geschätzte Lesezeit: 9 min

Klimakrise: Wenn es nur um Moral ginge

Es geht tatsächlich ums Ganze. Foto: Telepolis / ClaW

Beim Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel geht es um knallharte materielle Realitäten. Genau das versucht die aktive Klimabewegung die ganze Zeit zu erklären.

Vieles spricht dafür, dass zumindest der ärmere Teil der Babyboomer-Generation – auch bekannt als "die Boomer" – die Klimakrise sehr wohl noch materiell zu spüren bekommt. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass viele bisher erschwingliche Lebensmittel sehr bald zu Luxusgütern werden – nicht nur wegen des Ukraine-Krieges, sondern auch wegen der Dürren in anderen europäischen Ländern, aus denen etliche Waren auch in deutschen Supermärkten stammen.

Die Berichte der letzten Wochen aus Italien sprechen für sich: Im Po-Delta führt der niedrige Wasserstand dazu [1], dass Meerwasser gut 30 Kilometer landeinwärts drängt – für die Bewässerung der Felder dort ist der Fluss wegen des Salzgehalts nicht mehr zu gebrauchen, was zu erheblichen Ernteausfällen führt. Auch für Tiertränken fehlt Wasser.

Die Zeiten, in denen sich Normalsterbliche Parmesan und Parmaschinken leisten konnten, sind daher vielleicht schneller Geschichte, als sich das viele Menschen vorgestellt haben, die dachten, zu ihren Lebzeiten wäre effektiver Klimaschutz teurer als "Business as usual".

Wenn jetzt die Frage des Umgangs mit dieser Klimakatastrophe zum Kulturkampf zwischen einer Schweinebraten- und einer Netflix-Fraktion verkommt – wie es manche Debattenbeiträge in der taz und ein Telepolis-Kommentar von Rüdiger Suchsland [2] nahelegen –, dann ist die Welt, wie wir sie kennen, wohl tatsächlich nicht mehr zu retten.

Gleiches gilt, wenn diese Frage als reiner Generationenkonflikt wahrgenommen wird und ein Großteil der "Boomer" mehr Angst vor Veränderungen hat, die der Schadensbegrenzung dienen, als vor dem drohenden Totalschaden. Denn die "Boomer" sind der Generation der "Klimakids" hierzulande rein zahlenmäßig [3] überlegen.

Wenn ein junger taz-Redakteur Sätze schreibt wie "Jüngere betrachten das große Ganze" [4], dann ist das natürlich in dieser Pauschalität blühender Unsinn. Genauso wenig stimmt es, dass "Boomer" allgemein lieber ihre individuellen Konsumgewohnheiten reflektieren, als das Wirtschaftssystem infrage zu stellen.

Viele "Boomer" – und auch Jüngere – tun nämlich gar nichts davon. Sei es, weil sie in letzter Zeit aus ganz anderen Gründen ihren Konsum einschränken mussten und Angst vor dem Ende des Monats haben, oder weil sie momentan noch wohlhabend genug sind, um sich durch Konsum von den düsteren mittel- bis langfristigen Zukunftsaussichten abzulenken.

Eine Minderheit hat vielleicht sogar genug Geld, um in einer Welt mit mehr Dürren, Hungerkatastrophen und steigenden Meeresspiegeln immer noch einen halbwegs gemütlichen Altersruhesitz zu finden.

Moralische Fleißsternchen wären ein schlechter Trostpreis

Für die Jüngeren wird das jedenfalls schwieriger und teurer als für die "Boomer" – und deshalb ist die Motivation der Jüngeren, die sich aktiv und teils mit zivilem Ungehorsam für eine schnellere Energie- und Verkehrswende einsetzen, auch nicht in erster Linie moralisch.

Sie geben das auch gar nicht vor, sondern wissen genau, dass es um knallharte materielle Realitäten geht – und sie versuchen, genau das einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Moralische Fleißsternchen wären für sie nur ein sehr schlechter Trostpreis, wenn das nicht gelänge.

Es geht ihnen auch nicht darum, dass ihr Engagement als selbstlos und idealistisch wahrgenommen wird, sondern sie appellieren an den Selbsterhaltungstrieb unserer Spezies. Sie vertreten dabei nicht nur, aber auch ihre eigenen Interessen.

Das persönliche Konsumverhalten steht dabei nicht im Mittelpunkt. Die meisten von ihnen bemühen sich zwar, keine besonders umwelt- und klimaschädlichen Produkte zu kaufen, wissen aber auch, dass nicht jede alleinerziehende Mutter zwischen zwei Jobs Zeit und Nerven hat, sich beim Einkaufen solche Gedanken zu machen – und dass regionale Produkte oft teurer sind als solche, die aus fernen Niedriglohnländern in deutsche Supermärkte transportiert wurden.

Deshalb kämpfen sie in erster Linie darum, dass Konzernen die Macht genommen wird, Raubbau an der Natur zu betreiben, damit die Verantwortung nicht auf gestresste Endverbraucherinnen abgewälzt wird. Das ist mit "System Change, not Climate Change" gemeint.

Die aktive Klimabewegung ist besser als ihr Ruf

Wenn Jüngere "Boomern" gegenüber moralisch argumentieren, ist das auch eine Form der Interessenvertretung. Vielleicht nicht die klügste, wenn es mit Pauschalurteilen über eine ganze Generation verbunden ist.

Wenn Jüngere moralisch argumentieren, werfen sie mehr oder weniger direkt in die Waagschale, dass die zahlenmäßig überlegenen "Boomer", die heute zum Teil ignorant auf ihre Sorgen reagieren, ja irgendwann Hilfe von Jüngeren erwarten, wenn sie alt, schwach und gebrechlich sind, dass Jüngere ihre Renten zahlen sollen – und dass Solidarität keine Einbahnstraße sein sollte.

Letzteres ist zwar richtig, aber dieser "Move" kann auch ins Sozialdarwinistische kippen, wenn ältere Menschen irgendwann nicht mehr als Personen, sondern nur noch als Angehörige einer Generation wahrgenommen werden, die "es verkackt hat" und deshalb keine Solidarität verdiene.

Aber in diesem Punkt ist die aktive Umwelt- und Klimabewegung besser als ihr Ruf. Sie will weder altersdiskriminierend sein, noch kann sie sich Altersdiskriminierung überhaupt leisten. Seit der Bologna-Reform haben Studierende nämlich im Durchschnitt viel weniger Zeit, sich politisch zu engagieren, als es noch in den 1990er-Jahren der Fall war. Protestbewegungen jeglicher Art sind deshalb umso mehr auf Rentnerinnen und Rentner oder Berufstätige in Altersteilzeit angewiesen.

