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Was haben eine WG in einem Hochhaus, ein Waschsalon mit Kneipe und ein Kunst- und Kreativhaus in einem ehemaligen Rechenzentrum gemeinsam? An all diesen Orten gibt es in Potsdam Freifunk: Kostenloses und freies Internet, in das sich jede_r einwählen kann. Ohne Passwort, ohne Registrierung, ohne Zeitlimit.

Wir sitzen in der Waschbar. Die Sitzkojen erinnern an einen amerikanischen Diner. Auf dem Tisch, zwischen den roten Polsterbänken, haben die Potsdamer Freifunker zwei Router, einen Stapel Flyer und einen Laptop drapiert. „Damit du uns gleich findest“, sagt Carsten Natzke und lacht. Ich quetsche mich zwischen Bank und Tisch und betrachte die TP-Link-Router, auf denen das freie Betriebssystem OpenWRT installiert ist.

Wir trinken alkoholfreies Bier, neben uns drehen die Waschmaschinen ihre Runden. Die Waschbar ist ein Waschsalon mit Kneipe, es gibt aber auch Burger oder Chili con Carne, Konzerte, Partys – und freies Internet. „Für uns war hier schon immer Freifunk“, sagt Carsten. Seit 2013 sind er und Sven Reißland bei Freifunk Potsdam aktiv.

Die Waschbar war eine der ersten Locations, die von den 2006 gegründeten Freifunkern in Potsdam mit freiem W-LAN ausgestattet wurde. Heute steht der Austausch des Routers an. „Wir schalten die Verbindung zum VPN ab. Der wird wegen der abgeschafften Störerhaftung nicht mehr benötigt“, erklärt Sven.

Bye bye, Störerhaftung

Wegen der Störerhaftung konnten Betreiber eines offenen WLANs belangt werden, wenn jemand eine Urheberrechtsverletzung oder eine andere Straftat über ihren Internetzugang begangen. Aus Angst vor Abmahnung öffneten deshalb in Deutschland nur sehr wenige ihre WLANs und schützten sie stattdessen mit Passwörtern. Doch die Freifunk-Community wuchs, die Freifunker umgingen die Störerhaftung mit einem Trick: Die Router tunnelten die Daten über VPN-Server ins störerhaftungsfreie Ausland oder über Server eines Vereins mit Providerprivileg, welches den Verein bei der Übermittlung verbotener Nachrichten, dem Postboten ähnlich, vor strafrechtlichen Konsequenzen schützt.

Wer ein offenes W-LAN ohne Risiko wollte, konnte sich an die Freifunker wenden. So gewann Freifunk an Popularität. Mitte 2017 wurde die Störerhaftung abgeschafft. Internetanschlüsse können seitdem ohne Sorge geteilt werden. Das VPN kann wieder weg.

Carsten klickt sich an seinem Thinkpad durch die Weboberfläche des Routers. Er hat Zuhause alles vorbereitet und konfiguriert nur noch den letzten Schliff. „Wir setzen auf Turnschuhadministration“, sagt Carsten und schmunzelt. Viele Administrationsaufgaben könnten die Freifunker auch von Zuhause oder unterwegs erledigen. Auf die Router kann man über das interne Netzwerk „Potsdam-VPN“ zugreifen. Doch die Freifunker sind lieber vor Ort, in Kontakt mit den Leuten. „Dann kriegt man auch mehr Essen und Getränke.“ Carsten lacht.

Sie kümmern sich vor allem um die Router in den größeren Locations, aber auch Private können ihren Internetanschluss teilen und so das Freifunk-Netz in Potsdam vergrößern. „Die erledigen das meistens selber oder kommen zu einem Freifunk-Treffen und wir richten das gemeinsam mit ihnen ein“, erklärt Sven.

Eine Karte mit vielen Punkten

Auf einer Karte zeigen sie mir die unterschiedlichen Standorte. 159 Router zählt das Netzwerk von Freifunk Potsdam im Moment. Durchschnittlich werden 150 bis 200 Gigabyte Daten pro Tag übertragen. Viele Router haben keine eigene Internetverbindung, sondern verbinden sich zu anderen Routern im Freifunk-Netz. Ein Mesh-Netzwerk, in dem ausgefallene Router oder Internetverbindungen, durch andere Routen durch das Netzwerk aufgefangen werden können.

