zukunft wie die Rohstoffreserven geschmälert. Um ein Winziges, schon gut, aber genau das ist ja ein Teil des Problems: nichts tut uns weh, niemand kritisiert uns, wir sind glänzend gerechtfertigt – und machen doch die Welt ein bisschen mehr kaputt als es eigentlich sein müsste. Wir vergeuden Ressourcen, weil wir uns etwas vorlügen: Dass unsere handwerkliche Intelligenz geschont werden muss, während Material und Energie so wenig wert sind, dass wir sie verschwenden dürfen.

In Wahrheit ist es umgekehrt: wir haben unterbeschäftigte und untergeschickte Hände im Überfluss, aber die Rohstoffreserven werden knapp. Ist es denn wirklich erfreulicher, wenn die Familie den Abend vor Bildschirmen verbringt, wenn die Alternative wäre, dass Eltern und Kinder an einem Fahrrad schrauben? Womöglich das für solche Fürsorge dankbare Rad des Großvaters und nicht das für Laienhände schon recht unzugängliche E-Bike der Mutter.

„Die sorgfältige Reparatur ist in Japan zu einer wahren Kunstform gediehen.“

Was ich reparieren konnte, habe ich auf eine neue Weise verstehen, aber auch lieben gelernt, wenn ich es mit dem typischen Konsumgegenstand vergleiche. Das setzt ein Umdenken voraus, denn ein perfektionistischer Zug, den Freud mit einer allzu erfolgreichen Sauberkeitserziehung verbinden würde, prägt das Alltagsverhalten vieler Europäer. Sie verbinden reparierte Dinge mit Armut und Unvollkommenheit. Die Hausfrau schämt sich, wenn Gäste kommen und die kunstgerecht mit Hilfe eines Zweikomponenten-Klebers reparierte Tasse auf dem Tisch steht. Es sei denn, sie ist stolz auf eine Tasse, die doch persönlicher ist und mehr mit dem Geschick ihrer Hände verbunden als der Rest des Service.

Hier können wir von den Japanern lernen. Sie haben seit langem gegen die laute, prunkvolle, perfektionistische Ästhetik einer dominanten Kultur Wabi und Sabi als Suche nach Schönheit im Unvollkommenen entdeckt. Ursprünglich bedeutete Wabi Armut, Rückzug in Einsamkeit und ein bescheidenes Leben in der Natur; Sabi verwelkt, gealtert. Die Begriffe wurden aber schon seit dem 14. Jahrhundert positiver besetzt und wie einer verwendet.

Teeschale, beigefarbener Grund, graues feines Muster, goldene Reparaturen, die zum Teil selbst Muster haben.

Teeschale, 15. Jahrhundert, Joseon Dynasty, Korea (Reparaturen Japan). Traditionell koreanisches Steingut (Buncheong-Ware oder Punch’ong) mit geprägtem Schlickerdekor und späteren Goldlackreparaturen.
© The Trustees of the British Museum, grafische Bearbeitung: bachrauf.org, CC BY-NC-SA 4.0

Eine der Bedeutungen von Sabi ist „Rost“ – der Europäer greift zur Drahtbürste und zum Rostumwandler; der von Sabi inspirierte Japaner lässt den Rost, wo er keinen Schaden anrichtet, und nennt ihn womöglich auch noch die „Blume der Zeit“. Die Kunst der Reparatur ist in Japan zu einer in keiner anderen Kultur auffindbaren Vollkommenheit gediehen. Ein Beleg dafür ist Kintsugi (wörtlich: „Goldverbindung“). Zerbrochene Schalen werden mit dem Harz des ostasiatischen Lackbaums (Rhus vernicifera) nicht nur geklebt, sondern das herausquellende Material wird mit Goldstaub bepudert.

Dieses Urushi-Harz wird seit der Jungsteinzeit gebraucht. Es diente anfangs dazu, Feuersteinspitzen in Pfeilschäften zu befestigen. Eine mit dieser Technik geflickte Schale ist ein Kunstwerke eigener Art. Goldene Adern zeichnen die Umrisse der Scherben nach, die sich in ein gebrauchsfähiges Gefäß zurückverwandelt haben. Heute gibt es gebrauchsfertige Kintsugi-Sets und viele Anleitungen im Internet, das nicht nur Werbebüttel des Konsums ist, sondern auch einen Schatz an Reparatur-Informationen bietet.

Wer sich für altes Gerät interessiert, wird Reparaturen begegnen, die so sorgfältig ausgeführt sind, dass sie den Gebrauchswert des Ganzen nicht gefährden. Sie machen ein Ding menschlicher. Selbst eines, das aus Maschinen geboren wurde, trägt nun die Spuren von Handarbeit. Mit ihrer Hilfe hat es dem Schicksal getrotzt, das alles Vergängliche irgendwann ereilt.

Dieser Artikel ist im September 2022 in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen.

Links zum Thema

  • Repaircafés sind bereits zu einer weltweiten Bewegung geworden. Hier werden ehrenamtliche Reparateure mit hilfesuchenden Toaster-Besitzern vernetzt. Außerdem gibt es Anleitungen für klassische Reparaturen: repaircafe.org
  • Die deutschlandweite Initiative „Hey Alter!“ sammelt alte Rechner bei Unternehmen, Institutionen und von privaten Haushalten, macht sie fit und verteilt sie an Schülerinnen und Schüler. heyalter.com
  • Computertruhe e. V. – Computer für bedürftige Menschen und gemeinnützige Organisationen

Wolfgang Schmidbauer –
arbeitet als Autor und Psychotherapeut in München. 2020 erschien im Oekom-Verlag „Die Kunst der Reparatur“. Mehr auf wolfgang-schmidbauer.de


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Wir sind alle betroffen. Und auch fast alle verantwortlich.

Der Klimablog bemüht sich, auf sozialen Netzwerken alle Fragen zu beantworten und auf Leserreaktionen einzutreten. Denn Dialog, Diskurs, Austausch und Debatten bringen uns alle weiter. So funktioniert auch Demokratie. Meinungen müssen gebildet werden, und dafür muss man auch reflektieren und sich auch hinterfragen lassen können – besonders als Medium. Diese Interaktion bringt den Klimablog weiter und davon profitiert wiederum ihr, werte Leser! Doch in letzter Zeit auffällig ist eine einzelne Reaktion, die ungewöhnlich gehäuft als Kommentar auftritt. Sie läuft immer gleich ab. Es geht dabei um die Wahrnehmung von Generationen und dem Generationenkonflikt. Es ist an der Zeit, die Sache genauer zu beleuchten. Gibt es in Sachen Klima einen Generationenkonflikt? Darf es einen geben? Oder ist er sogar notwendig?

Die Reaktion

Beim Thema Klima kommt man – ob berichtend oder selber als Meinung äußernd – zwangsweise an den Punkt, unterschiedliche Wahrnehmungen und Herangehensweisen der Generationen zu benennen. Doch wenn das hier geschieht, kommt eigentlich immer mindestens eine Reaktion als Kommentar, in welchem sich ein Leser beschwert, man könne und dürfe nicht in Generationen sprechen, denn das würde der Klimabewegung nur schaden. Gleich erklärend hinterher folgt dann der eigentliche Kern. Nämlich, dass die- oder derjenige sich beschwert, nicht mit in den Topf einer Generation geworfen werden zu wollen. Das wird auch immer damit begründet, man sei schließlich anders, als seine Altersgenossen der Generation Wirtschaftsboom. Meist folgt eine Aufzählung dafür und fast immer die Erwähnung, man hätte damals schon gegen AKW’s demonstriert und würde schon immer Müll trennen usw. Der Abschluss findet sich dann meistens darin, dass die Jugend ja dankbar sein soll, da ohne sie die Umwelt heute in einem noch viel schlimmeren Zustand wäre. Aber irgendwie bleibt da auch der Geschmack, dass sich diese Betroffenen eigentlich nur lieber mit der aktiven Jugend als mit den passiven Boomern identifizieren würden. Doch welcher Generation man angehört, kann man sich zumindest als wissenschaftliche Definition nicht aussuchen. Klimaschutz geht aber unabhängig vom Alter. Wie wichtig ist also die Altersfrage?

“Geh besser studieren, dann kannst du die Welt retten!” – “Dann wird es zu spät sein!”

Nun könnte man dazu Stellung beziehen. Das geschieht vom Klimablog aus mit sachlichen Argumenten. Klar könnte man auch persönlich antworten. Ich zum Beispiel finde, dass ich mich nicht noch bedanken muss, einen nicht noch kaputteren Planeten als jetzt schon übernehmen zu dürfen. Andererseits will ich aber auch unbedingt wertschätzen, dass ohne diese kleine Gruppe der frühen Umweltschützer tatsächlich die Lage noch viel schlimmer wäre. Und zur Jugend gehöre ich auch nicht mehr. Hier kommt man auf keinen grünen Zweig, wenn man auf die Debatte eintritt. Dabei geht es vor allem um Ego und persönliches Empfinden. Der Klimablog betrachtet aber Dinge lieber auf einer generelleren und gesellschaftlichen Ebene und nicht nur aus einem einzelnen Blickwinkel. Denn natürlich kann man sich in diese Minderheit der frühen Umweltaktivisten hineinversetzen und spürt, wie unglaublich frustrierend es sein muss, denn heutigen Kindern so hilflos zusehen zu müssen.