Nicht nur über 50-Jährige, sondern auch über 70-Jährige sind in der Umwelt- und Klimabewegung vertreten [5] und werde dort geschätzt, auch wenn sie bei sportlichen Aktionen des zivilen Ungehorsams von "Ende Gelände" nicht immer in der ersten Reihe stehen. Manche tun aber auch das. Bei Extinction Rebellion in Großbritannien gibt es längst eine Untergruppierung "Grandparents and Elders" [6].

Aber natürlich ist die Mehrheit aller Altersgruppen immer noch politisch inaktiv und liest, wenn sie wählen geht, nicht unbedingt vorher Parteiprogramme. Bei der letzten Bundestagswahl bekam jedenfalls die Porsche-Lindner-FDP neben den Grünen die meisten Stimmen von erstmals Wahlberechtigten. [7]

Wählen gegen die eigenen Interessen – ein deutscher Volkssport

Diese "Youngsters" mögen damit zwar gegen ihre eigenen Interessen gewählt haben, aber das ist ja gerade der Witz an der bürgerlichen Demokratie. Die mehrheitlichen Klasseninteressen der jungen Generation unterscheiden sich nicht grundlegend von denen der Älteren – nur, dass individuelle Aufstiegshoffnungen bei 55-Jährigen der unteren Einkommensgruppen kaum noch vorhanden sein dürften, während sie bei 25-Jährigen eine erhebliche Rolle spielen.

Manche halten es dann auch für eine gute Idee, sich mit "wirtschaftlich erfolgreichen" Menschen der FDP-Klientel zu identifizieren, auch wenn diese im Gegensatz zu ihnen selbst ein hohes Startkapital hatten.

Wenn es um die Bewältigung der Klimakrise geht, hat die junge Generation aber tatsächlich ein gemeinsames Interesse – auch wenn sie in sehr unterschiedlichem Ausmaß bedroht ist: Als die Titanic sank, gab es für die Passagiere der 1. Klasse zumindest Rettungsboote, aber lustig war diese Schiffskatastrophe auch für sie nicht.

So gesehen hat die Mehrheit gegen ihre Interessen gewählt: Dass die Grünen nicht nur mit der FDP koalieren, sondern auch zulassen würden, dass sie sowohl den Finanz- als auch den Verkehrsminister stellt – und dass es dann nicht mal ein popeliges Tempolimit geben würde – dürften sich die wenigsten ausgemalt haben, die den Grünen ihre Stimme gaben. Das gilt selbstverständlich auch für Ältere, die sich die jetzige grüne Außenministerin Annalena Baerbock gemäß ihres Wahlkampfs als "Klimakanzlerin" vorstellen konnten.

Insofern spiegelt das Wahlergebnis ohnehin nicht die Wünsche der Wahlberechtigten, die dafür ihre Stimme "abgaben" – und deren Mehrheitsverhältnisse haben auch nur wenig damit zu tun, für welche Ziele Menschen in Deutschland demonstrieren. Wer an Demos teilnimmt, tut das ja gerade, um auch zwischen den Wahlen eine Stimme zu haben.

Gerade bei Fridays for Future wird auch regelmäßig betont, dass vier Jahre Wartezeit einfach zu lang sind, um abzuwarten, ob die Regierung vielleicht doch noch die Kurve kriegt – weil sich das Zeitfenster für die Begrenzung des Klimawandels sehr bald schließen wird, falls es sich nicht schon geschlossen hat.

Was die FDP in diesem Zusammenhang für einen Teil der jungen Menschen attraktiv macht, ist vielleicht gerade die Einladung, dieses bedrohliche Zeitfenster nicht so wichtig zu nehmen, weil ja immer noch eine rettende geniale Erfindung kommen kann, wenn es eigentlich schon zu spät ist – Stichwort "Technologieoffenheit".

Vielleicht schlafen sie dadurch auch besser als die Aktiven Fridays for Future, die vor dem bösen Erwachen warnen und oft gegen Ohnmachtsgefühle ankämpfen müssen. Manche der "Klimakids" klammern sich in solchen Momenten vielleicht auch an den Strohhalm, dass eine solche Erfindung noch kommen könnte – sie halten es nur für fahrlässig, wenn ihre Lebensgrundlagen darauf verwettet werden.

Wer sich von der FDP vertreten fühlt, geht eher nicht demonstrieren. Er oder sie geht davon aus, dass es einfacher ist, durch schnelles Erklimmen der Karriereleiter oder die Gründung eines Unternehmens Einfluss zu gewinnen. Was ja nicht ganz falsch ist, nur leider keine Rechnung, die für die große Mehrheit aufgehen kann.

Und das erklärt auch ein Stück weit die Sache mit den Erstwählenden: Sie haben eben auf diesem Weg noch weniger Burnout-Erfahrungen gesammelt als 30- bis 50-Jährige oder gar "Boomer", die inzwischen auf die 60 zugehen.

Lebenserfahrung vs. Verdrängung

Ja, die Älteren haben den Jüngeren Lebenserfahrung voraus. Die Lebenserfahrung der "Boomer" ändert aber nichts daran, dass in dieser Altersgruppe die Versuchung besonders groß ist, die Folgen des menschengemachten Klimawandels zu verdrängen.

Denn sie gehören weder zu den ganz Jungen, die damit rechnen müssen, bei einem ungebremsten Klimawandel den Zusammenbruch der Zivilisation zu erleben, noch zu den richtig Alten, für die es jetzt schon an immer mehr Sommertagen gefährlich wird, das Haus zu verlassen [8]. Fast 10.000 Menschen mehr als sonst im Juli sind in Deutschland im vergangenen Monat gestorben. Das Statistische Bundesamt führt das zu einem erheblichen Teil auf die Hitzewellen zurück.

Aber wer denkt schon die ganz Alten mit, die während der Hitzewellen hinter geschlossenen Jalousien sitzen und hoffentlich jemanden haben, der für sie einkauft, weil es für sie selbst lebensgefährlich wäre? Wie viele von ihnen unterschreiben würden, was manche "Boomer" trotz eindeutiger Trends in den Wetteraufzeichnungen so gern via Facebook verbreiten – "Alles Klimahysterie, im Sommer war es auch früher schon warm" – ist unklar.