Allein im Kreativhaus befinden sich 14 aktive Freifunkrouter – das grüne Dreieck kennzeichnet den Uplink Freifunk Potsdam Access Point Database Map

„Mich reizt es, zwei Standorte miteinander zu verbinden, ohne über das Internet zu gehen“, erklärt Carsten seine Motivation. Mit Richtfunkroutern überbrückt der Fachinformatiker Strecken von mehreren hundert Metern. Die längste Strecke sind 1,8 Kilometer, mit einer „1A Verbindung“, wie Carsten betont. Schnell wird klar, dass Freifunk mehr ist als nur eine freie Verbindung ins Internet ist. Gerade tüfteln sie daran, wie sie die Freifunknetze von Potsdam und Berlin verbinden könnten.

Manchmal ist Freifunk aber auch die Verbindung ins Internet. Immer wieder ist die Rede vom Rechenzentrum. Auf der Karte sieht das Gebäude aus wie eine Tafel Rittersport Vollnuss, aus der die mittleren Stückchen gegessen wurden. Die asymmetrisch verteilten grünen Punkte könnten die Nüsse sein – sind sie aber nicht. Es sind zahlreiche Freifunk-Hotspots über die sich die Kunstschaffenden und ihre Besucher_innen im „Kreativhaus Rechenzentrum“ mit dem Internet verbinden können.

Die Server haben das Gebäude, in dem zu DDR-Zeiten unter anderem Einwohnerdaten verarbeitet wurden, längst verlassen. Heute befinden sich auf den mehr als 5000 Quadratmetern Bilder, Kunstwerke, Büros und Freifunk-Router. „Als die ersten Büros bezogen wurden, gab es keinen Internetanschluss im Gebäude. Wir haben das Gebäude mit Antenne und Router bestückt. Die Künstler konnten sich dann über das Freifunk-Netzwerk mit dem Internet verbinden“, erklärt Sven. Linien zwischen den vielen Punkten und Dreiecken – Routern mit Verbindung ins Internet – zeigen auf der Freifunk-Karte, wie das Mesh-Netzwerk aufgebaut ist.

Mittlerweile hat das Rechenzentrum einen eigenen Internetanschluss. Doch die Freifunk-Router sind geblieben und versorgen das Gelände weiter mit freiem Internet.

Eine Verbindung in die Weinberge

Manchmal geht es aber auch ganz ohne Internet. In der Nähe des Schlosses Sanssouci befindet sich der Winzerberg. Besucher_innen können sich dort mit dem gleichnamigen W-LAN verbinden und etwas über die Geschichte der langsam verfallenden Terassenanlage lernen. Der Audioguide wird nicht etwa aus dem Internet geladen, sondern von einem Raspberry Pi über ein lokales Freifunk-W-LAN ausgestrahlt. Das schont nicht nur das Datenvolumen von Smartphone-Besitzern, sondern lässt sich durch eine Anbindung an das Freifunk-Mesh auch von jedem anderen Freifunk-Hotspot abrufen.

Die Freifunker machen auch eine regelmäßige Radiosendung. CC-BY 3.0 Freifunk Potsdam

Aktuell testen die Potsdamer Freifunker einen Freifunk-Router in einer Alu-Box mit Solarzelle. Sie soll unabhängig vom Stromnetz funken. „Wir sind gespannt auf die dunkle Jahreszeit“, sagt Sven. „Mal schauen ob er es über den Winter schafft, online zu bleiben.“ Bisher hat er fünf Tage trübes Herbstwetter mit spärlichen Sonnenstrahlen überstanden.

Einen Tag halten die Router durch, die Sven „Event Freifunk“ nennt. Mehrere Router mit jeweils einer Powerbank können eine Veranstaltung mit Freifunk versorgen. Auf diese Art brachten die Freifunker offenes WLAN auf Straßenfeste und Demonstrationen. Das Internet kommt entweder über Mobilfunk oder über das Potsdamer-Freifunk-Mesh.

Mit jedem Satz der beiden Aktivisten wird klarer, wie vielfältig das Freifunk-Netz ist. Dass sie alle zwei Monate eine zweistündige Radiosendung im freien Radio Potsdam spielen, kam noch gar nicht zur Sprache. Dann kommt das bestellte Chili und es werden andächtig Tortilla-Chips in den scharfen Tomateneintopf gedippt. Es ist spät geworden in der Waschbar. Der Router ist längst getauscht und eingerichtet. Hätte er einen Lüfter, würde er gemütlich vor sich hin surren. Die leeren Chili-Teller werden weggeräumt. Ein letztes Mal benutze ich den Potsdamer Freifunk und suche eine Bahnverbindung zurück nach Berlin.

