Ein Polizeianwärter wurde entlassen, nachdem er in einem Gruppenchat den Holocaust verharmloste. Dagegen setzte er sich zur Wehr - vergeblich. Ein Gericht bestätigte nun die Einschätzung der Polizei, der Kandidat sei "charakterlich ungeeignet".
Die Phase im Rausch
Die DEFA wurde 75/ Abgetötet in den letzten 30 Jahren
Von Matthias Krauß
„Wir sagten Drehort und sie sagen Set.
Wir sagten bitte, wenn es anfangen sollte.
Sie sagen action.“
Eberhard Esche
Das Potsdamer Filmmusem lud Anfang 2016 in seinen Kinosaal, wo es den DEFA-Regisseur Rainer Simon zu seinem 75. Geburtstag mit der Ausstrahlung seines Spielfilms „Till Eulenspiegel“ (1974) ehren wollte. Als die Vorführung begann, traute das Publikum seinen Augen nicht. Denn es wurde nicht der DEFA-Film des Jubilars Simon gezeigt, sondern der Film „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel“ aus den 50er Jahren mit Gèrard Philipe in der Hauptrolle. Das war zwar eine Gemeinschaftsproduktion von Frankreich und der DDR, hatte aber mit Rainer Simon nichts zu tun. Offenbar war das Potsdamer Kino an eine Kopie des Films geraten, die seinerzeit in Westdeutschland in Umlauf war. Der Unterschied beider Figuren war den Zuständigen damals wohl nicht bekannt oder nicht so wichtig. Beim „Ulenspiegel“ ging es um die Auseinandersetzung einer volkstümlichen holländischen Gestalt mit der Besatzungsmacht Spanien. Aus dem flämischen Volkshelden Ulenspiegel wurde bei dieser Gelegenheit für den westdeutschen Zuschauer kurzerhand der deutsche Till Eulenspiegel. Das Potsdamer Filmmuseum ist auf diese Weise eine Art Spätopfer der Oberflächlichkeit und Arroganz gegenüber der DDR-Filmproduktion geworden.
Foto: Krauß. „Paul und Paula“ im Potsdamer Filmmuseum
Nach 1990 setzte in Ostdeutschland ein ungeahntes Kinosterben ein, begleitet von einem Theatersterben und einem Kulturhaussterben. In der DDR war niemand aus finanziellen Gründen von Hochkultur ausgeschlossen. Das ist heute nicht vorstellbar. Theater, Oper, Konzert sind somit in diesen Zeiten einem viel breiteren Publikum zugänglich gewesen als dies heute der Fall ist.
Der Ostfilm verschwand
1965 hatte das SED-Politbüro ein knappes Dutzend DEFA-Filme verboten. Nach 1990 wurden – bis auf winzige Reste – 700 DEFA-Filme verboten und noch einmal rund 700 Filme des DDR-Fernsehens. Als ich einen SPD-Fraktionsmitarbeiter im Potsdamer Landtag darauf aufmerksam machte, korrigierte er mich freundlich-nachsichtig: „Diese Filme wurden nicht verboten. Sie werden nur nicht gezeigt.“ Der Ostfilm verschwand bis auf minimale Reste aus dem Kino und vom Fernsehschirm. Lediglich die DDR-Krimis der Serie „Polizeiruf 110“ dürfen sich in das Grundschema des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks einordnen, die Wirklichkeit vor allem unter dem Aspekt von Mord und Totschlag vorzuführen. Das Aus für die DEFA (Spiegel: „Honeckers Hollywood“) kam 1991. Eine Weile noch musste man auf die sozialistischen Produktionen zurückgreifen, wenn man im Fernsehen Märchen zeigen wollte, diesbezügliche West-Angebote gab es entweder nicht, oder sie waren billig zusammengeschustert. Um die Jahrtausendwende wurde dann auch für die „gängigen“ DDR-Märchenfilme Ersatz geschaffen, man sollte gerechterweise hinzufügen, keine schlechten. Ansonsten ist die Ausblendung der DDR-Film- und Theaterkunst praktisch vollständig, und wenn inzwischen nahezu alle Regionalsender als Weihnachtsmärchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ offerieren, dann ist das die eine Ausnahme von der Regel. Jaecki Schwarz: „Wenn ich jetzt an 100 Jahre Kino denke und der Osten kommt gar nicht vor, dann kriege ich das Kotzen“. Christel Bodenstein: „Wenn ich sehe, wie das behandelt wird – das ist eine solche Unverschämtheit. Als hätten wir in all den Jahren nichts zustande gebracht, als wären wir eine Art Pest.“ Der Gipfel war erreicht, als der Regisseur Volker Schlöndorff die DEFA-Filme öffentlich in Bausch und Bogen abwertete und lächerlich machte. (Später hat er dafür um Verzeihung gebeten.)
