Ein Suizid in der JVA Bruchsal sorgt kaum für Diskussionen. Das Leben der Strafgefangenen ist derzeit schweren Einschränkungen unterworfen
Schlagwort: sokai @feeds.mediani.de
Der Lockdown ist auch eine Klassenfrage
Die Kritik der Meinungsmacher am Corona-Lockdown hält sich in Grenzen. Das ist kein Wunder, gehören sie und ihr persönliches Umfeld doch meist einem wohlsituierten Bürgertum an, das vom Lockdown persönlich kaum getroffen ist. Es macht halt einen Unterschied, ob man die sonnigen Tage als Pensionär oder „Home-Office-Elite“ nutzt, um im Eigenheim im grünen Speckgürtel mit den Kindern oder Enkeln im Garten zu spielen und sich selbst zu finden oder ob man als alleinziehende Niedriglöhnerin in Zwangskurzzeit mit den Kindern bei gesperrten Spielplätzen in der kleinen Zweizimmerwohnung im Plattenbau verbringen muss. Für Millionen Deutsche ist der Lockdown eben kein verlängerter Frühlingsurlaub daheim, sondern eine psychische und ökonomische Tragödie und es wäre wünschenswert, dass diese Schicksale bei einer forcierten Exit-Debatte endlich eine größere Rolle spielen. Von Jens Berger.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Als ich in dieser Woche durch die Straßen zog, kam ich mir ein wenig vor wie im Auenland der Herr-der-Ringe-Trilogie. Wie fröhliche Hobbits beschäftigten sich meine Nachbarn mit Gartenarbeit und spielten mit ihren Kindern. Doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man vor allem in der Kontaktsperre meist nicht. Es geht während des Lockdowns ein Riss durch dieses Land. Auf der Lockdown-Sonnenseite befinden sich – trotz Risikogruppenzugehörigkeit – diejenigen Pensionäre und Rentner, die man als ökonomisch unabhängig bezeichnen könnte, und all die Beamten und meist höheren Angestellten, denen es vergönnt ist, ihren momentan coronabedingt eher weniger aufregenden Job von daheim aus zu erledigen. Da wird sich dann auf Twitter, Facebook, Instagram und Co. über den Klopapiermangel aufgeregt, aber ansonsten nimmt man die Zwangspause eher als skurrilen Heimurlaub wahr. Und so lange das Wetter mitspielt und die Bau- und Gartenmärkte geöffnet sind, gibt es sicherlich Schlimmeres im Leben; die Pensionen, Renten und Gehälter dieser Glücklichen werden schließlich pünktlich überwiesen und man hat nun endlich die Zeit, sich um Dinge zu kümmern, zu denen man im Arbeitsalltag nicht kommt und es ist ja immer spannend, wenn mal etwas Aufregendes passiert. Freilich jammert man dennoch; zwar auf hohem Niveau, aber auch das ist ja nichts Neues. Hauptsache das Bier und die Bratwürste gehen nicht aus.
Ein wenig weiter unten auf der Corona-Lockdown-Leiter sieht die Lage schon nicht mehr ganz rosig aus. Wer als Selbstständiger oder Freiberufler durch die „Maßnahmen“ gewaltige Umsatzeinbußen verkraften muss und nicht weiß, ob und wie es weitergehen soll, wird den Lockdown mitnichten als verlängerten Frühlingsurlaub, sondern vielmehr als massive, ja existenzielle Bedrohung wahrnehmen. Dies betrifft vor allem die rund vier Millionen Soloselbstständigen, also Freiberufler und Kleinstunternehmer, die keine Angestellten haben. Aber auch Selbstständige mit Angestellten, z.B. in der Gastronomie, im Einzelhandel oder im Tourismus sind durch den Lockdown oft wirtschaftlich bis ins Mark getroffen und für all diese Menschen ist die Exit-Debatte mehr als ein virologisches Planspiel, bei dem so „profane“ Dinge wie die Rückkehr zu einem geordneten wirtschaftlichen Leben eine untergeordnete Rolle spielen.