Entspannen wird sich die Lage in den nächsten Jahrzehnten nicht. Es lässt sich aber noch beeinflussen, um wie viel schlimmer die Hitzewellen werden. Jedenfalls gibt es bei näherem Hinsehen keine jetzt lebende Generation, die der Klimawandel nicht betrifft.

Wer sich als Realist oder Pragmatikerin sieht, kann das nicht als moralische Befindlichkeit abtun, denn es hat messbare und gravierende Folgen, wenn über 2030 hinaus Kohle verbrannt wird, wenn der motorisierte Individualverkehr weiter gefördert wird und die Autoindustrie in den nächsten Jahren so viele und so schwere SUV verkaufen kann, wie sie möchte.

Im bisherigen Waldbrand-Rekordjahr 2022 [9] sind wir bei knapp über einem Grad Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, 1,5 Grad dürften laut UN-Klimabericht [10] schon im Jahr 2030 erreicht sein; und die Welt steuert auf 2,7 Grad zu. Den fossilen Großkonzernen gefällt das, denn alles andere würde bedeuten, dass sie weniger Profite erwirtschaften.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-7238753

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Duerre-in-Italien-Wird-Polenta-bald-zum-Luxusgut-7219357.html
[2] https://www.heise.de/tp/features/Schweinsbraten-oder-Netflix-7237330.html
[3] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/07/PD22_N046_122.html
[4] https://taz.de/Generationenkonflikt-in-der-Klimadebatte/!5862583/
[5] https://twitter.com/Ende__Gelaende/status/1141700287800991744/photo/1
[6] https://www.facebook.com/XRGrandparents/
[7] https://www.rnd.de/politik/bundestagswahl-warum-fdp-und-gruene-bei-jungwaehlenden-am-besten-ankommen-P2UT6OZ2MFFBHDEVV5MRPZGJJM.html
[8] https://www.tagesschau.de/inland/sterbefaelle-hitze-101.html
[9] https://taz.de/Waldbraende-in-Europa/!5875595/
[10] https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-klimaziele-verfehlt-erderwaermung-101.html

geschätzte Lesezeit: 4 min
Fischsterben an der Oder. Bild: Hanno Böck/CC0

Geballte grüne Inkompetenz angesichts des Fischsterbens

Angler hatten den polnischen Behörden bereits Ende Juli von toten und halbtoten Tieren im Flussabschnitt zwischen Lipki und Olawa berichtet. Tage später zeigte sich in den deutschen Oder-Anrainern ein dramatisches Bild: Fischleichen soweit das Auge reicht. Nach Schätzung des BUND verendeten auf den 500 Kilometern Flusslauf bis zu 100 Tonnen Fisch. Seitdem fragt sich die Öffentlichkeit nach den Verursachern und erhält von den zuständigen Ämtern statt Antworten nur Ausflüchte.

Die polnische Seite mauert

Die Polen hatten, trotz bestehender Abkommen, weder die eigene Bevölkerung noch die Deutschen gewarnt und damit rettende Maßnahmen für Mensch und Tier verhindert. Inzwischen wurden der Chef der polnischen Wasserschutzbehörde und der oberste Kontrolleur der polnischen Umweltschutzbehörde entlassen. Die Regierung in Warschau behauptet, nach den Ursachen zu suchen und hat eine Belohnung von etwas über 200.000 Euro ausgesetzt. Ein Trinkgeld also.

Die dortigen Laboruntersuchungen wollen bei den verendeten Fischen keine tödlichen Substanzen entdeckt haben. Man habe nach Quecksilber und Schwermetallen gesucht, so Umweltministerin Anna Moskwa, auch Pestiziden seien in den Verdacht geraten. Genauere Ergebnisse liegen angeblich nicht vor, jedenfalls noch nicht.

Die deutsche Seite

Die deutschen Behörden und Politiker geben ein armseliges Bild ab. Ihre Aussagen widersprechen sich, von nachdrücklichen diplomatischen Vorstößen und einer unabhängigen Erforschung keine Spur. Die (grüne) Außenministerin könnte die EU- oder die UN auffordern, angesichts dieses Ökozids eine internationale Untersuchungskommission nach Polen (Speerspitze des Pentagons in der Alten Welt) zu schicken. Sie tut dies aber nicht.

Der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ärgerte sich, „dass es so lange gedauert hat, bis Informationen vorlagen. Wir werden dieses dann auch mit der polnischen Seite kritisch ansprechen müssen.“ Durchsetzungsvermögen hört sich anders an.

Vor allem die Grünen Amtsträger fassen die Polen mit Samthandschuhen an. Da wird von „vielfachen Gründen für die Katastrophe“ gesprochen. Viele wolkige Worte, wenig Taten.

„Mir liegen dazu bisher keine Erkenntnisse vor. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass es sich um chemische Substanzen aus industrieller Produktion handelt“, so die grüne Umweltministerin Steffi Lemke, „wir wissen das nicht abschließend, deshalb muss mit Hochdruck zusammengearbeitet werden, um das zu klären.“ Wo sieht man den Hochdruck?

Ganz am Anfang der Katastrophe wurde gemeldet, dass die Messungen Unmengen von hochgiftigem Quecksilber gefunden hätten. Inzwischen heißt es, dass zwar Quecksilber vorhanden sei, dieses aber nicht zum Massensterben der Tiere geführt habe. Aha, man lernt ja immer dazu. Rotten nicht im brasilianischen Regenwald die Goldschürfer mit ihrer – nicht-industriellen Menge Mercurio ganze Fisch-Populationen aus? Aber vielleicht wirkt ja das brasilianische Quecksilber im Amazonas anders als das europäische in der Oder.

Für Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) gibt es für das Fischsterben mehr als nur eine Ursache, etwa der hohe Sauerstoffgehalt, hohe pH-Werte, die Dürre und der niedrige Wasserstand. Demnächst kommt bestimmt noch die Klimaveränderung dazu.

Der RBB zitierte sogar das Berliner Leibniz-Institut, das eine „neue, nicht identifizierte Algenart“ für das Massensterben verantwortlich machen will. Außerdem, so beruhigen die Öffentlich-Rechtlichen, würde sich der Fischbestand innerhalb der nächsten drei Jahre wieder herstellen. Es wird alles wieder gut, kein Grund zur Aufregung.

Was steht fest?