Sie zogen aus, „das Fürchten zu lernen“
Für die Schauspieler änderten sich durch die „Wende“ vieles. Die in diesem Kapitel aufgeführten Zitate sind dem Band „Der ungeteilte Himmel“ entnommen, herausgegeben von Ingrid Poss, Peter Warnecke, Dr. Bärbel Dalichow. Was die Unterschiede in der schauspielerischen Tätigkeit vor und nach der „Wende“ angeht, äußern sich die einzigen Personen dazu, die davon wirklich etwas verstehen und das sind die Schauspieler, die sowohl in der DDR als auch später ihrem Beruf nachgingen. Der Band hebt sich wohltuend ab von den Produkten der „Aufarbeitung“ und lässt Aspekte gelten, die nicht in das heutige gängige Bild von der finsteren DDR-Vergangenheit und der wunderbaren Gegenwart passen und schon gar nicht lässt sich diese differenzierte Darstellung auf die Hymne „Einst war es schlecht – heut‘ ist es gut“ vertonen. Das freilich muss den Stab über diese interessante Arbeit brechen. Das Negativ-Bild von der DDR ist arretiert, unverrückbar, und gut bezahlte Rechtgläubige sorgen gemeinsam mit ihren Verbündeten in den Medien dafür, dass in dieser aufgeräumten Schublade nichts durcheinandergerät. In Vorahnung der Vergeblichkeit, hier etwas umstoßen zu können, schreibt die DDR-Kulturwissenschaftlerin Bärbel Dallichow in dem Band: „Kein Buch, und indessen sind viele erschienen, die eine Korrektur versuchen, wird daran etwas ändern“. Und doch bleibt die Wahrheit: Die DDR-Schauspieler sind nicht 1989 von der Hölle in den Himmel gekommen. Was ihren Weg nach der Wende betraf zogen sie laut Dallichow „aus, das Fürchten zu lernen“.
„Insofern wirklich goldene Zeiten“
Alfred Müller nennt die Arbeitsbedingungen für die Produktion von DEFA-Filmen in der DDR ideal. „Die Leute hatten viel mehr Zeit zum ausprobieren. Insofern waren das wirklich goldene Zeiten.“ Müller bekennt offen, mit der Wende „so gut wie keine Hoffnung“ verbunden zu haben. Auch Horst Drinda bedient die gängigen Klischees nicht: „Ich fand die Mehrzahl der Anliegen, die die DDR anstrebte und vertrat, lebenswert und hielt diese Ziele für sehr gut“. „Die Kulturpolitik und die Möglichkeiten für die Kultur in der DDR waren unvergleichlich günstiger als heute.“ Mit Blick auf die gegenwärtige Situation sagt Drinda: „Der allgemeine Verfall ist schrecklich“. Vom aktuellen Theaterleben heißt es bei ihm: „Ich mag nicht, was da am Ku’damm alles über die Bühne rattert.“ Der Weltschauspieler Rolf Hoppe, im Herbst 2018 gestorben, mag sich der allgemeinen Verteuflung ebenfalls nicht anschließen: „Die Ostzone, die DDR haben mich zum Schauspieler gemacht, das ist einfach so.“ Seiner angestammten Arbeitsstelle weint er mehr als eine Träne nach: „Ich finde den Untergang der DEFA sehr traurig.“ Den Thesen von der bornierten Infiltration der DDR-Jugend schließt er sich nicht an: „Die Kindertheater besaßen ein hohes Niveau“. Waren die DDR-Träume Illusion, waren sie Schäume? Hoppe: „Bitteschön, Traumland. Aber es waren auch gute Träume darunter.“
