Article note: Hat das weitere "Sichtachsen" zum Ergebnis ...? #grats

Vor fast genau einem Jahr - am 30. Juni 2019 – hat Potsdam den Antrag gestellt, UNESCO Creative City of Film zu werden. Dieser Antrag wurde am 30. Oktober 2019 positiv beschieden. Damit ist Potsdam Teil eines insgesamt 246 Städte umfassenden internationalen Netzwerkes der Kreativstädte und erste deutsche Kreativstadt des Films überhaupt. Im heutigen Hauptausschuss legte die Landeshauptstadt eine erste Zwischenbilanz vor. Die UNESCO fordert von ihren Kreativstädten alle vier Jahre einen Bericht ein, um die Rechtmäßigkeit des Titels zu bewerten. Dabei werden die Angaben des Antrages mit denen des Berichts verglichen.

„Film gehört zu Potsdam, und zwar nicht nur in Potsdam-Babelsberg. Die Stadt ist Drehort, Forschungs- und Innovationszentrum für das Medium Film“, sagt Dieter Jetschmanegg, Dezernent des Geschäftsbereichs Zentrale Verwaltung. „Der Titel der ersten deutschen UNESCO Creative City of Film gibt zusätzliche Impulse. Wir werden dieses Thema auch im Rahmen des neuen Konzeptes zum Tag der Deutschen Einheit aufgreifen.“

Zu den einzelnen Arbeitsfeldern gibt es folgende Zwischenbilanz:
Organisation und Finanzierung: Die Bereiche Marketing und Wirtschaftsförderung sind Teil eines Management Teams, das aus der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und dem Potsdam Guide e.V. besteht. Darüber hinaus besteht eine Consultative Group aus Prof. Chris Wahl (Filmuniversität), Kirsten Niehuus (Medienboard Berlin Brandenburg), Friedhelm Schatz (Filmpark Babelsberg) und Knud Bach (Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Energie). Die operative Arbeit wird seit 1. Juni 2020 von einem Office der UNESCO Creative City of Film in Abstimmung mit der LHP und der Consultative Group wahrgenommen. Dieses Büro ist bei der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF angesiedelt. Die Finanzierung erfolgt über Mittel der LHP sowie der Mitglieder der Consultative Group. Die Aufgabe des Office liegt in der lokalen, nationalen und internationalen Netzwerkarbeit.

Kommunikation: Bereits im Vorfeld der Antragstellung wurden öffentliche Veranstaltung für Bürgerinnen und Bürger, Medienunternehmen, kulturelle Einrichtungen, Bildungsträger und Multiplikatoren organisiert, um über die geplante Bewerbung frühzeitig zu informieren und die Arbeit in Potsdam zu vernetzen. Zeitgleich gab es einen direkten Austausch mit den Filmstädten Bradford, Rom und der polnischen Stadt Łódź sowie der Literaturstadt Heidelberg. Weiteren Austausch gab es mit der Filmstadt Galway auf der Media Tech Hub Conference in Potsdam-Babelsberg sowie mit Fachleuten aus der Filmstadt Sarajewo im Kontext der Berlinale 2020.  Teil der operativen Arbeit war es neue Inhalte auf den Webseiten des weltweiten UNESCO-Kreativstadtnetzwerks, der Deutschen UNESCO-Kommission sowie der Landeshauptstadt Potsdam zu kommunizieren. Es wurde ein Instagram-Konto für die Filmstadt Potsdam eröffnet, das von der Filmuniversität gepflegt wird (https://www.instagram.com/potsdam_city_of_film/). Ein eigenes Logo für die UNESCO-Kreativstadt des Films Potsdam wurde entwickelt.