Definitionen sind wichtig

Um diesem Komplex der Generationenfrage gerecht zu werden, braucht es Kontext. Und den sucht und liefert der Klimablog als seine eigentliche Mission. Mit Vertretern der ökologischen Bewegung ist dankbarer Weise ein fruchtbarer Schlagabtausch bzw. eine Debatte eigentlich immer möglich. Aber unter den Kommentare befinden sich auch solche, die sich wirklich nur am Begriff “Boomer” stören. Ja, dieser ist emotional und auch negativ aufgeladen. Warum das so ist, kann jeder selber googeln, das würde den Rahmen hier sprengen. Aber das Klima ist sicher nicht schuld. Der Begriff ist ursprünglich eine wissenschaftliche und neutrale Bezeichnung für eine scharf eingegrenzte Alterskohorte. Und diese Begriff in genau diesem ursprünglichen Sinne zu verwenden, ist nicht falsch. Wer in diesem Zeitfenster geboren wurde, der gehört nun mal definitionsgemäß dazu. Genau wie “Jugend” eben auch alle jungen Menschen einschließt. Das ist nicht verallgemeinernd und undifferenziert, das wird es erst, wenn man daraus einseitige Vorwürfe formuliert. “Ihr seid alle am Klima schuld”, ist so einer. Was aber aus der Sicht eines 15-Jährigen verständlicherweise gar nicht so daneben wäre. Wenn die Generationenforschung den einzelnen Altersgruppen gewisse Merkmale zuordnet, die auf die große Mehrheit zutrifft – auch wenn natürlich Ausnahmen immer auch diese Regel bestätigen – dann ist das korrekt. Unterschiedliche Bedürfnisse der Altersgruppen zu erkennen und adressieren, ist sogar ganz zentral für eine demokratische Gesellschaft. Gerade die Coronakrise hat dies deutlich aufgezeigt. Und bei der Klimakrise geht es um dasselbe, diese Unterschiede sind wichtig, damit es eben kein unfaires Ungleichgewicht entsteht. Doch beim Klima und seinen Folgen tritt genau ein solches auf.

Wer sind die “Boomer” überhaupt?

Wichtig ist, dass die deutsche Definition von der internationalen stark abweicht. Denn z.B. in den USA zählen die 1946 bis 1964 Geborenen zu den “Babyboomern”. Je nach Land setzte der Boom sogar noch während dem Weltkrieg ein. In Deutschland fehlten wegen des Krieges schlicht die Männer dazu. Darum begann hier der Boom später, nämlich erst ab ca. 1955 und dauerte auch etwas länger bis 1969. Während also im Rest der Welt deutlich ältere Menschen gemeint sind beim Begriff “Boomer”, beschreibt er in Deutschland heute auch noch deutlich jüngere Mitbürger. Keine empirische Belegung gibt es dafür, dass “Boomer” wahrscheinlich mehr Menschen als nur den physischen Babyboom umgangssprachlich mit einschließt. Denn oft meint man dabei auch die, welche im Umfeld – also auch die noch folgenden Jahre – des aus dem Babyboom hervorgegangenen Wirtschaftsboomes aufgewachsen sind. Denn von diesem profitierten sehr viel mehr und wurden als Generationen grundlegend durch diesen geprägt. Es war die Zeit des uferlosen Aufschwunges. Bis weit in die Siebziger hinein kam es zu einer Explosion von Entwicklung, Infrastruktur und technologischen Errungenschaften. Atomkraftwerke, Autobahnen, Plattenbauten, U-Bahnen, die Großchemie als Branche, das Automobil oder Jetflugzeuge gehörten dazu. Und all das nährend und überhaupt ermöglichend: Erdöl. Es war und ist bis heute das Menschheitszeitalter der fossilen Brennstoffe. Die Ursache für die heutige Klimakatastrophe.

Viele Boomer sind mit einem unglaublichen Fortschrittsglauben groß geworden. Sie haben als erste in einem so großen Maße Gesellschaftsklassen kollektiv überwinden können. Viele kamen im Boom zu Wohlstand, mehr als jemals zuvor. Von Wohneigentum über Vollbeschäftigung (und damit guten Renten), moderne Annehmlichkeiten von Kühlschränken über Plastik bis hin zu Autos. All das wurde zur Selbstverständlichkeit. Heute leiten viele davon quasi Grundrechte ab. Ein Grundrecht auf Automobilität, ein Recht auf ein definiertes Maß an Wohlstand oder Konsum. Und was diesem Standard widerspricht, ist erstmal unvorstellbar und wird ablehnend bewertet. Zum Beispiel alles, was mit Verzicht zu tun hat. Dass die Jugend minimalistischen Konzept, teils auch notgedrungen, Vorzüge abgewinnt, wird nicht unbedingt verstanden. Denn Konsum ist ein zentrales, verbindendes Element der Boomer. Der Nachkriegskapitalismus funktionierte nur mit diesem. So lernte eine ganze Generation sich vor allem über “haben” und nicht “sein” zu definieren. Es war das Zeitalter der Statussymbole – Urlaub, Auto, Haus, Küchenmaschinen – und damit auch der Shoppingmalls. Noch während sich das alles entfaltete, geschah aber schon das Unglück. Die Pille.

Der Pillenknick…

Der Knick

Der Pillenknick ist in jeder Statistik extrem deutlich als steil nach unten stechende Kurve zu erkennen. Familienplanung und Geburtenkontrolle sind gerade in der Klimasache nichts Schlechtes, Stichwort Überbevölkerung. Aber so drastisch wie er geschah, so viele Jahrzehnte später erst sollte er extreme Wirkungen in der Gesellschaft entfalten. Nämlich jetzt. Fachkräftemangel oder die nicht mehr gedeckte Rente sind Beispiele. Plötzlich fehlt Arbeitskraft, die all den Wohlstand ermöglicht. Und das Kapital. “Geht halt arbeiten” ist nicht mehr Antwort auf alles. Auch wenn das zum Beispiel Politiker wie jüngst die Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey von der SPD gerade im Kontext der Klimaproteste weiter gebetsmühlenartig wiederholen.

Darum liegt viel eher beim Kapital das wirkliche Potenzial, denn es ist extrem ungleich verteilt. An der Geburtenrate kann kaum viel verändert werden, aber an der Verteilung von Geld schon. Denn der Pillenknick hat auch Folgen bei der Chancengleichheit. Viel Boomer (hier als reine Definition) kleben jetzt auf den Sesseln fest und eine ganze Nachfolgegeneration verbringen einen guten Teil ihrer Karriere damit, zu warten. Ab 1980 Geborene haben laut Studien massiv schlechtere Voraussetzungen als noch ihre Boomer-Eltern. Sie haben es viel schwerer an Eigenheim zu gelangen, heute ist es sogar weitgehend unmöglich geworden. Die Rente ist nicht mehr sicher, das reale Einstiegsgehalt ist gegenüber den Neunzigern um 20 % gesunken, sie mussten viel mehr Zeit in Bildung investieren, was das Alterssparen wiederum arg verkürzt. Letzteres war in der Zeit der Minuszinsen sogar fast unmöglich geworden. Es wird nicht mehr Anfang zwanzig geheiratet, Mitte zwanzig sind nicht mehr die Kinder da und man lebt auch nicht in den späten Zwanzigern bereits im eigenen Haus. Sondern man dümpelt von unbezahlten Praktika in schlecht bezahlte Volontariate, Stagaire, Assistenzpositionen und danach in befristete Zeitverträge. Für diese Generation ist das Wunder nie wirklich Realität gewesen – außer, sie haben geerbt. Lust auf Familie macht das alles auch nicht. Das sind die Millennials. Ihnen gemein ist auch, dass sie bei ihren Eltern noch bewusst mitbekommen haben, wie gut es diese hatten. Sie verstehen, dass die Bahn nicht immer schlecht, kaputte Brücken nicht immer kaputt, Schulen marode, Krankenhäuser zerspart oder das Klima überhitzt waren. Aber sie begreifen, von wem sie das alles übernehmen. Sie werden sich schlimmstenfalls dann dafür bedanken, wenn sie die nächste politische Führungsgenration sind. So wie man sich bettet, so wird man liegen.

…und die Altersverteilung in Deutschland.

Der Konflikt

Der Konflikt beim Klima entsteht aber gerade nicht zwischen Boomern und Millennials, sondern interessanterweise sind es eher die ganz Jungen der Gen Z, die aufstehen. Sie haben sich noch nicht im Schatten der Boomer zwangsweise arrangieren müssen. Und sie wurden auch noch kaum durch kapitalistische Angebote korrumpiert. Sprich, sie fahren noch keine gehobeneren Mittelklassewagen. In den anfangs angesprochenen Kommentaren werden an dieser Stelle übrigens gerne Handys und Easyjet als Gegenwehr zitiert. Die Jungen gehen auf die Straße, weil sie ihre Zukunft durch die Klimakatastrophe akut bedroht sehen. Doch warum? Die Berliner Polizei rät den Klimaaktivisten aktuell im Zuge der Klebeaktionen “mit rechtsstaatlichen Mitteln, um politische Mehrheiten zu werben”, anstatt sich festzukleben. Und genau das ist ein Problem. Selbst wenn alle zusammen geschlossen wählen würden, hätte sie keine Chance gegen die absolute Mehrheit der Anzahl Boomer, welche ihnen dabei gegenüber stehen. Konkret laut Forsa-Umfrage würden Stand Ende 2022 42 % der Erstwähler die Grünen wählen. Das nützt aber nichts, wenn trotzdem noch Jahrzehnte die Älteren in der zweitältesten Gesellschaft der Welt den Ton angeben. Und zwar wortwörtlich. 52 % der Bundestagsabgeordneten gehören der Generation Babyboom an, welche aber nur 23 % der Bevölkerung ausmacht. Noch mehr vertreten die Generationen des Wirtschaftsbooms. Wie sollen Jungen da die geforderten politischen Mehrheiten erreichen? Zumal ihnen in ihrem Alter die finanziellen Mittel fehlen, sie generell keine Lobby haben oder sie noch keine Macht über Positionen oder Lebenserfahrung ausüben können? Mal ganz davon abgesehen, dass die Zeit nicht dafür reichen würde. Denn das Klima wartet nicht.