Esche: „Auf der besseren Seite Deutschlands“
Der bekannte Schauspieler Eberhard Esche genoß den Vorzug, mit seiner Rolle im „Spur der Steine“ noch ein Nachwendeleben im TV zu haben. Denn das ist einer von den ganz wenigen Streifen, die immer mal ausgestrahlt werden. Mit der allgemeinen Lage versöhnte das den 2006 verstorbenen Künstler aber nicht: „Dass ich auf der besseren Seite Deutschlands geblieben bin, das bin ich meinem Beruf schuldig.“ Weiter: „Ich glaube, alle Schulen in der DDR waren gute Schulen. Wobei die DDR überhaupt die beste Schule war.“ Sein Dresdner Publikum nennt er herrlich. „Sie erwidern die Treue, es gab ja Gründe, weshalb ich in der DDR blieb. Da existiert etwas unausgesprochenes.“ Von der Vorgängen, die sie 1989 einsetzten, spricht er als einem „Verhängnis“. Die große Berliner Demonstration auf dem Alexanderplatz hätte es aus seiner Sicht ohne Genehmigung des MfS gar nicht geben können. „Das war sicher eine verkommene Angelegenheit.“ Für seine sich dort exponierenden Kollegen bringt Esche eher Mitleid auf. „Dass die Kollegen in ihrer schuldigen Unschuld auf dem Alex demonstrierten, um ihre Theater und damit sich selbst abzuschaffen, das konnten sie nicht wissen.“
Heute so viel Angst und Abschottung
Esches Äußerungen beweisen, dass nicht selten das Gegenteil von dem wahr ist, was die deutsche Aufarbeitungsindustrie ihre Klienten glauben machen will: „Es gab in der DDR freie Unterhaltung unter den Kollegen, das ist absolut weg. Es herrscht so viel Angst, Vorsicht, Abschottung. Aber wir haben es auch mit Menschen zu tun, die diese Vorsicht für die Garantie von Freiheit halten. Das heißt, sie halten das für ein freies Benehmen. Die wissen nicht, wovon wir reden. Ich habe große Nachsicht mit Westmenschen, weil sie einfach schlecht erzogen sind. Das ist ja reine Existenzangst, die sich da äußert.“ Über die Lage an den heutigen Theatern gab er sich keinen Illusionen hin: „Wir haben heute sehr schlechtes Theater, und das spiegelt ja diese Gesellschaft wieder.“ Und was die Filmkunst betrifft? „Zu DEFA-Zeiten und wahrscheinlich auch seinerzeit in Westdeutschland waren die Filme nicht immer so schrecklich, wie sie jetzt sind.“
Wo ist der „Ring des Deutschen Theaters“?
