Article note: Wie trägt denn Apple da jetzt die Schuld dran ...? #grübel

Firefox-Nutzer auf einem Apple-Gerät mit macOS 10.9, 10.10 und 10.11 werden nächste Woche automatisch auf Firefox Extended Support Releases (ESR) umgestellt. Dies geschieht ab 30. Juni automatisch.

Grund dafür: Das letzte Security-Update unter macOS 10.11 hat Apple vor rund 2 Jahren an die Nutzer verteilt. Für Mozilla machtes das umso schwieriger seinen Firefox-Browser zu warten, denn in so langer Zeit enthält das System potenziell bekannte Schwachstellen.

Mit dem Extended-Support-Release bringt Firefox nur noch alle 42 Wochen – statt alle vier Wochen – eine größere Aktualisierung. Updates zu Stabilitäts- und Sicherheitsproblemen sollen trotzdem einmal im Monat verteilt werden. Mozilla legt daher den Firefox-Nutzern unbedingt nahe auf macOS 10.12 oder höher zu updaten.

-> Zum Beitrag Mozilla Firefox: Support für macOS 10.9, 10.10 und 10.11 nur noch in größeren Abständen

-> Zum Blog Caschys Blog

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Article note: #thx + Gute Sommerpause! #wink

Ingwer-Shot: kurz und kompakt

+++ Diese Woche freuen wir uns auf eine neue Podcastfolge „Frag mal Agi“ mit Sexualpädagogin Agi Malach aka Vulvinchen +++ Am Dienstag startet das „Frauen“-Webinar der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema Werteveränderung nach der Coronaviruskrise +++ Ebenfalls am Dienstag spricht die Soziologin und Philosophin Frigga Haug online darüber, was das Kapital heute für den Feminismus heißt +++ Noch bis Sonntag könnt ihr das Crowdfunding von Ilka Brühl für ihr Kinderbuchprojekt „Milo der Naschkater“ unterstützen. +++ Tanzen lässt sich schon am Freitag zu dem großartigen Future-Pop von Denai Moores neuem Album „Modern Dread“ +++ Außerdem feiern wir am Freitag den „Schmeichle-Deinem-Spiegelbild-Tag“ – für mehr Body-Positivity und Selbstliebe +++

Zweites Frühstück: ausgiebig sättigend

Bevor wir uns in die Sommerpause verabschieden, möchten wir euch natürlich jede Menge Aufschnitt für die feministischen Brötchen der kommenden Wochen mitgeben – womit ginge das besser als mit jeder Menge Lesefutter? Deshalb haben wir unsere Verlosungsstapel gesichtet und tolle Bücher gefunden, die ihr im Herbst nach und nach gewinnen könnt.

Paula Irmschlers Poproman „Superbusen“ spielt in Chemnitz und erzählt von einer Stadt, dem Aufwachsen zwischen Ost und West, Musik und Freundschaft und ja, auch von Feminismus. „Paula Irmschler lesen ist wie Saufen mit der besten Freundin, aber ohne Kater. Magisch.“, sagt Margarete Stokowski über ein Buch, das manche*r nicht einzuordnen weiß:

All I ever wanted pic.twitter.com/mj2g703XBN

— Paulairmschler (@schirmherrin) February 29, 2020

Mit Einordnung tut sich auch der Gender Data Gap schwer. Die britische Jorunalistin Caroline Criado-Perez hat mit „Unsichtbare Frauen“ gegen einen Missstand angeschrieben, der weit über blöd geplante Toiletten hinausgeht. Gender Data benachteiligt in Städteplanung, Straßenverkehr und besonders verhängnisvoll in Medizin und Forschung.

Einen Streifzug durch die feministische Musikgeschichte unternimmt Juliane Streich als Herausgeberin von „These Girls“. Autor*innen wie Jacinta Nandi, Linus Volkmann, Christina Mohr oder Klaus Walter schreiben über prägende Role-Models wie Billie Holiday, Björk, Patti Smith oder die Spice Girls. Rock on!

These Girls are here #unboxing pic.twitter.com/D6WfIjjWjK

— Juliane Streich (@julesjoke) December 5, 2019

Die Autorin Arabelle Sicardi und die Illustratorin Sarah Tanet-Jones, feiern mit „Queer Heroes“ mehr als fünfzig LGBTIQ*-Held*innen – von Sappho über Freddie Mercury bis Emma Gonzalez. Aber auch die Schicksale von unbekannteren Queer Heroes wie Jazz Jenning, Yoram Ottolenghi, Alan Turing greift der toll illustrierte Band auf.

Und schließlich: Wann auch immer du in diesem Sommer das Gefühl hast, für die Strandfigur brauche es mehr als Strand und Badehose, Badeanzug oder Bikini, dem sei Sofie Hagens tolles Buch „Happy Fat“ empfohlen. Die dänische Komikerin entlarvt Diskriminierung und Fat Shaming als gesellschaftliches Problem, das Dicksein mit Scheitern gleichsetzt. Bullshit!

Wenn du in den Wochen nach der Sommerpause eins dieser Bücher gewinnen willst, dann registriere dich zeitnah für unseren Newsletter – dort gibt es jedes Mal den Hinweis auf das nächste Verlosungshighlight! Wir freuen uns auf dich und drücken die Daumen!

Kommentare zu diesem Text könnt ihr uns in unseren sozialen Netzwerken hinterlassen und dort mit insgesamt 110.000 Menschen teilen!

Der Beitrag Deine Montagmorgen-News! erschien zuerst auf Pinkstinks Germany.

Article note: #thx + #daumendrück

Ich hatte vor einer Woche dem Präsidenten des Amtsgerichts Köln eine Anfrage geschickt. Ich bat um eine Stellungnahme zu dem Skandalurteil mit der Filesharing-Oma ohne PC.

Bis heute kam keine Reaktion.

Ich schicke nochmal eine Erinnerung hinterher.

Diesmal will ich auch wissen, wieso aus seiner Sicht das Urteil nicht Rechtsbeugung war. Und wenn die Ausrede Ignoranz des Richters ist, welche Fortbildungsmaßnahmen er als Präsident anordnen wird, damit das nicht wieder vorkommt.

Article note: #puhh Danke für die Recherche! .oO(Hoffe nur, es kommt niemand auf die Idee, sowas mal mit der Infrastruktur öffentlicher Einrichtungen - bspw. in der Wissenschaft - zu probieren ...)
Auch die Website und das Online-Banking der Deutschen Kreditbank legten die Angreifer teilweise lahm.