Tatsächlich sehen viele Ältere das Klima als Sache der Jüngeren an. Gönnerhaft belächeln sie, jede Generation habe ihre Themen und müsse sich daran abarbeiten. Aber das Klima ist nicht mit einem AKW, der eher moralischen 68er-Bewegung oder sonst irgendeinem sekundären Thema der Jugend vergleichbar. Es ist das alles verbindende, ultimativ existenzbedrohende und alle Generationen betreffende Thema. Das ist ein ganz anders Kaliber als Selbstfindung einer mehr oder weniger politischen Jugend. Das hier ist ein planetarer Notfall! Nach jahrzehntelangem Transparente halten und mahnen, verschärft sich der Ton jetzt. Und genau das framen konservative Politiker nun als “Radikalisierung”. Und diese wurden vor allem von Boomern gewählt. Ab dem Alter von 60 Jahren aufwärts entschieden sich 49 % an der letzten Bundestagswahl für FDP, CDU/CSU oder AfD. Und nur 9,5 für die Grünen. Aber genau wie bei der protestierenden Jugend kann man fragen, warum tun die das?

Das eigentliche Problem

Ein guter Teil aus Gewohnheit. Ein anderer Teil, weil er davon profitiert. Die fütternde oder gar überschüttende Hand beißt man nicht. Ein Teil, weil es schlicht nicht mehr genug bis zum eigenen Tod interessiert. Und ein Teil aus Ideologie, weil sie grün nichts zutrauen (wollen). Aber DieGrünen als Partei kann man nicht absolut mit Klima gleichsetzten, sie sind nur ein kleiner Teil davon. Da kommt zu tragen, was Habeck kürzlich im ZDF sagte, dass die deutsche Politik im Vergleich zur USA oder anderen Ländern noch gar nicht aufgebrochen ist. Den Konservativen fehlt schlicht jedes Narrativ oder gar Konzept zur Klimarettung und oft sogar überhaupt ein Verständnis für das Klimaproblem. Deswegen wurden die Wind- und Solarindustrie aktiv vernichtet. Deswegen sind wir so von fossilem Gas abhängig geworden. Geiz war in den Krisen der Nullerjahre und der Zeit danach geil. Aber weit über das gesunde Maß hinaus. Der neoliberale Kapitalismus war nicht die Antwort auf die Finanzkrise, sondern deren Ursache. Und man kann nicht heilen, womit das Problem entstand. Und genau hier liegt das Grundproblem. Wenn man das Wort Kapitalismus in den Mund nimmt, fällt schon der ideologische Hammer. Aber tatsächlich müssen wir in der Klimafrage eben ganz grundsätzlich unser Lebenssystem hinterfragen. Und hier im Westen ist dieses eben auf die Pfeiler des Kapitalismus gebaut. Innerhalb dieses Systems haben fossile Konzerne eine absolute Übermacht. Und zwar so extrem, dass es schon längst nicht mehr demokratisch ist. 600 Erdöllobbyisten waren alleine an der Weltklimakonferenz, 15 % mehr als im Vorjahr. Die aktuelle Energiekrise zeigt dieses Ungleichgewicht. Wir sind politisch, finanziell, wirtschaftlich und persönlich im Erdöl gefangen. Und jetzt, wo sich eine zumindest technologische Befreiung abzeichnet, tut die fossile Übermacht alles, um ihren Einfluss zu retten. Dagegen sollten wir ankämpfen. Und das gelingt den Jungen alleine nicht, dafür müssen sie zwangsweise wegen ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit an die Älteren appellieren. Sie können aber nicht jedes Mal eine Liste vorlesen, wer alles aus welchen Gründen der angesprochenen Generation jetzt doch von ihrer Ansprache ausgenommen sei, weil er individuell doch genug Müll getrennt habe oder schon Elektroauto gefahren sei. Und eigentlich war sowieso beides nicht genug.

Ein sehr gutes Video. Der Macher dahinter beschäftigt sich mit linken Positionen in den USA. Schonungslos werden die fossile Übermacht und die soziologischen Mechanismen von Solidarität erklärt.

Handeln!

Dass diese Ansagen alle Boomer treffen, ist nicht mal so illegitim. Denn nein, Hilde und Heinz, ihr unterstützt die Jugend nicht mit Mülltrennen und Biojoghurt kaufen. Auch euer damals ausgefochtener AKW-Kampf (den der Klimablog übrigens mit der bisher umfangreichsten Beitrags-Trilogie hier gewürdigt hat) nützt gerade gar nichts. Ihr müsst leider auch bzw. wieder auf die Straße! Ja, einige von euch sind schon da, aber eine verschwindend kleine Minderheit, und die Jungen sind wie erwähnt sowieso selber schon eine. Zwar ist eine Mehrheit der Bevölkerung bereits für Klimaschutz – aber sie fordert ihn aus Bequemlichkeit und Furcht vor eigenen Einschnitten nicht ein. Eine Ampel kommt mit Klimazielen, die weit unter dem Pariser Abkommen liegen, einfach davon. Und selbst diese eigenen Ziele hält sie nicht ein. Die Union hat sich vorher sogar 16 Jahre lang gar nicht gekümmert, sondern einen klimafreundlichen Umbau der Industrie aktiv verhindert. Und das war der eigentliche Maskendeal des Jahrhunderts – welcher uns jetzt das Genick zu brechen droht. Dazu sitzt nun die FDP fortsetzend für die CDU weiter auf der Schuldenbremse. Superreiche werden nicht zur Kasse gebeten, obwohl einige von ihnen sogar darum betteln. Man schont Großkonzerne und wirft den Ölmultis Tankrabatte hinterher, welche dieses Jahr so hohe Gewinne schreiben wie noch nie in der gesamten Geschichte zuvor. Das ist so, weil eine sehr kleine Gruppe von mächtigen Entscheidern gegen die Interessen der gesamten restlichen Menschheit entscheidet. Wir können nicht von heute auf morgen den Kapitalismus abschaffen – ein Umbau geht hier nur langfristig, zum Beispiel mit einer Umverteilung von Macht, Stichwort Grundeinkommen. Die wenigen Jahre, die uns noch bleiben, müssen wir aber realistisch mit den Mitteln, die wir jetzt haben, bestreiten. Und das geht sehr wohl!

Solidarität nutzen

Überall wo der Markt nicht leistet, tat es schon bisher die Solidarität. Beispiele sind der Straßenbau – würden diese da gebaut, wo es sich lohnt, hätten wir viel weniger davon. Oder Wohnbaugenossenschaften, Arme sind kein oder kaum ein Geschäft. Oder öffentlicher Nahverkehr, der bringt gesellschaftlich viel, rechnet sich aber nicht selber. Dabei begann dessen Geschichte gerade besonders kapitalistisch. Von London über New York, Paris, Madrid bis Berlin gab es in den Anfängen private Aktiengesellschaften, welche die U-Bahnen bauten – oft gar für jede Linie eine separate. Sie wurden später alle verstaatlicht. In dieser Krise, in der Klimakatastrophe müssen wir uns gegen den neoliberalen Ausverkauf der letzten 30 Jahre zur Wehr setzten. Alles Überlebensnotwendige zumindest muss reguliert werden oder ganz in gemeinschaftliche Hände. Ein Beispiel: In London wurde die Straßenmaut gerade auf die ganze Stadt ausgedehnt – die Einnahmen werden zweckgebunden in den Nahverkehr investiert und damit an die ärmere Bevölkerung zurück verteilt – klimafreundlich! Aber all diese notwendigen Veränderungen kann die Jugend nicht alleine leisten, sie hat keine Mehrheiten und wird in nützlicher Frist auch keine gewinnen. Sie kann nicht einfach warten bis in 40 Jahren genug Boomer gestorben sein werden und es dann selber besser machen. Dann ist es für das Klima zu spät. Viele Boomer werden zudem selber zu Lebzeiten noch gewaltige Nachteile, sei es direkt durch den Klimawandel oder den dadurch erodierenden Wohlstand, erfahren. Es lohnt sich also auch persönlich, jetzt aktiv für Veränderung einzutreten. Weniger Kapitalismus ist nicht nur für das Klima gut, es wird nicht ohne ihn gehen, aber nur mit entschieden weniger davon. Man denke nur an die Pflege. Und das ist eure Aufgabe, liebe Erwachsene, ob Boomer oder nicht. Und nicht die von verzweifelt streikenden Schulkindern. Wer mit eigener Nachhaltigkeit argumentiert und sich deswegen von der Verantwortung ausnehmen lassen möchte, der ist auf die BP-Masche mit dem Fußabdruck hereingefallen, welche das Klimaproblem auf das absichtlich damit überforderte Individuum herunterbrach.

Die Omas for Future haben es begriffen. Genau wie die Psychologists for Future, die Scientits for Future, die Teachers for Future, die Lawyers for Future… oder die Parents for Future!

Fazit

Alle müssen handeln. Egal, wie lange sie schon gearbeitet haben. Dieses “Erstmal leisten, bevor ihr demokratische Rechte wahrnehmen dürft!” ist bigott und das Gegenteil von demokratisch. Die Millennials müssen als Sandwichgeneration auch was davon tragen. Aber bedeutend weniger als eben ihre Eltern. Sie werden, wie jetzt die Boomer, trotzdem mitgehangen und mitgefangen sein. Generationenkonflikte sind wichtig und gut und gerade jetzt so wie vielleicht noch nie. Sich entrüstet abwenden ist einfach, wirklich hin stehen und nicht nur nachhaltiger shoppen, sondern politisch umdenken und fordern, das braucht Mut, das ist die Tat. Euer Leben war nur ein Fehler, wenn ihr jetzt nichts geändert haben werdet. Nur besser konsumieren reicht nicht. Klimakleber verurteilen ist einfach. Doch was sich wirklich nicht gehört, sind Politiker, die sich über internationale Verträge, das Bundesverfassungsgericht und die Rechte auf Unversehrtheit künftiger Generationen hinwegsetzen. Wer jetzt Gefängnisstrafen für Klimaaktivsten legitimiert, der versteht die Gefahr für die Demokratie und damit auch für die Fähigkeit, den Klimawandel zu bekämpfen nicht. Und der muss die eben genannten Politiker eigentlich auch einsperren wollen. Die neoliberale Selbstverantwortung führt nur zu persönlicher Überforderung und als Folge zu Paralyse – dem Ziel der fossilen Lobby. Und dafür instrumentalisieren die Jungen nun eben die Boomer. Denn nur Boomer können Boomer stoppen. Dafür müssen diese wütend werden und sich selber hinterfragen. Das ist nicht schön, aber effektiv.