Beginnen wir mit dem Flusslauf. Und der fließt überall auf der Welt in eine Richtung, nämlich von der Quelle in die Mündung. Damit ist die Schlussfolgerung zwingend, dass der Verursacher am Oberlauf der Oder zu suchen ist, vor Olawa, wo Ende Juli die ersten toten Fische gesichtet wurden. Die Kleinstadt liegt wenige Kilometer hinter Opole, Oppeln auf deutsch. Das grenzt die Suche ein.

Auch wenn über die im Fluss gemessenen giftigen Substanzen Unterschiedliches bekannt gegeben wurde: Es muss auf jeden Fall eine riesige Menge gewesen sein. Also keine Klitsche, die mal eben einen Kanister entsorgt hat. Selbst die polnischen Behörden sprechen von einem Industrie-Unfall.

Kohlekraftwerk Opole. Bild: Krzysztof Ziarnek, Kenraiz/CC BY-SA-4.0

Ich habe in der Gegend von Opole recherchiert und bin auf das riesige Kohlekraftwerk Opole gestoßen, betrieben von der PGE, der Polska Grupa Energetyczna S.A. PGE ist an der Börse von Warschau gelistet, 57 Prozent hält der polnische Staat.

Die Anlage ist eine wahre Dreckschleuder. Wie bei allen Kohlekraftwerken fallen bei seinem Betrieb große Mengen Quecksilber an. Mit einem CO2-Ausstoß von 10,7 Mio. Tonnen verursachte es 2021 die zehnthöchsten Treibhausgasemissionen aller europäischen Kraftwerke. Es liegt einen Steinwurf von der Oder entfernt und arbeitet, zumindest theoretisch, mit 6 Blöcken, die letzten beiden wurden erst 2019 fertig. Der große US-Rüstungskonzern General Electric war am Bau beteiligt.

Und, siehe da, im Kraftwerk hat es tatsächlich einen Unfall gegeben, bzw. gleich mehrere in den Blöcken 5 und 6. In der Nacht von 25. zum 26. Juli 2022 wurde Block 5 hektisch abgeschaltet. Im Werk heißt es, dass der Grund ein loser Kesselbetrieb gewesen sein soll. Am 1. August wurde dieser Block erneut für eine Notfall-Reparatur (emergency repair) abgeschaltet.

Zur Erinnerung: Am 28. Juli berichteten die polnischen Angler und die Medien das erste Mal von einem massenhaften Tiersterben in unmittelbarer Nähe des Werks.

Ich habe die Presseabteilung von PGE um eine Stellungnahme und um die Überlassung aller internen Berichte zu diesen Unfällen gebeten. Auf die Antwort warte ich bis heute.

Übrigens: Am 3. August, also wenige Tage nach den Abschaltungen, gab PGE die Unterzeichnung einer Absichtserklärung bekannt, wonach der polnische Staat weitere Anteile der Unternehmensgruppe erwerben wird. Auch meine Frage, ob dies als Rettungsaktion des Konzerns zu interpretieren sei – wir kennen das ja aus Deutschland von der Commerzbank – verweigerte der Konzern ebenfalls die Auskunft.

Ähnliche Beiträge:

geschätzte Lesezeit: 8 min

Neun-Euro-Ticket: Kampf um das Recht auf Mobilität

Schon wieder Schluss mit der günstigen Mobilität? Das wird sich zeigen. Symbolbild: HeizDampf / CC-BY-SA-3.0

Im Herbst werden neue Sozialproteste erwartet. Während Teile der Linken eine rechte Instrumentalisierung fürchten, kommt es auch auf die Schwerpunkte an, die sie selbst setzen.

Einige Politiker der Linkspartei rufen zu Protesten gegen die Abwälzung der Krisenlasten des Ukraine-Krieges auf die Mehrheit der Bevölkerung auf – und Teile der Medien sowie der Partei selbst bekommen Schnappatmung. Zu Montagsdemonstrationen dürfe man schon deshalb nicht aufrufen, weil Rechte unter diesem Label ebenfalls auf die Straße gingen. "‘Montagsdemos‘ verbieten sich, sind rechts besetzt", twitterte am Montag die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz, nachdem ihr Parteifreund Sören Pellmann zu montäglichen Sozialprotesten aufgerufen hatte.

Wahrscheinlich erinnert sich Köditz nicht mehr, dass diese Aktionsform der DDR-Opposition erstmals 2004 wieder massenhaft genutzt wurde, um Widerstand gegen die Einführung der Hartz-IV-Gesetze zu leisten. Damals begannen diese Demonstrationen ausgehend von Magdeburg und verbreiteten sich in der ganzen Republik. Die linke Bewegung staunte, weil sie zu Beginn noch im Urlaubsmodus war, klinkte sich aber bald vielerorts in die Demonstrationen ein, lieferte auch die Infrastruktur und verhinderte eine rechte Hegemonie in der Protestbewegung.

Das hat damals auch weitgehend geklappt, gerade weil die linke Bewegung nicht am Rande stehen blieb, sondern sich ins Handgemenge stürzte. Ein solches Szenario könnte auch in den nächsten Wochen wieder auf den Straßen in Deutschland Realität werden, nur ist die Linke in den letzten 18 Jahren noch schwächer geworden und die Rechte hat sich sowohl außerparlamentarisch als auch mit ihren parlamentarischen Arm konsolidiert.

Bei allen Problemen der AfD, Die Linke wäre froh, wenn sie bei Wahlumfragen auf die Prozentzahlen käme, die der Rechtspartei vorhergesagt werden.

Schon haben sich die repressiven Staatsorgane positioniert und warnen vor Protesten, die noch gar nicht begonnen haben. Zunächst wurde vor den Rechten gewarnt, nun wird die bewährte Extremismuskeule aus der Tasche gezogen, wie sich nach den linken Klimaprotesten [1] in Hamburg zeigte.

Nun ist es für kommende Proteste nie gut, wenn politische Parteien die schon im Vorfeld vereinnahmen. Die Spontanität war ja auch ein Erfolgsgeheimnis der Anti-Hartz-IV-Proteste. Doch es ist davon auszugehen, dass im September bundesweit Proteste beginnen, ob mit oder Linkspartei. Da sind sicher viele Leute so richtig wütend, weil sie dann die Dimension der Energiekostenerhöhungen begreifen.