Ausgewählte Maßnahmen im Kontext Absichtserklärung Filmkulturerbe:
„Filmstadt Babelsberg. Von der Traumfabrik Babelsberg zum Digital Hub“, war der Titel einer Reihe, die die VHS im Oktober 2019 gemeinsam mit dem Filmmuseum Potsdam angeboten hat. Dabei ging es um die Geschichte des ältesten Filmstudios der Welt, die Institutionen in der Nachbarschaft und die historischen Ereignisse und Berühmtheiten in der Villenkolonie Neubabelsberg. Eines der wichtigsten Projekte im Kontext der Vermittlung des regionalen Filmkulturerbes ist die Realisierung des „Boulevards des Films“ in der Brandenburger Straße. Im Einklang mit den UN-Nachhaltigkeitszielen wird dieses Projekt im Zuge einer geplanten Investition realisiert. Die konkrete Gestaltung der Platten, auf denen die von einer Fachjury und Potsdamerinnen und Potsdamer ausgewählten Filme vorgestellt werden, erfolgt über eine Bürgerbeteiligung. Zum Thema Erhalt und Vermittlung des filmischen Erbes zählen zwei Investitionsvorhaben in der Medienstadt Babelsberg, die insbesondere dem Erhalt und der bedarfsgerechten Lagerung von Exponaten des Filmkulturerbes dienen: Dies ist zum einen der neue Kostümfundus des Filmparks Babelsberg sowie der geplante Neubau für das Schaudepot des Filmmuseums.

Ausgewählte Maßnahmen im Kontext der Absichtserklärung Film und lebenslanges Lernen: Seit Dezember 2019 läuft das internationale Forschungsprojekt „Das filmische Gesicht der Städte“ von Dr. Anna Luise Kiss in Kooperation mit der Universität Aarhus (Dänemark). In diesem Projekt wird am Beispiel der Städte Potsdam und Aarhus untersucht, welchen direkten Einfluss der Film auf und in Städten hat. Es ist geplant, ausgewählte Filme in der Gartenstadt Drewitz zu zeigen, und die Frage zu beantworten, warum in diesem Quartier alle Straßennamen etwas mit der Potsdamer Filmgeschichte zu tun haben. Die Landeshauptstadt fördert 2020 die Sonderausstellung „125 Jahre Kino“ im Filmmuseum Potsdam (Laufzeit Herbst 2020 – Mai 2021).  Im Jahr 2019 wurde die Sandmann-Ausstellung gefördert, die bis Herbst 2021 verlängert wird. Das Filmmuseum hat als spezielles Angebot in der Corona-Pandemie virtuelle Rundgänge entwickelt. Für die Jahre 2020/2021 sind Projekte des Babelsberger Filmgymnasiums in Kooperation mit der UNESCO Kreativstadt des Films Wellington und evtl. weiterer Filmstädte in Planung. Es geht um das Schülerprojekt „Talking to Grandma/Granddad about film“ – Schülerinnen und Schüler sprechen mit ihren Großeltern über Filme/Kino ihrer Zeit.

Ausgewählte Maßnahmen im Kontext der Absichtserklärung Film und Nachhaltigkeit:
Potsdam setzt sich aktiv für mehr Nachhaltigkeit in der Filmproduktion sowie im Filmtourismus ein.
Die Landeshauptstadt Potsdam hat mit den Themenjahren 2011 „Stadt des Films“ sowie 2015 „Hinter den Kulissen“ filmtouristische Angebote entwickelt. Touristische Führungen mit Filmbezug sind Teil des ständigen Angebots der PMSG Potsdam Marketing und Service GmbH. Diese Erfahrungen bringt die Landeshauptstadt in die Bemühungen von Medienboard und TMB Tourismus Marketing Brandenburg GmbH ein, um dem Thema Filmtourismus in Brandenburg einen höheren Stellenwert zu geben.

Ausgewählte Maßnahmen im Kontext der Absichtserklärung Nachwuchsförderung:
Im Januar 2020 hat sich das Filmgymnasium Babelsberg am Malwettbewerb des 15. Internationalen Kinder- und Jugendfilmfestivals (BIKY) der UNESCO Kreativstadt des Films Busan (Südkorea) beteiligt und den Hauptpreis gewonnen. Eine zwölfjährige Schülerin des Potsdamer Filmgymnasiums ist zum Festival im Juli 2020 eingeladen und soll Mitglied der Jury des Kinder- und Jugendfilmfestivals (BIKY) werden. Die Teilnahme steht unter dem Vorbehalt der Entwicklung der Corona-Pandemie. Im September 2020 soll das traditionelle Sehsüchte Filmfestival erstmals mit Beteiligung von Filmen sowie Fachpublikum anderer UNESCO Kreativstädte des Films stattfinden.