Vor allem Solidarität, über Generationen hinweg, ein Kampf Gut gegen Böse und nicht alt gegen jung, kann was bewirken. Jedoch Fehler eingestehen, aus dem Auto aussteigen und mit weniger leben lernen, das muss man schon von sich fordern lassen. Egal, wie sehr man sich auf den versprochenen Lebensabend in Saus und Braus gefreut hat. Es muss jetzt halt auch mit Tempolimit gehen. Man kann auch auf dem Fahrrad sausen, im Zug brausen (weiter als man denkt) und das Alter auch ohne Kreuzfahrt genießen. Kritik annehmen ist nicht einfach, aber der einzige Weg zur Korrektur. Kleben wir uns alle besser zusammen, als weiter ans Erdöl. “Boomer” ist kein Angriff, sondern eine appellierende Einladung, die eigenen Positionen und vor allem Verantwortung nochmal zu überdenken. Und wenn man das wirklich tut, führt irgendwie kein Weg an ultraradikalem Klimaschutz vorbei, auch wenn es etwas kostet. Immer mehr Richter sehen das übrigens genauso, denn in der anderen Waagschale liegt der sonst unausweichliche Klimakollaps der Kipppunkte. Ein Anspruch auf Ausnahme, nur weil man sich eine Solardach leisten konnte, besteht nicht.

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Fediverse: Was Sie über Mastodon und Co. wissen müssen

Eva Wolfangel
Stuttgart,,Germany,-,09-24-2022:,Mobile,Phone,With,Webpage,Of,Open-source
(Bild: T. Schneider/Shutterstock.com)

Besonders das Netzwerk Mastodon erhält im Fediverse derzeit großen Zulauf. Kann das Problem der Skalierbarkeit das Web0 lösen?

Alles begann mit seinem eigenen Geburtstag: Zahlreiche Menschen gratulierten Aral Balkan auf dem Microblogging-Dienst Mastodon. 28.000 Menschen folgen Balkan. Der Programmierer und Aktivist ist bekannt als Gründer der "Small Web Foundation" und hat ein großes Netzwerk. "Ich konnte es nicht lassen, jedem ein 'Danke' zurückzuschicken", erklärt Balkan – und damit begann die ganze Misere: "Tausend Mal 'Danke' – und ich konnte nichts mehr schreiben." Seine Follower wiederum markierten seine Antwort mit dem kleinen Sternchen oder antworteten gar erneut. Das alles führte zu einer Kaskade, die so viel Verkehr erzeugte, dass Balkans Server aufgab. Somit hatte sich das Geburtstagskind selbst ohne Absicht eine DDoS-Attacke eingehandelt – also eine Distributed Denial of Service Attacke.

Denn Balkan betreibt seinen eigenen Mastodon [1]-Server, und es liegt in der Natur des Netzwerkes, dass seine vielen Posts recht viel Verkehr verursachten: Mastodon ist in Form von Netzwerken organisiert, unzählige so genannte Instanzen, die miteinander föderieren. Das heißt, all diese Instanzen – im Prinzip Server - tauschen sich untereinander aus. Wer neu hinzustößt, entscheidet sich für eine Instanz und eröffnet dort einen Account. Auch wenn nicht alle Instanzen offen für neue Mitglieder sind, so ist die Auswahl doch groß: Von rund 18.000 Instanzen sind derzeit etwa 13.000 online [2]. Die Instanzen sind eingeteilt nach bestimmten Interessen – von sehr spezialisierten Instanzen, die sich mit bestimmten Programmiersprachen beschäftigen, wie ruby.social, über gröbere gemeinsame Interessen wie die Klimakatastrophe, etwa auf climatejustice.social, oder Technologie, wie auf Techhub.social, bis hin zu inhaltlich offenen wie mastodon.social. Die Instanzen unterscheiden sich zudem durch ihre Serverregeln, die Interessierte auf der jeweiligen Startseite lesen können. Mastodon ist damit Teil des sogenannten Fediverse. Der Begriff ist ein Kofferwort aus der englischen Bezeichnung "Federated Universe", also "föderiertes Universum", das aus der Bündelung alternativer sozialer Netzwerke besteht.

Doch zurück zu Mastodon: Untereinander sind die meisten Instanzen miteinander vernetzt: das heißt, auch eine Instanz wie Balkans Server schickt Nachrichten ihrer Mitglieder an zahlreiche andere Instanzen, damit deren Mitglieder sie schließlich in ihrem Newsfeed finden können – wenn sie Balkan folgen oder jemand aus der Instanz einen seiner "Tröts" oder "Toots" genannten Posts erneut teilt. Doch auch wenn zumindest Mastodon für viele – vor allem für jene, die sich derzeit von Twitter dort registrieren – ähnlich zu sein scheint wie die gerade im Tumult befindliche Plattform Twitter, funktioniert es im Hintergrund ganz anders. Anstatt einer zentralen Organisation liegen sowohl die Infrastruktur als auch die Inhalte verteilt auf unzähligen Servern.

Wie Balkan mit seiner selbst gestarteten DdoS-Attacke erging es Ende Oktober auch dem größten Mastodon-Server mastodon.social: Als der Unternehmer Elon Musk medienwirksam Besitzer der neuen Plattform wurde, wechselten viele Twitter-Nutzer dorthin, vermutlich in der Annahme, dass man damit nichts falsch machen kann. Dieser Ansturm zwang die Instanz immer wieder in die Knie. Und so machten viele der Twitter-"Flüchtlinge" in ihrer neuen Social-Media-Heimat zunächst eher negative Erfahrungen: Ihre ersten Posts verzögerten sich teilweise massiv.

Der Zulauf auf den größten Server mastodon.social verstärkt gleichzeitig die Zentralisierung, die ja eigentlich verhindert werden soll. Mastodon.Social ist eine Instanz aus Deutschland und mit mehr als 880.000 registrierten Nutzenden die größte Instanz, dicht gefolgt von der japanischen Instanz pawoo.net mit etwas mehr als 784.000.

Seine selbst gestartete DDoS-Attacke hat für Balkan erneut fühlbar gemacht, was er schon lange wusste – und auch, dass seine Forderung sinnvoll ist: "Jeder große Account, sollte seinen eigenen Server betreiben." Das würde auch die Dezentralität verstärken. Das führt zu weiteren zentralen Themen, die wichtig sind, um Phänomene wie Mastodon im Speziellen und das Fediverse im Allgemeinen zu verstehen. Dabei geht es etwa um die Struktur, die auf einem gemeinsamen Kommunikationsprotokoll vieler Apps und Programme basiert.

"Auch ich habe das Fediverse am Anfang nicht verstanden", gibt Kubikpixel zu, ein Schweizer Entwickler, der nicht nur auf Mastodon, sondern auch in diesem Artikel nur mit seinem Usernamen genannt werden will. "Ich habe meinen Account anfangs auch auf Mastodon.Social eröffnet, weil ich dachte, die Hauptinstanz ist mit allen anderen verbunden." Inzwischen hat er gewechselt und ist heute auf Chaos.Social unterwegs, ein Server, der eine Nähe zum Chaos Computer Club hat. Heute sei er "ein bisschen der IT-Erklärbär", sagt er selbst, und auf Mastodon wird er allenthalben empfohlen, um die Eigenheiten des Fediverse zu erklären. Immer mal wieder veranstaltet er Kryptoparties, bei denen er Menschen Verschlüsselung erklärt, aber auch, wie sie sich im Fediverse zurechtfinden.

Ist das Fediverse kompliziert? "Schwer zu sagen", sagt Kubikpixel. Eigentlich sei es wie bei E-Mails: Auch hier nutzen verschiedene Menschen verschiedene Dienste, doch alle verstehen sich untereinander – wer bei Gmail ist, kann eine gmx-Email empfangen und lesen. So kann man im Fediverse beispielsweise mit einem Account bei Mastodon anderen bei Friendica [3] folgen, einem weiteren dezentralen Netzwerk, das oft mit Facebook verglichen wird, oder auch die Videos auf Peertube [4] – eine Art Youtube-Alternative – anschauen und kommentieren. "Wer Reddit mag, sollte sich Lemmy [5] anschauen", empfiehlt Kubikpixel. Und Mobilizon [6] ist wie Facebook- Events. Manche überfordere die Entscheidungsfreiheit zunächst, beobachtet Kubikpixel: "Die Eigenverantwortung ist hoch, man wird nicht an die Hand genommen. Wenn du vorher fünf Möglichkeiten hattest, etwas zu entscheiden, hast du jetzt 25." Und das betrifft die Plattform-Wahl ebenso wie die Frage, auf welcher Instanz man seinen Account anlegen möchte.

Mehr rund um Twitter und Elon Musk

"Was eine Instanz ausmacht, sind die jeweiligen Serverregeln" erklärt Klaudia Zotzmann-Koch, die den Mastodon-Server Literatur.Social betreibt – eine Instanz "für Autorinnen, Autoren und Literaturmenschen." Es lohnt sich also, sich diese Regeln durchzulesen auf der Suche, welche Heimat zu einem passt. Die Nachrichten der eigenen Instanz bekommt man dann in der sogenannten "Lokalen Timeline" (im Gegensatz zur "Föderierten Timeline") angezeigt. Wer also neu ist und sich über seine leere Timeline wundert, kann erstmal dort stöbern und entscheiden, wem er oder sie folgen will: Diese Posts erscheinen dann in der Startseiten-Timeline – und zwar einfach chronologisch.