Vielen ist auch klar, dass die Preise kein Naturgesetz sind und auch nicht einfach die Folge des Ukraine-Krieges. Nein, die Energiekrise ist die Folge einer deutschen Politik, die sich nach langjähriger Verschleppung der Energiewende im Hauruck-Verfahren von russischem Gas abkoppeln wollte, ohne auf die Schnelle Alternativen bieten zu können. Die Bevölkerung hatte da nicht mitzureden – und so könnte sich schon eine Menge Wut aufgestaut haben, die auch von rechts aufgreifbar ist.

Deshalb käme es darauf an, dass Linke mit Forderungen zu den Sozialprotesten gehen, die die Gleichheit der Menschen betonen und sich nicht auf nationale oder gar nationalistische Krisenlösungsansätze einlässt.

Wie die Politik das Neun-Euro-Ticket schlecht gemacht hat

Anlass zur Wut gäbe es auch, weil im September im ÖPNV und im Regionalverkehr wieder die alten Regeln mit unübersichtlichen Tarifen, hohen Preisen und ständigen Kontrollen gelten dürften. Die Politiker der verschiedenen Parteien haben alles getan, um eine Fortsetzung des Neun-Euro-Tickets zu verhindern.

"Die Zeit hat Fakten geschaffen. Es wird keinen direkten Anschluss an die populäre ÖPNV-Flatrate für das gesamte Bundesgebiet geben", schrieb die taz [2]. Richtig aber ist, dass Fakten geschaffen wurden – von Politikern der FDP, die von Anfang an gegen günstige Mobilität waren und auch von denen der anderen Parteien, die immer wieder Vorschläge für eine Weiterführung des günstigen Tickets in die Diskussion brachten, aber nichts dafür taten, um dies umzusetzen.

Sie wussten natürlich, dass eine Fortsetzung dieser Regelungen einen Vorlauf braucht. Das Neun-Euro-Ticket war bei vielen Politkern gerade deshalb so unbeliebt, weil es massenhaft genutzt wurde und rundheraus ein Erfolgsmodell geworden ist.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hat mit seinem Vorwurf der "Gratismentalität" an die Nutzer des Neun-Euro-Tickets deutlich gemacht, dass es hier um den Kampf um Mobilität für alle geht – beziehungsweise seinen Kampf dagegen; eine Art Klassenkampf von oben.

Die Interessenvertreter der SUV- und Porsche-Fraktion wollen die Millionen lieber für das Dienstwagenprivileg ausgehen [3] als für die Mobilität von Millionen Menschen, die durch das Neun-Euro-Ticket das erste Mal die Möglichkeit hatten, in Deutschland umher zu reisen.

Dafür nahmen sie auch lange Fahrtzeiten und andere Unannehmlichkeiten in Kauf, die von der schreibenden Zunft schon wenige Tage nach Einführung des Neun-Euro-Tickets skandalisiert und mit besonderen Gefahren in Verbindung gebracht wurden. Nur vergessen die meist aus der Mittelschicht stammenden Autoren, dass für einkommensarme Menschen in Deutschland Gefahren und Unannehmlichkeiten schon immer Realität waren. Deshalb überwogen in Schreibstuben die Bedenkenträger und Warner, während die Züge schon so voll waren, dass man stehen mussten.

Klassenkampf von oben

Die Publizistin Henghameh Yaghoobifarah, deren Kolumnen in letzter Zeit deutlich klassenkämpferischer sind, schrieb zutreffend [4].

Wer für Milliardär_innen die Spendierhosen anzieht und in sozialen Fragen auf einmal eine zerrissene Jogginghose trägt, steht nicht peinlicher da als Genoss_innen, die vornehm auf arm machen, während sie hintenrum ihren Wohlstand bunkern. Christian Lindner tut, als ob er das Neun-Euro-Ticket aus eigener Tasche zahlt und nicht von denselben Steuergeldern, die ihm sein Gehalt von über 10.323,29 Euro im Monat finanzieren.


Henghameh Yaghoobifarah, taz

Zudem schrieb sie, dass manche Menschen offenbar aus dem öffentlichen Stadtbild verschwinden sollen, weil sie nicht kaufkräftig genug sind. Das sind die Einkommensarmen, die nicht das Geld haben, in teuren Restaurants der besuchten Städte zu essen. Daher gab es schon von Anfang an von Konservativen Kritik, dass das Neun-Euro-Ticket nicht von Menschen genutzt werde, die ihr Auto stehen lassen, sondern von Menschen, die sonst gar nicht gereist wären.

Politiker reden von unnützen Fahrten, obwohl sie für die Menschen, die diese Reise unternehmen bestimmt nicht unnütz sind. Doch deren Bedürfnisse interessieren diese Politiker nicht. Für Lindner und Co. ist alle unnütz, was nicht den Porschefahrer und ihrer Klientel dient. Diesen Klassenkampf von oben sollte zumindest ein Teil der Menschen, die in den letzten drei Monaten das Neun-Euro-Ticket nutzen, Widerstand von unten entgegensetzen, durchaus auch vor FDP-Parteilokalen.

Wir lassen uns das Recht auf Mobilität nicht wieder nehmen!

Ein kleiner Teil der jetzigen Ticket-Nutzer dürfte sich schon damit abgefunden haben, dass es sich um ein einmaliges Sommermärchen handeln, der größere Teil hat aber in den drei Monaten erfahren, dass eine andere Mobilität möglich ist, dass man in einen Zug steigen kann, ohne sich lange vorher über Zeiten Gedanken zu machen und ohne die unerträgliche Zerstückelung des Tarifsystems.

Viele Menschen wollen sich diese realen Verbesserungen nicht wieder nehmen lassen. Eine soziale Bewegung sollte genau diese Wünsche und Träume vieler Menschen politisieren. "Wir lassen uns das Recht auf Mobilität nicht nehmen", könnte die Leitlinie sein.

Dabei sollte auch deutlich gemacht werden, dass nach Regierungsplänen eine Reform, die den einkommensarmen Menschen spürbare Fortschritte gebracht hat, nicht weitergeführt werden soll, während Reiche weiter entlastet werden sollen [5]. Das ist Klassenkampf von oben, wie er in einer kapitalistischen Gesellschaft an der Tagesordnung ist. Nur selten wird dieses Verhältnis so vor aller Augen enthüllt, wie bei der Debatte um das Neun-Euro-Ticket.