Schon sein Name ist blanker Hohn. Auf Twitter nennt er sich Naifu911. Wie das Messer auf Japanisch, wie der Notruf in den USA. „Seit fünf Stunden haben sie es bisher nicht geschafft, den Angriff zu unterbinden“, schreibt er. „Schwache Leistung.“

Es ist der 7. Januar 2020 und der Angreifer verspottet sein Opfer. Über die Deutsche Kreditbank (DKB) prasselt zu jenem Zeitpunkt eine sogenannte Distributed-Denial-of-Service-Attacke (DDoS) herab. Die Website der Bank ist zum Teil nicht erreichbar, damit auch das Online-Banking. Für die rund vier Millionen Kund:innen der Bank ist dies ein Ärgernis, für die DKB selbst eine Katastrophe.

Fünf Monate werden vergehen, bis herauskommt, wer hinter den Angriffen stecken soll. Vergangene Woche vermelden die Sicherheitsbehörden einen Erfolg. Sie durchsuchen die Wohnungen eines 16-Jährigen im niedersächsischen Soltau und eines 20-Jährigen im Schwarzwald. Dem Duo werfen sie vor, für eine ganze Serie solcher Vorfälle verantwortlich zu sein.

Nach Recherchen von netzpolitik.org hat dabei womöglich vor allem der Jüngere der beiden die tragende Rolle gespielt, offenbar auch nicht zum ersten Mal. Bei ihm handelt es sich wohl um die Person, die unter dem Pseudonym Naifu auftrat. Nur: Was könnte das Duo dazu gebracht haben, an diesem Dienstagabend eine Bank zu attackieren?

Genau genommen gilt der Angriff dem Finanz Informatik Technologie Service, einem Unternehmen der Sparkassen-Gruppe. Es betreut die DKB als Dienstleister. Die Firma ergreift Maßnahmen, sie leitet den Datenverkehr um, schaltet Dienste dazwischen, die die Attacken eindämmen sollen.

Besucher:innen der Website werden durch Server von Drittanbietern geschleust, die einen DDoS-Schutz versprechen. Sie tragen Namen großer Firmen aus dem Bereich der IT-Sicherheit, SecurityDAM, Radware oder Cloudflare. Aber der damals noch anonyme Angreifer Naifu zeigt sich unbeeindruckt. „Solange man nicht weiß, wie man mit den Anbietern umgeht, wird das nichts“, lästert er auf Twitter.

Über Tage hinweg wird das Theater andauern und die DKB nur eingeschränkt erreichbar bleiben.

Tödliche Anfälle von Einsamkeit

Die Angreifer suchen sich derweil wohl ihr nächstes Ziel, jetzt trifft es den Telekommunikationsanbieter Freenet. Auch dessen Website hat mit der Last der Attacke zu kämpfen. Auf Twitter feiert Naifu seinen Erfolg. Ein Dienst, der Störungsmeldungen erfasst, dokumentiert diesen. „Mal schauen, ob ich die Sparkasse auch in die Top-10-Störungen der Woche bekomme“, schreibt er.

Naifu lädt ein Video hoch, das zeigt, wie er auch deren Informationsportal aus dem Netz befördert, es ist ein Vorher-Nachher-Vergleich. Im Hintergrund läuft japanische Musik, eine Frauenstimme besingt „tödliche Anfälle von Einsamkeit“.

Wer Naifu bei seinen Angriffen zusieht, wohnt einer Inszenierung bei. Sie wirkt wie eine melodramatische Machtdemonstration. So, als solle jeder sehen, wozu er, Naifu, in der Lage ist.

Eine große Kanone

Bei DDoS-Attacken werden Ziele mit so vielen Anfragen bombardiert, bis sie überlastet sind. Irgendwann ist schlichtweg die Leitung dicht. Mitunter stellen Angreifer:innen besonders rechenintensive Anfragen, die auch noch den Server selbst lahmlegen. In jedem Fall können Besucher:innen einer Website nicht mehr wie gewohnt auf diese zugreifen.

Wer solche Attacken ausführen will, muss üblicherweise eine große Zahl von ans Netz angeschlossenen Geräten kontrollieren. DDoS-Angriffe werden deshalb üblicherweise mithilfe sogenannter Botnetze verübt. Sie bestehen aus etlichen Geräten, die mit Schadsoftware infiziert sind und dadurch ferngesteuert werden können.

Anfang Januar ist offensichtlich, dass auch Naifu Zugang zu einem solchen Botnetz hat. Er nutzt es wie eine große Kanone, mit der er ein Ziel nach dem anderen abschießt. Wie groß diese Kanone ist, macht er noch einmal ein paar Tage später deutlich, als er eine weitere Bank attackiert. Er twittert: „Ich schaue dann mal bei Comdirect vorbei.“ Vier Minuten vergehen, dann geht auch zu dieser eine Flut an Störungsmeldungen ein.

Angriffe auf kritische Infrastruktur

Banken zählen zur sogenannten kritischen Infrastruktur. Dabei handelt es sich um Systeme, die für die Gesellschaft von wesentlicher Bedeutung sind. Da sie durch Angriffe aus dem Netz gefährdet sind, hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) den „Krisenplan Cyber“ entwickelt, mit dem sie sich auf eine großangelegte Attacke vorbereitet.

„Noch hat es wenig Cyberangriffe gegeben, und die Banken haben sie gut überstanden“, ließ sich BaFin-Direktor Raimund Röseler kürzlich in einer Publikation seiner Behörde zitieren. „Aber die Bedrohung ist da. Und sie wächst.“ Fast 700 schwerwiegende Fälle sind nach Angaben der Aufsichtsbehörde seit 2018 bekannt geworden.

Auch die Sicherheitsbehörden nehmen Angriffe auf kritische Infrastruktur ernst. Wie ernst, das wird auch bald Naifu zu spüren bekommen. Mit seinen Taten soll er einen Millionenschaden verursacht haben. Insgesamt zwölf DDoS-Fälle in Deutschland bringt die Polizei mit ihm in Verbindung, sie ermittelt in fünf Bundesländern, auch das Bundeskriminalamt ist eingebunden.

Zusammen laufen die Fäden in Kiel. Dort hat das Landeskriminalamt (LKA) Schleswig-Holstein eigens die Ermittlungsgruppe „Welle“ gebildet. Sie wertet die Spuren aus, die der Angreifer hinterlassen hat. Sie verfolgt sie zurück. Sie steht am 16. Juni vor der Wohnungstür in Soltau.

In der Stadt, die eher für ihren Heide-Park bekannt ist, treffen die Ermittler:innen auf Naifu, den 16-Jährigen, der eigentlich M. heißt.

Ein Werk von Script-Kiddies?

Seinem mutmaßlichen Partner, dem 20-Jährigen, der in Calw lebt, wirft die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft „Cybercrime“ in Itzehoe vor, einen Command-and-Control-Server angemietet zu haben. Also den Computer, mit dem das Duo das Botnetz gesteuert haben soll. Bereits in der Vergangenheit sei er polizeilich in Erscheinung getreten, im Zusammenhang mit sogenanntem Computerbetrug.

Bei M. ist die Sache komplizierter. Erst bei Nachforschungen wird deutlich, dass diese Eskalation Anfang des Jahres nur der Höhepunkt einer Entwicklung zu sein scheint, die offenbar schon vor Jahren begann.

