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Antimilitaristische Positionen haben es schwer, wenn Rüstungsaktien steigen. Foto: Rheinmetall Entwaffnen / Quelle: Twitter

Der Ukraine-Krieg hat zu Verwerfungen auch unter Linken geführt. Was tun gegen Militarisierung nach innen und außen? Ein Ratschlag in Berlin gab dazu wichtige Anregungen

8. September 1943. Kaum jemandem in Deutschland wird dieses Datum etwas sagen. An diesem Tag schloss Italien einen Waffenstillstand mit der der Anti-Hitler-Koalition. Für das Naziregime war dies eine besondere Schmach. War das Mussolini-Regime doch Vorbild für die NS-Bewegung und spätestens seit 1935 enger Verbündeter.

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Dass Italien nun ausscherte, lag an den Machtkämpfen im herrschenden Regime nach den ersten Niederlagen des Bündnisses mit Deutschland. Die deutsche Wehrmacht griff nun direkt in Italien ein, Mussolini wurde nun als Regent eines deutschen Marionetten-Regimes wieder eingesetzt und viele der ehemals verbündeten Soldaten wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Im Berliner Bezirk Schöneweide erinnert eine Gedenkstätte an die lange wenig bekannte Geschichte der Zwangsarbeit für die deutsche Industrie. Davon profitierten auch Rüstungskonzerne wie Rheinmetall. Deshalb nahmen die antimilitaristische Initiative Rheinmetall Entwaffnen und die Organisation Migrant Strikers Berlin, die Lohnabhängige aus anderen Ländern mobilisiert, den 80. Jahrestag des Beginns der Zwangsarbeit für tausende italienische Soldaten zum Auftakt für ein antimilitaristisches Wochenende.

Hier saßen nicht Linke aus Deutschland zusammen, die sich über ihre Haltung zum Krieg in der Ukraine streiten, wie das in den letzten 18 Monaten häufig vorgekommen ist. Hier gab es auch kein "Westsplaining", wie der Vorwurf der Linken heißt, die manchmal für mehr Waffen in die Ukraine eintreten, als sie die Bundesregierung erlaubt. Dabei wird immer wieder auf die Wünsche von Linken in der Ukraine verwiesen.

Dass es auch andere Stimmen gibt, zeigte sich bei dem Internationalen Ratschlag "Wir müssen handeln. Die Linke und der Krieg". Dafür wurden im ersten Block Linke aus der Ukraine und aus Russland zugeschaltet. Sie gehörten den eher kleinen kommunistischen Gruppen "Arbeiterfront der Ukraine" (RFU) und "Russische Arbeiterfront" (RTF) an. Beide Organisationen kämpfen gegen den Nationalismus in ihren jeweiligen Ländern und die Politik ihrer Regierungen.

So wendet sich die RTF entschieden gegen den russischen Imperialismus, lehnt es aber ebenso wie ihre ukrainischen Genossen von der RFU ab, in diesem Krieg Partei zu ergreifen. "Das ist nicht unser Krieg. Lasst uns gegen den Nationalismus und die Angriffe auf die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter in unseren Ländern kämpfen".

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Darin waren sich die russischen und ukrainischen Aktivist:innen einig. So schilderte eine Aktivistin der RFU, wie in der Ukraine verstärkt Arbeiter- und Gewerkschaftsrechte ausgehebelt werden. Diese Entwicklung ist gibt es schon länger, sie hat aber nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine noch einmal zugenommen.

Mitglieder von RFU und RTF zeigten sich verwundert, dass selbst manche Linke in Deutschland und anderen westlichen Staaten so viel von der Verteidigung der Ukraine reden – und dabei meist nur in militärischen Dimensionen denken. "Warum gibt es so wenig Unterstützung bei unseren Kampf gegen die Einschränkung der Arbeiter:innenrechte?" Diese Frage richtete sich auch an die Teilnehmenden des Ratschlags.

Zwei zugeschaltete Rednerinnen des Kollektivs Non Una di Meno aus Mailand berichteten über ihre antimilitaristische Arbeit, die sie aus der trans- und queerfeministischen Perspektive beschreiben. Ein zentraler Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der Kampf gegen Militärbasen, aber auch gegen die Militarisierung des Bildungswesen, die sich in Italien unter der aktuellen Rechtsregierung verstärkt.

Die Aktivistinnen schilderten anschaulich, wie sie in ihren Kampagnen den Kampf gegen die steigenden Militärausgaben mit dem aktuellen Widerstand gegen hohe Inflation und die Abwälzung der Krisenkosten auf die Bevölkerung verbinden. "So kann es auch gelingen, Menschen aus der Arbeiterklasse für den Kampf gegen Militarismus gewinnen, wie das in der alten Arbeiterbewegung bis in die 1990er-Jahre noch gute Praxis war."

Dieses Ziel hat auch Kollektiv CALP, in dem sich Hafenarbeiter aus Genua organisiert haben, die zusätzlich meist noch in linken Basisgewerkschaften aktiv sind. Maurizio Gueglio berichtete, wie die organisierten Hafenarbeiter schon seit mehreren Jahren Aktionen gegen den Transport von Rüstungsgütern über italienische Häfen in kriegführende Staaten organisieren.

Mehrmals haben die Arbeiter Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien, aber auch in die Ukraine blockiert. Daneben organisieren die italienischen Antimilitaristen auch große Demonstrationen, in denen der Zusammenhang zwischen den Kürzungen im sozialen Bereich und der Aufrüstung in den Mittelpunkt gestellt wird.

Diese Frage ist auch in Deutschland aktuell, doch wesentlich schwieriger zu vermitteln, wie Jürgen Wagner von der Informationsstelle Militarisierung sehr anschaulich dargelegte. So sei er regelrecht beschimpft worden, als er bei einem Treffen des globalisierungskritischen Netzwerks Attac wenige Tage nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine auf antimilitaristischen Positionen bestanden habe.

Über ähnliche Erfahrungen in der außerparlamentarischen Linken berichteten auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Ratschlags in der Abschlussrunde, in der um "Vernetzung und Praxis" ging. Dort wurde auch von einem Generationsproblem gesprochen. So habe man mit den jüngeren Menschen vom Bündnis Zwangsräumung verhindern in Berlin, das sich dagegen engagiert, dass Menschen mit wenig Geld aus ihren Wohnungen geworfen werden, nicht über antimilitaristische Positionen reden können.

Da stellt sich die Frage nach dem Grund gerade in außerparlamentarischen linken Bündnissen, in denen ja durch eine gemeinsame Praxis schon ein gewisses Vertrauensverhältnis bestehen müsste. Liegt es an der Angst, sich mit einen gesellschaftlich heiklen Thema zu beschäftigten? Oder ist es die Wirkung des deutschen Nationalismus, der paradoxerweise auch und gerade in linken Kreisen Einzug gehalten hat, die sich mit ihrer besonderen Beschäftigung mit der deutschen Geschichte Verdienste erworben hatten?

So berichtete Jürgen Wagner, dass er sich in der eher antideutsch orientierten Antifa-Bewegung politisiert habe. Da habe es schon vor bald 25 Jahren einen Bruch gegeben, weil ein Großteil seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter schon Ende der 1990er-Jahre den Krieg gegen Jugoslawien unterstützt habe.

Damals aber gab es auch im Umfeld von Zeitungen wie der Jungle World noch einen klaren Widerstand dagegen, dass ausgerechnet Deutschland wieder in den Ländern Krieg führt, in denen die Wehrmacht schon schwere Verwüstungen und Massengräber hinterlassen hat.