Esche besaß den „Ring des Deutschen Theaters“, der von Eduard von Winterstein über Herwart Grosse auf ihn gekommen war. „Eine leitende Mitarbeiterin des DT empfahl mir, ihn in die Spree zu werfen.“ Als einen wesentlichen Unterschied zur damaligen Arbeit nennt Dieter Mann: „Es gibt keine Planungssicherheit mehr“. Das durchgehaltene Bild vom tumben und brutalen DDR-Spitzenfunktionär zeichnet er nicht mit: „Kulturminister Hoffmann war ein kluger und sensibler Mann. Wir haben ihm sehr viel zu verdanken.“
„Bei uns hatten wir mehr Möglichkeiten„
Das aus seiner heutigen Sicht „ziemlich hohe Niveau“ des DDR-Provinztheaters lobt Peter Reusse. Er ist sich sicher: „Bei uns hatten wir mehr Möglichkeiten.“ Reusse weiß, wie albern die Vorstellung ist, vor der Wende sei man in Zwängen gefangen gewesen und hernach sei die Freiheit ausgebrochen. „West-Regisseure wunderten sich, dass sich ein Schauspieler so um seine Rolle kümmert. Aber bald wusste man dass man sich Diskussionen beim Drehen nicht mehr leisten darf.“ Reusse weiter: „Man wurde sehr, sehr schnell verschlossen. Man war nicht mehr so redefreudig wie in den Tagen zuvor.“ Auch er verurteilt die DDR nicht in Bausch und Bogen: „… aber es gab ein paar Punkte, die wichtig waren, und wo ich sagte, da waren wir besser. Wir haben keine Korruption, unsere bereichern sich doch nicht.“
Unter „unerschrockenen Idioten“
Die Kraft zum Sarkasmus findet noch Hermann Beyer, einer der großen stillen Stars der DEFA und Bruder des Regisseurs Frank Beyer. „Leicht und angenehm lebt es sich nicht unter diesen unerschrockenen Idioten“. Er ist der einzige, der so etwas wie Optimismus versprüht: „Ich habe die Hoffnung, dass sich das irgendwann umdreht, das geht gar nicht anders. Die Leute werden das alles nicht mehr sehen wollen, was ihnen im Kino und vor allem im Fernsehen angeboten wird. Vielleicht ist diese Hoffnung falsch…..“ Von ihrer Ausbildung als Schauspielerin in der DDR sagt Renate Blume: „Sie gaben einem Handwerk mit auf den Weg, aber auch – was jetzt so fehlt – Ethik und Moral. Und dass ein gelungener Theaterabend nur eine Gemeinschaftsleistung ist und nicht die eines einzelnen Stars. Das kenne ich von meinen Westkollegen gar nicht. Die gucken mich immer völlig entgeistert an, und ich frage sie, ob sie nie gelesen haben, was Stanislawski zu Ethik und Moral geschrieben hat. Aber sie haben allenfalls seinen Namen gehört, sonst nichts.“
Der Schauspielberuf „ist nichts mehr wert“
Die Oberflächlichkeit des heutigen Fernsehens und Kinos sind für Renate Blume „unübersehbar“. Ihr einstiger Klassenlehrer habe sie gefragt, ob sie wieder Schauspielerin werden würde. Ihre Antwort: „Nein, denn dieser Beruf ist nichts mehr wert. … weil er kein Ziel, keinen Anspruch und keinen Bildungsauftrag mehr hat.“
warUmwelt: Was schwimmt denn da?

Er ist reich an Protein, Omega-3-Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen und aus dem Speiseplan vieler Menschen nicht wegzudenken: Die Rede ist von Fisch. Negative – und vielleicht auch positive – Auswirkungen des Konsums von Fisch und anderen Meerestieren und auch Tipps, welche Arten ihr am unbedenklichsten essen könnt, findet ihr hier. Von Antonia Rösler.
Fischkonsum in Deutschland und weltweit
Im Jahr 2019 aß jede:r Deutsche im Durchschnitt 13,2kg Fisch, weltweit wurden 2020 ca. 172,8 Millionen Tonnen zur Verwendung als Lebensmittel gefangen (zum Vergleich: 2020 lag der Fleischkonsum (Rind, Schwein, Huhn) weltweit bei 255,2 Millionen Tonnen). Diese enormen Mengen führen dazu, dass der Nordatlantik und das Mittelmeer mittlerweile nahezu leergefischt sind, die Fangraten übersteigen die natürlichen Erholungsraten um ein Vielfaches, und nicht nur die Umwelt, sondern auch Menschen sind die Leidtragenden. Seltene Kontrollen, niedrige Strafen und wenige Verbote im Bezug auf Fangquoten und -methoden verhindern eine Regulierung des globalen Fischfangs.