Naifus Geschichte ist nicht die eines jungen Superhackers. Das zeigen die Spuren, die er selbst über die Jahre im Netz hinterlassen hat. Bekannte, die wir ausfindig gemacht haben, zeichneten das Bild eines unglücklichen Jugendlichen, der vor allem Anschluss suchte und dafür wieder und wieder zu weit ging.

Angreifer haben das Botnetz wohl selbst aufgebaut

In der Hacker-Szene werden DDoS-Attacken belächelt. Um sie auszuführen, ist kaum technisches Können notwendig, heißt es häufig. Tatsächlich lassen sich Botnetze für solche Angriffe auf einschlägigen Websites schon für wenig Geld anmieten. Verübt werden sie mitunter von sogenannten Script-Kiddies, die fertige Programme ausführen und so mitunter ohne viel eigenes Können enormen Schaden anrichten.

„Was die Angreifer hier getan haben, ist am Ende trivial. Das erfordert eben ein bisschen Fleiß“, sagt Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Club. „Am Ende ging es um die Frage, ob die Angreifer genug Ausgangspunkte und Bandbreite unter ihre Kontrolle bringen können, um ihr Ziel zu überfordern.“ Da selbst die größten Anbieter über endliche Ressourcen verfügen, lasse sich der Erfolg eines solchen Angriffs nie vollständig ausschließen.

Die Ermittler:innen der Einsatzgruppe „Welle“ glauben, dass M. und sein Mitstreiter ihr Botnetz, mit dem sie Websites von Banken in die Knie zwangen, selbst aufgebaut haben könnten. Wie ihnen das gelungen sein soll, dazu will sich das LKA nicht äußern.

Nach Recherchen von netzpolitik.org könnte vor allem der 16-Jährige hierfür verantwortlich gewesen sein. Wir sind auf deutliche Hinweise darauf gestoßen, woraus dieses Botnetz mindestens teilweise bestanden hat. Die Erkenntnisse sind so erstaunlich wie erwartbar für den Modus Operandi eines 16-Jährigen.

Es beginnt mit Minecraft

Fünf Jahre zuvor ist M. elf Jahre alt. Und wie viele Kinder und Jugendliche steckt er tief in der bunten Klötzchenwelt von Minecraft, einem Computerspiel, das Spieler:innen große Freiheiten lässt. Sie können sie nach ihren eigenen Wünschen gestalten oder über das Netz gemeinsam mit anderen erkunden.

Wem das nicht reicht, der kann bereits mit rudimentären Programmierkenntnissen eigene Erweiterungen schreiben und der Minecraft-Welt seinen eigenen Willen aufzwängen, jenseits der Gesetze der ursprünglichen Spielphysik. Viele junge Spieler:innen reizt das, und so machen sie mit Minecraft ihre ersten Schritte. Auch M. gehört zu ihnen. Wie er in einem Tweet schreibt, lernt er für das Spiel die Programmiersprache Java. M. wird über die Jahre mehrere Twitter-Accounts nutzen, Naifu ist nicht sein einziges Pseudonym.

Es dauert nicht lange, bis erste Hinweise auftauchen, dass seine wahren Interessen jenseits dieser bunten Klötzchenwelt liegen könnten. Nach einigen Monaten, in denen er an dem Spiel herumbastelt, ändert er den Namen seiner Spielfigur. In Minecraft nennt sich M. jetzt LuminosityLink.

Vielleicht ist das einfach ein Zufall. Vielleicht hat er sich bei dem Namen aber auch inspirieren lassen. LuminosityLink, so heißt damals jedenfalls ein neues Programm aus den USA, das für 40 US-Dollar erhältlich ist. Es ist so beliebt, dass sich sogar das FBI dafür interessiert: Es wird später den Entwickler festnehmen. Denn bei LuminosityLink handelt es sich um Schadsoftware. Sie erlaubt Angreifer:innen, Geräte zu infizieren und anschließend zu kontrollieren.

Trojaner-Angriff in der Schule

Als weitaus deutlicheres Warnsignal muss man rückblickend einen Vorfall deuten, den M. verursacht, als er in der siebten Klasse ist.

Er infiziert mehrere Schulcomputer mit dem, was der zuständige Landkreis in einer E-Mail an diese Redaktion später als multifunktionale Schadsoftware bezeichnen wird. Offenbar installiert M. einen sogenannten Trojaner. Sobald sich Lehrer:innen und Mitschüler:innen an den Schulcomputern anmelden, kann er diese fernsteuern.

Die unerlaubten Zugriffe fliegen wohl deshalb auf, weil er bei einem Freund damit angibt. So erzählt er selbst davon auf Twitter. Nicht zum letzten Mal wird es die Prahlerei sein, die ihn in ernsthafte Schwierigkeiten bringt. Wenn M. Mist baut, wissen am Ende offenbar alle Bescheid – sogar die Behörden.

Schon damals sind die Folgen immens. Die Firma, die die Schulsoftware betreut, muss in Soltau vorbeikommen und den Server überprüfen. Und der Niedersächsischen Landesschulbehörde zufolge wird M.s Mutter zu einem Gespräch in die Schule bestellt. Auch ein Mitarbeiter aus der IT-Abteilung des Landkreises ist dabei.

Für M. geht die Sache glimpflich aus. Seinen Tweets zufolge erhält er im Halbjahreszeugnis die Note fünf für sein „Sozialverhalten“. Der Landesschulbehörde zufolge verzichtet die Schule jedoch darauf, Strafanzeige zu stellen.

Ein Programm, um zu betrügen

„Ich habe überhaupt kein Bock auf Schule, derzeit auch kein Bock auf Schlafen“, twittert er ein paar Wochen später mitten in der Nacht, an einem Tag unter der Woche. Aus seinem Zeugnis, das er auf Twitter teilt, geht hervor, das er nur in einem einzigen Fach gut ist: Informatik. Seine Freizeit fließt mittlerweile in ein großes Projekt, das den Namen LiquidBounce trägt.

Dabei handelt es sich um ein Stück Software, das Minecraft-Spieler:innen erlaubt, Servern beizutreten und zu betrügen, indem es ihnen neue Funktionen freischaltet, die eigentlich gar nicht vorgesehen sind. Vorteile, die ihnen erlauben, gegen die Regeln zu verstoßen. Genau genommen ist es eine Art Hack.

LiquidBounce, das M. mit einem Freund betreibt, entwickelt sich in der Minecraft-Szene zu einem großen Erfolg. Einem Screenshot zufolge setzen Tausende das Programm täglich ein. Aber im Sommer 2018 zeichnet sich ein Problem ab: Auf einmal kennzeichnen Antivirenprogramme LiquidBounce wohl als Schadsoftware. Sie halten es für gefährlich, es besteht der Verdacht, bei LiquidBounce könnte es sich in Wahrheit um einen Trojaner handeln.