Allzu heikel ist diese erste Entscheidung für eine Instanz aber auch wieder nicht, denn erstens ist das Umziehen recht einfach und zweitens kann man nahezu allen anderen im Fediverse ebenfalls folgen: "Das Fediverse ist ein Netzwerk von Netzwerken", sagt Zotzmann-Koch. "Mastodon ist dabei das Schweizer Taschenmesser unter den Fediverse-Softwares", so die Autorin und Datenschutz-Coach, "du siehst Posts von Pixelfed, oder Pleroma [24], Funkwhale und vielen anderen." Das heißt, Mastodon kann aufgrund des gemeinsamen Kommunikationsprotokolls ActivityPub nicht nur Daten austauschen, sondern die Formate der anderen Dienste ebenfalls anzeigen, beispielsweise der Instagram-ähnlichen Plattform Pixelfed [25] oder der Podcast-Plattform Funkwhale [26].

Ein weiterer Vorteil, den man auch von der Plattform Twitter kennt: Mit wem man nicht reden will, den kann man als Nutzerin blocken oder auch erstmal nur stumm schalten. Zudem blockieren verschiedene Instanzen einige andere, beispielsweise werden die Posts der rechten Hatespeech-Instanz Truth.Social, auf der auch Donald Trump unterwegs ist, in die wenigsten hiesigen Timelines gespült.
"Mit denen föderiert unsere Instanz von Literatur.Social aus rechtlichen und moralischen Gründen nicht", erklärt Zotzmann-Koch.

Auch Stephanie Henkel, die im Fediverse unter dem Namen "Ückück" bekannt ist, genießt gerade diese Möglichkeit, mit einem oder wenigen Accounts mehrere Plattformen gleichzeitig nutzen zu können. Die Studentin der Wirtschaftsinformatik und zweite Vorsitzende der Partei Piraten Sachsen betreibt einen Podcast auf Funkwhale, veröffentlicht Videos auf Peertube – und hostet gemeinsam mit einem Kollegen die Instanz Dresden.Network, auf der sowohl ein Mastodon- als auch ein Peertube-Sever beheimatet sind. Aktuell ist ihr eines besonders wichtig: Die Unbhängigkeit des Fediverse. "Uns kann niemand kaufen, weil wir ein Netzwerk von vielen sind."

Insgesamt liegen den hunderten von Anwendungen im Fediverse – eine Übersicht gibt es auf Fediverse.party [27] – vier Kommunikationsprotokolle zugrunde, von denen ActivityPub das verbreitetste ist. "Friendica kann alle Sprachen", empfiehlt Henkel – anders als mit Mastodon kann man mit einem Account dort auch die Aktivitäten von Diaspora [28]-Mitgliedern verfolgen, ein Dienst, der mit Google+ verglichen wird und die gleichnamige Sprache diaspora verwendet. Zudem biete Friendica mehr Möglichkeiten, Posts zu formatieren, und die Posts dort dürfen länger sein. "Mastodon hingegen ist absichtlich rudimentäter", sagt sie. Dort werden die längeren Posts anderer zwar angezeigt, Formatierungen hingegen verschwinden.

Mastodon "verstehe" zudem den Kalender von Mobilizon nicht, einer App, mit der man, wie mit Facebook Events, Veranstaltungen organisieren kann. Mastodon-User können diese zwar sehen, sich aber nicht mit einem Klick anmelden. Stephanie Henkel empfiehlt auch Pixelfeed, auch wenn es noch etwas fehlerhaft laufe. "Es wird immer mit Instagram verglichen, aber eigentlich sind die Inhalte anders", sagt sie: "hochwertiger und künstlerischer."

Das ganze Fediverse wachse massiv, beobachtet Henkel. Letztlich könne tatsächlich jede und jeder selbst eine Instanz betreiben – "das sagen wir immer so, aber es sind eben nicht alle Techies", schränkt sie ein und lacht. Aber es gebe auch erste Hosting-Sevices, bei denen Menschen das Hosting eines Fediverse-Servers buchen und selbst eine Instanz aufbauen können.

Und wahrscheinlich ist das nötig, damit das Fediverse dem Ansturm langfristig gewachsen ist. Das Thema Skalierung wird derzeit immer häufiger auf Mastodon diskutiert. Das führt wieder zurück zu Aral Balkan und seiner DDoS-Attacke auf sich selbst. Denn diese zeige nicht nur die Grenzen der Skalierung der Föderation auf: Das Fediverse ist nicht sicher vor Zentralisierung, warnt Balkan, und letztlich nicht einmal vor feindlichen Übernahme durch die großen Tech-Konzerne. Er holt etwas aus: "Viele der Probleme, die gerade auftreten, hätten wir nicht, wenn wir weniger und dafür größere Instanzen hätten", sagt er. Denn dann müssten sich weniger Instanzen untereinander austauschen: In einer zentraleren Struktur fallen weniger dieser Datenverbindungen an, die den bestehenden Instanzen zur Zeit so zu schaffen machen. Aber Zentralisierung ist ja genau das, was das Fediverse verhindern soll. "Leider existieren die falschen Incentives", sagt Balkan und meint damit bestimmte Anreize. Die stecken aus seiner Sicht in der Architektur des Netzwerkes: "Weil es föderiert organisiert ist und nicht peer-to-peer."

Sobald ein föderiertes Netzwerk massiv wächst, tendiere es dazu, eine Lösung in Zentralisierung zu suchen – nahezu automatisch. Und das ist etwas, das die großen Tech-Konzerne gut können, schließlich ist dort auch das nötige Geld, um große Serverinfrastrukturen bereit zu stellen. Was, wenn Elon Musk auf einmal föderieren möchte? Er dürfte ActivityPub implementieren, auch wenn er aufgrund der Lizenz entsprechende Veränderungen stets offen halten müsste. "Viele Instanzen würden sich vermutlich weigern, mit ihm zu föderieren", sagt Balkan.

Aber es gibt andere kommerzielle Tech-Unternehmen, bei denen die Abneigung weniger eindeutig ist. Der Blogging-Dienst Tumblr hat kürzlich angekündigt, Activity Pub unterstützen zu wollen [29]. „Matt ist noch am wenigsten Silicon-Valley-mäßig unterwegs“, sagt Balkan. Tumblr-Chef Matt Mullenweg hat zahlreiche Open-Source-Projekte aufgebaut und gefördert. Wenn Tumblr nun tatsächlich ActivityPub implementiert, wäre es Teil des Fediverse – und mit seinen 135 Millionen aktiven Nutzenden mit Abstand die größte Instanz des Fediverse. Es ist eine ganz andere Größenordnung als die 800.000 Accounts der derzeit größten Instanz Mastodon.Social.

Die größte Instanz wäre dann ein kommerzieller Dienst, der trotz möglicherweise fortschrittlichen Denkens seines Betreibers all das vereint, was man im Fediverse nicht gerne sieht: Zentralismus, Kommerz, eine algorithmisch gesteuerte Timeline – kann das überhaupt funktionieren? "Das ist eine moralische Frage", sagt Kubikpixel. Denn auch wenn das Fediverse nicht-kommerziell angelegt ist, könne niemand verhindern, dass Unternehmen Dienste anbieten, mit denen sie Geld verdienen. Und auch nicht, dass kommerzielle Unternehmen Teil des Ferdiverse werden, die eine algorithmisch gesteuerte Timeline anbieten.

"Ein System wird zu dem, für das es designet wurde", sagt Balkan dazu. Wenn die Incentives im Fediverse so sind, dass zentralistische kommerzielle Tech-Unternehmen Vorteile haben, dann werden diese auch kommen und womöglich früher oder später dominieren. "Allerdings ist es gar nicht so einfach, so etwas anders zu designen", gibt er zu.

Aral Balkan arbeitet seit acht Jahren am "small web", wie er sein Projekt nennt. Spaßeshalber hat er es auch mal "Web0" genannt, im Kontrast zum Web3 – der Slogan war recht erfolgreich, weil es eingängig ist. Das "Manifesto" beginnt mit einer Gleichung: [30]

  • web3 = decentralisation + blockchain + NFTs + metaverse
  • web0 = web3 - blockchain - NFTs - metaverse
  • web0 = decentralisation

Viele kritisieren das Web3. Balkans Vision ist das Gegenteil davon: selbstbestimmt, nichtkommerziell, dezentral. Genau genommen soll die Funktion der Infrastruktur, an der er arbeitet, allein den Menschen dienen, die sie nutzen – und keinen Konzernen, die Daten sammeln beispielsweise. Der wohl größte Unterschied zum Fediverse ist eine Peer-to-peer-Kommunikation: Nutzende kommunizieren direkt miteinander, ohne zwischengeschalteten zentralen Service, aber auch ohne zu föderieren.

Dafür sollten alle ihren eigenen Webserver betreiben, sagt Balkan – und weil das schon wieder kompliziert klingt, schiebt er gleich hinterher: "Freilich dürfe es dafür Hosting-Sevices geben. Aber diese sollten jeweils maximal 10.000 Nutzer hosten dürfen. Das ist genug, es soll nachhaltig sein", sagt Balkan. So bilden sich seiner Meinung nach keine Tech-Giganten.

Gerade entwickelt Balkan sowohl "kitten" – einen kleinen Webserver und ein Framework, um Anwendungen für das Small Web zu programmieren, sowie "domain", ein Tool für Hosting-Anbieter. Der Normalfall soll aber sein, dass es einen Server pro Menschen gibt: "Es ist wirklich einfach". Das könne auch einfach ein Raspberry Pi sein, für den es lediglich einen Usernamen und ein "Geheimnis" brauche, einen kryptografischen Schlüssel. Mit Namen und öffentlichem Schüssel könne der Nutzer dann mit jedem anderen Server im Small Web kommunizieren. "Radikale Einfachheit", sagt Balkan. Auf Basis dieser Technologie ließe sich alles entwickeln, eine Möglichkeit zu chatten oder auch Backgammon zu spielen oder Bilder zu teilen oder was Menschen ansonsten gerne tun im Netz.