Ausgewählte Maßnahmen im Kontext der Absichtserklärung Vernetzung mit globalem Süden:
Es war geplant, während des Zanzibar International Film Festival (ZIFF) Anfang Juli 2020 nach Sansibar zu reisen und das städtische Projekt – Entwicklung der Siedlung Kikwajuni und Reaktivierung Botanischer Garten Kilimani/Migombani – abzuschließen. Die Corona-Pandemie verhindert vorerst die Realisierung dieser Planungen. Im Rahmen des Projektes „Das filmische Gesicht der Städte“ wird seit Januar 2020 der englischsprachige Podcast „Film Studies bling-bling“ produziert. Der Podcast gibt nicht nur Einblick in die filmwissenschaftliche Forschung in Potsdam, sondern stellt bewusst Filmwissenschaftlerinnen und Filmwissenschaftler weltweit vor. Es ist erklärtes Ziel, auch die Filmforschung im globalen Süden zu präsentieren.

Article note: #readl8er #thx
Die Lehre aus Corona: Weniger Wachstum wagen! Blätter Verlag 25. Juni 2020 - 18:21
23.03.2020 - Bundesfinanzminister Olaf Scholz mit Akten vom Gesetzespaket während der Bundespressekonferenz zum Thema Nachtragshaushalt 2020 in Berlin.

Bild: imago images / IPON

Aufgrund der Dominanz der ökonomischen Folgen der Coronakrise wird eines weitgehend verdrängt: Aus ökologischer Sicht macht die Rückschau auf die erste Welle von Sars-CoV-2 und das politische Management der Krise durchaus einige Hoffnung.

Article note: +1

Nach "Bento" wird jetzt offenbar auch "ze.tt" eingestampft bzw. in ein "Ressort von Zeit Online" umgewandelt.

Ich finde ja am großartigsten, wie die da jetzt einfach Dinge behaupten, damit das nicht wie der Totalschaden aussieht, der es ist.

Marieke Reimann leitete das Jugend-Portal seit Januar 2018. Jetzt sagt sie: "Mein Team hat in den letzten Jahren bewiesen, dass eine diversere Berichterstattung in Deutschland möglich ist und auf eine immer noch stark wachsende Community trifft. Uns ist es gelungen, all diejenigen abzuholen, die sonst maximal als ‘Randgruppen’ in den Medien erwähnt werden. Diesen Leuten bleiben wir erhalten."
Oh, ach? Berichterstattung? Ich habe zufällig gerade ze.tt in einem Tab offen, damit ihr euch das nicht antun müsst. Hier sind die Headlines von oben.

  • Warum ich aufgrund meiner Behinderung immer einen enormen Leistungsdruck verspüre
  • In der Netflix-Talkshow „Wetten, das war’s“ erzählen langweilige Promis noch langweiligere Geschichten
  • Mails im Job sind oft die Hölle – so gehst du entspannter mit ihnen um
  • Kochen ohne tierisches Fleisch – so musst du auf nichts verzichten [Als Inhalt getarnte Werbung]
  • Diese Fotos drehen rassistische Stereotype um
  • Come as you are #3: So kannst du LGBTQIA-Rechte in der Arbeit stärken [Als Inhalt getarnte Werbung]
  • Geld verdienen oder Welt verbessern - musst du dich entscheiden? [Als Inhalt getarnte Werbung]
  • „The Last Of Us Part II“: Wie homophobe Hater*innen das Spiel abwerten
  • Leere Plätze bei Trumps Wahlkampfveranstaltung: Sind TikTok-User*innen und K-Pop-Fans verantwortlich?