Hintertüren in Erweiterungen für Minecraft-Server

M. beklagt sich darüber auf Twitter. Und er wischt diese Bedenken beiseite. Eine Fehlfunktion, behauptet er in Tweets. Der Freund, mit dem er die Software in Stand hält, dementiert heute gegenüber netzpolitik.org, dass LiquidBounce Schadsoftware enthielt. Quelloffen und damit für jeden überprüfbar, machen die Entwickler das Programm jedoch erst viel später.

Der Verdacht, in LiquidBounce könnten geheime Hintertüren verbaut worden sein, drängt sich auch deshalb auf, weil M. wohl parallel dazu an entsprechenden Programmen arbeitet. Mehrere Bekannte berichten netzpolitik.org übereinstimmend, der Teenager habe fremde Erweiterungen für Minecraft mit einer Hintertür versehen und über gängige Plattformen weiterverbreitet. Nichtsahnende Spieler:innen hätten sie auf ihren Minecraft-Servern installiert und diese dadurch infiziert.

Träfe dies zu, dann hätte M. Zugang zu Geräten, die er fernsteuern kann. Die entscheidende Voraussetzung für ein Botnetz. Die Ermittler:innen glauben, er und der heute 20-Jährige hätten spätestens im Januar 2019 begonnen, ein solches aufzubauen.

Erpressung in Nigeria

In dieser Zeit entwickelt M. offenbar eine erhebliche kriminelle Energie. Zum ersten Mal scheinen seine Taten einen finanziellen Hintergrund zu haben. Der Staatsanwaltschaft zufolge schlägt er im April 2019 außerhalb von Deutschland zu, in Westafrika.

Dort habe M. Router von Telekommunikationsanbietern und deren Kund:innen angegriffen, teilt die Behörde mit. Das LKA sagt, er habe eine Sicherheitslücke ausgenutzt. Internetnutzer:innen in Nigeria bekamen einen Sperrbildschirm angezeigt. Um die Geräte wieder freizugeben, soll der Angreifer rund 100 Euro in der Krypto-Währung Bitcoin gefordert haben. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe wirft M. deshalb gewerbsmäßige Erpressung vor.

Die nigerianischen Telekommunikationsanbieter, denen der Account Naifu demonstrativ auf Twitter folgt, lassen Anfragen von netzpolitik.org unbeantwortet. Wie groß der durch diese Angriffe entstandene Schaden ist, kann auch das LKA noch nicht sagen.

M. selbst scheint jedoch konkrete Vorstellungen davon zu haben, was er in dem Land angerichtet hat. „Erst recht habe ich dort nicht nur die Anbieter offline genommen, ich habe alle Router ‚gehackt‘ und unbrauchbar gemacht“, schreibt er einer Bekannten in einer Nachricht. Er prahlt, die betroffenen Unternehmen seien dadurch fast pleite gegangen.

Die Lust an der Zerstörung

netzpolitik.org liegen umfangreiche Gesprächsprotokolle vor, die über die Jahre auf der Chat-Plattform Discord entstanden sind. Zum Teil konnten wir sie selbst sichern, zum Teil wurden sie uns zugespielt. M. tritt unter verschiedenen Pseudonymen mit unterschiedlichen Accounts auf, zum Teil auch gleichzeitig.

In mindestens einem Fall fragt er sich vor den Augen weiterer Teilnehmer:innen offenbar selbst zu den Angriffen aus. Womöglich ein Versuch, um weitere Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Wer M.s Nachrichten liest, lernt einen Menschen kennen, der keinerlei Anteilnahme am Leid Anderer zu verspüren scheint. „Ich mache seit Jahren nichts anderes, als anderen Leuten ihr Leben schwer zu machen“, schreibt er. „Es macht mir Spaß, anderen Leuten unnötig Arbeit zu machen oder ihr Leben zu zerstören.“

Angriff auf den YouTuber Unge

Wo immer M. auftaucht, scheint es Ärger zu geben. Er ist auch in einen Angriff auf Suro verwickelt, ein von langer Hand geplantes, mehrtägiges Minecraft-Event des YouTubers Unge, der von den Einnahmen durch seine Videos und Livestreams lebt.

Mehrere Personen aus M.s Team sabotieren das Projekt. Mithilfe einer Sicherheitslücke brechen sie in Unges Minecraft-Server ein.

Ein Mitschnitt zeigt, wie sie sich dabei auf M.s Discord-Kanal organisieren. Auch er selbst nimmt teil. Während der YouTuber livestreamt, postet die Gruppe massenhaft Werbebotschaften für das Programm LiquidBounce in den Chat des Spiels. Schließlich tötet sie mithilfe eines Server-Befehls alle Spielfiguren.

Verglichen mit dem, was im Sommer 2019 beginnt, ist dieser Angriff auf Suro aber nur Kleinkram. M.s Zerstörungswut scheint jetzt eine neue Dimension zu erreichen. Und er verlässt die bunte Minecraft-Welt wohl endgültig. Zunächst, weil er ein neues Lieblingsspiel hat. Was wie das einfache Hobby eines mittlerweile 15-Jährigen aussehen mag, wird bald auch die Sicherheitsbehörden beschäftigen.

DDoS-Attacken auf eine gesamte Gaming-Community

„SCP: Secret Laboratory“ ist ein Indie-Shooter, der damals nach Entwicklerangaben mehr als 50.000 Spieler:innen hat. Es gibt einige hundert Server, auch M. ist an einem beteiligt. Einer, der mit M. im Team dieses Servers ist, räumt später ein, es könnte darum gegangen sein, die Konkurrenz zu behindern, damit mehr Menschen auf ihrem eigenen Server spielen.

Über Wochen hinweg prasseln DDoS-Attacken auf die Spieleserver ein. Die meisten deutschen Server sind hiervon betroffen, wie Łukasz Jurczyk später sagt. Bei dem polnischen Entwicklerstudio Northwood ist er für die IT-Sicherheit zuständig.

Zeitweise greift wohl M. an, sobald mindestens zwei Spieler:innen einem Spieleserver beitreten. Wie er selbst in einem Chat behauptet, betrifft dies mehr als 500 Server.

Botnetz bestand wohl auch aus Minecraft-Servern

netzpolitik.org konnte umfangreiche Protokolle des Netzwerkverkehrs einsehen, die während Angriffen aus dieser Serie entstanden sind. Sie lassen Rückschlüsse zu auf die Quellen, von denen die Attacken ausgingen.

Wir haben IP-Adressen, die daran beteiligt waren, abgeglichen und stichprobenartig zurückverfolgt. In vielen Fällen finden sich eindeutige Belege dafür, dass die Angriffe von Minecraft-Servern ausgingen. Offenbar handelt es sich mindestens bei einem Teil des Botnetzes tatsächlich um Server, von denen M. zuvor behauptet hat, er habe sie durch umgebaute Erweiterungsprogramme mit Schadsoftware infiziert.