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Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.08.2020 von Boris Buchholz

Stephen Defty lässt die Scheiben fliegen: Er ist elfmaliger Deutscher Discgolf-Rekordmastermeister (das sind beim Sport um die Plastikwurfgeschosse die „alten Herren und Damen“), 13-maliger Berliner Meister, Vize-Europameister der Grandmaster Spielklasse, er nahm an zwei Weltmeisterschaften teil. Auch mit 63 Jahren lässt er die Frisbee nicht ruhen, leitet die Wurfscheiben-Abteilung beim SC Siemensstadt und betreut mit Manuel Franz vom TuS Lichterfelde den neuen Discgolf-Parcours am Teltowkanal (ich berichtete). Seine fünf Kinder besuchten die John-F.-Kennedy-Schule, die Familie wohnt in Düppel.

Herr Defty, Sie haben Anfang der 1980-er Jahre den Discgolf-Sport aus den USA nach Berlin gebracht. Wie kam es, dass sie damals nach Berlin zogen – und blieben? Meine Uni in Boston hatte eine Austauschprogram in Tübingen, wo ich meine erste Frau kennengelernt habe. Sie war Lankwitzerin, lud mich zum Besuch ein, und – sehr verkürzt – so sind aus einem Besuch von drei Tagen inzwischen fast vierzig Jahre geworden. Berlin habe ich immer geliebt, mit zwei Kindern aus der ersten Ehe und jetzt drei Kindern aus der zweiten Ehe war Bleiben selbstverständlich.

Was fasziniert Sie so an fliegenden Scheiben? Ich und die Frisbee kamen beide im Sommer 1957 zur Welt und ich habe schon immer mit der alten „Frisbee“, so hieß der geschützte Markenname damals, Scheiben hin und her gespielt. Faszinierend waren für mich immer die Schwebefähigkeit und die Kurvenwürfe, so etwas macht kein Ball. Discgolf find ich toll, weil es unter freiem Himmel gleichzeitig richtiger Wettkampfsport sein kann und aber auch ein Freizeitvergnügen. Alle Alten können spielen, man kann es alleine genießen, Männer und Frauen können gut spielen, es ist gar nicht teuer und man wird schnell besser. Ich habe Discgolf erst auf meiner Uni gespielt, mit Objekten wie dem Fahnenmast oder einem Feuerhydrant als Ziele. Einen richtigen Discgolf-Korb habe ich zuerst hier in Deutschland gesehen. Discgolf selber ist Ende der 1960-er Jahre in Kalifornien mit der Erfindung des Korbs von Ed Headrich entstanden.

Ich stelle mir vor, dass die Vitrine mit Ihren Trophäen aus allen Nähten platzt – machen Ihnen Ihre Kinder bereits Konkurrenz? Es gab schon viele Trophäen, aber über die Jahre habe ich fast alle meine Pokale umgewidmet, quasi recycelt, und sie anderen Spielern bei diversen Turniere übergeben. Zum Beispiel beim großen Familienturnier in den USA, bei dem meine Tochter Lucy die jüngste Siegerin in 35 Jahren war. Sohn Ben, er ist 15, kann auch schon gut spielen, ist aber Vollblut-Basketballer bei TuSLi. Schlagen können sie mich noch nicht…

Sie sind Psychologe und arbeiten als Erzieher für die Genossenschaft Cooperative Mensch, früher hieß sie Spastikerhilfe. Wie geeignet ist Discgolf für Menschen mit Behinderung? Das kommt natürlich auf die Behinderung an. Super ist Discgolf für Gehörlose; Rollisportler und Gehbehinderte können auch gut spielen, wenn das Gelände es zulässt. Man muss – anders als bei vielen anderen Sportarten – nicht schnell sein, fangen oder gegen andere kämpfen.

Bieten Sie beziehungsweise TuSLi inklusive Discgolf-Angebote an? Wir haben den Parcours gerade erst eröffnet und haben vieles vor. Da habe ich schon viele Ideen.

Durch Corona blieb dieses Jahr die Frisbee am Boden: Die 33. Berliner Discgolf Open wurden abgesagt – wann geht der Wettkampf-Betrieb für die Sportlerinnen und Sportler wieder los? Mit über 200 Parcours in Deutschland finden normalerweise jedes Wochenende zwei oder drei Turniere statt. Dieses Jahr fiel natürlich alles aus. Discgolf lässt sich aber exzellent sozial „gedistanced“ spielen und legt gerade jetzt wieder los. Wir Discateers vom TuSLi haben gerade an dem Team Cup in Potsdam teilgenommen und die Deutsche Meisterschaft wird wie geplant in Salzgitter im September gespielt. Darauf freuen wir uns alle.

Foto: privat

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de