Sieht da jemand Berichterstattung? Ich sehe da eine Wagenburg aus Selbstbestätigung, Virtue Signaling und Identity Politics. Hinter der Liste da oben kommt übrigens die "Black Lives Matter"-Sektion mit Highlights wie "Elf Tipps, wie du Schwarzen Menschen jetzt beistehen kannst, wenn du weiß bist" und "Warum es keinen Rassismus gegen Weiße gibt".

Selbst wenn ich mal nicht bestreiten würde, dass es sich hier um Berichterstattung handelt: Wo ist der "diversere" Aspekt? Ich sehe nicht eine Story dort, die auch nur einen Millimeter von der Parteilinie abweicht.

Die einzige Schlagzeile auf der ganzen Seite, die ich als Berichterstattung durchgehen lassen würde, ist die, dass Seehofer die taz-Kolumnistin angezeigt hat.

Aber was weiß ich schon, ich alter weißer Mann. Mir sind ja schon so gut wie alle Feindbilder von "ze.tt" vorgeworfen worden. Wer nicht mit uns kämpft, kämpft gegen uns! Da dann kämpft ihr mal schön weiter, als "Ressort bei Zeit Online". Da wächst zusammen, was zusammen gehört.

Article note: "Geschmäckle" - #volltreffer! #hach

Die „Unabhängige Patientenberatung Deutschland“ gehört einem Auftragnehmer der Krankenkassen, außerdem seit zwei Jahren einem Dienstleister der Pharmaindustrie. Interessenkonflikte, mangelnde Neutralität? Für die Bundesregierung gab es dafür bisher keinerlei Anhaltspunkte. Nach einer Untersuchung durch den Bundesrechnungshof könnte sich das jetzt ändern. Die Finanzwächter bemängeln Verschwendung, Intransparenz und Machenschaften, die nach „krummen Geschäften“ riechen. Das Gesundheitsministerium ist alarmiert und will die Sache prüfen. Von Ralf Wurzbacher.

Preisfrage: Wo ist eine Beratungsstelle, an die sich Menschen bei Konflikten mit Ärzten, Kliniken, Krankenkassen und Arzneimittelherstellern wenden, gut aufgehoben? Doch wohl kaum in den Händen von Ärzten, Kliniken, Krankenkassen und Arzneimittelherstellern. Von wegen: Mit der „Unabhängigen Patientenberatung Deutschland“ (UPD) verhält es sich praktisch genau so. Seit bald viereinhalb Jahren gehört die auf dem Papier „gemeinnützige“ Organisation zu einer Unternehmensallianz, bei der Gemeinnutz nichts und Eigennutz alles zählt. Dabei ist diese im weitesten Sinne allen zu Diensten, die im Gesundheitswesen etwas zu melden haben: den gesetzlichen und privaten Krankenversicherern, Krankenhäusern, Medizinern, der Pharmaindustrie. Und obgleich diese nicht selten in direktem Widerstreit mit den Bedürfnissen der Patienten stehen, vertritt der Verbund ganz offiziell auch deren Interessen.

Zumindest wird das behauptet und bisher hatte die Bundesregierung immer so getan, als glaubte sie daran. Schließlich war sie es auch, damals schon in Gestalt der großen Koalition, die die UPD zu dem gemacht hat, was sie heute ist: ein Konzernanhängsel. Zum 1. Januar 2016 war der kostenlose Beratungsdienst, der im gesetzlichen Auftrag agiert und Teil der Regelversorgung ist, nach einer europaweiten Ausschreibung als vermeintlich eigenständige Tochter an die Sanvartis GmbH mit Sitz in Duisburg übergeben worden. Dass diese ihr Geld insbesondere mit dem Betrieb von Callcentern für die gesetzlichen Krankenkassen verdient – kein Hinderungsgrund. Wie es von Kritikern heißt, war der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sogar die treibende Kraft hinter der Auslagerung.