Die Internetanbindung eines Spieleservers sollte weitaus leistungsfähiger sein als ein herkömmlicher Internetanschluss zuhause. Viele Spieler:innen müssen sich gleichzeitig mit dem Server verbinden können, ohne dass es zu Störungen kommt. Das sind Voraussetzungen, die es besonders attraktiv machen, solche Server für einen DDoS-Angriff zu missbrauchen. Dies könnte erklären, warum die Attacken des Botnetzes so effektiv waren.

Strafanzeige in Schleswig-Holstein

Schon wenige Tage nach dem Beginn der großflächigen DDoS-Serie in der Community von „SCP: Secret Laboratory“ erstattet eine betroffene Person an ihrem Wohnort in Schleswig-Holstein Strafanzeige bei der Polizei. Sie übergibt auch einen USB-Stick mit Belegen, die sie gesammelt hat, darunter Screenshots. Spätestens im Sommer 2019 erfahren die Ermittler:innen von dem Angreifer mit dem Pseudonym Naifu.

Bereits damals lässt sich ein deutlicher Hinweis auf das Täterprofil finden: Als Avatar nutzt Naifu ein Bild von Shiro, einem Charakter aus der Anime-Serie „No Game No Life“, beliebt vor allem bei Teenagern. Shiro ist eine Gamerin, bekannt dafür, dass noch niemals jemand gegen sie gewonnen hat.

Auch M. scheint sich unbesiegbar zu fühlen. „Die deutsche Polizei ist ziemlich schlecht in sowas“, schreibt er in einem Chat. „Sie haben es die ganzen Jahre nicht geschafft, mich zu bekommen – egal, wie viele Informationen es gab.“

Vielleicht geht er deshalb bald noch größere Risiken ein. Naifu attackiert jetzt auch in Deutschland Ziele, die nichts mehr mit seinen Computerspielen zu tun haben.

Auch Internetanbieter geraten in die Schusslinie

Im Juli und August beschießt das Botnetzwerk eine Reihe lokaler Internetanbieter. Zu den Leidtragenden gehört die TNG Stadtnetz GmbH in Kiel. Einer der Angriffe sei von 5.000 unterschiedlichen IP-Adressen ausgeführt worden, teilt ein Sprecher des Unternehmens netzpolitik.org mit. Dabei habe er eine Bandbreite von rund 500 Gigabit pro Sekunde erreicht.

Die tatsächliche Wirksamkeit einer solchen Attacke richtig zu bemessen, ist schwierig, weil es dabei darauf ankommt, wie viele Ressourcen dem Angriffsziel zur Verfügung stehen. Die Datenmenge, die auf zwei Ziele der TNG Stadtnetz GmbH einprasselt, entspricht zum Vergleich etwa 100.000 Menschen, die gleichzeitig einen HD-Film bei Netflix schauen. Was für manche Anbieter Alltag sein mag, kann die Kapazitäten anderer um ein Weites übersteigen.

Auch in Hessen sind drei Unternehmen betroffen. In einem Fall genügt M. nach eigenen Angaben auf Discord als Grund, dass die Internet-Bandbreite eines Freundes gedrosselt worden sein soll.

Er gefällt sich offensichtlich in der Rolle des maskierten Rächers, der Unheil stiftet. In der Statusanzeige auf Discord, wo normalerweise steht, welches Computerspiel Nutzer:innen spielen, trägt er für alle sichtbar das Ziel ein, das sein Botnetz gerade ins Visier nimmt.

Spekulationen über einen Auftragshacker

Der 15-Jährige will auffallen, auch außerhalb seiner Gaming-Community. Unter dem Namen Naifu registriert er hierzu auch mehrere Accounts bei Facebook. „Ich hoffe euch gefällt der Angriff auf das Netz“, kommentiert er etwa einem Dienstleister aus Kassel auf die Seite. „Das wird noch ein bisschen länger laufen, freut euch.“

Tausende Kund:innen der betroffenen Anbieter fliegen in dieser Zeit immer wieder aus dem Netz oder können sich gar nicht erst einwählen. Der wirtschaftliche Schaden, der durch solche Ausfälle verursacht wird, kann immens sein. Abwehrmaßnahmen kosten die Internetanbieter Geld und beschädigen das Vertrauen der Kund:innen, zu denen wiederum Firmen gehören, die selbst auf das Internet angewiesen sind.

Christopher Mandt, Geschäftsführer des einem Facebook-Beitrag zufolge betroffenen Internetanbieters Nexiu aus dem Hochtaunuskreis, spekuliert gegenüber der Zeitung Frankfurter Neue Presse im August sogar, ein unzufriedener Kunde könnte einen Hacker beauftragt haben, um sein Unternehmen zu attackieren. Wie schon in Schleswig-Holstein nimmt die Polizei nun auch in Hessen Ermittlungen auf.

Monate vergehen, bis Ermittler:innen auf M. stoßen

Nicht klar ist, wie lange es wirklich dauert, bis die Einsatzgruppe „Welle“ all die Spuren miteinander verknüpft. Bereits im Januar ist eine Verbindung zwischen den DDoS-Angriffen auf kritische Infrastruktur und den Attacken in der Gaming-Community von „SCP: Secret Laboratory“ ersichtlich.

Während Naifu mit seinem Botnetz die DKB und die Sparkasse beschießt, prahlt er damit in einem Discord-Kanal. Auch Monate später werden seine Nachrichten noch einsehbar sein.

In dieser Community sind auch Menschen aktiv, die genau wissen, wie M. heißt, sogar wo er zur Schule geht. Ist es wirklich vorstellbar, dass ihn dort im Januar niemand mit dem Angreifer Naifu in Verbindung bringt?

Weitere fünf Monate werden vergehen, bis die Polizei seine Wohnung durchsucht. Fünf Monate, in denen Naifu noch weiteren Schaden anrichtet.

Forderungen nach besserer Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden

Zusammenhänge zwischen einzelnen Straftaten im Bereich der Internetkriminalität würden häufig viel zu spät erkannt, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag Konstantin von Notz gegenüber netzpolitik.org. „In der Vergangenheit sind Probleme bei der Zusammenarbeit der Strafverfolgungsbehörden bei der Verfolgung entsprechender Delikte über Landesgrenzen hinweg immer wieder offen zu Tage getreten.“

Auch die Kooperation mit dem Nationalen Cyber-Abwehrzentrum funktioniere nicht so, wie sie es solle, so der Innenpolitiker. „Dass allein bei dieser Tat ein Schaden in siebenstelliger Höhe entstanden ist, zeigt, wie drängend es ist, sich endlich angemessen mit Fragen der IT-Sicherheit und der Abwehr von Angriffen zu beschäftigen – statt über Hackbacks und Co. zu sinnieren und so die wenigen wertvollen Ressourcen zu verschwenden, die wir in dem Bereich haben.“

Die stellvertretende Parteivorsitzende der Linken Martina Renner gibt gegenüber dieser Redaktion zu bedenken, ein zentraler Blick von oben garantiere keinen schnelleren Ermittlungserfolg. Aber auch sie fordert eine engere Zusammenarbeit.