Der Kampf für den Erhalt wäre auch eine Antwort auf den Klassenkampf von oben und könnte Menschen politisieren, die in der Regel zu den Teilen der Bevölkerung gehören, die nicht öffentlichen Diskussionen teilnehmen, die oft auch nicht wählen gehen und die die Politik und alle Parteien längst abgeschrieben haben. Hier könnte eine linke Bewegung zeigen, dass sie noch existiert, in dem sie die Anliegen dieser Menschen einfach aufgreift.

Noch ist es nicht zu spät, obwohl schon einige Interventionsmöglichkeiten verpasst wurden. Da sei nur die Rolle der zuständigen Gewerkschaften genannt. Besonders lautstark hatte der Chef der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) [6] mit dem Verweis auf die Belastungen der Bahnen und des Personals gegen das Neun-Euro-Ticket mobil gemacht. Aber auch die sonst mit der GDL verfeindete DGB-Eisenbahngewerkschaft EVG [7] hat gegen das Neun-Euro-Ticket agiert.

Dabei sind die Gründe, die sie für ihre Vorbehalte nennen, sachlich nicht falsch: Es bräuchte mehr Züge und mehr Personal. Da würde sich ein Bündnis von Fahrgästen und Beschäftigten geradezu anbieten. Die aus dem konservativen Zunftwesen kommende GDL dürfte dafür kaum Interesse haben. Ihnen geht es nur die Vertretung ihrer Mitglieder.

Aber den Kollegen aus der EVG müsste bekannt sein, dass 2020 im Tarifkampf der Beschäftigten des Öffentlichen Nahverkehrs mit Klima-Aktivsten gemeinsam agierten, um für bessere Bezahlung zu streiten. Es ging beiden Gruppen um die Stärkung des Öffentlichen Nahverkehrs.

So könnte man jetzt eine Allianz von Bahnbeschäftigten, ihren Gewerkschaften, Bahnkunden und Klimaaktvisiten bilden, die für den Ausbau der Bahn und das Recht auf Mobilität für Alle auf die Straße gehen. Zudem haben diejenigen, die für die Beibehaltung des Neun-Euro-Tickets kämpfen, noch einen weiteren Trumpf in der Hand.

Wenn die Politik das Projekt beendet, dann sagen eben die Nutzer, aber nicht mit uns. Dann fahren sie ab 1. September eben ganz ohne Fahrschein und das in einer so großen Zahl, dass eine Sanktionierung schwer wird. Dann würde umgesetzt, was viele jetzt sagen. Das Neun-Euro-Ticket lassen wir uns nach diesen drei Monaten nicht mehr nehmen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-7222483

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Lieferketten-sprengen-fuer-das-Klima-7219962.html
[2] https://taz.de/Anschlussprojekt-zeitlich-unmoeglich/!5870590/
[3] https://www.spiegel.de/auto/9-euro-ticket-vs-dienstwagen-privileg-christian-lindner-und-der-fragwuerdige-gratismentalitaet-vorwurf-a-9d6a106b-ca8f-4420-873c-6891d9c4c778
[4] https://taz.de/FDP-Chef-fuer-Neun-Euro-Ticket-Aus/!5870601/
[5] https://taz.de/Kampf-gegen-die-Inflation/!5870569/
[6] https://www.bz-berlin.de/deutschland/gdl-chef-weselsky-gegen-verlaengerung-des-9-euro-tickets
[7] https://www.berliner-zeitung.de/news/bahngewerkschaften-das-9-euro-ticket-macht-krank-li.247473

geschätzte Lesezeit: 5 min

Deutschländer sind keine polacos!

Bild: Joshua Woroniecki auf Pixabay

Über dieses sonderbare Völkchen gibt es einiges zu erzählen.

Ein Freund von mir gab mir den Tipp, Telepolis meine artikel anzubieten. Telepolis? Is das ein TV-kanal für polizisten, in dem es zum Beispiel eine Morgensendung gibt mit dem Titel "Wie füll ich einen Strafzettel aus?". Spass beiseite, ich kontaktierte sie und sie boten mir an, artikel über meine Begegnungen mit Deutschland und den Deutschen zu schreiben. Ja, dachte ich mir, warum nich? Über dieses sonderbare Völkchen gibt es ja einiges zu erzählen.

Katarinisch

Ich werde mit meinen ersten Erfahrungen mit Deutschen anfangen, das war lange her und sehr weit von hier. Und zwar dort wo die affen toben und die Tapire tanzen, in Brasilien. Deshalb wird auch die Sprache immer etwas katarinischer.

Katarinisch is wie die bösen Zungen in Brasilien das Deutsche in Brasilien nennen, es heisst so weil der Bundesstat Santa Catarina proportional die meisten Deutschstämmigen hat, ungefähr die Hälfte der Population.

Katarinisch is ein simplifiziertes Deutsch, stark mit portugiesischen Wörtern gespickt, und oft is die Mischung mit Dialekten, vor allem Schwäbisch, Mosel-, Rheinfränkisch vom Südwesten und Pommernplatt vom Nordosten. Für Hunsrückisch [1] gibt es sogar eine brasilianische Orthografie, das wollen wir aba keinem Leser in Deutschland zumuten. Trotzdem, ein bisschen Dialekt bringen wir schon, natürlich im progressiven Modus, damit sich der Leser langsam dran gewöhnen kann.

Wenn er in Litauen geblieben wär

Er kam, kam und ging. Lange Zeit blieb sie an der Türschwelle stehen, die augen dorthin gerichtet, wo die Straße a Kurva macht und ins litauische Hinterland verschwindet. 9 Monate später erkannte sie, dass er etwas bei ihr gelassen hatte. Der Junge wurde zum Mann und zeugte unter anderem meinen Uropa.

Der wurde bekehrt, vorher war er Katholik, danach gläubiger baptist. Das hat mein Leben ziemlich verändert - mein Uropa wäre sonst nie auf den Gedanken gekommen, in em Städtchen mit quadratischen Gärten und gothischer Kirche im Süden Brasiliens a Stelle als Pastor anzunehmen. Wenn er in Litauen geblieben wär, wär ich ein Litauer und würde auf die Russen schimpfen. In Brasilien kann man das auch tun, aber es nützt nicht viel.