Ähnlich geht es den mehr als zwei Millionen Menschen, die bislang von rund einer halben Million Unternehmen in die Kurzarbeit geschickt wurden und nun auf Teile ihres Lohns verzichten müssen. Sicher, wer vor der Krise einen guten Lohn hatte, Rücklagen bilden konnte und überschaubare finanzielle Belastungen hat, wird auch diese Zeit überbrücken können. Aber wie viele Menschen können das in Zeiten von explodierenden Mieten und stagnierenden Löhnen? Auch hier sind es vor allem diejenigen, die auch ohne Krise zumindest in sozioökonomischer Sicht nicht auf der Sonnenseite unseres Wirtschaftssystems stehen. Und bei sehr vielen Menschen reicht ein Lohnverzicht in Höhe von einem Drittel nun einmal leider aus, dass die regelmäßigen Ausgaben die regelmäßigen Einnahmen übersteigen und wohin das ohne ausreichende Reserven führt, dürfte bekannt sein. Da kann das Wetter noch schön sei – wem die Zahlungsunfähigkeit droht, wird sich eher wünschen, dass es stürmt und regnet, Hauptsache das Leben geht wieder seinen gewohnten Gang und der volle Lohn kommt wieder aufs Konto.
Auch in puncto Lebensqualität sieht es hier – am unteren Ende der Corona-Lockdown-Leiter – gänzlich anders aus als im Speckgürtel. Wer keinen Garten hat, um mit den Kindern zu spielen, und stattdessen in einer kleinen Zweizimmerwohnung mit dem Nachwuchs eingesperrt ist, dem fällt bereits nach wenigen Tagen die Decke auf dem Kopf. Was tun? Die Spielplätze sind verboten, die typischen städtischen Freizeitaktivitäten für Kinder geschlossen oder untersagt. Und da die Kitas und Schulen ja auch dicht sind, müssen die Kleinen nun den ganzen Tag beschäftigt werden. Zu Oma und Opa soll man sie ja nicht geben – Risikogruppe. Das Konto leer, die Nerven überspannt, soziale Kontakte untersagt – eine toxische Mischung, die nicht selten sogar zu familiärer Gewalt führt.
Doch seltsamerweise spielen all diese Schicksale bei der Debatte um einen möglichst schnellen Exit und einer sinnvollen Lockerung der „Maßnahmen“ nur sehr selten eine Rolle. Man sieht halt nicht nur die im Lichte; die im Lichte sind es auch, die Leitartikel schreiben und in den Talkshows und Kommentarformaten Meinungen machen. Diese Leitartikel stammen freilich nicht von den „freien“ Journalisten, die ansonsten ihre Brötchen mit Veranstaltungs- oder Sportberichten verdienen, und die dank Lockdown nun ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Auch Sorglosigkeit ist ein Privileg, das man sich leisten können muss und wenn man selbst unbesorgt auf den obersten Stufen der Corona-Lockdown-Leiter steht, ist es natürlich einfach, die „guten“ Ratschläge der Virologen als alternativlos zu verkaufen und den Rest des Landes auf weitere Wochen oder gar Monate der Einschränkung einzuschwören – der Preis, den man selbst dafür zu zahlen hat, ist ja vergleichsweise gering. So what? Vielleicht sollten diese Leitartikler einmal eine Woche mit einer alleinerziehenden Mutter aus der Plattenbausiedlung tauschen. Vielleicht kämen sie dann bei ihrer sorgfältigen Abwägung ja zu anderen Antworten?
Titelbild: Maria Sbytova/shutterstock.com
Studies on Twilight Phenomena, after Krakatoa (1888)
Wonderful series of images by Eduard Pechuël-Loesche documenting the strange skies following the Krakatoa eruption.
Halle (Saale): Amtlicher Stadtplan komplett mit QGIS
Seit dieser Woche ist in Halle (Saale) nach dem FNP in 2018 [1] der zweite große amtliche Plan komplett mit QGIS erstellt im Netz, der „Amtliche Stadtplan“. Öffentlich ist dieser Stadtplan auf der halle.de im HALgis zu bestaunen. Immerhin, bei einem Stadtplan gibt es immer den Spagat zwischen GeoDaten, GIS und Grafik-Programm. Gelungen! Ein wunderbares neues Beispiel für die Leistungsfähigkeit des freien QGIS und der Richtigkeit von #switch2qgis.
Die Stadt Halle (Saale) hat bereits 2017 zusammen mit dem Dienstleister ITC die Umstellung der Desktop-GI-Systeme auf das freie GI-System QGIS erfolgreich durchgeführt [2], [3].

[1] … https://geoobserver.wordpress.com/2018/01/19/halle-saale-fnp-komplett-mit-qgis/
[2] … https://netzwerkgis.files.wordpress.com/2016/12/switch2qgis_geofachtag_201702016_v04b.pdf
[3] … https://netzwerk-gis.de/wp-content/uploads/2018/10/it-consult_elstermann_gis_kommunal_switch2qgis.pdf
Jammern ist erlaubt, Klatschen auch!