„Notwendig scheint mir doch eher, dass die beteiligten Behörden sich in solchen Fällen viel schneller austauschen“, sagt Renner. „Das Ziel darf dabei nicht sein, Ermittlungen irgendwohin auszulagern, sondern Ermittlungsschritte und Erkenntnisse miteinander abzugleichen und zu koordinieren.“

Ein rätselhaftes Motiv

Ein Rätsel dürfte für die Einsatzgruppe „Welle“ lange Zeit das Motiv geblieben sein, mit dem der Unbekannte Naifu scheinbar wahllos Banken und Internetanbieter attackierte. Verdient hat er daran offenbar nicht. Nach allem, was bislang bekannt ist, blieben Lösegeldforderungen eine Ausnahme, die sich auf die Angriffe in Nigeria beschränkte.

Aber warum würde ein 16-Jähriger derartige Taten begehen? Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass M. die Angriffe aus Langeweile und Einsamkeit verübt hat.

Er selbst lässt an dieser Lesart kaum Zweifel aufkommen. „Falls jemand mit mir schreiben möchte: Ich bin einsam“, steht in einem Tweet, den er ganz oben in seinem Account festgepinnt hat, dahinter ein tieftrauriges Emoticon und seine Kontaktdaten beim Messengerdienst Telegram.

Es ist derselbe Twitter-Account, mit dem Naifu die DDoS-Angriffe ankündigt. Für M. scheinen sie ein trauriger Versuch zu sein, um neue Kontakte zu knüpfen.

Zum letzten Mal schlägt er wohl am 20. Mai zu. „REDDIT TAKEN DOWN BY NAIFU“, twittert er, dazu ein Screenshot. Demnach hat er nun auch noch die große internationale Plattform Reddit angegriffen. Also ausgerechnet einen Ort, an dem Menschen in den mehr als einer Million Unterforen zusammenkommen und so etwas wie Gemeinschaften bilden. Das LKA Schleswig-Holstein will diesen Fall nicht kommentieren – wie es heißt, um laufende Ermittlungen nicht zu gefährden.

Das Botnetz könnte noch immer funktionstüchtig sein

In einem Forum, in dem M. regelmäßig aktiv war, hat er sich seinem Profil zufolge seit dem Tag der Durchsuchungen nicht mehr angemeldet. Dabei ist er, wie auch der 20-Jährige aus dem Schwarzwald, auf freiem Fuß. Das LKA sagt, es bestehe kein Haftgrund.

Bei der Auswertung des Netzwerkverkehrs, der während der Angriffe in der Gaming-Community von „SCP: Secret Laboratory“ entstanden ist, hat netzpolitik.org eine Entdeckung gemacht. Etliche IP-Adressen, die darin auftauchen, haben wir maschinell abgefragt.

In vielen Fällen sind die Geräte, die mutmaßlich mit Schadsoftware infiziert sind, noch immer am Netz. Sie werden auch weiterhin als Minecraft-Server genutzt. Das bedeutet: Naifus Botnetz könnte womöglich noch immer funktionstüchtig sein.


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Article note: :-O #didnotknow! + #readalso https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Wladimir-Putin-Artikel-Zweiter-Weltkrieg-Ursachen

NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser wissen in der Regel: Es gibt Einschätzungen und Urteile des Geschehens und über Personen, bei denen man feststellen muss, dass die totale Manipulation möglich ist. Das galt bis zur Corona-Verschuldung für die Bewunderung der Politik der Schwarzen Null, es galt für die Behauptung, der demographische Wandel zwinge zur privaten Vorsorge fürs Alter, und es gilt für das Urteil über Putin. „Aber der Putin“ – so skeptisch äußern sich selbst Menschen, die ansonsten für Frieden mit Russland eintreten. (Dazu siehe z.B. hier am 5.12.2018.) Wer sein Urteil schärfen möchte, tut gut daran, Putins neuen, langen Artikel zu lesen. Christian Müller hat im Infosperber eine hilfreiche Einführung geschrieben, versehen mit Quellen, Auszügen und mit Links auf den Text in mehreren Sprachen. Die NachDenkSeiten übernehmen diesen Text. Albrecht Müller.

Wladimir Putin: «Verantwortung für Vergangenheit und Zukunft»

Christian Müller / 24. Jun 2020 – Am 24. Juni 2020 feiert Russland «75 Jahre Sieg über Nazi-Deutschland». Dazu hat Präsident Putin selber in die Tasten gegriffen.

US-Präsident Donald Trump kommuniziert mit der Öffentlichkeit über Twitter. Das sind dann jeweils maximal 280 Buchstaben, Wort-Zwischenräume eingerechnet. Da kann er sich gewisse Vereinfachungen leisten – und ein wenig verdecken, dass er von dieser Welt keine grosse Ahnung hat. Leider hat er bewirkt, dass auch viele andere hohe Politiker angefangen haben, über Twitter zu kommunizieren. Lange Erklärungen sind ja nicht nötig, man sucht die politische Zustimmung, und die scheint man mit Vereinfachungen von Fakten – mit Simplifizierungen – offensichtlich zu erreichen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat jetzt einen anderen Weg beschritten. Offensichtlich als Reaktion auf die äusserst provokative, aber von den meisten Medien «übersehene» Resolution im Europa-Parlament vom 19. September 2019, in der die Schuld am Zweiten Weltkrieg zur Hälfte Russland in die Schuhe geschoben wurde – Infosperber hat darüber eingehend informiert –, hat er jetzt einen langen und detailreichen Artikel geschrieben, der über 200 mal länger geraten ist als eine Twitter-Botschaft.

Vom grossen Bogen bis zu vielen Details

Aus journalistischer Sicht ist Putins Artikel nicht wirklich aus einem Guss. Er beginnt mit der persönlichen Erinnerung und der russischen Erinnerungskultur und erklärt dann, warum der Versailler Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg 1919 eine Fehlleistung war und mit den (zu) hohen Reparationszahlungen, die Deutschland auferlegt wurden, zum Erfolg der Nationalsozialisten beigetragen hat.

Sehr interessant ist seine genaue Schilderung des Münchner Abkommens 1938, in dem das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien Hitler erlaubt haben, das Sudetenland der Tschechoslowakei wegzunehmen und dabei die Tschechoslowakei, mit der es ein Verteidigungsbündnis gab, sträflich verraten haben. Da die Tschechoslowakei sofort kapitulierte und es also keine Toten gab, wird dieses traurige Kapitel der europäischen Geschichte noch nicht zum Zweiten Weltkrieg gezählt – zur Freude all der Staaten, die damals eine doch recht üble Rolle gespielt haben.

