Während der Coronakrise sollen nicht mehr als zwei Kunden gleichzeitig die Potsdamer Bäckerei Fahland in der Brandenburger Straße 43 betreten. Gegen Mittag ist das am Ostersonntag erst mal nicht der Rede wert, da sowieso nur hin und wieder ein Kunde die Filiale betritt. Das ändert sich um zwölf Uhr schlagartig. Eine Handvoll Leute stellt sich draußen in gebührendem Abstand voneinander an. Nach wenigen Minuten sind es bereits 92 und nach einer Viertelstunde sogar 132 — und es werden immer mehr. Die knapp 900 Meter lange Schlange aus rund 180 Personen reicht schließlich bis zum Luisenplatz.
Ein Streifenwagen fährt vorbei. Die Polizei weist per Lautsprecherdurchsage darauf hin, dies sei eine illegale Versammlung. Lutz Boede von der linksalternativen Wählergruppe »Die Andere« winkt ab: »Ich tue nichts Verbotenes. Ich kaufe nur Brötchen.«
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Doch natürlich ist der Andrang kein Zufall. Eigentlich wollte die Initiative Seebrücke an diesem Tag eine Menschenkette vom Rathaus bis zum Landtag bilden, um für die Aufnahme von minderjährigen Flüchtlingen von den griechischen Inseln zu demonstrieren. Wegen der Ansteckungsgefahr sollten sich die Teilnehmer nicht bei den Händen fassen, sondern zwei Meter Abstand halten. Eine Reservierung der Stellplätze im Internet war organisiert, damit sich vor Ort keine Pulks bilden. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen verbot die Polizei die Menschenkette unter Berufung auf die Corona-Eindämmungsverordnung, die Versammlungen untersagt.
Eine Klage gegen das Verbot wies das Verwaltungsgericht Potsdam ab. Da entstand kurzfristig die Idee, dass die verhinderten Demonstranten Brötchen kaufen, sich mit eilig gebastelten Schildern in eine Warteschlange einreihen könnten, die an eine Menschenkette erinnert. Was mit ein paar Telefonanrufen angekurbelt wurde, entwickelte sich durch Mundpropaganda viel besser als erwartet. »Wir haben mit 30 Leuten gerechnet und auf 50 gehofft, aber nicht auf so viele«, staunt Mika Gutmann. Sie nennt das, was hier geschieht, »politisch Schlangestehen für die Menschenrechte«. Normale Kunden werden vorgelassen. Auf den Pappschildern, die sich die Wartenden um den Hals hängten, steht etwa »Mundschutz ist kein Maulkorb, Widerstand trotz Krise« oder »Solidarität und sichere Häfen statt Polizeistaat und Festung Europa«.
»Es ist eine sehr intelligente Aktion«, lobt der Bundestagsabgeordnete Norbert Müller (Linke). Seiner Ansicht nach hätte die Menschenkette nicht untersagt werden müssen. Die Polizei hätte ja Auflagen erteilen können, zum Beispiel einen Sicherheitsabstand von fünf Metern und eine Obergrenze für die Demonstranten vorschreiben. Wären es zu viele geworden, hätten die zuletzt Gekommenen wieder gehen müssen. Sollte die Eindämmungsverordnung eine Menschenkette wirklich nicht zulassen, so müsste die rot-schwarz-grüne Landesregierung die Verordnung »anpassen«, findet Müller. Vorbeigekommen ist auch die Landtagsabgeordnete Marie Schäffer (Grüne). Sie hält dieses Schlangestehen auf Nachfrage für »legitim«. So sieht das auch die Landtagsabgeordnete Isabelle Vandré (Linke). Sie sagt: »Protest muss auch in Zeiten von Corona möglich sein.«
Gesprächsthema ist, dass ein Neonazi in einem Potsdamer Asylheim als Wachmann eingesetzt war. Die »Märkische Allgemeine« (MAZ) hatte darüber berichtet. Der Wachschützer wurde abgezogen. Sein Chef wies der MAZ gegenüber Vorwürfe zurück, selbst krude rechte Ansichten zu hegen. Die Kollegen jedoch kümmern sich engagiert und haben teils Migrationshintergrund. Darum will Mika Gutmann die Sicherheitsfirma nicht pauschal kritisieren.