Der Uropa erzeugte unter anderem mein Opa, der auch gröszer wurde und heiratete. Meine Oma war wie mein Opa a bisschen langsam, was vielleicht daran lag, dass ich die beiden erst kennenlernte, als sie shon 80 waren. Die Oma hatte a brasilianishe Identitatscarta, war aba Enkelin von Deutshen - us Lodz, wohlbemerkt. Sie konnte bestenfalls dankeshön uf brasilianish sagen. Ihr Mädchenname war Schmidtke, a sehr popularer Indianername. Da meine Groszeltern streng religiös waren, wurde uf dem buernhof weder gesoffen noch geraucht. Angebaut wurde hauptsachlich Tabak.

Von Deutschland nach Polen

Die Familie zieht von Deutshland naach Polen, die sprechen äber weider deutsh un nennen sich deutshe, dann ziehen sie naach Brasilien un behaupten immer noch dass sie deutshe sin, un shwätzen entsprechend. Ja, un dieses Volk beshwert sich jetz, dass sich andere Völker in Deutshland nicht integrieren können.

Von der Mudderseid waren die Vorfahren Russen, kaum einer von ihnen hat einen natürlichen dod gehat. Ausserdeem waren vile in der Familie meiner Mutter Russland-deutshe. So is meine Verwantshaft nicht wirklich deutsh, hat aba vil mid der deutshen Kultur ze dun gehat. Und in Südbrasilien war alles noch vil deutsher - keiner hat uf der strasz Russish odder Litauish geredet, es hat einfach nicht genug davon gegeben.

Aber deutshe gab es je-de men-ge. In der Stadd von meinem Vater war alles sehr deutsh, in der Stadd von meiner Mudder hat es vor allem Polen un Italiener gegeben, aber im Vorort, wo sie gewohnt hat, war die Mehrheit deutshstemmig. Italiener gab es noch vil mehr - die määsten Italienishstemmigen ausser Italien leben in Brasilien. Sie haben ihr Italienish immer mehr aportugisirt, bis nur noch ein par italienishe Werter übrig bliben, die sich dann teilweise auch in der portugisishen Sprache etablirt haben.

So kannte ich als Kind nich nur brasilianishe Merchen und Musik, sondern auch Max und Moritz, Peter Alexander und deutshe Weihnachtslider. Die deutshstemmigen brasilianer sehn 'brasilianer' als Substantiv, und 'deutshe' als adjektiv: das is eine Sorte brasilianer. Die deutshen brasilianer. Oder einfach die deutshen. Werend die deutshen aus Deutshland die deutshländer sind.

Deutsche in Brasilien

Vile Leud glauben, deutshe en Brasilien send gflüchtete Nazis. Natürlich hat es die auch gegeben, aber deutshe waren schon Jahrhunderte vor den Nazis in Brasilien, der erste kam schon mit den ersten portugisishen caravelas.

Nach den USA war Brasilien das wichtigste einwanderungsland für die deutshen. Naach em 2. Weltkrig is shon wider a grosze Well deutshe kommen, meist Wirtschaftsflüchtlinge. Dass vile Nazis dabei waren, liegt auf der Hand - vile deutshe waren Nazis, wenigstens so lang Deutshland noch nich verloren hatte.

So het een (man) ein spaldenes bild von den deutshen in Brasilien: auf der einen Seite dei deutshstammigen in Brasilien, sie werden alemães batata nannt, Kartoffeldeutshe. "Polacos" get auch. In iren Städten sit es sauberer aus, der Wolstand is greszer und ansonsten sind sie ganz normale, feuchtfreliche Nachbarn. Sie feiern dauernd ire Kirmessen, und das zweitgreszte Oktoberfest der Welt is in Blumenau, Brasilien.

Uf der andren Sid hebben dei brasilianer vele americanishe Krigsfilme seen, un wenn sie an deutshe in der Weld denken, dann sind sie blond, dick, blauäugig, kald un grusam. Ir Liblingswort is VERBOTEN!, und sie schrein gern EINS, ZWEI, DREI, ACHTUNG! Dabei schrein dei brasilianer vil lauter und efter als dei deutshen, in Deutshland würde man sofort dei Polizei wegen Ruhesterung rufen. In Brasilien kann man auch dei Polizei rufen, aber bis die kommt, is der Schreier schon schlafen gegangen. Ich heb shon immer dei bilder von den filmen misstrut, aber nich ganz - wo so vil Rauch is, muss auch irgendwo feuer sein...

De americaner han inzwishen andre fäinde fir ire filme gefunden, wi Russen un araber, un so shwecheln de clischees iber de deetshen. Aber nich alle: sie sind vileicht nich mer so grausam, aber immer noch kalt und perfeccionista.

Ja, das sind sie: meine Telefonleitung ging nich mer, ich wollte die Telekom anrufen aber da war schon ein Schreiben im briefkasten: "Wir müssen Ihren Anschluss sperren, weil wir keine Adresse von Ihnen haben".

Das shikt de Deetshe Telekom. An mein adress.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-7219686

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/dialekt-hunsrueckisch-wird-in-brasilien-erforscht-16279969.html

geschätzte Lesezeit: 8 min

When income is on the line, punishments need to reflect that.

Nikko Locastro. Photo: USDGC

Judging by the social media reaction to Nikko Locastro’s nine-month suspension from disc golf, I realize that making a public argument in his defense may be a fool’s errand. As that fool, I humbly request your consideration that disc golf’s recent growth has changed how appropriate some of the administrative systems and policies are in the professional era. In the case of Nikko, the disciplinary process that seemed perfectly reasonable and functional only a few years ago is now archaic and heavy-handed.

The PDGA did a lot right in this situation. The disciplinary committee acted expeditiously, followed the rules as written, and applied discretion in sentencing. They respected the privacy of everyone involved per their internal policy and, alongside the ruling, released a public reminder with links to the competition manual, the official rules, the disciplinary policy and process, and a list of current disciplinary cases. The Disciplinary Committee produced a result that was a clear rebuke of Nikko’s grossly inappropriate behavior.

To reiterate, Nikko’s actions were wrong, and I am glad the PDGA reached a decision that unambiguously communicated behavior like it is not welcome in disc golf.

However, the PDGA disciplinary process is not equipped to equitably administer punishments to the touring professional class of members. Nikko is being punished under a policy that has drastically different consequences for different membership classes that commit similar actions. On paper, the punishments are the same, but this understates the real-world impacts of the rulings.