Das war noch ein Abglanz der "Deutschland- Halts-Maul" Position der 1990er-Jahre. Davon ist heute bei Zeitungen wie der Jungle World nichts mehr übriggeblieben. Noch schlimmer: darüber wird nicht einmal mehr kritisch diskutiert.

Daher war der internationale Austausch in Berlin schon ein Wert an sich. Denn dort wurde miteinander geredet. Wenn nun das Motto des Ratschlags lautet "Wir müssen handeln" war es natürlich ein hoher Anspruch. Aber gerade die Beiträge aus Italien können ein gutes Beispiel sein.

Auch in Deutschland wird im sozialen Bereich gekürzt und die Hetze gegen Menschen, die Lohnersatzleistungen ziehen und angeblich gar nicht oder nicht um jeden Preis arbeiten wollen, beziehen, wird von bürgerlichen Parteien von der AfD bis zur FDP verstärkt. Da muss man nur an die Debatte um das Bürgergeld und die Kindergrundsicherung denken.

All dies sind Schritte zur Formierung einer militarisierten Gesellschaft, die kriegsbereit gemacht werden soll: Während die Aktien der Rüstungskonzerne steigen, sollen Menschen mit wenig Einkommen den Gürtel enger schnallen. Dieser Zusammenhang sollte bei jeden Sozialprotest, bei jeder Kundgebung gegen Sozialabbau und Teuerung klargestellt werden. So könnte der Kampf gegen Militarisierung und Krieg auch wieder in größeren Teilen der Gesellschaft in Deutschland an Boden gewinnen. (Peter Nowak)

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This month, Meghan, the Duchess of Sussex, was photographed wearing a “biosignal processing disc” affixed on her left wrist. The product, sold by a company called NuCalm, promises to transmit signals to the brain that makes the wearer feel peaceful and relaxed. NuCalm has reportedly been used by sports coaches and active military members to combat the high-stress lifestyle that comes with their jobs.

The brand’s website is filled with so much jargon that it should be studied in every marketing class: allegedly, NuCalm’s “neuroacoustic technology” harnesses oscillations, frequencies and vibrations to change a person’s brain waves. The “NuCalm experience” is reportedly “fast-acting, deep, and long-lasting”.

NuCalm sent me a pack of stickers free of charge, which I used for this story. After I unwrapped the package, these discs looked just like the type of stickers you’d find at a toy store. There was no extra heft or weight. They really were just stickers, as far as I could tell.

“It does indeed just look like a sticker,” Matthew Burke, a cognitive neurologist and assistant professor at the University of Toronto, told me. “NuCalm is not actually claiming that they’re processing signals from the body such as heart rate or skin conductance and analyzing that data. They’re just saying that these stickers pick up on bio-frequencies, which somehow exist, and fixing those.”

If one is to believe the NuCalm website, and its bullish CEO, Jim Poole, this “technology” is something like a miracle cure, providing the type of anxiety-relieving effects some people take pills for. “Change your mental state with no drugs,” screams a banner on the website.

NuCalm’s primary service is a system that involves downloading an app, where users can find ambient, spa-sounding music. The idea is to listen to it with an eye mask on, while wearing the stickers, for 10 to 15 minutes. The result is supposed to give you the best nap of your life – 20 minutes of NuCalm rest is akin to about two hours of regular sleep, according to NuCalm.

The system is based on NuCalm’s original product, a $6,000 FDA-approved medical device sold to doctors, which pulsed micro-currents into the cranium to reduce stress. According to Poole, the company decided to pivot to selling its app subscription and stickers in an effort to reach more people.

Now, Poole advises using the stickers during a session with the ambient sound app. “The disc is an add-on,” he said. NuCalm used to sell anti-anxiety tablets and cream, but the company settled on stickers after years of testing.

If you don’t want to use the full system, the sticker can be worn by itself, as Meghan did. Be warned, as the sticker’s packaging told me: “Do not wear the NuCalm while driving or operating machinery.”

Can a little sticker be Xanax-grade? Most of us with an ounce of critical thinking skills might think: probably not. Guy Leschziner, professor of neurology and sleep medicine at King’s College London, told the Telegraph that the brand’s promised results “stretch the realms of credibility”.

portrait of duchess

When it comes to alternative health products, I am not a hard-nosed cynic. I’ve studied my birth chart. I love talking about my pelvic floor. But when I slapped a sticker on my wrist, I felt nothing – no vibe shift, no wave of zen, just the slight annoyance that comes with feeling totally punked.

It’s easy to dismiss these stickers as merely pointless. But I am one of the 40 million adults in this country who lives with an anxiety disorder and has to navigate the hellscape that is the American mental health care system. It’s nearly impossible to find a good therapist who is accepting clients these days – and I’m lucky enough to have a pretty decent insurance plan. I don’t take kindly to brands that exploit this crisis to make a buck. Giving someone who’s just had a panic attack a stress sticker feels akin to asking them if they’ve ever tried meditating or taking a few deep breaths. We need something that works.

Christy Harrison, a journalist and author of The Wellness Trap, which critiques the self-help industry, agreed with me. “These kinds of companies are preying on people’s vulnerabilities – whether intentionally or not – because there’s a real void in our healthcare system for addressing issues of mental health,” she said.

One of NuCalm’s most enthusiastic promoters is Tony Robbins, the infamous self-help guru who became a millionaire through hawking cheesy personal development seminars that often involve guests walking barefoot over hot embers or coals.

NuCalm’s website is full of psychobabble that felt intentionally misleading, like when you ask a salesman a direct question and he instantly changes the topic. But if you can manage to follow the website’s claims, everything sounds pretty impressive. That includes the assertion that Harvard Medical School researchers found using the system for 20 minutes can “give you the benefits of over 2 hours of restorative sleep”.

I spoke with Chung-Kang Peng, who directed the lab that ran that study. He said the results had never been published. Peng did think the relaxation effect that came from using NuCalm was “quite impressive” But the study had too small of a sample size to be conclusive, so it was never published.

How small? About 12 people, Emma Cui, who ran the study as a postdoc student, told me. She can’t remember the exact number, though, because this study took place 10 years ago.

Peng’s team was also studying the older version of NuCalm, which included cranial electrical stimulation – notthe subscription as it’s sold now, or the stickers. Anyone who doesn’t read NuCalm’s website too closely might miss this fact, and think that the Harvard study relates to the brand’s current offerings.

The brand also says that its product produces “clinical-grade results”. But what does that mean, exactly? Next to nothing, says Rina Raphael, author of The Gospel of Wellness: Gyms, Gurus, Goop and the False Promise of Self-Care, because “clinically proven” is not a regulated term. “Anyone can use that term for basically anything,” she said. “It does not mean that their product has been proven to be effective.”

a nucalm sticker - blue, round shape with circles on it that says ‘nucalm pro 002’

Raphael refers to NuCalm’s barrage of official-sounding data as “science washing”, which is when companies attempt to validate their products with impressive-sounding but meaningless claims.

“The average reader sees that and thinks, ‘Wow, look at all this evidence,’ but that doesn’t necessarily mean that their exact product is effective,” she added.

I called Poole, the brand’s CEO, and asked him to put in simple terms how frequency stickers work.

“I can tell you with great confidence: 99%of the human population still doesn’t understand this,” Poole explained.