Bei der Schilderung des Molotow-Ribbentrop-Paktes geht Putin noch mehr ins Detail, wohl, wie oben erwähnt, wegen der Resolution des Europa-Parlamentes vom 19. September 2019, das in diesem Punkt die UdSSR in die direkte Mitschuld am Zweiten Weltkrieg zu bringen versuchte.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg überfliegt Putin in wenigen Sätzen und macht schliesslich relativ konkrete Vorschläge, wie solche Kriege künftig verhindert werden sollen. Wie ganz am Anfang, so auch hier, schreibt Putin in der Ich-Form – was manchmal fast komisch wirkt, weil man beim Lesen des Artikels eher den Text eines Historikers vor sich zu haben glaubt, als den Text des gegenwärtigen, leibhaftigen Präsidenten der Russischen Föderation.

Vielleicht sind es aber nicht zuletzt diese Stilbrüche, die es wahrscheinlich machen, dass da Wladimir Putin tatsächlich selber in die Tasten gegriffen hat und nicht einfach einen professionellen PR-Mann hat schreiben lassen. Auch Zwischentitel fehlen, was das Lesen des doch ziemlich langen Artikels zusätzlich erschwert.

Der ganze Artikel von Putin erschien zuerst in englischer Sprache in der US-amerikanischen Zeitschrift für Aussenpolitik «The National Interest». Kurz nach deren Erscheinen am 18. Juni wurde der Artikel dann auch auf der Homepage des Kremls publiziert, dort natürlich in russischer Sprache.

Zur Dokumentation

Da die meisten grossen Medien vor allem aus westlicher Sicht informieren und über Russland oft nur, wenn es Negatives zu berichten gibt, erlauben wir uns – «Infosperber sieht, was andere übersehen» – hier einige bemerkenswerte Abschnitte aus Putins Artikel wörtlich wiederzugeben: im Sinne zeithistorischer Dokumentation. Wer Putins ganzen Artikel lesen will, findet die russische, die englische und auch die deutsche Version im Anschluss an die hier folgenden Auszüge.

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«Ich erinnere noch einmal an offensichtliche Dinge: Die eigentlichen Ursachen des Zweiten Weltkriegs ergeben sich in vielerlei Hinsicht aus den Entscheidungen, die zu den Ergebnissen des Ersten Weltkrieges getroffen wurden. Der Vertrag von Versailles wurde für Deutschland zu einem Symbol tiefer Ungerechtigkeit. Tatsächlich wurde das Land, das den westlichen Verbündeten riesige Reparationen zahlen musste, richtiggehend ausgeraubt. Der Oberbefehlshaber der alliierten Armeen, Frankreichs Marschall Ferdinand Foch, gab dem Versailler Vertrag eine prophetische Bezeichnung: ‹Das ist kein Frieden. Das ist ein Waffenstillstand auf 20 Jahre.›»

«Gerade die nationale Demütigung bildete den Nährboden für radikale und revanchistische Stimmungen in Deutschland. Die Nazis spielten geschickt mit diesen Gefühlen, bauten ihre Propaganda darauf auf und versprachen, Deutschland vom ‹Erbe von Versailles› zu befreien, seine ehemalige Stärke wiederherzustellen, und sie drängten das deutsche Volk recht eigentlich zu einem neuen Krieg. Paradoxerweise trugen westliche Staaten, vor allem Großbritannien und die USA, direkt oder indirekt dazu bei. Ihre Finanz- und Industriekreise investierten durchaus aktiv in deutsche Fabriken und Werke, die Rüstungserzeugnisse produzierten. Und unter der Aristokratie und dem politischen Establishment gab es viele Anhänger radikaler, rechtsextremer, nationalistischer Bewegungen, die sowohl in Deutschland als auch im übrigen Europa an Stärke gewannen.»

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«Der Völkerbund konnte auch Konflikte in verschiedenen Teilen der Welt nicht verhindern, wie etwa den Angriff Italiens auf Äthiopien, den Bürgerkrieg in Spanien, die Aggression Japans gegen China oder auch den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich. Und im Fall des Münchner Abkommens 1938, an dem neben Hitler und Mussolini die Staats- und Regierungschefs Großbritanniens und Frankreichs teilnahmen, kam es mit voller Zustimmung des Völkerbundrates zu einer Aufteilung der Tschechoslowakei. Ich möchte in diesem Zusammenhang betonen, dass sich Stalin im Unterschied zu vielen damaligen europäischen Führern nicht mit einem persönlichen Treffen mit Hitler befleckte, der damals in westlichen Kreisen als durchaus respektabler Politiker galt und oft ein willkommener Gast in den europäischen Hauptstädten war.»

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«Die Aufteilung der Tschechoslowakei war grausam und zynisch. ‹München› zerstörte damit jene fragilen Garantien, die es auf dem westlichen Kontinent formal gab, und es zeigte sich, dass all die gegenseitigen Vereinbarungen nichts wert waren. Gerade das Münchner Abkommen 1938 diente als Auslöser, nach dem ein großer Krieg in Europa unvermeidlich wurde.»

«Heute möchten viele europäische Politiker, vor allem polnische Spitzenpolitiker, ‹München› lieber ‹verschweigen›. Warum? Nicht nur deswegen, weil ihre Länder damals ihre Verpflichtungen nicht eingehalten haben und das Münchner Komplott unterstützten, wobei einige sogar an der Beute des Abkommens teilnahmen, sondern auch weil es unangenehm ist, sich daran zu erinnern, dass sich nur die UdSSR in jenen dramatischen Tagen für die Tschechoslowakei eingesetzt hat.»

(Zum Thema «Münchner Abkommen 1938» siehe auch Infosperber vom 23. März 2019, hier anklicken.)

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«Wir wissen auch nicht, ob es irgendwelche ‹geheimen Protokolle› und Anhänge zu den Vereinbarungen einiger Länder mit den Nazis gab. Es bleibt uns nur, aufs Wort zu glauben. Unter anderem sind Materialien über geheime anglo-deutsche Gespräche bis heute nicht freigegeben worden. Daher rufen wir alle Staaten dazu auf, den Prozess der Öffnung ihrer Archive, die Veröffentlichung bisher unbekannter Dokumente aus der Vorkriegs- und Kriegszeit zu intensivieren – so, wie es Russland in den vergangenen Jahren getan hat. Wir sind hier zu einer breiten Zusammenarbeit, zu gemeinsamen Forschungsprojekten von Historikern bereit.»

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«Der Zweite Weltkrieg brach nicht von heute auf morgen aus, er begann nicht unerwartet, nicht plötzlich. Und die deutsche Aggression gegen Polen war auch nicht unerwartet. Es ist das Ergebnis vieler Tendenzen und Faktoren in der Weltpolitik jener Zeit. Alle Vorkriegsereignisse reihten sich in eine schicksalshafte Kette ein. Aber das Wichtigste, was die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit vorbestimmte, war natürlich der staatliche Egoismus, die Feigheit, die Nachsicht gegenüber einem Aggressor, der an Stärke gewann, und die Nichtbereitschaft der politischen Eliten, einen Kompromiss zu suchen.»