Industrielle Fangflotten können Fischschwärme per Echolot, Radar oder sogar Hubschrauber orten und so bis zu 3.000 Tonnen Fisch auf einer Fangreise fangen. Die so ausgebeuteten Fischbestände fehlen den Menschen in den Küstenregionen der Welt und entziehen ihnen die Nahrungsgrundlage (vor allem in den ärmeren Regionen Westafrikas) und sorgen so für eine Verstärkung des Nord-Süd-Gefälles.
Auswirkungen der Fischerei auf Ökosysteme: Beifang und Müll
Größer noch als die Wirkung auf den Menschen ist jedoch die vielfältige Schädigung des gesamten Ökosystems Meer durch die Fischerei. Jährlich verenden 39 Millionen Tonnen Tiere als Beifang – darunter Jungfische, Vögel, Schildkröten, Haie und Wale – in den Netzen der Fangflotten. Die Höhe der Beifangrate ist abhängig von Art und Größe der verwendeten Netze.

Stellnetze beispielsweise, die in der Küstenfischerei zum Fang von Hering, Dorsch und Meerforelle eingesetzt werden, sind allein in dänischen Küstenregionen für bis zu 5.000 tote Schweinswale im Jahr verantwortlich.
Weltweit geht die Internationale Walfangkommission davon aus, dass jährlich ca. 650.000 Robben, Delfine und Wale als Beifang in den Netzen oder an Bord von Fischerbooten sterben.
Die höchste Beifangrate von bis zu 80% haben Grundschleppnetze, die zum Fang von Meeresbodenlebewesen (Scholle, Seezunge, Krabben) eingesetzt werden. Großflächig wird hier der Meeresboden umgepflügt und alles an die Luft gebracht, was nicht schnell genug flüchten kann.
Die naheliegendsten Lösungsansätze für diese Problematik wären das Erlassen von Fangverboten und die verstärkte Ausweisung von Schutzgebieten. Ist der Bestand einer Fischart jedoch erst einmal über ein bestimmtes Niveau hinaus erschöpft, so bringen auch Fangverbote nicht mehr den gewünschten Erfolg. Der Druck der Überfischung durch den Menschen hat bereits zu einer fischereiinduzierten Evolution geführt. Kleine Fische und Fische mit einer schnellen Generationsfolge haben einen Vorteil gegenüber anderen Arten und besetzen so die ökologischen Nischen der überfischten Bestände.
Der Mensch entnimmt dem Meer den Fisch und hinterlässt im Austausch dafür, allein durch die Fischerei, noch über eine Millionen Tonnen Plastikmüll (das entspricht ca. 10% der Meeresverschmutzung durch Plastik). Hauptsächlich Netze finden ihren Weg in den offenen Ozean, wo sie dann, als Geisternetze schwebend, zum Tod vieler weiterer Meeresbewohner beitragen. Erst nach ca. 600 Jahren haben sich diese, zumeist aus Plastik bestehenden, Netze aufgelöst und gefährden dann als Mikroplastik weiterhin die Umwelt.
Also doch Aquafarming?
Der intuitive Lösungsansatz des Menschen für die schrumpfenden Fischbestände im Meer, war die Züchtung und Mästung eigener Fische, Garnelen und Muscheln in Flüssen, Seen und Küstenregionen. Wie gut diese Idee ist, wenn man das Wissen über die Probleme der Massentierhaltung an Land beachtet, kann man in Frage stellen. Fakt ist, dass die gleichen Schwachstellen auch in aquatischen Lebensräumen vorhanden sind.
Der Eintrag von Chemikalien, Medikamenten- und Nahrungsresten, Fischkot, Parasiten und Krankheitserregern in die Umwelt, wird durch die Verbindung von Flüssen und Meeren im Vergleich zur terrestrischen Landwirtschaft noch erleichtert. Die Anreicherung solcher Fremdstoffe führt zu einer Veränderung der Gewässer bis hin zur Eutrophierung (also der Anreicherung von Nährstoffen), welche die dort natürlich vorkommende Flora und Fauna noch zusätzlich schädigt.
Für den Bau von Aquafarmen in mariner Umgebung werden außerdem seltene Lebensräume in Küstenregionen zerstört, so zum Beispiel Mangrovenwälder im tropischen und subtropischen Umfeld.