Poole is not a neuroscientist. He does have a BA in psychology and says he worked in mental health facilities for five years before getting an MBA. He then worked on Wall Street doing mergers and acquisitions of medical device companies. Poole took NuCalm over from Dr Blake Holloway, a naturopath, 14 years ago. (Holloway died in 2020.)

Explaining the product, he said: “We’re gonna go hardcore, high-level science.” Inside the sticker, Poole said, is a Tesla coil. That’s a device invented by Nikola Tesla in 1891 that produces high voltage. The sticker also has a “metallic design” that Poole describes as a “six-layer multi-wave oscillator”. This holds the sticker’s “energy source”.

According to Poole, said energy taps into the “pericardium meridian”, a pathway that, according to traditional Chinese medicine (TCM), flows to the heart. The disc, he says, presents the brain with Gaba, a neurotransmitter known to produce a calming effect on the body. (People seeking an alternative to pharmaceuticals sometimes buy Gaba supplements to reduce stress, though there’s limited evidence this works.)

In the middle of this rundown, Poole interrupts himself, scoffing: “I can’t imagine any of this is print-worthy for the consumer, but I’m trying to help you understand what we do, OK?”

I agree with him: this all sounds like gibberish. Poole may think that he’s testing my intelligence with his product description, but it feels more insulting to me. Before shelling out $80 for a pack of stickers, customers deserve a coherent explanation of how something works.

Also: I cut the sticker in half, and saw no visible coil.

man holding large ring the size of his torso

Poole insisted that NuCalm has been “working with the Department of Defense for 13 years”, though did not provide corroboration of this claim to me. He also said that he lectures at the Pentagon and trains FBI recruits at Quantico. Representatives for the FBI and DoD declined my request for comment, although the Guardian has learned that NuCalm is not covered as a health benefit under the DoD’s plan.

A representative for the military operational medicine research program (MOMRP) said its department “is aware of NuCalm” but was unable to comment. “This most likely [means] MOMRP is not involved with the product,” the representative added.

It’s unclear how these agencies might use NuCalm – whether they are working with the original FDA-approved medical device, or the current system of stickers, ambient music and an eye mask.

Poole also said that FedEx pilots used NuCalm to improve pilot safety and reduce fatigue. A representative from the Air Line Pilots Association, a pilots’ union, said that FedEx had worked with NuCalm to offer the app system to their pilots. This rep added that the union does not officially endorse NuCalm.

NuCalm claims that it has been used in “2,000,000 surgical procedures as a replacement for general anesthesia without a single reported adverse event”, which, again, I could not confirm.

One small study from 2019 compared the use of NuCalm as an alternative to anesthesia in rhinologic procedures, saying it “may enhance pain control and anxiety management”. There are dentist offices around the country that use NuCalm and cranial electrical stimulation to help reduce pre-appointment jitters.

Burke, the neuroscientist, believes that a wellness sticker could potentially help someone chill out – though not for the reason advertised.

“If these products work, it’s almost certainly because of the placebo effect,” he said. “The likely explanation is that these stickers help people through the psychological intervention of making them feel like they are being treated.”

When people are put in a state where they expect to get better, it changes the brain biologically. The placebo effect kicks off a reaction that releases endorphins and dopamine, two neurotransmitters known for making people feel good. Those effects won’t cure anyone – a patient with cancer will still have cancer – but they might feel a little less depressed, more hopeful, in less pain.

Is that such a bad thing? Burke warned that when people feel good because of a placebo, they’re less likely to seek out treatment that might work more permanently.

“If someone believes that their bio-frequencies are out of whack, they might not address some of the actual underlying factors that might be driving their depression, insomnia, or pain,” Burke said.

A NuCalm press image shows woman wearing eye mask, patch and headphones

Dr Tara Swart, a neuroscientist and senior lecturer at MIT Sloan School of Management, told me it was a “red flag” that NuCalm doesn’t list the ingredients in its sticker. (On the site, it says the patch is made of “a proprietary blend of inhibitory neurotransmitters”.)

“I just can’t trust anything that isn’t open about its ingredients,” Swart said. “The website is confusing, because it says the patch is using frequencies, but it also says it’s releasing a substance through your skin. I’d like to know what that substance is. Why the secrecy?”

Kristofer Rau, an assistant professor of neuroscience at Virginia Tech Carilion School of Medicine, was similarly skeptical. He found it difficult to make sense of NuCalm’s meandering explanation of how the stickers work.

“NuCalm’s site has a lot of descriptions of biological mechanisms and various neurotransmitters, and there’s a lot of accuracy in those descriptions, but they tie in a lot of wild assumptions about what their product does,” he said. “That’s what a lot of biotech companies do when they’re trying to sell their stuff. Without any specifics or better research, it comes off as quackery.”

I wanted to speak to a true NuCalm believer, so I found Kacie Corbelle, a 37-year-old hair and makeup artist who lives in Boston, on TikTok. She spent $2,000 on her NuCalm subscription back in 2020, when she was stressed out and unemployed due to Covid lockdowns.

Corbelle’s friends describe her as an “al dente hippie” – not entirely a crunchy, granola type, but certainly willing to venture outside the mainstream. She’s a proponent of “biohacking”, a Silicon Valley buzzword for “optimizing” your body in hopes of living better and longer.

“My family literally doesn’t understand,” she said. “I know it sounds crazy, but when I use it, dude, I feel like I go to a different planet, a different universe.” Corbelle lost 110lb in a year, which she credits in part to NuCalm.

Part of what drew her to the system was the suggestion that “high-powered people” rely on it to get things done. “I think a lot of CEOs will use it during lunchtime, and I’m just this makeup artist from Boston,” she said.

NuCalm’s marketing touts testimonials from Jim Kwik, a “brain coach” who sells speedreading workshops. Terry Tallen, a 1970s college football star and current CEO of his eponymous investment group, is also a fan. He helped train the Golden State Warriors in how to use NuCalm during the 2018 season.

In a statement sent to Page Six, Poole added that “hundreds” of celebrities rely on his company, but he would not share any names to respect their privacy. “If an athlete or celebrity wants to share, that is their prerogative,” he added.

Even before Goop, pseudoscientific products have long relied on the super-rich to legitimize their products. Robert MacDougall, a professor at Ontario’s Western University who studies pseudoscience, said that the discovery of electricity in the late 19th century coincided with the dawn of the electrical medicine fad, when it was en vogue to carry around belts that pulsed mild currents through the body. Some men wore these devices near their groin, in an attempt to increase their sexual potency. Patients were usually part of the Gilded Age’s aristocracy: it was believed that members of the upper class had finely tuned nervous systems and were more susceptible to mood disorders.

“In a weird way, these were almost fashionable disorders, which could be a status symbol: it was a sign that you were highly civilized and evolved,” MacDougall said.

In the 1930s, a San Diego optics engineer named Royal R Rife claimed that a machine he invented used electromagnetic waves to destroy bacteria. He went so far as to say his device cured 15 “hopeless” cancer patients in 30 days. The American Medical Association banned the use of his beam ray, which his supporters said was part of a vast conspiracy to cover up his supposedly brilliant work. To this day, there are contraband clinic operators who offer Rife machine treatment.

In 1996, a Washington state couple were convicted of medical fraud and spent time in prison after posing as doctors and fraudulently claiming their Rife machine could cure cancer. At least one patient died in their care after opting for the Rife treatment over a surgery that could have saved his life.

Richard Eaton still believes in Rife’s machine. He is the president of AlphaBio Centrix, another stress patch company he says his father founded after working on a contract to produce space suits with Nasa. (The contract, he says, fell through, and the agency never actually used the product.) Eaton counts Rife as a pioneer in the bio-frequency industry who was unfairly targeted.