Mit und gegen die Krankenkassen

Das hatte schon mehr als ein „Geschmäckle“: Tatsächlich ist nämlich die GKV der Hauptförderer der UPD. Diese erhält jährlich über neun Millionen Euro aus Beitragsmitteln der Versicherten. Dazu kommt noch ein vergleichsweise unerheblicher Beitrag aus der Kasse der Privaten Krankenversicherung (PKV). Die Frage drängte sich auf: Wie kann eine UPD unter dem Dach der Sanvartis „unabhängig“ in möglichen Streitfällen mit der GKV beraten, wenn die der wichtigste Sanvartis-Kunde ist und die UPD dazu noch an deren Tropf hängt?

Entsprechend laut war der Aufschrei, den der Vorgang damals provozierte. Allerdings blieb er ohne Folgen. Denn „natürlich“ wollten die Entscheider keinen Interessenkonflikt erkennen und insistierten, die Eigenständigkeit der UPD wäre gesichert. Der Garant dafür soll ein System laufender Auditierung und Evaluation sein, das dafür eigens installiert wurde. Außerdem unterliegt die UPD einer ständigen Begleitung durch einen wissenschaftlichen Beirat unter Vorsitz des Patientenbeauftragten der Bundesregierung. Aber nicht einmal alle Mitglieder des Gremiums trauten der Neukonstruktion über den Weg. Mit Marie-Luise Dierks und Rolf Rosenbrock legten im September 2015 gleich zwei ihr Amt aus Protest gegen die Quasi-Privatisierung nieder.

Schnödes Callcenter

Retten konnte das die „alte“ UPD nicht. Von 2006 bis 2015 hatte sie sich als reines Non-Profit-Projekt in der Trägerschaft durch den Sozialverband VdK, die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) sowie den Verbund unabhängige Patientenberatung (VuP) befunden. Laut Helga Kühn-Mengel, zwischen 2004 und 2009 Patientenbeauftragte der Bundesregierung, war es Ziel des anfänglichen Modellvorhabens, „ein von Kassen und Leistungserbringern unabhängiges Beratungs- und Informationsangebot als Regelleistung aufzubauen“. Gesagt, getan: Die Organisation genoss jahrelang hohes Ansehen, gerade auch wegen ihrer „Nähe“ zu den Menschen. 2015, dem letzten Jahr in zivilgesellschaftlicher Trägerschaft, erfolgten 14 Prozent aller Beratungen in direktem, persönlichem Kontakt.

In der Regie von Sanvartis waren es nach dem vor zwei Wochen vorgelegten Monitorbericht für 2019 noch 3,3 Prozent. Das deckt sich mit Vorwürfen von Kritikern, die UPD sei zu einem schnöden Callcenter verkommen – nur mit halbem Ohr und halbem Herz bei den Hilfsbedürftigen. Wo es früher zahlreiche regionale Beratungsstellen gab, werden die Anliegen der Betroffenen heute zu 90 Prozent am Hörer und in durchschnittlich 20 Minuten abgehandelt. Zu fassen bekommt man die „Helfer“ nur noch in einem der quer durch die Lande tourenden „Beratungsmobile“. Aber auch die selbstgesteckten Ziele erreicht die UPD nicht einmal annähernd. Im Ausschreibungsverfahren hatte Sanvartis 222.500 Telefonberatungen jährlich in Aussicht gestellt. Im Vorjahr schaffte die UPD gerade einmal 128.000 und damit bloß 60 Prozent der Vorgabe.

Unwirtschaftliche Doppelstrukturen

Immerhin deutet sich in der Politik offenbar ein Umdenken an. Auslöser sind jüngere Berichte verschiedener Medienorgane über einen vertraulichen Prüfbericht des Bundesrechnungshofes (BRH). Der hatte bereits vor fast zwei Jahren angekündigt, die Leistungsbilanz der UPD und die Fördervereinbarungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und Sanvartis unter die Lupe zu nehmen. Das Ergebnis – ein 36-seitiger Report, der mit „nur für den Dienstgebrauch“ gestempelt ist – liegt den NachDenkSeiten vor und ist nichts weniger als ein veritabler Verriss. Neben unerfüllten Leistungsversprechen beanstanden die Finanzkontrolleure Verschwendung von Geldern durch „unwirtschaftliche Doppelstrukturen“ sowie ein intransparentes Geschäftsgebaren.

