Article note: Danke fürs erklären! #wiederundimmerwieder

Pinkstinks definiert sich seit Entstehung als feministische Organisation. Für uns ist das nicht nur ein hippes Modestatement,

wir meinen das auch so. Vielen sind wir mit unseren Forderungen nach Geschlechtergerechtigkeit und Diskriminierungsfreiheit deutlich zu radikal. Andere finden uns zu nett, zu anbiedern oder in unseren Anliegen zu eindimensional und zu wenig intersektionell. Manchmal nervt dieses zwischen den Stühlen sitzen aber im Grunde ist es Ausdruck dessen, was wir machen: Wir kommunizieren mit Bildungsarbeit und Protest feministische Themen, die uns wichtig sind, in den Mainstream. Das ist alles andere als einfach, dafür aber umso schöner, wenn es funktioniert. Auf unsere Echt jetzt Kampagne haben wir großartiges Feedback von Leuten bekommen, die sich mit Themen rund um Körpernormen und Schönheitsdiktat kaum oder gar nicht befasst hatten. Häufig begegnet man uns aber auch mit Unverständnis und Misstrauen. Und immer wieder mit Vorwürfen an den Feminismus. Ist der nicht viel zu weit gegangen? Nimmt der Frauen noch mit? Was soll das überhaupt? Oft sind es dieselben. Und genau deshalb ist es höchste Zeit, dazu mal was zu sagen.

Feminismus will die Umerziehung der Geschlechter: Mädchen sollen zu Jungen gemacht werden und Jungen zu Mädchen.

Kriegen wir ständig zu hören, bleibt ausgesprochen befremdlich. Wer sollte das wollen und warum? Was könnte der Nutzen einer solchen Umerziehungsmaßnahme sein? Das würde lediglich auf einen Feminismus zutreffen, der stark in zweigeschlechtlichem Denken verhaftet ist und eine sehr beschränkte Form von Patriarchat mit einer sehr beschränkten Form von Matriarchat ersetzen will. Dieser Feminismus hätte totalitäre Züge, weil er von absoluter Herrschaft (Jungen) und absoluter Ohnmacht (Mädchen) ausgeht und diese Verhältnisse umkehren will. Wenn dem nicht so wäre, müsste er ja auf Diversität und Pluralität setzen. Also auf das, wofür sich die überwältigende Mehrheit der Feminist*innen ausspricht.

Feminismus betreibt Gleichmacherei. Obwohl viele Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen, argumentiert Feminismus absichtlich über sie hinweg, um eine Form von Gleichheit herzustellen, die so überhaupt nicht existiert.

Das genaue Gegenteil trifft zu: Selbst Vertreter*innen des Gleichheitsfeminismus behaupten nicht, dass Frauen und Männer exakt gleich sind. Sie stellen lediglich fest, dass zum einen viele der angeblich angeborenen Unterschiede sozialisiert sind, und es zum anderen noch diverse andere Kategorien gibt, an denen Unterschiede und Gleichheiten festgemacht werden können. Tatsächlich betreibt die Gegenseite Gleichmacherei. Binnengeschlechtliche Gleichmacherei. Das heißt, Männer haben zu sein wie andere Männer und Frauen wie andere Frauen. Inwieweit jemand wie ich mit seiner DDR-Kindheit, seinen vier Kindern, seiner Begeisterung fürs Kümmern und seinem Desinteresse an Autofahren und Fußball zwangsläufig „wie alle anderen Männern“ sein soll, erschließt sich nicht. Auch über das Begehren lässt Mann sich nicht definieren. Männer begehren Frauen, Männer, niemanden, beides und noch vieles mehr. Selbst die Gruppe der Penisträger ist nicht vollkommen deckungsgleich mit der Gruppe Mann. Gerade Männer sollten in diesem Zusammenhang Verständnis und Akzeptanz für Transmänner aufbringen. Denn auf der Skala kein Penis = kein Mann bis maximaler Penis = maximaler Mann gibt es ja noch all die (unter)durchschnittlichen Penisträger, die nach dieser Logik weniger Mann sind als sie sein sollten. Warum sollte Mann sich dieser männerfeindlichen Logik unterwerfen? Am Ende geht es darum, Menschen nicht trotz ihrer Unterschiede gleich zu berechtigen, sondern dies gerade wegen all ihrer Unterschiede auf Basis einiger unumstößlicher Gemeinsamkeiten zu tun.

Feminismus hat etwas gegen Hausfrauen.

Feminismus kann in der Tat so gelesen werden, denn diese feministische Forderung findet sich immer wieder: Sei Pippi und nicht Annika!

Sie meint, dass frau möglichst unangepasst und frei nach ihren eigenen Regeln leben sollte. Und eben nicht als brave Hausfrau, die die Kinder betreut. Aber gerade der intersektionelle Feminismus weist sehr deutlich darauf hin, dass die Welt der Pippis ohne die Annikas gar nicht funktionieren würde. Dass es uncool und unsolidarisch ist, Annikas anzufeinden. Wenn Frauen wirklich alles sein können, dann können sie auch Hausfrauen sein. Kümmern ist unersetzlich und steht allen gut zu Gesicht. Es ist eine der zentralsten Aufgaben von Feminismus, in seiner Herrschaftskritik und dem Stellen der damit verbundenen Machtfrage, nicht selbst zu teilen und zu herrschen. Trotzdem ist und bleibt eine Kritik an der einseitigen Verpflichtung von Frauen zu Tätigkeiten rund um Kinder und Haushalt sinnvoll. Sie darf nur niemals aus den Augen verlieren, was das eigentliche Problem ist. Und die Hausfrau ist es mit Sicherheit nicht.