Er habe nichts gegen das Fediverse, sagt Balkan. Im Gegenteil: "Die Menschen wären jetzt gerade verloren, wenn es das Fediverse nicht gäbe." Auch dass der Mastodon-Gründer Eugen Rochko seine Plattform so entwickelt hat, wie er es getan hat, sei nur im Nachhinein einfach zu kritisieren. "Hätte er damals das gebaut, was ich gerade versuche zu gestalten, hätte es nicht funktioniert." Aber jetzt zeige sich, wohin die Design-Entscheidung in der Konsequenz führe – nämlich wieder in Richtung Zentralisierung. Nun sei die Zeit reif, etwas gänzlich neues zu gestalten, etwas, das nicht übernommen werden kann von Akteuren aus dem "Big Web". "Wir werden nicht koexistieren im bestehenden System, damit es nett aussieht", sagt Balkan entschlossen, "wir bauen etwas ganz anderes."

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[5] https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwi1gYOkwNj7AhW8hv0HHapyDBEQFnoECBIQAQ&url=https%3A%2F%2Fjoin-lemmy.org%2F&usg=AOvVaw0y4osHJD5yIejEErRMxpfq
[6] https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwi7_9arwNj7AhWri_0HHVQdDr4QFnoECBIQAQ&url=https%3A%2F%2Fjoinmobilizon.org%2F&usg=AOvVaw371BuxzSGBwdzoTRfs1b5q
[7] https://www.heise.de/news/Twitter-Rechtsextreme-sehen-in-Musk-Verbuendeten-Antifaschisten-werden-gesperrt-7361116.html
[8] https://www.heise.de/news/Twitter-Konflikt-Elon-Musk-und-Apple-Boss-Tim-Cook-geben-sich-friedlich-7362763.html
[9] https://www.heise.de/news/Twitter-geht-nicht-mehr-gegen-Corona-Falschinformationen-vor-7360911.html
[10] https://www.heise.de/news/Twitter-EU-Kommissar-Breton-mahnt-Musk-zur-Einhaltung-von-EU-Recht-7362552.html
[11] https://www.heise.de/ratgeber/Mastodon-statt-Twitter-Was-Sie-beim-Wechsel-beachten-muessen-7361169.html
[12] https://www.heise.de/meinung/Pro-Contra-Beginnt-jetzt-die-grosse-Migration-von-Twitter-zu-Mastodon-7333383.html
[13] https://www.heise.de/hintergrund/Twitter-Insider-Warum-die-Plattform-zusammenbrechen-koennte-7334005.html
[14] https://www.heise.de/meinung/Twitter-Warum-Werbung-fuer-weniger-Hate-Speech-sorgen-koennte-7349319.html
[15] https://www.heise.de/hintergrund/Was-passiert-wenn-Twitter-sich-nicht-an-EU-Recht-haelt-7357763.html
[16] https://www.heise.de/news/Twitter-Musk-kuendigt-farbige-Verifizierungshaken-und-Ende-der-Entlassungen-an-7348260.html
[17] https://www.heise.de/hintergrund/Twitter-der-Unfall-bei-dem-man-einfach-nicht-wegschauen-kann-7347137.html
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Des cirCONSTANCEs plus faires – Von Korrespondenznetzwerk zu Wissensgraph mit der Briefedition »Constance de Salm«  

Foto von thom masat auf Unsplash

Die Gemeinsamkeit zwischen Energy Drinks, die ich während meines Praktikums am DHIP getrunken habe, und der Arbeit an einer digitalen Briefedition?
Beides kann die Herzschlagrate schlagartig erhöhen.
Aber: Auch das Stichwort „Recycling“ spielt hier eine Rolle. Forschungsdaten und ihre Nachnutzbarkeit werden immer wieder diskutiert; und das nicht nur im Seminar “Methoden der Digital Humanities” an der Uni Trier…

Offene und faire Daten – Etwas Theorie als Apéritif

Für viele Disziplinen, die bereits traditionell und analog mit Daten arbeiten bzw. diese erzeugen, sind Digitalisierung, Linked Open Data und FAIRification wichtige Themen[1]. Bereits zu Beginn eines Projekts sollte die Zukunft der Forschungsdaten bedacht werden. Dabei geht es auch darum, den Umgang mit Daten transparent(er) zu gestalten. Ähnlich wie beim Recyclen meiner etlichen Energy-Drink-Dosen, sollten auch die Forschungsdaten, möglicherweise in neuer Form, weiterleben können, nachdem sie von Forschenden verzehrt—ich meine natürlich verwendet—wurden. FAIR steht dabei für findable, accessible, interoperable und reusable. Diese Grundprinzipien der GO FAIR Organisation beschreiben, wie Forschende mit Daten hantieren sollten.

Bereits 2005 kreierte Tim Berners-Lee mit seinem Ansatz der 5 Stars of Open Data einen Meilenstein für Überlegungen zur Verlinkung von (Forschungs)daten.

Five Stars of Linked Open Data
Die Korrespondenz der Constance de Salm

In der digitalen Briefediton der Constance de Salm (CdS), einer Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts, die tüchtig korrespondierte, ist FAIR bereits zentral umgesetzt. Auf der Website sind Faksimile der Briefe, Metadaten und weitere Inhalte einsehbar.
Aber welche Schritte kann man gehen, wenn nun FAIRe Daten vorliegen? Kann man sie noch fairer gestalten, indem man weitere Open Data–Sternchen vergibt?

Ganz plump behauptet… ja, genau das sollte das Ziel sein! Es geht also darum, eine bereits bestehende Sammlung an Daten, in diesem Fall der Korrespondenz, in ein noch breiteres Feld einzuordnen. Durch eine solche Kontextualisierung, die bei Berners-Lee mit fünf Sternchen und somit mit der Höchstpunktzahl ausgezeichnet ist, eröffnen sich innerhalb eines Projektfeldes weitere Sphären.
Jedoch ist der Sprung zwischen den Stufen häufig nicht einfach zu bewältigen und vor allem ist eine vollendete “Sternchenauszeichnung” aufwendig. Dies ist besonders dann der Fall, wenn viele verschiedene Fronten bei den Daten vorliegen.

Schritt für Schritt Richtung Sternenhimmel

Eine Anmeldung zur Nutzung der Datenbank ist nicht mehr notwendig, alle Scans sind ohne Wasserzeichen online einsehbar. Um die Nutzung im französischsprachigen Raum zu ermöglichen, wurden alle Texte der Website und die Datenbankfelder übersetzt. Die Korrespondenz kann nun unter einer französischen Weboberfläche konsultiert werden. Zugleich wurden die Erschließungsdaten aus dem Projekt mit Normdaten angereichert: Die Personenamen sind mit ihren GND- und VIAF-Einträgen verknüpft, die Ortsangaben mit der URL von GeoNames. Die Erschließungsdaten wurden außerdem in den Briefverbundkatalog correspSearch, eingespielt und die angereichterten Daten bei Zenodo hinterlegt

Wie dieses Zitat zeigt, wurden bei der Datenaufbereitung der CdS-Korrespondenz bereits einige FAIRe Schritte gemacht: Nicht nur sind die (Meta)daten maschinenlesbar und offen (also auch in einem nicht-proprietären Format) auf Zenodo und correspSearch verfügbar, sondern sind sie auch noch mit Normdaten verknüpft.
Diese Aufbereitung ist, selbstverständlich, nicht allumfassend möglich gewesen. So haben einige Personen, die in der Korrespondenz auftreten, noch keinen GND– oder VIAF-Eintrag. Zusätzlich gab es durch nicht-normierte Daten mit Zusatzinformationen zum Stand oder Beziehung zu CdS teilweise Vereinheitlichungs- und Identifikationsprobleme. Neben Personen- und Ortsnamen sind teilweise übrigens auch Sach- bzw. Schlagwörter der Briefe durch GND-Identifierausgezeichnet.

Was zunächst möglicherweise wie ein Nachteil wirkt, ist keineswegs als einer zu verstehen. Während meines Praktikums im September und Oktober 2022 am DHIP hatte ich das Vergnügen, die Welt der Constance de Salm genauer kennenlernen zu dürfen. Mein Einblick in das Datenuniversum der CdS-Korrespondenz gestaltete sich sehr vielfältig und ich wurde stets von Mareike König dabei unterstützt, ausbauende Konzepte zur Korrespondenz zu entwerfen.

Und dann?

Ursprünglich war die Idee, ein paar einfache Visualisierungen (wie Histogramme) zur Korrespondenz zu erstellen. Da die Metadaten zu den Briefen bereits tabellarisch als CSV vorliegen, ging das mit Hilfe von Python und einigen externen Modulen schnurstracks.[2] Zu möglichen Komponenten der Visualisierung gehörten unter anderem auch ein paar Vorverarbeitungschritte – so zum Beispiel das Filtern der teilweise normierten Daten nach Jahrzehnten oder Ausstellungsorten.

Eine Beispielvisualisierung: Ein Histogramm der Korrespondenzhäufigkeiten zwischen CdS und anderen Personen 1820 (für bessere Lesbarkeit bitte via Mausklick auf das Bild vergrößern).

Nachdem ich diese Visualisierung erstellt hatte, habe ich mich gefragt, wie überschaubar und aussagekräftig sie tatsächlich ist. Besonders bei Korrespondenzen ist Netzwerkförmigkeit ein wichtiges Thema. Wie also kann ich Mareikes Visualisierungs-Wünschen gerecht werden und gleichzeitig meinen eigenen Sternenstaub einbringen? Genau, ich erstelle ein interaktives Netzwerk der Korrespondenz!

Und in der Praxis?