Damit erhärtet sich ein von Kritikern schon lange gehegter Verdacht, Sanvartis könnte sich durch den Betrieb der UPD bereichert und Beitragsmittel von Versicherten veruntreut haben. Ohnehin fragt man sich, wie ein privates Unternehmen mit einem für die Beratungskunden unentgeltlichen Service Profite machen kann. Im Fall Sanvartis geht das augenscheinlich so: Je geringer die Kosten für den Betrieb zu Buche schlagen, desto mehr bleibt von den GKV-Fördermitteln als Gewinn hängen. Seinen Ausdruck findet das in besagten Einschnitten in puncto Qualität und Quantität der Beratertätigkeiten sowie etwa darin, dass die UPD vor allem bei den Beratern mit akademischen Abschlüssen Abstriche gemacht hat. Dazu passt auch der BRH-Befund einer „hohen Personalfluktuation“. Offenbar setzt man verstärkt auf billige und unerfahrene Arbeitskräfte und spart an den Profis. Zitat: „Die UPD hatte Schwierigkeiten, insbesondere Leitungspositionen zu besetzen.“

Lukrative Melkkuh

Dazu kommt ein zweiter Vorwurf, der womöglich sogar strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Seit dem Betreiberwechsel sollen von den jährlichen GKV-Fördermitteln beträchtliche Summen für die Bezahlung von Lizenzen für eine Wissensmanagement-Software aus Sanvartis-Bestand draufgegangen sein. Die UPD zweigt demnach an das Mutterunternehmen Geld für die Einrichtung einer informationstechnischen Infrastruktur (IT) ab, auf deren Basis die ihre Arbeit verrichtet. Im bis 2022 laufenden Bewilligungszeitraum von sieben Jahren sollen sich die Überweisungen bei jährlich rund zwei Millionen Euro auf insgesamt 14 Millionen Euro summieren.

Trifft dies zu, hätte sich Sanvartis mit der UPD quasi einen neuen Kunden als „Melkkuh“ ins Haus geholt, dem sie auf Rechnung der Beitragszahler ein hauseigenes Produkt aufdrückt – ohne Ausschreibung und ohne jeden Akquiseaufwand. So betrachtet war der Anbieterwechsel eine echte Zeitenwende. Denn bei der „alten“ UPD beliefen sich die IT-Ausgaben noch auf höchstens 50.000 Euro pro Jahr, also bloß ein vierzigstel der Summe. Wie es der „Zufall“ wollte, erhielt die „neue“ UPD seit der Übergabe an Sanvartis jährlich über zwei Millionen Euro mehr als zuvor in zivilgesellschaftlicher Trägerschaft – Geld, das seither womöglich Jahr für Jahr und praktisch eins zu eins ins Sanvartis-„Profitcenter“ überwechselt.

20 Millionen Euro abgezweigt

Der Bundesrechnungshof legt diese Verwicklungen schonungslos offen. „Vertragliche Leitungsbeziehungen“ betreffen laut Bericht neben Softwarelizenzen, den „Einsatz des Überlaufteams bei Anrufspitzen“, „sonstige Leistungen wie Rechnungswesen“ und „Qualitätsmanagement“. Ferner soll die UPD eine Partnerschaft mit einer anderen Sanvartis-Firma zur „entgeltlichen Unterstützung“ bei der Texterstellung im Rahmen des „Medical Writing“ unterhalten und derselben im Jahr 2016 mehr als eine Million Euro für ein „Marketingbudget“ gutgeschrieben haben. Darunter fiel ein „Honoraranteil“ von 512.000 Euro, der auch die Vergütung eines „Pressesprechers“ umfasste. Im August 2017 übernahm die UPD diese Funktion in Eigenverantwortung – „eine Änderung des ‚Honorars‘ folgte daraus nicht“.