Als wären diese Auswirkungen nicht schon negativ genug, ist die Züchtung und Haltung in Aquafarmen auch keine Lösung für das eigentliche Problem der Überfischung. Der Mensch isst gerne Raubfische, z.B. Lachs. Ein Kilogramm Lachs benötigt in der „Herstellung“ jedoch bis zu vier Kilogramm andere Fische (verfüttert zumeist als Fischmehl bzw. -öl). Um diesen Bedarf zu decken werden jährlich bis zu 20 Millionen Tonnen Wildfisch gefangen und zu Futtermitteln verkocht.
Aquafarming ist also kein wirklicher Lösungsansatz, sondern trägt ebenso zur Ausbeutung der Wildbestände und zur Verschmutzung der Umwelt bei.
Invasive Arten
Wenn der Mensch nun aber Fisch essen möchte (mancherorts auch muss) und weder der Wildfang noch die Haltung den Hunger stillen kann, was könnte man noch tun?
Die menschliche Neigung, Arten durch zu starke Beanspruchung der Bestände auszulöschen, könnte sich in diesem Fall als nützlich erweisen. Global gesehen gibt es viele Arten, die sich an neuen Orten angesiedelt haben oder wurden und den dort heimischen Arten Schaden zufügen. Was wäre, wenn man diese invasiven Arten bejagen und als Lebensmittel verwenden würde?
In Deutschland käme hierfür zum Beispiel die chinesische Wollhandkrabbe in Frage. Seit dem 20 Jahrhundert verbreitete sie sich bis heute in nahezu allen Bundesländern mit einem Fokus auf den Norden des Landes. Die Wollhandkrabbe ist Überträger der Krebspest und schädigt so heimische Krebstier-Bestände. Mancherorts ist ein Fang von bis zu 40 Kilogramm in einer Nacht möglich. Abnehmer sind vor allem asiatische Restaurants und Großmärkte.

Ersten Erfolg hatte dieses Konzept bereits einmal in Berlin, wo seit 2016 der rote amerikanische Sumpfkrebs (ebenfalls Überträger der Krebspest) in Gewässern rund um den Tiergarten auftrat. Seit 2018 wurden die Bestände bejagt, die gefangenen Krebse wurden an Händler, Gastronomen und Privatpersonen verkauft. Der Bestand der Sumpfkrebse in Berlin ist rückläufig, eine vollkommene Auslöschung jedoch unwahrscheinlich.
Außerhalb des Wassers gibt es in Deutschland noch einige andere invasive Arten, deren Schaden und Verbreitung durch eine gezielte Bejagung eingedämmt werden könnte, zum Beispiel Nilgänse, Waschbären und Nutrias (biberähnliche Nagetiere).
Allgemein sehen viele Wissenschaftler die Auslöschung invasiver Arten durch Bejagung als eher unwahrscheinlich an, rein wirtschaftlich ergibt es außerdem nicht viel Sinn, die Bestände vollkommen zu erschöpfen. Eins ist jedoch klar: Ökologisch gesehen ist der Konsum von wildlebenden Eindringlingen, die unser heimisches Ökosystem schädigen, um ein Vielfaches besser als die industrielle Tierzucht (egal ob an Land oder im Wasser).
Was spricht also dagegen? Die dritte Säule der Nachhaltigkeit, das Soziale. Mein persönlich liebster Speisefisch, der Viktoriabarsch, wurde durch den Menschen in den Viktoriasee gebracht und ist dort für das Verschwinden vieler Arten verantwortlich. Eigentlich also gut, ihn aufzuessen (für Europäer ist das natürlich mit einem langen Transportweg verbunden, was wiederum nicht so gut ist). Die große Nachfrage weltweit hat jedoch zu einer Ansiedelung großer Industriefischer am Viktoriasee geführt, welche den traditionellen Kleinfischern ihre Lebensgrundlage nehmen. Regionalität ist also auch in der Regulierung von invasiven Arten durch Bejagung ein wichtiger Faktor.