Ein interaktiver Graph der CdS-Korrespondenz

Wer mich kennt, weiß, dass ich sehr verbissen bin. Das heißt, dass die Idee des CdS-Netzwerks mich bis zum Ende des Praktikums nicht ruhen ließ.
Als erstes überführte ich also die tabellarischen Daten in einen Graphen mit Knoten und Kanten. Die Knoten repräsentieren die einzelnen Personen in der Korrespondenz, während die Kanten sie miteinander verbinden und somit den Brief(-wechsel) symbolisieren. Informationen über den Briefwechsel, zum Beispiel zum Datum oder Jahrzehnt, zu dem der Brief versendet wurde, sind in den Kanten gespeichert und können genutzt werden, um den Graphen zu filtern. Informationen zu den Personen können außerdem in den Knoten gespeichert werden.

Interaktives Korrespondenznetzwerk mit Filteroptionen
Aber wie sinnvoll ist eine solche Visualisierung auf lange Sicht?

Zunächst ist der Graph, zu sehen im eingefügten Gif, nur lokal auf einem eigenen Server zugreifbar. Es steht kein konkretes Datenmodell hinter der Visualisierung und die Metadaten sind nicht (semantisch) strukturiert hinterlegt (außerhalb der Tabelle). Somit handelt es sich um eine, vom Rest des Webs, abgekapselte Darstellung. Sie ist vielleicht ein Augenschmaus und eröffnet neue Ebenen des Nachdenkens über die CdS-Korrespondenz – bringt aber keinen übergreifenden Mehrwert.

Da ich im vergangenen Semester eine Veranstaltung mit dem Titel “Semantische Technologien” belegt hatte, und zusätzlich Veranstaltungen zu den Themen “Methoden der Datenerschließung” und “(Digitale) Edition und Publikation”, geisterten noch viele Stichwörter in meinem Kopf herum. Nicht nur Datenmodellierung, Semantic Web, Knowledge Graphs[3] und Ähnliches, auch Begriffe wie Nachnutzbarkeit, Benutzerfreundlichkeit oder Interoperabilität stimmten mich nachdenklich. Was kann ich tun, um sowohl die CdS-Korrespondenz mit neuen Inhalten zu ergänzen als auch die Außenwelt am Mehrwert der Forschungsdaten teilhaben zu lassen?
Zunächst habe ich mich also ans Recherchieren gemacht und bin den Spuren RDFizierter Korrespondenzen gefolgt.[4] RDF, das Resource Description Framework, ist ein Datenmodell, das die Beziehung von Entitäten in Tripeln beschreibt[5].

RDF is a standard for data interchange that is used for representing highly interconnected data. Each RDF statement is a three-part structure consisting of resources where every resource is identified by a URI. Representing data in RDF allows information to be easily identified, disambiguated and interconnected by AI systems

Erste Schritte, wie das Überführen der vorliegenden tabellarischen Daten in ein passendes semantisches Modell, habe ich in einem Lucidchart-Board festgehalten und so meine Gedanken strukturiert.

Ideen zu einem RDFizierten Datenmodell der CdS-Korrespondenz

Ein passendes Datenmodell in OWL bzw. RDF habe ich in Ansätzen entworfen, um – aus der CSV-Formatierung herausgelöst – Objekte besser identifizieren zu können (bspw. mit vorgegebenen Namespaces wie FOAF, RDF Schema, OWL, usw.). Ein vorgegebenes, bereits bestehendes Vokabular beschreibt und kontextualisiert Datensätze in der Korrespondenz, ohne dabei extrem spezialisiert zu sein. Deswegen wollte ich kein gänzlich eigenes Vokabular entwerfen, da die Wiederverwendung die Lesbarkeit und Benutzer*innenfreundlichkeit gewährleisten kann. Einige eigene Properties waren trotzdem notwendig.

The beauty of reusing existing vocabularies (assuming that you choose popular and standardised ones), is that any developer, data scientist, or user who has worked with RDF before can likely already understand and work with [y]our data.

Mein Ansatz war also folgender: Ein Korrespondenz-Knowledge Graph. Ein Graph, der Wissen rund um die CdS-Korrespondenz enthält und codiert. Zentrum des Ganzen sind demnach die Briefe, Personen, Themen und Orte, die bereits erfasst sind. Diese erhalten, in einer übergeordneten Ontologie[6], eigene Klassendefinitionen. Mit Hilfe eines bestehenden Vokabulars können dann Tripel erstellt werden, die den Briefwechsel beschreiben.

Formal ontologies provide humans and machines an accurately understandable context or meaning. Ontologies ensure a common understanding of information. In practice, ontologies, describe and link disparate and complex data.
Ontologies enable reuse of foundational concepts in (upper) ontologies that are domain independent and can be used across domains.

Die bereits genormten Metadaten sollen dazu genutzt werden können, weitere Informationen rund um die Korrespondenzen zu reconciliieren. Ich entschuldige hier den OpenRefine-Jargon und hänge eine kurze Definition aus der Dokumentation an.

Reconciliation is the process of matching your dataset with that of an external source. Datasets for comparison might be produced by libraries, archives, museums, academic organizations, scientific institutions, non-profits, or interest groups. You can also reconcile against user-edited data on Wikidata or other Wikibase instances, or reconcile against a local dataset that you yourself supply.

In OpenRefine kann man nämlich nicht nur Daten aufräumen, indem man zum Beispiel redundante Einträge entfernt oder Informationen korrigiert, sondern auch Datensammlungen anreichern und mit externen Quellen verknüpfen. Probleme, die ich bereits in oberen Abschnitten erwähnt habe, können so halb-automatisch verbessert und ein Reconciling durchgeführt werden.

Warum ist Reconciling wichtig?

Das Reconciling von Informationen aus externen Daten kann nur dann gelingen, wenn Übereinstimmungen gefunden werden. Außerdem können Einträge zu Personen, die durch Tippfehler o.Ä. im Namen doppelt vorkommen, vereinheitlicht werden.
Nicht-genormte Metadaten habe ich so mit Hilfe von Python und OpenRefine harmonisiert. Das Reconciling lieferte außerdem (über Wikidata und die GND) weitere Verbesserungsoptionen. Zugleich erfolgte eine Rück-Korrektur von Personennamen und Sachbezeichnungen in der Korrespondenz-Datenbank FuD. Es geht also nicht nur darum, Personen- oder Ortsnamen eindeutig identifizierbar zu machen. Auch der Sachindex, in dem die Themen der Briefe zusammengefasst sind, kann mit Hilfe einer Verlinkung auf externe Datensammlungen besser definiert werden.

Ergebnisse und weitere Ziele – SPARQLing Stars

Die RDFizierung ermöglicht eine maschinen- und menschenlesbare, semantische Vernetzung und Anreicherung der Daten. Außerdem ordnet sie den eigenen Datenbestand, idealerweise, in bereits bestehende Kontexte ein (ganz nach dem Fünf-Sterne-Motto: All the above [u.a. RDFication], plus: Link your data to other people’s data to provide context). Korrespondenzen zwischen Personen sind nicht mehr nur Kanten oder Einträge in einer Tabelle. Informationen über den Briefwechsel und die beteiligten Personen können manuell und automatisch erfasst und erforscht werden. Das Reconciling von weiteren Informationen erlaubt das Hinzufügen oder Korrigieren von Aspekten, beispielsweise das Ergänzen von genauen Geburtsdaten der Korrespondierenden oder die Wikidata-Identifier des Themenvokabulars. Darüber hinaus können Knowledge Graphs, die in RDF beschrieben sind, mit SPARQL durchsucht werden.[7] Dies ist super nützlich, wenn man die eigenen Daten für andere Nutzer*innen abfragbar machen will. Außerdem erlauben föderierte Queries (federated queries) das Hervorholen weiterer Informationen basierend auf bestehenden Einträgen.

One major advantage of linked open data is that we can use not only the information stored within our graph. Instead, because we have matched most of our values to existing WikiData-Items (where possible), we are able to write queries linking to different Knowledge Bases like WikiData [or others that also link to WikiData-Items].

Des Weiteren können gesammelte Daten aus der eigenen Welt in andere Repositorien gespeist werden. Beispielsweise könnten Informationen, die im FactGrid oder auf Wikidata zu Constance de Salm fehlen, durch die Verbindung über Identifier eingespeist werden.[8]
Etwas, das natürlich auch nennenswert ist: Die Visualisierung eines Wissensgraphen ermöglicht Nutzenden, die Netzwerkförmigkeit und die Interkonnektivität der Korrespondenz zu erfassen. Ziel des ganzen Mini-Projekts während meines Praktikums war also ein Zusammenführen der Informationen mit Hilfe von Skripten und Software, um einen Wissensgraphen zu bauen und zu visualisieren[9].
Mein absolutes Endziel ist das Einbauen des Wissensgraphens in die CdS-Website. Dann könnten Nutzende Anfragen zur Korrespondenz stellen (unter anderem auch mit föderierten Queries) und den Graphen so auch visuell filtern. Anfragen von Nutzenden könnten im Hintergrund durch SPARQL Queries auf die Datenbasis angewandt werden und so die gewünschten Infos hervorbringen.

Schematische Darstellung, wie der Graph auf der Website eingebunden werden könnte.