Alles in allem wird laut BRH „nach Ablauf der siebenjährigen Förderzeit fast ein Drittel der Fördersumme – mehr als 20 Millionen Euro – an die Sanvartis GmbH oder andere Mitglieder der Unternehmensallianz geflossen sein“, jährlich zwischen 3,1 und 3,6 Millionen Euro, konstatieren die Finanzwächter. Das Wort „Untreue“ verkneifen sie sich trotzdem, wer will, kann es aber zwischen den Zeilen herauslesen. Die Leistungsentgelte „könnten großzügig bemessen sein“, was „Zweifel an einem optimalen Einsatz der Fördermittel“ nähre, befinden die Prüfer.

Neuaufstellung empfohlen

Dann folgt ein knallhartes Misstrauensvotum: „Die Abhängigkeit der UPD von der Sanvartis GmbH und weiteren Unternehmen der Unternehmensallianz in wirtschaftlicher, organisatorischer und teilweise personeller Hinsicht ist geeignet, den Eindruck fehlender Unabhängigkeit und Neutralität in der Beratung hervorzurufen.“ Obgleich man dafür „keine Anhaltspunkte“ gefunden haben will, vertrete man die Auffassung, „dass schon der – zumal öffentlich und von Fachseite geäußerte – Eindruck einer fehlenden Unabhängigkeit einen Nachteil der derzeitigen Gestaltung der Patientenberatung innerhalb eines Verbundes von Wirtschaftsunternehmen darstellt“.

Schlussendlich resümiert der Bundesrechnungshof, dass sich das „Modell einer befristeten Vergabe (…) nicht bewährt“ habe und „die enge Bindung an ein gewinnorientiertes Wirtschaftsunternehmen (…) vermieden“ werden sollte. Dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) habe man deshalb geraten, „bei einer zukünftigen unabhängigen Patientenberatung darauf zu achten, dass diese in einer Form betrieben wird, die möglichst frei ist von wirtschaftlichen Interessen oder sonstigen Abhängigkeiten“. Als mögliche Träger im Falle einer Neuaufstellung in öffentlicher Zuständigkeit schlägt der BRH die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) oder das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) vor.

Kritik von Sachverständigen

Zu ganz ähnlichen Schlüssen kamen mehrere Experten bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages am vergangenen Mittwoch. Hintergrund war ein Antrag der Fraktion Die LINKE , wonach die Beratung dauerhaft in die Hände derjenigen Organisationen gelegt werden solle, die mit institutioneller Patientenberatung beschäftigt seien. Außerdem müsse die UPD künftig statt aus Versicherten- aus Steuergeldern finanziert werden. Sechs der sieben geladenen Sachverständigen schätzten es rückblickend als Fehler ein, die UPD einem gewinnorientierten Unternehmen anvertraut zu haben. Als einziger Verteidiger des Status quo trat UPD-Geschäftsführer Thorben Krumwiede in Erscheinung.

Marie-Luise Dierks von Medizinischen Hochschule Hannover und früher selbst Mitglied im UPD-Beirat sprach dagegen von einem „Webfehler“, die Auswahl des Betreibers der GKV zu übertragen, die selbst Teil von Konflikten sei. Das habe auch zum Problem der Reputation beigetragen. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, äußerte den Wunsch, an den Ausgangspunkt der UPD in den 1970er Jahren anzuknüpfen. Dies seien Gesundheitsläden gewesen, die aus der Beobachtung entstanden sind, „dass sich viele Menschen von der Komplexität von Versorgung und Versicherung überfordert fühlen, wichtige Informationen nicht verstehen, keinen Lösungsweg finden, sich ungerecht behandelt fühlen und ohne Beratung scheitern“.

Hedgefonds übernimmt

Die „guten alten Zeiten“ sind lange vorbei, wobei der vorläufige Tiefpunkt der UPD erst zwei Jahre zurückliegt. Im Sommer 2018 hatte diese im Paket mit dem Sanvartis-Verbund klammheimlich den Besitzer gewechselt und fand sich plötzlich in den Händen der Careforce GmbH wieder. Die gehört laut Eigendarstellung „zu den führenden Unternehmen im Bereich der Personal- und Vertriebsdienstleistung für die pharmazeutische Industrie und andere Unternehmen im Healthcaremarkt“. Faktisch arbeite die Firma mit Sitz in Köln Arzneimittelherstellern zu, „damit die ihre Pillen und Salben besser unter die Leute bringen“, schrieb seinerzeit die Tageszeitung „junge Welt“, die die Vorgänge exklusiv publik machte.