“His machine worked, but big pharma could not make money off of it, so they went back to pills,” he said. I told him that sounded conspiratorial. “A little bit,” he said. “But I don’t think so.”

person in spacesuit

In 2017, AlphaBio Centrix produced a white-label version of its stickers for a company called Body Vibes, which promised to “rebalance the energy frequency in our bodies”.

Gwyneth Paltrow’s lifestyle brand Goop began stocking Body Vibes, advertising the stickers as made with “the same conductive carbon material Nasa uses to line spacesuits so they can monitor an astronaut’s vitals during wear”.

Then a representative from Nasa told a Gizmodo reporter that its spacesuits were not lined with “any conductive carbon material”. The former chief scientist at Nasa’s human research division called Body Vibes “a lot of BS”. Goop issued an apology and no longer stocks the stickers.

Eaton agrees that Body Vibes was “blasting out false information” about its products, but says it was all a misunderstanding. “Nasa ultimately did not develop my dad’s material,” he said. “Gwyneth Paltrow and Body Vibes didn’t know how to develop the vocabulary of their marketing.”

Another brand of stress stickers, ZenPatch, says it uses a “specially-crafted formulation of essential oils” to calm its customers down. On Amazon, where a pack of 24 goes for $14.99, it’s marketed to children – or, more accurately, parents who wish their kids would chill out.

The stickers are shaped like cartoon animals, and one ad features a photo of a young boy lying on the grass, staring hazily at the camera as if he’s just eaten a massive edible.

So NuCalm has some competition. Stress stickers are a growing industry and will only get more popular with Meghan’s endorsement – which, according to NuCalm, was not sponsored. Despite this, after trying NuCalm, I’m just as stressed as I was before putting the sticker on my arm. Maybe more so, actually, because attempting to understand what’s going on here puts me in a very bad mood.

I wish I had more to report about how the sticker made me feel, but absolutely nothing happened when I put it on. The only time NuCalm made me feel anything was when a barista nodded at the small blue sticker placed on my left wrist and asked me: “Are you trying to quit?” A wave of embarrassment washed over when I had to tell her I wasn’t a pack-a-day smoker, but testing out an anti-stress sticker I saw Meghan wear.

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Mehr als 80 Prominente, unter ihnen viele Journalist:innen und Kulturschaffende, setzen sich für die Freilassung des in Großbritannien inhaftierten Wikileaks-Gründers Julian Assange ein. In einem offenen Brief (PDF) an Annalena Baerbock fordern sie die Außenministerin auf, bei den „Gesprächen in Washington dafür Brücken zu bauen, dass Julian Assange nicht länger in Haft bleibt und endlich freikommt“. Baerbock besucht in den kommenden Tagen die Vereinigten Staaten und könnte dort den Fall Assange ansprechen.

Im Brief verweisen die Unterzeichnenden auf die australische Regierung sowie die Staatsoberhäupter und Regierungschefs von vier lateinamerikanischen Ländern, welche die die Freilassung von Assange gefordert haben. „Schließen Sie sich bitte Ihnen an“, heißt es in dem Brief, den auch mehrere ehemalige Bundesminister:innen wie Herta Däubler-Gmelin, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Sigmar Gabriel und Gerhart Baum unterschrieben haben. Auch Markus Beckedahl von netzpolitik.org hat unterzeichnet.

Kaum noch rechtliche Möglichkeiten

Nach einem zwölfjährigen Rechtsstreit hatte ein britisches Gericht im Juni 2022 beschlossen, dass Julian Assange an die USA ausgeliefert werden könne. Kurz darauf legte der seit 2019 offiziell Inhaftierte erneut Berufung gegen die Entscheidung ein. Nach fast einem Jahr erhielt er am 6. Juni dieses Jahres vom Obersten Gerichtshof des Landes eine nur drei Seiten lange Antwort, die das ablehnte.

Assange beruft sich auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit und erhebt den Vorwurf, dass das langwierige Auslieferungsverfahren an sich einen Prozessmissbrauch darstelle. Darüber hinaus kritisiert er, dass es sich um einen politisch motivierten und nicht um einen rechtlichen Vorgang handle. In diesem Fall wäre eine Auslieferung laut britischem Recht verboten.

Seine Ehefrau Stella Assange hatte damals auf Twitter angekündigt, eine weitere Berufung einzulegen. Eine darauf folgende öffentliche Anhörung wäre die letzte Möglichkeit auf nationaler Ebene, eine Auslieferung noch abzuwenden. Danach bleibt Assange laut Reporter ohne Grenzen lediglich eine Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, bevor alle rechtlichen Optionen erschöpft sind.

Julian Assange drohen in den USA bei einer Verurteilung bis zu 175 Jahre Haft. Ihm wird vorgeworfen, mit der Whistleblowerin Chelsea Manning geheimes Material von US-Militäreinsätzen in Afghanistan und Irak gestohlen und veröffentlicht zu haben. Unterstützer:innen, unter ihnen zahlreiche Medien und Pressefreiheitsorganisationen, sehen in Assange einen Journalisten, der den Schutz der Pressefreiheit genießt.

Offener Brief vom 8. September 2023

FÜR DIE FREIHEIT VON JULIAN ASSANGE HANDELN

Sehr geehrte Frau Ministerin Baerbock,

wir sind in großer Sorge um die Gesundheit und das Leben des Journalisten Julian Assange sowie die Bedrohung der Meinungs- und Pressefreiheit in Europa. Deshalb wenden wir uns in Vorfeld Ihrer Reise in die USA an Sie.Seit nunmehr 13 Jahren kann Assange, der Gründer und Herausgeber der Enthüllungsplattform Wikileaks nicht mehr in Freiheit leben. Seit April 2019 ist er im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in London inhaftiert, wo er auf die Entscheidung warten muss, ob er von Großbritannien an die USA ausgeliefert wird. Dort erwarten ihn wegen seiner journalistischen Arbeit eine Anklage wegen Spionage, es droht ihm eine Höchststrafe von 175 Jahren Haft.Wir teilen die Auffassung von Amnesty International, Reporter ohne Grenzen und nahezu allen Menschenrechtsorganisationen und Journalistenverbänden weltweit, dass die Verfolgung von Julian Assange einen schwerwiegenden Angriff auf die Medienfreiheit darstellt, den es mit aller Entschlossenheit zurückzuweisen gilt. Die anhaltende Inhaftierung von Assange, deren Ende nicht in Sicht ist, steht in eklatantem Widerspruch zum universellen Grundrecht auf Meinungsfreiheit.

Wir erinnern an Ihre Erklärung im September 2021 nur wenige Tage vor der Bundestagswahl, in der Sie sich der Resolution der Parlamentarischen Versammlung des Europarates vom 27. Januar 2020 sowie dem Appell des UN-Sonderberichterstatter Nils Melzer angeschlossen und die „sofortige Freilassung“ von Julian Assange gefordert haben.Wir erwarten, dass Sie, als Mitglied der Bundesregierung, bei Ihren bevorstehenden Gesprächen in Washington etwa mit Ihrem Amtskollegen Antony Blinken den Fall Assange zur Sprache bringen und sich deutlich für ein Ende der Verfolgung von Assange einsetzen. In Ihrem Einsatz für verfolgte Journalisten darf es keine doppelten Standards geben. Es ist paradox, berechtigte Kritik an der Unterdrückung von Journalisten in Diktaturen zu üben, aber zu der Verfolgung von Assange durch die Führungsmacht des Freien Westens zu schweigen. Eine wertebasierte Außenpolitik muss auch gegenüber Partnern und Verbündeten gelten. Wer sich den Menschenrechten und der Demokratie verpflichtet sieht, kommt nicht umhin, sich auch für die Freiheit von Julian Assange einzusetzen.