Mögliche Lösungsansätze
Was bleibt zu tun, wenn der Mensch nicht auf Fisch verzichten kann und/oder will?
Die Sicherung der Bestände ist für die Menschen, die als Grundnahrungsmittel auf Fisch angewiesen sind, unerlässlich. Zum Erreichen dieses Ziel wird von Umweltorganisationen ein nachhaltiges Fischereimanagement vorgeschlagen, welches folgende Punkte beinhaltet:
- Großflächige Meeresschutzgebiete zur Erholung der Arten
- Realistische Fangquoten basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen
- Selektive Fangmethoden, um Beifang auf ein Minimum von maximal 10% zu reduzieren
- Verantwortungsbewusster Umgang mit Beifang (Dokumentation und Anlandung) und Verbrauchsmaterial (Müll)
Was darf ich denn jetzt noch?
Möchte man trotz dieser ganzen Einschränkungen noch Fisch und Meeresfrüchte zu sich nehmen, gibt es einige Dinge, die man beim Kauf beachten kann, um möglichst umweltfreundlich zu agieren.
- Auf Siegel achten: Bioland und Naturland sind zuverlässige Quellen für nachhaltig hergestellte Fischprodukte. Das bekanntere MSC-Siegel steht immer wieder für das Beifangmanagement zertifizierter Fischer in der Kritik, eine Verbesserung der Bedingungen ist jedoch auch hier angestrebt. Vorsicht vor ungeschützten Kennzeichnungen!
- Genaue Herkunft und Fangmethode des Fisches recherchieren/erfragen!
- Einkaufsratgeber von Naturschutzorganisationen (z.B. https://fischratgeber.wwf.de/) verwenden!
- Weniger Raubfische (Lachs, Forelle, Zander etc.) und eher Friedfische (Karpfen, Wels, Stör etc.) essen!
Lasst uns gerne, entweder in den Kommentaren oder über Social Media, wissen, ob ihr weitere Themen aus dem Bereich Umwelt, Klimawandel oder Naturschutz habt, über die ihr gerne in der speakUP lesen wollt.
[1] https://www.greenpeace.de/themen/meere/fischerei (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Stellnetz (zuletzt aufgerufen am 02.05.2021)
[3] https://www.greenpeace.de/themen/meere/fischerei/nachhaltige-fischerei-was-versteht-greenpeace-darunter (zuletzt aufgerufen am 02.05.2021)
[4] https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/essen-trinken/fisch#hintergrund (zuletzt aufgerufen am 02.05.2021)
[5] https://www.zeit.de/zeit-magazin/essen-trinken/2019-10/invasive-arten-tiere-umweltschutz-wollhandkrabbe-oekologisches-gleichgewicht/komplettansicht (zuletzt aufgerufen am 02.05.2021)
[6] https://neobiota.bfn.de/fileadmin/NEOBIOTA/documents/PDF/EU-VO-Art-19_MMB-Eriocheir-sinensis_Version-2018-02.pdf (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[7] https://www.greenpeace.de/themen/meere/warum-seelachs-warum-nicht-viktoriabarsch (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[8] https://www.bund.net/meere/belastungen/fischerei/aquakultur/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[9] https://www.bund.net/meere/belastungen/fischerei/beifang/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[10] https://www.greenpeace.de/themen/meere/fischfang-ohne-fischer (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[11] https://www.bund.net/meere/belastungen/fischerei/ueberfischung/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[12] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1905/umfrage/entwicklung-des-pro-kopf-verbrauchs-an-fisch-in-deutschland/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[13] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/182383/umfrage/gesamte-fischproduktion-aus-fischfang-und-aquakultur-seit-2004/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[14] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/296612/umfrage/konsum-von-fleisch-weltweit-nach-fleischart/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[15] https://www.bzfe.de/lebensmittel/vom-acker-bis-zum-teller/fisch/fisch-gesund-essen/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)
[16] https://fischratgeber.wwf.de/kaufempfehlungen/ (zuletzt aufgerufen am 02.05.2021)