Die ersten Corona-Tage habe ich immer um 21 Uhr am offenen Fenster geklatscht. Für die systemrelevanten Menschen, die den Laden am Laufen halten. Dann las ich im Internet, wie erstens Pflegekräfte meinten, wir könnten uns den Applaus sonst wohin schieben und zweitens andere die Aktion überheblich belächelten, weil: Das ist überheblich und sowieso, was soll das denn jetzt bitte bringen!?! Letzteren wollte ich am liebsten antworten: „Ach ja, und du schraubst in deiner Küche gerade an einem Impfstoff, oder was?“. Aber statt was zu antworten, habe ich aufgehört zu klatschen. Schön blöd!
Wenn ich am Fenster stehe und applaudiere, dann denke ich nicht, dass ich damit das Gesundheitssystem rette. Und ich weiss auch, dass ich damit nicht den Kontostand derer ausgleichen werde, die schon vor Corona unterbezahlt und unterrespektiert waren. Für sowas gehe ich wählen, demonstrieren, schreibe Abgeordneten und unterzeichne Petitionen.
Wenn ich am Fenster stehe und klatsche, mache ich das aus vielen anderen Gründen.
Ich bedanke mich für die wichtige Arbeit. Das mache ich auch im Supermarkt, beim Arzt oder wenn mir jemand ausweicht, damit es 1,5m Abstand bleiben. Ich klatsche für diese wohltuende Verbindung zu den Menschen, von denen ich mich sonst fern halte, mit denen ich aber im selben Boot bzw. in der selben Straße sitze. Und nicht zuletzt klatsche ich mir ein wenig Druck von der Seele. Druck, weil ich seit Wochen so gut wie nie allein bin (aber es Menschen gibt, die gerade ganz allein sind). Weil mich Job und Kinder und das Verhandeln mit meinem Mann darüber, wann ich das eine oder andere machen kann, an meine Grenzen bringen (aber es Menschen gibt, die ihren Job verloren und weder Kinder noch Partner*innen haben). Weil ich so eine diffuse Katastrophenangst davor habe, dass mein Mann oder meine Kinder an Corona sterben (und es Menschen gibt, deren Familien gerade im echten Leben so etwas durchmachen müssen). Weil ich mich so schlecht von den Bedürfnissen anderer abgrenzen kann und ich jetzt vom dauerhaften Verfügbarsein und Gute-Gefühle-Transportieren Herzrhytmusstörungen, Migräne und Angst bekomme (und es Menschen gibt, die ECHTE Probleme haben).
Mit diesem Gejammer gehöre ich übrigens zum Mittelstand, dem ein Spiegel-Autor gerade in seiner Kolumne zurief, er solle leise heulen. Ohne Quatsch! Da erleben wir das krasseste Ereignis seit dem zweiten Weltkrieg und verschiedene Menschen gehen auf verschiedene Weise damit um, und der Typ scheisst rum, wir sollen aufhören zu jammern. Für mich stellt sich hier die Frage, wer sich hier wirklich zu wichtig nimmt: Die Leute, die ihre individuellen Sorgen teilen oder die selbst ernannten Sachverständigen der Prüfstelle für angemessene Jammergründe. Was glauben die denn, was passiert, wenn sie finden, die Menschen haben kein Recht dazu? Sind deren Sorgen weg? Reissen sie sich ab jetzt zusammen? Ist das hilfreich?
Und was diese Leute irgendwie nicht mitschneiden: Wenn ich davon schreibe, dass es mir nicht gut geht, dass ich wütend bin, oder traurig oder ängstlich, dann vergesse ich, wie die meisten anderen Menschen, nie mein Jammer-Niveau. Ich vergesse auch nicht, meinen Nachbar*innen Kuchen vorbeizubringen, Mundschutze zu nähen, Osterkarten fürs Altersheim in Serie zu produzieren und zu gucken, wo ich helfen kann. Ich vergesse auch nicht, selber zu merken, dass solche Rechtfertigungen beknackt sind.
Es gibt verschissenerweise immer Menschen, denen es schlechter geht, und die meisten Menschen brauchen die o.g. Prüfstelle nicht, um sich dessen durchgehend bewusst zu sein. Aber das kann doch keinen Maulkorb für die bedeuten, die es objektiv besser haben. Weil: Wann genau haben Menschen nochmal angefangen Blumen und pure Lebensfreude zu rülpsen, nachdem sie Probleme in sich reingefressen haben? Eben. Deshalb klatsche ich heute Abend auch wieder.
Foto Credit: Hernan Sanchez on Unsplash
Kommentare zu diesem Text könnt ihr uns in unseren sozialen Netzwerken hinterlassen und dort mit insgesamt 110.000 Menschen teilen!
Der Beitrag Jammern ist erlaubt, Klatschen auch! erschien zuerst auf Pinkstinks Germany.
