Brandenburger Vorstadt.Viele Potsdamer haben vor allem in den ersten Wochen des Krieges in der Ukraine sofort geholfen – einige haben Geflüchtete bei sich zu Hause untergebracht. Die MAZ hat die Geschichten vom Ankommen und Zusammenleben, vom Scheitern, vom Lachen, Weinen und von neuen Freundschaften gesammelt. Heute: Anja und Christian.
Potsdamer Familie hat zugestimmt
Dass sie helfen, stand überhaupt nicht zur Debatte. Anja und Christian aus der Brandenburger Vorstadt – beide Anfang 40, sie ist Inhaberin eines Geschäfts im westlichen Teil der Stadt, er arbeitet an der Uni – hat der Kriegsausbruch in der Ukraine nicht kalt gelassen. Tagelang haben die beiden und ihre neun und 16 Jahre alten Töchter darüber nachgedacht, was zu tun ist – immer wieder wurden sie in dieser Zeit aus dem Bekanntenkreis angesprochen, ob sie Geflüchtete aus dem Kriegsgebiet aufnehmen können.
Die Familie möchte ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen, aber sie ist gut vernetzt in ihrem Viertel. Beim Gespräch mit den beiden am frühen Abend auf einer Bank vor ihrem Wohnhaus gibt es kaum einen Passanten, der sie nicht kennt und für einen kurzen Schwatz anhält. Die Wohnung ist groß genug, ein Arbeitszimmer kann von Gästen genutzt werden, sogar ein zweites Badezimmer ist vorhanden: Die Voraussetzungen sind gut. „Und dann haben wir das gemacht“, sagt Anja.
Gemischte Gefühle nach Monaten
Heute, drei Monate später, blickt das Paar mit gemischten Gefühlen auf seine beiden Mitbewohnerinnen, Mutter und Tochter aus dem Norden der Ukraine. Denn obwohl die einen helfen wollten und die anderen Hilfe brauchten, klappt das Zusammenleben nicht immer reibungslos. „Man weiß nicht, was die Menschen mitbringen, was sie erlebt haben“, sagt Anja, „und wir als Privatpersonen haben nicht das Professionalisierungslevel von Sozialarbeitern, wir müssen uns da auch einfuchsen.“
Die Kommunikation ist nicht immer einfach, die Lebenswelten sind sehr verschieden. „Es sind wirklich spürbare kulturelle Unterschiede“, sagt Christian. „An ganz vielen Stellen. Das fängt beim enormen Misstrauen gegenüber allen staatlichen Stellen an, geht über die Zeiten, zu denen man isst, zur Wertschätzung von Dingen.“ Doch auch für die beiden Geflüchteten ist die Situation schwer zu ertragen. „Eigentlich wollen sie nur zurück“, sagt Anja, „es ist wahnsinnig schmerzhaft für sie.“
Kein Streit, aber immer wieder Frust
Offenen Streit oder größere Reibereien gibt es nicht in der gemeinsamen Wohnung. „Aber ja, es ist sehr anstrengend, es bringt uns auch mal an unsere Grenzen“, sagt Christian. „Ich merke zum Beispiel immer wieder, dass ich mich im Alltag sehr zurücknehme in meinem eigenen Zuhause“, ergänzt seine Frau Anja, „am Ende lernen wir alle viel, wir nehmen viel mit. Aber es ist und bleibt herausfordernd.“ Das offene, kommunikative Haus, das die Familie einst hatte, wirkt nun verschlossener. „Es vergingen eigentlich kaum zwei Abende, ohne dass irgendwer unangekündigt bei uns auf dem Sofa saß“, erinnert sie sich. „Das ist jetzt viel weniger, weil unsere Freunde wissen, dass wir den Kopf voll haben.“ Zugleich fehlt der Austausch mit dem Netzwerk, mit den Freunden – auch, wenn alles durch den Krieg beeinflusst wird. „Da gibt es Debatten, klar“, sagt Anja. „Wir sind alle so geprägt, dass es nie wieder Krieg geben darf, dass wir gegen Aufrüstung sind. Jetzt sehen wir, dass es Krieg gibt und müssen damit umgehen.“
Die Zwickmühle spürt die Geschäftsfrau dabei ganz deutlich. „Einerseits will ich natürlich, dass die Ukraine sich verteidigen kann, andererseits will ich keine Waffenlieferungen und erwische mich da selbst bei einem Umdenken.“ Die Spaltung in der Gesellschaft, die durch die Coronapandemie massiv sichtbar wurde, sie verstärke sich nun, fürchtet das Paar. Und es hat zwei Gäste im Arbeitszimmer wohnen, die sich fragen, warum auf der einen Seite so viele Menschen in Deutschland ihre Sofas für Geflüchtete räumen, auf der anderen Seite aber der Staat nicht im selben Maße zur Hilfe bereit scheint wie seine Bevölkerung.
Niemand wird auf die Straße gesetzt
Auch nach mehreren Wochen des Zusammenlebens wissen Gäste und Gastgeber nicht viel übereinander. „Eigentlich müssen wir sehr komplexe Themen klären, aber man bewegt sich kommunikativ auf dem Niveau des Google-Übersetzers“, schildert Christian die Lage am Küchentisch. Das Zusammenleben, es kostet Kraft – viel mehr, als die Familie erwartet hatte.
Ein Aufgeben kommt dennoch nicht in Frage. „Wir setzen niemanden auf die Straße“, sagt Anja, „aber wir sorgen dafür, dass der Schritt in die Eigenständigkeit funktioniert.“ Einen Job hat die ukrainische Mutter längst, eine Wohnung für die beiden ist der nächste Schritt. „Sie werden in unserem Orbit bleiben“, sagt Christian.
Ob sie noch einmal auf diese Art helfen würden? Christian und Anja müssen eine Weile nachdenken. „Ja, aber anders“, sagt sie dann.