Die australische Regierung, aber auch die Staatsoberhäupter und Regierungschefs von vier lateinamerikanischen Ländern haben die Freilassung von Assange gefordert. Schließen Sie sich bitte Ihnen an. Ihre Kabinettskollegin und Parteifreundin Claudia Roth hat erklärt, dass „seine Freilassung ein gutes Signal für die Pressefreiheit“ wäre. Die Schikanen, der er in der Auslieferungshaft unterworfen ist, sind ein Skandal. Angesichts seines sich stetig verschlechternden Gesundheitszustands besteht akuter Handlungsbedarf.

Wie Sie wissen, liegt es in der Hand von US-Präsident Biden und seiner Regierung, das Ermittlungsverfahren gegen Assange zu beenden. Wir begrüßen, dass Präsident Barack Obama im Jahr 2017 bereits die US-Whistleblowerin Chelsea Manning begnadigt hat und sie nun in Freiheit leben kann. Wir bitten Sie eindringlich, bei all Ihren Gesprächen in Washington dafür Brücken zu bauen, dass Julian Assange nicht länger in Haft bleibt und endlich freikommt.Handeln Sie, nicht zuletzt zur Verteidigung der Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland und Europa und damit zur Rettung eines zu Unrecht verfolgten Journalisten!

Hochachtungsvoll und mit hoffnungsvollen Grüßen

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In den USA kennt man den Begriff des third place, einem Ort, der nicht das Zuhause und nicht die Arbeit ist. Er stammt aus einer Zeit, in der Dinge noch an Orten hingen und es noch nicht egal war, wo man war, um etwas zu tun. Der Dritte Ort ist ein Ort, von dem man nicht verjagt wird und an dem es keinen Konsumzwang gibt. Er ist ein seltenes Gut in einer Welt, die Flächen versiegelt und verkauft, in denen Bänke mit Spikes versehen werden, damit Skater auf ihnen nicht skaten und Obdachlose auf ihnen nicht schlafen; in denen Einkaufsstraßen aufeinandergestapelt werden zu Malls, die Eingangstüren haben und Sicherheitsbedienstete, die nach Kaufunfähigkeit Aussehende abweisen. In einer Welt, in der an Bahnhöfen klassische Musik gespielt wird, weil Junkies die nicht mögen, und wo die öffentlichen Toiletten 50 Cent oder eine App verlangen und auf denen blaue UV-Beleuchtung verhindert, dass die aus den Bahnhöfen vergrämten Suchtkranken ihre Adern finden.

Die Notwendigkeit eines Begriffs wie third place mag hierzulande befremdlich wirken, aber in den USA hängen überall Schilder, die das Herumlungern verbieten: No loitering. In den McDonald’s-Filialen einer schlechteren Bostoner Gegend habe ich sogar mal einen Aushang mit Fristsetzung gesehen: Rumsitzen von über fünfzehn Minuten nach Verzehrende ist Herumlungern.

Als ich 2015 nach New England kam, war ich weder drogenkrank noch kaufunfähig oder gar verzehrunwillig. Ich war nur einsam.

Meine Arbeit war in Berlin, die dortigen Kollegen waren ab meinem Mittag in ihrem Feierabend. Mein Partner hatte einen Forschungsjob in einem Labor bekommen. Nur im Labor kann man im Labor arbeiten, und einen Partner wollte ich nur haben, wo der Partner ist. Weil die Dinge eben doch an Orten hängen und an den Dingen auch die Menschen, bin ich mitgekommen. Freunde hatte ich in Providence, Rhode Island, noch keine. Ich schrieb damals an meiner Dissertation. Das ist eine Tätigkeit, die nur noch einsamer macht. Ich musste also unter Leute, ich wollte herumlungern, aber mit einem Buch in der Hand oder hinter einem Laptop. Also ging ich ins Café.

Ich ging in unzählige, um eines zu finden, das als neue Heimat in der neuen Heimat taugt. Mal blies mich die Klimaanlage vom Stuhl, oder es gab nur abgezähltes Internet gegen Coupons. Mal war der Kaffee ungenießbar, mal waren es die Donuts.

Dabei ist es ganz einfach: Das Wichtigste am Café sind die Leute. Die Gäste auch, aber die meine ich nicht. (Extremfläzende Studierende nerven irgendwann, dauermeetende Businesspeople auch, insofern sind die Gäste schon wichtig.) Ich meine die Leute, die man früher despektierlich »das Personal« genannt hat. In diesem konkreten Fall John Paul »JP« Murton und Diana Murton und die Leute, die sie angeheuert haben.

An einem heißen Sommertag besuchte ich ihr nur sechzig Quadratmeter großes Café zum ersten Mal. Es lag zwischen einem Tätowier- und einem Nagelstudio, gegenüber einer bemalten Grundschule an der letzten Straße vor dem Park an der Bucht, in der das Wasser in zwei Richtungen gleichzeitig fließt. Ein Ästuar, sagten die Bewohner der Bucht. Es ist gefährlich, wenn man nicht weiß, dass mitten im Fluss die Strömung die Richtung wechselt.

Das Café trug den unprätentiösen Namen »The Shop«, was nicht nur Laden, sondern auch Werkstatt heißen kann. Drinnen zapfte JP etwas, das wie Guinness aussah. Er erklärte mir, das ist Nitro Cold Brew, Kaffee, der vierundzwanzig Stunden lang kalt gezogen hat und dadurch sehr süß wird, ohne dass man Zucker oder Sirup braucht. Das klang gut, weil ich in den ersten Monaten in Amerika bereits nicht unerheblich zugenommen hatte, denn die Verführungen waren überall größer als in der Heimat und meine Neugier war es auch. Und da Providence das Zuhause der größten Kochschule der Welt ist, eröffnen deren Abgängerinnen und Abgänger hier ständig neue Lokale, um sich auszuprobieren, denn es ist billiger hier als im eine Stunde entfernten Boston. Hier darf man experimentieren, in Boston muss es sitzen.

Ein süßer Kaffee ohne Zucker, immer her damit! JP zapfte mir ein Glas. Der Kaffee war samtig und hatte eine Art Crema, das kommt vom Stickstoff, deshalb Nitro. Ich war sofort sold, das Zeug war so gut. Ich wusste, das ist das nächste große Ding, und wenn ich das nächste Mal in Berlin bin, werde ich allen damit auf den Keks gehen, dass kalter Kaffee jetzt kein kalter Kaffee mehr ist. JP sah meine Reaktion und war unzufrieden. Die Leute liebten das Zeug, und er würde es jetzt immer auf der Karte haben müssen. Ich fragte, wo das Problem ist.

»Das ist doch ein Sommergetränk! Wenn man es immer anbietet, ist es nichts Besonderes mehr!«

»Freu dich doch, dass du etwas im Sortiment hast, was die Leute lieben!«

»Naaaah!«

JP machte eine wegwerfende Handbewegung. Hier war ein Überzeugungstäter am Werk. In dem Land, das uns die Abkürzung 24/7 geschenkt hat, weil man alles immer haben können soll, ausgerechnet in diesem Land erfuhr ich, dass genau deshalb nichts mehr besonders ist. Die Dinge gehören in ihre Zeit, sonst verliert alles seine Bedeutung.