If I behaved in a similar manner, a 9-to-24 month suspension feels appropriate — especially since suspension is the only tool the organization would have to punish me. The PDGA has no ability to enforce a fine on me or disrupt my income. I love the competition and would miss it dearly, but I’d still have my livelihood and my work relationships: the consequences wouldn’t bleed into every aspect of my life. The deliberations of the Disciplinary Committee are not public, and the Committee may have attempted to incorporate the professional ramifications while considering his punishment, but even if that is true, nine months is too long and excessively punitive.

This is not an argument that professionals deserve a lesser punishment for similar behavior, but when the punishment involves being barred from practicing your career, a suspension is exponentially more punishing and the length of that suspension requires more precision than a scale based only on months. The economics of sports entertainment lead to natural monopolies where professional athletes in all sports make the decision to invest thousands of hours over many years into training skills that are largely non-transferrable to other methods of monetization.

If any of us behaved like Nikko to our coworkers or boss, we would likely be fired on the spot. But we wouldn’t be banned from plying our trade elsewhere and, in most instances, we would have the opportunity for a second chance far earlier than nine months post incident. To earn a suspension of over half of a season in other sports, professional athletes must cheat, gamble, dope, or perform an act of egregious physical battery.

One iteration of the WinniCrew included Dave Feldberg (far left), Avery Jenkins (second from right), and Todd Branch (far right). Also pictured: Johnny Sias.

When did disc golf athletes become professionals and deserving of treatment as professional athletes instead of amateurs? When Todd Branch and Al Shack went on the first full year disc golf tour in 1999 dubbed the ‘WinniCrew’? When the National Tour started? When the Disc Golf Pro Tour was founded? When Paul McBeth and Ricky Wysocki started earning over $1,000,000 per year?

The transition to the professional era of disc golf may be fuzzy, but a hard start date is certainly no later than September 28, 2021, when the PDGA announced the DGPT as The Official Pro Tour of the PDGA.

The DGPT and PDGA take no half measures when promoting the tour as a professional sport. In the announcement of the DGPT as the official Pro Tour of the PDGA, Mike Downes, Director of Operations for the PDGA, acknowledges the professional classification of the touring pros: “[The] DGPT will have the opportunity to continue to grow the prestige and visibility of the elite touring professionals, bringing new pros on the scene and new fans into the sport.”

It is time for PDGA and DGPT to back up their words and commit to building the administrative systems and polices that adequately serve the touring professional. The collective agreement between the NBA and its players association is 598 pages long, and disc golf will not get there overnight, but a custom disciplinary policy is a good place to start. The tension surrounding the cold war of self officiating has been swelling, and while Nikko’s outburst will hopefully be the most grievous incident we see, it will certainly not be the last. An appropriate disciplinary framework that adds the tools of progressive fines and tournament suspensions, to precede months-long suspensions, is a necessity as these organizations start to tinker with solutions to the broken officiating system.

Additionally, public transparency in the disciplinary process is a common practice in professional sports that is absent in disc golf, and something disc golfers have asked for in the past.

“In no way am I condoning misconduct on the course,” Paul McBeth said in an interview following Bradley Williams’ 18-month suspension in 2016. “The issue I have is when a rule is broken or a mistake is made and our governing body issues a punishment but provides no explanation to its professional members. My security as a player feels threatened. This is my livelihood, as well as many others, and we shouldn’t have to wonder what may happen if we ever make a mistake.”

Let the Punishment Fit the Crime

In the nine month suspension period a year earlier (August 8, 2021 – May 8, 2022), Nikko earned $21,601 in tournament earnings. On The Upshot podcast, Jeremy Koling recently discussed that disc sales still make up 75% of his income. Nikko was dropped by his primary sponsor before the PDGA decision, but he now doesn’t have an obvious means to replace that income for nine months. He has also already lost a sponsor in Clash Discs, a further blow to his earnings. If Nikko’s income was roughly 25% prizes / 75% sponsor related, he has lost a projected $86,404 in income. Admittedly, that is some back of the napkin math, but it also aligns with Paul McBeth’s estimate on social media:

Losing your main source of income without a viable path to replace it for nine months would be a devastating event for most people and their families. There are currently 106,817 active members in the PDGA. But only roughly 200 of them — or 0.19% — are at risk of this outcome for a violation of PDGA rules.

Getting into comparisons of infractions and penalties in other sports is tricky because the context can vary so much. There is no inherent violence in disc golf so one wouldn’t expect any interaction to end with an ear bitten off (1 year suspension for Mike Tyson). Gambling, doping, cheating, and off-course behavior are different categories of infraction with different justifications for penalties. When we look at on course infractions from other sports, I think it can be illustrative (but not conclusive) to consider two questions:

1. What does it take to receive a 9-month / majority of season ban in professional sports?

2. What penalty does a grossly inappropriate, angry, intimidating outburst receive in professional sports?

A screenshot of the Tim Anderson altercation with an umpire that earned him a three-game suspension (less than 2% of the baseball season).

The examples in question two include a level of physical contact which is a line Nikko did not cross. He was certainly right on the edge of that line and reportedly sustained the harassment after what was broadcasted by DGN, so it is reasonable if one concludes Nikko’s actions were worse than those examples. Intimidation is a class A offense in the PDGA disciplinary rules, after all. However, I don’t think it’s reasonable to say Nikko’s actions were closer to the incidents in question 1 than question 2, despite receiving a punishment that says so.

It is the PDGA’s prerogative to continue delivering punishments to professionals that greatly exceed industry standards, but I would urge them to reconsider and invest real time and resources to furthering a productive and mutually beneficial relationship with the touring professionals. Suspending Nikko for the rest of the calendar year, which includes two Majors and three playoff events that he was on a comfortable pace to qualify for, would still be an extreme punishment in the context of professional sports. But, it would be less draconian than nine months.

For touring professionals who are disturbed that they can lose your access to ply their trade and earn an income because of rules and punishments designed for an amateur membership base, or want to see more player input being reflected in health & safety, scheduling, or other policies that have direct effects on your livelihood, it may be time to seriously consider the formation of a players’ union, a common feature of sports in which players earn money from a for-profit sports entertainment business like the Disc Golf Pro Tour.

As a fan of the game, I count myself lucky that the talent (and media teams) of professional disc golf work incredibly hard, criss-crossing the United States and beyond to put on a show. We don’t see the enormous amount of effort that goes into making that happen: the 10+ hour days on the interstate, the work required to maintain a home on wheels, still finding the time to practice and maintain their game at an elite level, the time spent away from loved ones. Our professionals deserve basic and just job protections, and that is just as true for the players that make mistakes — and the ones you don’t like.