«Daher ist es ungerecht zu behaupten, dass der zweitägige Besuch des Nazi-Außenministers Ribbentrop in Moskau der zentrale Grund sei, der zum Zweiten Weltkrieg geführt habe. Alle führenden Länder haben seinen Ausbruch in dem einen oder anderen Maße zu verantworten. Jedes von ihnen hat nicht wiedergutzumachende Fehler in der selbstgefälligen Zuversicht begangen, dass man andere überlisten, einseitige Vorteile für sich gewinnen und dem heranrückenden globalen Unheil ausweichen kann. Für diese Kurzsichtigkeit, für den Verzicht auf die Schaffung eines Systems der kollektiven Sicherheit mussten Millionen Menschen mit ihrem Leben und riesigen Verlusten zahlen.»

«Ich schreibe das ohne die geringste Absicht, die Rolle eines Richters zu übernehmen, jemanden zu beschuldigen oder zu rechtfertigen oder gar eine neue Runde der internationalen Informationskonfrontation im historischen Bereich loszutreten, die Staaten und Völker gegeneinander aufbringen kann. Ich bin der Meinung, dass die Suche nach ausgewogenen Bewertungen vergangener Ereignisse der akademischen Wissenschaft mit einer breiten Vertretung namhafter Forscher überlassen werden sollte. Wir alle brauchen Wahrheit und Objektivität. Ich persönlich habe meine Kollegen immer zu einem ruhigen, offenen und vertrauensvollen Dialog aufgefordert, zu einem selbstkritischen und unvoreingenommenen Blick auf die gemeinsame Vergangenheit. Ein solcher Ansatz wird es uns ermöglichen, die damals begangenen Fehler nicht mehr zu wiederholen und eine friedliche und erfolgreiche Entwicklung für die kommenden vielen Jahre sicherzustellen.»

«Viele unserer Partner sind jedoch noch nicht bereit, zusammenzuarbeiten. Im Gegenteil, um ihre Ziele zu erreichen, erhöhen sie die Anzahl und das Ausmaß der Informationsangriffe gegen unser Land, wollen es dazu bringen, dass es sich rechtfertigt und schuldig fühlt; sie verabschieden durch und durch scheinheilige politisierte Resolutionen. So wurde in der am 19. September 2019 vom Europäischen Parlament gebilligten Entschließung zur ‹Erhaltung des historischen Gedächtnisses für die Zukunft Europas› die UdSSR zusammen mit Nazideutschland direkt beschuldigt, den Zweiten Weltkrieg entfesselt zu haben. Es fehlte natürlich jegliche Erwähnung des Abkommens von München.»

(Zu dieser «Resolution» siehe auch Infosperber vom 28. September 2019, hier anklicken.)

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«Den Sieg brachten die Bemühungen aller Länder und Völker, die mit einem gemeinsamen Feind kämpften. Die britische Armee verteidigte ihre Heimat vor einer Invasion, kämpfte gegen die Nazis und deren Satellitenstaaten im Mittelmeer und in Nordafrika. Amerikanische und britische Truppen befreiten Italien und eröffneten die Zweite Front. Die Vereinigten Staaten versetzten dem Angreifer im Pazifik vernichtende Schläge. Wir erinnern uns an die kolossalen Opfer des chinesischen Volkes und ihre enorme Rolle bei der Zerschlagung der japanischen Militaristen. Vergessen wir nicht die Kämpfer von ‹La France libre›, die die beschämende Kapitulation nicht anerkannten und den Kampf gegen die Nazis fortsetzten.»

«Wir werden auch für die Hilfe stets dankbar sein, die die Alliierten der Roten Armee mit Munition, Rohstoffen, Verpflegung, Technik leisteten. Und das war eine beträchtliche Unterstützung, die ca. sieben Prozent der gesamten Kriegsproduktion der Sowjetunion ausmachte.»

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«Damals standen die Führer der UdSSR, der USA und Großbritanniens vor einer historischen Aufgabe. Stalin, Roosevelt und Churchill vertraten Länder mit unterschiedlichen Ideologien, Bestrebungen, Interessen und Kulturen, zeigten jedoch großen politischen Willen, erhoben sich über die Widersprüche und Vorurteile und stellten die wahren Interessen der Welt in den Vordergrund. Infolgedessen konnten sie eine Einigung erzielen und eine Lösung finden, von der die gesamte Menschheit profitierte.»

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«Die Schaffung eines modernen Systems internationaler Beziehungen ist eines der wichtigsten Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs. Selbst die unvereinbarsten Widersprüche – geopolitische, ideologische, wirtschaftliche – beeinträchtigen nicht die Suche nach Formen von friedlichem Zusammenleben und friedlicher Interaktion, wenn es den Wunsch und den Willen dafür gibt. Heute erlebt die Welt nicht die friedlichsten Zeiten. Alles ändert sich: vom globalen Gleichgewicht zwischen Macht und Einfluss bis zu den sozialen, wirtschaftlichen und technologischen Grundlagen des Lebens von Gesellschaften, Staaten und ganzen Kontinenten. In den vergangenen Epochen gingen Verschiebungen dieser Größenordnung fast nie ohne große militärische Konflikte und ohne Machtkampf um den Aufbau einer neuen globalen Hierarchie vonstatten. Dank der Weisheit und Weitsicht der politischen Führer der alliierten Mächte konnte ein System geschaffen werden, das extreme Manifestationen dieser Rivalität verhindert, welche historisch der globalen Entwicklung innewohnt.»

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«Auf der Grundlage unseres gemeinsamen historischen Gedächtnisses können und müssen wir uns gegenseitig vertrauen. Dies wird als solide Grundlage für erfolgreiche Verhandlungen und konzertierte Maßnahmen zur Stärkung der Stabilität und Sicherheit auf dem Planeten sowie für den Wohlstand und das Wohlergehen aller Staaten dienen. Dies ist – ohne Übertreibung – unsere gemeinsame Pflicht und Verantwortung gegenüber der ganzen Welt, gegenüber den gegenwärtigen und den zukünftigen Generationen.»


Zum ganzen Artikel von Putin in russischer Sprache hier anklicken.

Zum ganzen Artikel von Putin in englischer Sprache (auf «The National Interest») hier anklicken.

Zum ganzen Artikel in deutscher Sprache als PDF zum Lesen und zum Herunterladen und Ausdrucken hier anklicken. Diese deutsche Version ist auf der Homepage der russischen Botschaft in Bern zu finden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Zum Autor deutsch und englisch.

Weiterführende Informationen
Wladimir Putin: Gemeinsame Verantwortung


Titelbild: The National Interest