Auf dem kleinen Platz neben dem Café stand eine hilflos gestaltete Büste von William Wickenden, einem Baptistenpfarrer, der im 17. Jahrhundert Neu-Engländer getauft hat und dafür von der niederländischen Kolonialregierung ins Gefängnis geworfen wurde. Ein Rebell, wie so viele der Figuren, die sie hier in Rhode Island verehren. In diesem Staat, der immerhin doppelt so groß ist wie das Saarland und in dessen Verfassung erstmals in der Geschichte irgendeines Staates die Trennung von Staat und Kirche festgeschrieben wurde. Sie verstehen sich hier als Zufluchtsort der Unangepassten, seit diese Gegend die neue Heimat der doppelt verfolgten Baptisten wurde, die erst in ihrer englischen Heimat und dann im neugegründeten Boston ihre Religion nicht ausüben durften. In Rhode Island wurden sie in Ruhe gelassen. Dieser Frieden kostete die Narragansett, die seit Jahrtausenden an der Bucht mit dem gefährlichen Wasser lebten, erst ihr Land und dann viele von ihnen das Leben. Diese Zeit ist lange vorbei, das Schicksal der Narragansett ist vielfach überschrieben von dem Geistesfrieden, den europäische Männer hier suchten.

Gleich am nächsten Tag wollte ich den süßen Kaffee wieder trinken, und in der Woche und in den Monaten darauf auch. Ich ging regelmäßig in den Shop, setzte mich an einen kleinen runden Zweiertisch oder an die lange Tafel oder auf einen Barhocker im Fenster oder auf einen Blechstuhl vor der Tür oder in den winzigen Alkoven. Es gab eine Sitzgelegenheit für jede Vorliebe. Das ist wichtig in einem Café, und in The Shop wussten sie das. Hier würde ich mich wieder und wieder hinsetzen und den süßen kalten Kaffee trinken und an der Dissertation schreiben.

Die Studentin an dem langen Holztisch hatte neben ihrem Laptop einen Stapel Bücher über Quantenphysik liegen. Es sah aus wie eine Inszenierung, aber da auch die Brown University um die Ecke aussah wie der Traum von einer Uni, nahm ich an, es war echt. Auf jeden Fall echt waren die durchschnittlichen Studiengebühren in Höhe von jährlich sechzigtausend Dollar. Immer wenn ich einen Brown-Studierenden sah, dachte ich: Hoffentlich weißt du, wie unglaublich gut du es hast, wenn du hier studieren darfst (und vielleicht sogar ein Stipendium hast).

Nach ein paar Monaten hatte JP einen jungen Barista angeheuert, mit dem ich ins Gespräch kam, als er bei der Kaffeebestellung nach meinem Namen fragte.

»Berlin, Germany?« Na, da hätten sie doch auch eine richtig gute, »lively« Kaffeeszene, sagt er. »The Barn« oder so was?

Tatsächlich, ja. Dieses Café war einen Sommer lang deutschlandweit dafür bekannt, einen riesigen Betonpoller in die Eingangstür gestellt zu haben, um ein Kinderwagenverbot durchzusetzen. An den unverputzten Betonwänden klebten kleine Aufkleber: »no laptops«. Mitten in Berlin. Das Personal verstand damals noch kein Deutsch und das Publikum die Kaffeekarte nicht. Die Preise suggerierten, dass hier Kaffee verkauft wird wie anderswo Wein. Jede Sorte hatte eine Art Visitenkarte, die man zu seiner Tasse gereicht bekam, so dass man Herkunft, Charakter und Verarbeitung der Bohne studieren konnte. Sich ins Berliner »The Barn« zu setzen, sagte auch etwas über Herkunft, Charakter und Verarbeitung von einem selbst aus. Auf wackeligen Schemeln hockte man vor einer dünnen Acht-Euro-Tasse, die – jede Sorte in der für sie angemessenen Maschine – mit heiligem Ernst zubereitet wurde. Sie schmeckte eher wie Tee, interessant auch, ja, aber ein Dritter Ort war dieser Laden nicht. Er wollte eigentlich gar kein Ort sein, und eine Community sowieso nicht. Du sollst hier nicht sein, auch ohne Kinderwagen und Laptop nicht, du sollst die Biografie deines Kaffees lesen, dich deiner Kennerschaft erfreuen oder an deiner Feinsinnigkeit zweifeln, als Statist in einer gleichermaßen Ehrfurcht gebietenden wie albernen Performance.

»Hmhm, The Barn, yes, they’re quite something«, murmelte ich zu meinem amerikanischen Barista und nahm meinen Kaffee in Empfang. Ich fragte, was es mit dem kleinen gelben Kuchen in der Auslage auf sich hat.

Oh, das ist eine Cheddar-Apfel-Polenta, dazu gibt es gesalzene Butter und ein winziges Gläschen Honig. »Can I interest you in one?«

Ich ging mittlerweile jede Woche mehrmals in den Shop. Einen Sommer später betrat ich das Café und hatte ein viel zu großes Eis dabei. JP sah mich mit der tropfenden Waffel kämpfen und beugte sich über den Tresen.

»Soll ich dir einen Affogato draus machen?«

Er platzierte meine kaputte Waffel mit dem verbliebenen Eis in einer Tasse und machte mir einen Espresso dazu, den ich dann selbst darübergießen durfte.

Es war diese Art von gewitzter Aufmerksamkeit, die einen Laden wie den Shop von den Tausenden anderen Coffeeshops unterschied. In den Shop zu gehen fühlte sich nicht an wie der Einkauf einer Dienstleistung, es fühlte sich an, wie nach Hause zu kommen.

War dieser kleine Bundesstaat mein neues Zuhause geworden? War Amerika mein neues Zuhause geworden? Oder waren es nur diese Handvoll Leute auf ihren sechzig Quadratmetern Gastfreundschaft, weil es eben nicht egal ist, wo etwas stattfindet, weil die Dinge eben doch an Orten hängen, ein Staat im Staat, auf sechzig Quadratmetern.

Eine halbe Stunde Fußweg vom Shop entfernt, auf der anderen Flussseite, steht das Rhode Island State House, der Regierungssitz. Auf der Südseite des klassizistischen Baus prangt in festlichen Lettern ein Ausschnitt aus der Verfassung. Er beginnt mit den Worten »To hold forth a lively experiment«. Dieses Fleckchen Land ist ein Versuch des Zusammenlebens nach neuen Regeln. Sie fußen in der Trennung von staatlichen und religiösen Dingen, was heute bedeutet: Du kannst hier glücklich werden, auch wenn du anders bist. So vermarktet sich der Staat heute, als Community of misfits. Du gehörst dazu, weil du anders bist. Sollte das wirklich wahr sein?

Die orthodoxen Juden eilten zur Synagoge, die sie hier Temple nennen, vorbei an der protestantischen United Church of Christ, die ein Schild in ihren Vorgarten stellte, auf dem sie »our Muslim neighbors« einen gesegneten Ramadan wünschte, und ich besuchte meinen ersten baptistischen Gottesdienst. Beim gemeinsamen Essen danach wurde daran erinnert, noch Dosenfisch zu spenden. Im reichsten Land der Welt sind viel zu viele Menschen food insecure, also mangelernährt, vor allem Obdachlose. Es fehle ihnen an Proteinen, sagte die Pastorin, also brachten die Gemeindemitglieder Dosenfisch in die Predigt mit.