Der zeitliche Rahmen meines Praktikums hat leider nicht dafür gereicht, alle Ziele umzusetzen. Die ersten Ansätze und Ergebnisse sind jedoch in meinem GitHub-Repository zu finden. Auch eine umfängliche, technische(re) Beschreibung meines Vorgehens und meiner Ideen kann dort nachgelesen werden.
Somit ist dieser Blogbeitrag ein weiterer kleiner Wrap-up dessen, was ich während meines zweimonatigen Praktikums gemacht habe. Es war spannend, aus der Datenmodellierungs-Perspektive auf die Briefedition der Constance de Salm zu blicken. Die Aufgaben im Kontext der Korrespondenz während des Praktikums haben auch meinen Umgang mit der Theorie, die wir an der Universität Trier im Rahmen des Studiengangs Digital Humanities (M.Sc.) zum Umgang mit Forschungsdaten lernen, verändert. FAIRe Daten, Forschungsdatenmanagement und Wissenschaftskommunikation in der Realität zu erleben ist nämlich eine Erfahrung, auf die einen kein Lehrbuch vorbereiten kann. Somit folgt zum Abschluss noch ein kleiner Werbeblock für Praktika am DHIP und richtet sich vor allem an fellow DH-Studis: Macht ein Praktikum in der Abteilung der digitalen Geschichtswissenschaften am DHI Paris, Leute!
Damit verabschiede ich mich vorerst von der Arbeit an der Korrespondenz.
But: You haven’t seen the last of me, Constance de Salm. À bientôt, vielleicht mit weiteren Ideen zu Sternchen…

  1. Dieser Blogbeitrag ist keine Einführung in die Welt von Datenmodellierung, Graphen oder Wissensnetzwerken. Hilfreiche Einführungsliteratur verlinke ich in den Fußnoten in entsprechenden Absätzen. Einen ersten Überblick zum Thema Forschungsdatenmanagement gewährt zum Beispiel das Konsortium NFDI4Culture oder die DFG. [↩]
  2. Mehr dazu in meinem GitHub-Repo. [↩]
  3. Zusammenfassungen zum Thema Semantic Web und Knowledge Graphs können hier nachgelesen werden, weitere interessante Beiträge gibt es unter “Fundamentals” zu lesen. [↩]
  4. Inspiration bot unter anderem das Paper Reassembling the Republic of Letters – A Linked Data Approach, aber auch die Forschung des MiMoText-Projektes. [↩]
  5. Weitere Infos für Newbies: Ontotext: What is RDF? oder W3 Semantic Web – RDF [↩]
  6. Mehr zu Ontologien kann man hier nachlesen. [↩]
  7. Structured SPARQL ist die Standard-Query-Language für RDF Daten und generell Linked Open Data-Datensammlungen. [↩]
  8. Mehr dazu kann hier nachgelesen werden. Zum Einspeisen von Daten auf Wikidata oder FactGrid kann es nötig sein, einen Account und eigene Instanzen zu erstellen. [↩]
  9. Software und Skripte, wie z.B. GraphDB, sind ausführlicher in meinem GitHub-Repository beschrieben. [↩]

Sarah Rebecca Ondraszek

Sarah studiert Digital Humanities (M.Sc.) an der Universität Trier. Dort hat sie auch ihren Bachelor in Computerlinguistik und französischer Philologie gemacht und arbeitet am Trier Center for Digital Humanities. Außerdem absolvierte sie im September und Oktober 2022 ein Praktikum in der Abteilung Digital History am DHIP.

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Vermeintlich klimaneutrales Heizen mit Holz ist gesundheitsschädlich. Das Heizen mit Holz in Festbrennstofföfen und -kaminen ist eine der Hauptquellen von Feinstaub und Ruß in unserer Atemluft. Holz als wichtigen Rohstoff zu verheizen ist viel zu schade und schadet letztlich auch dem Klima und der biologischen Vielfalt.

So rät das Umweltbundesamt (UBA) aus Klimaschutz-, Luftreinhalte- und ökologischen Gründen zu einem Verzicht auf die Nutzung von Holz zur Wärmeversorgung von Häusern. Als „knapp, teuer und unerwartet klimaschädlich“ haben die Scientists for Future (Juli 2022) den Einsatz von Holz zum Heizen bezeichnet. Die Auswirkungen der Holznutzung auf den Naturschutz und die biologische Vielfalt wurden in der Stellungnahme dabei sogar kaum berücksichtigt.

Stand: November 2022

Siehe auch die Pressemitteilung des Regionalverbandes Elbe-Heide vom 16.11.2022 sowie Beiträge im Lüne-Blog zum Heizen mit Holz.

Der Anteil der Holzfeuerung an der gesamten Feinstaubemission ist beträchtlich. Laut Umweltbundesamt übersteigen die Emissionen des Feinstaubs mit größeren Teilchen (Durchmesser weniger als 10 Mikrometer!) aus „Holzkleinfeuerungsanlagen mit 17,3 Tsd. t [...] in Deutschland mittlerweile“ die Auspuffemissionen aus dem Straßenverkehr (bei ca. 5,8 Tsd. t ).

Es gibt keine untere Grenze, bei der Feinstaub nicht mehr gesundheitsschädlich ist. Vor diesem Hintergrund hat die Weltgesundheitsorganisation WHO im September 2021 neue globale Luftgüteleitlinien mit strengeren Werten insbesondere beim Feinstaub verabschiedet. Der Wert beim Feinstaub mit kleineren Partikeln (PM 2,5) wurde auf höchstens fünf statt bisher zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft verschärft, bei den etwas größeren Partikeln (PM 10) nun 15 statt bisher 20 Mikrogramm. In Lüneburg liegen die Werte an Feinstaub oft deutlich über den neuen WHO-Werten. Die zur Zeit geltenden EU-Grenzwerte - 25 Mikrogramm für Feinstaub aus kleineren und 40 Mikrogramm aus größeren Teilchen - sind veraltet und werden hoffentlich bald verschärft.

Laut WHO ließen sich weltweit „nahezu 80 % der Todesfälle im Zusammenhang mit [dem feineren Feinstaub] vermeiden, wenn die derzeitige Belastung durch Luftverschmutzung auf die in den Leitlinien vorgeschlagenen Werte gesenkt“ würde. Allein in Deutschland starben 2019 nach Schätzungen der Europäischen Umweltagentur ca. 53.800 Personen vorzeitig aufgrund der zu hohen Feinstaubbelastung (Quelle ZDF).

Insbesondere der für den Menschen besonders gefährliche Ultrafeinstaub kann in den Blutkreislauf eindringen und wird dann in verschiedene Organe verteilt, wo sie als chronische, winzige Entzündungsherde "Kettenreaktionen" in Gang setzen können, welche Herzinfarkt, Zuckerkrankheit und andere Leiden begünstigen und in verschiedenen Organen Krebs entstehen lassen oder begünstigen können (UBA). Seit kurzem weiß man nun sogar genauer, wie Luftverschmutzung, verursacht durch die Nutzung fossiler Brennstoffe, also auch durch das Heizen mit Holz (-Pellets), Lungenkrebs fördert (Quelle: taz)

Wenn man Holz verheizt, sollte die Emission von Feinstaub soweit wie möglich verringert werden. Sogar neue marktübliche Öfen stoßen beim Zulassungstest im Labor deutlich mehr Feinstaub und Ruß aus als ein 20 Jahre altes Dieselauto. In der Praxis erzeugt ein Ofen oftmals ein Vielfaches der Schadstoffmenge, die im Labor gemessen wurde. Auch falsche Handhabung gefährdet oft die Gesundheit. „Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen Rauchgeruch und Luftverschmutzung durch Holzfeuerung. Übermäßiger Rauch und Geruch sind in der Regel auf Fehlbedienung oder gar Brennstoffmissbrauch zurückzuführen. “ (DUH Flyer, S.2).

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) empfiehlt deshalb nur Holzöfen zu betreiben, die den strengen Anforderungen des Blauen Engels für Kaminöfen genügen bzw. die mit einem Filter oder Staubabscheider ausgerüstet sind, für die es seit Januar 2022 ebenfalls einen Blauen Engel gibt. Wenn schon mit Holz geheizt wird, sollte dieses aus regionalen, nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stammen, die aber durchaus auch kritisch gesehen werden kann (Quellen: taz, WWF). Weitere Tipps zum richtigen Heizen mit Holz gibt der Flyer "Kaminofen & Co" der DUH.

Zu bedenken ist dennoch, dass insbesondere bei der Verbrennung von verschiedenen Holzbrennstoffen aus nicht-nachhaltiger Forstwirtschaft fast doppelt so viel CO2 freigesetzt wird wie beim Einsatz von Gas, es steigt also die Menge an Kohlenstoff, die bei der Produktion von Wärme abgegeben wird (Quellen: WWF und Scientists for Future, S. 13-14).

Eine energetische Verwertung als wertvoller Rohstoff sollte erst am Ende einer Kaskadennutzung in langlebigen Gebrauchsgütern (z. B. Häuser, Möbel) erfolgen. Dürren und Waldbrände aufgrund des Klimawandels gefährden die Verfügbarkeit von Brennholz (vgl. Scientists for Future, S. 8-9). Wälder als natürliche CO₂-Senken und Lebensraum sind zum „Schutz der Artenvielfalt und unseres Klimas unersetzlich“, schreibt die Klimaallianz Deutschland, ein Bündnis deutscher Umwelt-und Entwicklungverbände 2020 in einer gemeinsamen Erklärung zur Verwertung von Holz als Biomasse. Waldökosysteme sind „für das lokale, regionale und globale Klima von größter Bedeutung“ und trotzdem sind die Wälder weltweit bedoht (vgl. Ibisch, P. u.a. 2021).

Die Verbrennung von Holz ist in der Regel nicht treibhausgasneutral, schon bei der Bereitstellung (Holzernte, Transport und Bearbeitung) entstehen Emissionen (UBA Ratgeber „Heizen mit Holz", S. 29), besonders wenn Holz aus anderen Teilen Europas und der Welt importiert wird.

Es geht zukünftig vor allem darum, Kohlenstoffdioxid langfristig zu speichern, etwa durch die Aufgabe der Nutzung in den besonders wertvollen Altwäldern mit großem Holzvorrat auf mindestens ein Drittel der Waldfläche, also durch die Schaffung von mehr Naturwäldern, aber auch durch adäquate Bodenbehandlung, nicht nur im Waldbau sondern auch in der Landwirtschaft sowie durch die Vernässung von ehemaligen Mooren, was deutlich mehr CO2 bindet als Wald.