Nicht besser wird die Sache dadurch, dass hinter der Careforce-Holding ein Private-Equity-Fonds namens Findos Investor steht, der mit dem Geld deutscher Mittelständler auf Renditejagd geht. Die UPD befindet sich seither also nicht länger nur in der Einflusssphäre der Krankenkassen, sondern auch der Pharmaindustrie und noch dazu im Dunstkreis einer „Heuschrecke“. Man stelle sich vor, der Geschädigte eines Blutverdünners will den Hersteller juristisch zur Verantwortung ziehen und eine Kompensation erwirken. Nun gehört jedoch sein „Berater“ zu demselben Unternehmen, das dafür sorgen soll, dass sich das fragliche Medikament gut und teuer verkauft. Welches Anliegen hat in diesem Fall wohl mehr Gewicht?

Nächsten Ausschreibung steht bevor

Die Koalition trieben solche Fragen lange Zeit nicht um. Was auch daran gelegen haben mag, dass der Careforce-Deal im Sommerloch 2018 ziemlich untergegangen war. Auch ein kurz darauf lancierter Brandbrief der wissenschaftlichen Mitglieder des UPD-Beirats, in dem diese uneingelöste Leistungsversprechen und „irreführende“ Informationen anprangerten, ließ den Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Ralf Brauksiepe (CDU), kalt.

Selbst als klar war, dass der BRH die Hintergründe der Übernahme und die Performance der UPD durchleuchten will, machten die Zuständigen in Regierung und beim GKV-Spitzenverband keine Anstalten, von ihrer Linie abzurücken. Vor einem Jahr legte sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sogar fest, den UPD-Betrieb nach Ende der laufenden Förderphase 2022 abermals per Ausschreibung vergeben zu wollen. Es hätten sich keine Hinweise ergeben, „dass die Neutralität und Unabhängigkeit der Patientenberatung der UPD in Frage gestellt ist“, ließ er verlauten.

Spahn vorm Sinneswandel?

Nach der Ohrfeige durch den Bundesrechnungshof ist die Stimmung im Ministerium aber wohl gekippt. Wie die NachDenkSeiten aus gut unterrichteten Quellen erfahren haben, will die amtierende Patientenbeauftragte Claudia Schmidtke (CDU) ein Gutachten mit der Frage nach einer Verstetigung der UPD unter neuer Trägerschaft beauftragen. Die Expertise soll schon im kommenden Herbst vorgelegt und der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Auf eine Anfrage beim Bundesgesundheitsministerium äußerte am Montag ein Sprecher, die BRH-Studie werde „aktuell noch geprüft“ und weiter: „Das Ergebnis dieser Prüfung und mögliche Schlussfolgerungen sind daher noch abzuwarten.“

Für Rolf Rosenbrock vom Paritätischen Wohlfahrtsverband kann es nur ein Resultat geben. Nötig sei ein neuer gesetzlicher Rahmen für die UPD, der es erlaube, wieder an die „alte“ Beratungsarbeit mit ihrer „Gleichgewichtung von psychosozialer, sozialrechtlicher und medizinischer Kompetenz“ anzuschließen. Hierfür kämen nur gemeinnützige Organisationen in Frage, die unabhängig von Staat, GKV, PKV und Gewinnerwartungen sind. Hoffentlich behält er recht.

Titelbild: dotshock / Shutterstock

Article note: "Denn das genau ist das Drama des altklugen Kindes: Wer immer nur als altklug gilt, will endlich wirklich so alt wie klug sein." #thx!
Wunderkind im Sturzflug Blätter Verlag 25. Juni 2020 - 18:06

Armer Philipp Amthor! Sollte es das tatsächlich schon gewesen sein – mit der Erfolgsgeschichte des CDU-Wunderkinds, dieses Sebastian Kurz aus Meck-Pomm?