B., meine beste Freundin in Amerika, hatte ich beim German-American Stammtisch im Nachbarort Pawtucket kennengelernt, wo sie mir begeistert von zusammengesetzten Modalpartikeln im Deutschen erzählte (das sind Begriffe wie »doch schon«, »wohl erst«). Wer sich für so was begeistert, kann kein schlechter Mensch sein. B. war vom Christentum zum Judentum konvertiert und hatte sich vorgenommen, einen jüdischen Farmer zu heiraten. Das erzählte sie mir zehn Minuten nachdem wir uns erstmals Hi! gesagt hatten.

»Dann solltest du vielleicht mal zur Jewish Farmers Association gehen«, witzelte ich.

»Was glaubst du, wo ich gerade herkomme?«

Natürlich gab es so einen Verein wirklich. ’Cause this is a community.

Ich ging Dutzende Male in den Shop, wahrscheinlich über hundert Mal. Ich frühstückte den besten Porridge, den ich kenne (mit Zimt, Ahornsirup, Zitronensaft, einem Stück kalter Butter und grobem Salz drauf), und im Herbst bekam ich meinen ersten Butterscotch Kettle Corn in einem Gläschen zum Kakao: knuspriges Karamellpopcorn, das eine granny an der Grenze zu Massachusetts in einem riesigen Kessel irgendwo auf der grünen Wiese zubereitet hat.

»Besuch sie doch mal, she’s great.«

Die Grenze zum Nachbarstaat war nicht weit entfernt, in eine Richtung sogar fußläufig erreichbar. Ich besuchte die Oma und kaufte ihr einen Sack ganz frisches Popcorn ab. Sie machte am Wochenende jede Stunde welches, und ich krümelte das Auto schon auf der Rückfahrt voll.

JP hat das geschaffen, was man eine community nennt. Wenn ich hinkam, erkannte ich die Leute, seine Mitarbeiterinnen, aber auch viele der Gäste. Manchen nickte man nur zu, manche erzählten kurz was, manchmal fand an der langen Tafel ein Bewerbungsgespräch statt. Irgendwann lernte ich die Lieferanten kennen, nicht nur für den Shop, sondern für die halbe Stadt. Die Eier kamen von der Farm im Wald im Westen, die Äpfel aus dem orchard im Süden. Fast alle waren aus der Region. Der Moderator der Lokalnachrichten auf WPRI 12 kam vorbei, er hatte die gleiche Krawatte an wie vorhin im Fernsehen, als er vor dem Schneesturm gewarnt hatte.

Nachdem ein Mitarbeiter der örtlichen Schanklizenzkommission sich von einem Wirt mit einem neuen BMW hatte schmieren lassen, musste er direkt vom Gericht ins Gefängnis. Der Verurteilte fuhr sich selbst in den Knast, vorbei an unserer Wohnung, überwacht vom Helikopter der Lokalnachrichten. Ich weiß, wo in Providence das Gericht ist, und ich weiß, wo der Knast ist (die Zulassungsstelle ist direkt daneben). Beides weiß ich in Berlin nicht. Und ich wüsste zehnmal nicht, wer die Schanklizenzen vergibt. Wenn das öffentliche Leben direkt vor deiner Haustür passiert und nicht vor allem auf Websites und Social Media, dann macht das etwas mit dir. Du bist Teil von etwas, du bist kein Zuschauer, du bist kein Statist in einem Film. Du machst mit bei diesem lebhaften Experiment des Miteinander.

B. schrieb mir als Erste, als im Juni 2016 ein Mann in einem Schwulenclub in Orlando fünfzig Menschen erschoss. Für sie war das selbstverständlich, denn ich war mit meinem Freund nach Amerika gekommen und man hatte unsere community angegriffen. Es war an der Zeit, Beistand zu leisten. Sie war nicht die Einzige, aber sie war die Erste, die sich meldete. Es schrieben amerikanische Freunde, aus Deutschland kam nur donnernde Stille. Dabei hatte dieser Massenmord, der größte nach 9/11 auf amerikanischem Boden, auch für die schwule Community in Deutschland etwas geändert. Viele »unpolitische« Schwule, denen die Pride-Flagge vielleicht ein bisschen peinlich war, zeigten seitdem offener, dass sie zu einer Community gehören, die von manchen so gehasst wird, dass sie sie vernichten wollen. Es gehören mehr Menschen zu dieser Community, als man denkt, und für die ist Orlando nicht weit weg, egal wie weit weg sie wohnen.

Am State House hatten sie die Pride-Flagge gehisst, aber nur halb. Auch die Stars and Stripes wehten auf Halbmast.

B. musste an dem Tag zu einer Augenuntersuchung und würde danach ein paar Stunden nicht richtig sehen können. Ich holte sie von der Klinik ab, sie hakte sich bei mir unter, und wir gingen langsam den Blackstone Boulevard hinunter. Die Allee mit den uralten Bäumen, die ganz normal aussehen, wenn man nicht genau hinschaut, die aber immer exotischer und unbekannter werden, je näher man sie betrachtet. Diese Bäume wachsen nur hier, diese Vögel leben nur hier, der red cardinal und der blue jay, diese Tiere wissen gar nicht, wie schön sie sind. Wir lagen uns kurz in den Armen, weil die Menschen grundlos grausam sind, weil man unsere Community angegriffen hatte. B. wusste, was man in solchen Momenten tut, ich war der clumsy Deutsche, der nicht wusste, wohin mit seinen Gefühlen, der sich fragte, ob es nicht sentimental ist, sich unter diesen mystischen Bäumen zu umarmen aus Mitgefühl für eine Sache, die ganz woanders ganz anderen Leuten passiert ist. Ich dachte an das Wort canopy, wie hieß das nochmal auf deutsch, der Baldachin, das Himmelsgewölbe, etwas, das sich über uns aufspannt, über uns allen zusammen.

Am nächsten Wochenende verschenkte die Drogerie Muffins an die Leute, die mithalfen, den Müll aus dem Waldstück zu räumen, durch das der Providence River fließt. Die Stadtbibliothek veranstaltete eine Weinprobe in einer Kirche, um Geld zu sammeln. Und in der Woche drauf brachten die Webdesign-Leute im Coworking-Space ihre Kinder mit zur Arbeit, wie selbstverständlich, weil wegen Unwetters der Schulbus abgesagt wurde. Wo der Staat schrumpft, wächst das Rettende auch. ’Cause this is a community.

Vielleicht war all das auch gar nicht so sehr Amerika als schlicht das konkrete Kleinstadtleben, das ich bislang nicht kannte – ich hatte ja immer nur das abstrakte Großstadtleben. In Providence kannte ich meinen local representative, ich wusste, wo er wohnt. Ich saß am Nebentisch der Gouverneurin, wenn sie mit ihrer Tochter in dem kambodschanischen Lokal »Apsara« zu Mittag aß. Draußen wartete dann ein state trooper in seinem Auto mit der großen Antenne auf dem Dach und passte auf.

Am 8. November 2016 schauten wir die Wahl bis in die Nacht. Am nächsten Tag wachten wir in einem anderen Land auf. Das Zusammenleben unter einer gemeinsamen Idee, die sich über uns aufspannt, war verraten worden. Die Idee der Gastfreundschaft war verraten worden. Unsere Community war verraten worden. Die Bewohnerinnen und Bewohner des alternativen Wohnprojekts auf der Waterman Street hängten eine zerfledderte Amerika-Flagge an den Balkon. Die Waterman Street endet in einer nebligen Senke, wo die Heilsarmee ihr Büro hat, vor der sich in Schrumpffolie eingewickelte, gespendete Röhrenfernseher stapeln. Dahinter ein wilder Grünstreifen, der dem Staat gehört, und dahinter die Bucht mit dem Wasser, das gleichzeitig in zwei Richtungen fließt.

Amerika hatte tatsächlich einen Mann gewählt, der kein lebhaftes Experiment wollte. Einen, der raunt und pöbelt, der den Muslimen keinen blessed Ramadan wünscht. Einen, dessen unterhaltsamer Niedertracht sie zujubeln können. Einen Tag lang stand das demokratische Providence im demokratischen Rhode Island unter Schock. Dann kamen die E-Mails.

Der Bürgermeister, selbst Sohn von Einwanderern, Latino, lud ein zu einem »emergency meeting«. Ich bin nicht sicher, wo er meine Mailadresse her hatte, aber ich fühlte mich angesprochen. Ich war ja nicht von hier, ich durfte hier nicht wählen, aber ich war jetzt Teil der Community. Also ging ich in die Cafeteria der Hope High School, in der Erwartung, ein paar Dutzend besorgte Bürger anzutreffen.

Gekommen waren dreitausend. Die Cafeteria entpuppte sich als veritable Mensa. Vorne stand der Bürgermeister. Die Bürger waren ganz still, als er erklärte, Providence umgehend zu einer sanctuary city zu machen, man würde sich der Zusammenarbeit mit der Landespolizei verweigern, wenn die wegen Lappalien Daten der Stadtbewohner verlangen sollte. Man vermutet, dass solche Abfragen als Vorwand genutzt würden, Bürgerinnen und Bürger der Stadt abzuschieben. Es herrschte umstandslose Einigkeit, was jetzt zu tun sei: Widerstand leisten und denen beistehen, die unter der zu erwartenden Politik leiden müssen.

Im Shop herrschte grimmiger Ernst. Das hätte nicht passieren dürfen. Wie würde es jetzt weitergehen? Wie schützen wir unsere Community? Der Betrieb des Cafés bedeutete für die Murtons im wörtlichen wie übertragenen Sinn »feeding the community«, eine Formulierung, die etwas von Sozialarbeit hat. Der Shop war ein Dritter Ort, und für mich war es ein paar Jahre lang fast mein erster.

Ein paar Wochen später saß vor dem Shop ein fröhliches, mittelaltes Pärchen mit ihren Kaffees. Beide hatten Trump gewählt, und ich fragte, warum. Weil Hillary Blut an ihren Fingern hat, weil sie mit Kinderschändern unter einer Decke steckt, wie ihr Mann auch, und so weiter. Beide seien erwiesenermaßen Massenmörder. Solche Leute könne man nicht wählen. Ich saß im Café mit Leuten, die das wirklich glaubten. Ist das die community of misfits? Sind das die Leute mit den abweichenden Meinungen, die ich tolerant hinzunehmen hätte? Die Zeitungen waren nach der Wahl voll von Leuten wie diesen und ihren meist haltlosen Stories, die Fox News und weit schlimmere Websites in ihre Hirne gefräst hatten.

Ich erzählte B., wie auffällig ich es fand, dass auf dem »emergency meeting« niemand vorgeschlagen hatte, mit Leuten von the other side zu diskutieren oder herauszufinden, warum sie so jemanden gewählt hatten. In Deutschland würde jetzt erstmal diskutiert. B. gab mir eine wichtige Message mit: Du hast nur begrenzte Kraft; für wen willst du sie aufwenden? Sei für die Leute da, die Hilfe und Zuwendung brauchen. Die Leute, die Trump gewählt haben, können warten.

Diesen klugen Pragmatismus vermisse ich in Deutschland am meisten. Den klugen Pragmatismus, den Unternehmergeist und den sense of community.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland frage ich mich, ob die Geschichte mit der Community nicht einfach eine gute Erzählung ist, der ich aufgesessen bin. Ob sie eine kollektive Halluzination ist, zu der Amerika sich entschieden hat, weil sie das Leben in diesem wunderbaren, furchtbaren Land erträglicher macht. Schließt die Herstellung von Communities nicht genau so (und mehr) aus, wie sie einschließt? Sind solche Gemeinschaften nicht nur Romantisierungen pragmatischer Strategien, um sich gegen Vereinsamung zu wappnen? Sind die Narragansett Teil der Community? Das sind so Fragen, die man sich als Deutscher stellt, der zurück in Deutschland ist. Mit dreitausend Meilen Abstand klingen diese Fragen klug.

In Berlin hat »The Barn« mittlerweile die zehnte Filiale eröffnet. Die Geschäfte laufen gut, auch in Seoul und Dubai gibt es jetzt die Kaffees mit den Visitenkarten.

Vier Jahre später fliege ich wieder nach Rhode Island. Im Shop gibt es jetzt ausschließlich Außer-Haus-Verkauf. Der junge Barista von damals ist immer noch da und immer noch jung.

»Gabe! Good to see you!«

Ich muss ein bisschen schlucken. Es ist so, als wäre ich nie weg gewesen.

»Sie haben jetzt auch Cold Brew in Berlin. Aber er ist nicht so gut wie eurer.«

Ich bestelle einen und einen Chocolate Cookie mit grobem Salz.

»Ich hoffe, ihr macht bald wieder ganz auf.«

Diesen Sommer lese ich auf Instagram, dass der Shop zum Ende des Jahre schließt.

Ich frage JP, warum. Es ist, wie so oft bei eigentümergeführten Unternehmen, der fehlgeschlagene Versuch, das Kind in fremde Hände zu geben. JP wollte sich schon vor Jahren aus dem Tagesgeschäft zurückziehen, er bereitete alles vor, heuerte einen neuen Manager an – und dreizehn Tage später kam Covid. Er arbeitete mit dem Team Tag und Nacht, um den Laden am Leben zu halten. Der Versuch, den Shop an das Team zu verkaufen, schlug fehl. Und anderen Cafés wollten sie die Nutzung der Marke »The Shop« nicht erlauben. Also schlossen seine Frau und er das Café.

»Es ist das Richtige für uns, denn nur so können wir das Versprechen halten, das wir denen gegeben haben, die den Shop besucht haben.«

Es ist eine bittere, zwingende Logik: Der Shop bleibt seinen Gästen so in Erinnerung, wie er gedacht war. Cold Brew nur, wenn es draußen heiß ist, und Shop nur, wenn man ihn richtig macht. Ein Versprechen halten, indem man sein Geschäft schließt. Weil die Dinge eben doch an den Orten hängen und an den Menschen an diesen Orten und weil eben nicht alles egal ist.

JP schickt noch eine letzte Nachricht: »The Shop has mattered a great deal to a small but significant number of people. And that has mattered a great deal to me.«

Als ich den Shop das erste Mal besuchte, war ich ganz neu in der Stadt. Was ich damals nicht wusste: JP war erst kurz vor mir in die Stadt gekommen. Er war mit seiner Frau gerade aus New York hergezogen, und die beiden wollten irgendwie eine Beziehung zu ihrer neuen Nachbarschaft aufbauen. Leute kennenlernen, etwas für die lokale Community tun. Es gab einfach kein Café in dieser Gegend kurz vor dem Grünstreifen, der dem Staat gehört, hinter dem die Bucht beginnt, in der das Wasser in beide Richtungen fließt.

Was ist schon der Besuch eines Cafés gegen die Eröffnung eines Cafés?