Feminismus hat etwas gegen klassische Femininität.

Ähnlich verhält es sich mit der Kritik an Mode, Schminken, Verschönerung und anderen Aspekten, die traditionell mit Weiblichkeit verknüpft werden. Es kommt immer wieder vor, dass feministisch positionierte Menschen eine radikale Abkehr von diesen Aspekten fordern, um frau damit patriarchalen Anforderungen entziehen zu können. Zu Hochzeiten der #MeToo Debatte wurde dies genauso diskutiert wie jüngst von der Autorin Charlotte Roche, die in ihrer Kolumne Frauen dazu aufgefordert hat, sich ein für alle Mal abzuschminken, und dafür zurechtgewiesen wurde. All diesen Forderungen ist gemein, dass sie Schminken mit einem Schminkdiktat und die Lust an Verschönerung mit dem Zwang zur Normschönheit zu verwechseln scheinen. Feminismus hat also dann etwas gegen klassische Femininität, wenn er aus nachvollziehbarer Wut über die alltäglichen Zurichtungen von Frauen und Mädchen auf limitierte, widersprüchliche und körperfeindliche Schönheitsnormen eine Abkehr von Dingen fordert, die in anderen Zusammenhängen eben auch Freiheit bedeuten können.

Feminismus ist zerstritten.

In der Tat gibt es große Verwerfungslinien innerhalb des Feminismus, entlang derer sehr heftige Auseinandersetzungen geführt werden: Über Themen wie Prostitution, Kopftuch und Transsexualität streiten sich Menschen, die sich jeweils als Feminist*in definieren. So bedauerlich das einerseits ist,  so fragwürdig ist es andererseits, dass von Feminismus allenthalben Einigkeit gefordert wird. Warum sollte es Feminismus anders ergehen als anderen politischen Ideen und ihren Bemühungen praktischer Umsetzung? Wieso sollte sich ausgerechnet Feminismus nicht in Lager, Flügel und Interessengemeinschaften ausdifferenzieren? So sehr wir und viele andere sich innerhalb feministischer Auseinandersetzungen mehr von dem wünschen, was Kübra Gümüşay Wohlwollen und Barbara Streidl Teilzeit-Solidarität nennen, so unabdingbar sind diese Auseinandersetzungen für einen pointierten, genauen, intersektionellen und inklusiven Feminismus.

Und demnächst: Feminismus hasst Männer, betreibt Identitätspolitik und Opferkult, ist irrelevant und nicht kritikfähig. Das wollen wir doch mal sehen.

Der Beitrag Feminismus – eine Verteidigung erschien zuerst auf Pinkstinks Germany.

Article note: #räusper (hint: immer schön schauen, _wer_ Dinge schreibt ... #thxfefe)

Heute kommt hier dieser FAZ-Artikel rein, und ich wollte erst meinen Augen nicht trauen. So viel Falschdarstellung und Spin kennt man sonst eher von der taz. Es geht um den aktuellen Internetzensurvorstoß. Ich zitiere mal:

Schon sehr früh machte die einzige Abgeordnete der Piraten-Partei, Julia Reda, Front gegen die Vorschläge. Sie nutzte für ihre Kampagne sehr starke Verzerrungen und Vereinfachungen. Die Wortkombination „Linksteuer“, mit der Reda den Artikel 11 der Richtlinie bekämpfen wollte, ist zwar wunderbar kurz, aber allen Ernstes zu glauben, es gäbe eine Steuer (die ja bekanntermaßen die Finanzämter einholen) auf das Verlinken von Texten, hat etwas unfreiwillig Komisches.
Wow, mit so billiger Sophisterei kämpfen die? Da krieg ich ja fast ein bisschen Mitleid. Wenn das das beste "Argument" ist, was die haben, dann gute Nacht.
Nicht viel besser war der Kampfbegriff „Upload-Filter“ gegen Artikel 13 der Richtlinie. Upload-Filter stehen nach wie vor nicht in der Vorlage, der Begriff eignet sich aber gut, um Angst zu schüren. Es ist Julia Reda tatsächlich gelungen, einigen ihrer Anhänger vorzumachen, dass künftig alles im Internet gefiltert wird, wenn die Richtlinie zum Urheberrecht so durchkommt und Memes – ja, die geliebten Memes – würden sämtlich verboten.

Dass in der Richtlinie etwas völlig anderes steht, interessiert nur am Rande. Ihr zufolge wären Plattformen (und nur diese) angehalten worden, für „User Uploaded Content“, also von Nutzern hochgeladene Inhalte, Lizenzvereinbarungen mit den jeweiligen Rechteinhabern beziehungsweise Verwertungsgesellschaften zu schließen.

Ihr seht schon, WAS GANZ ANDERES!!1! Nicht das GANZE Internet wäre zensiert! Nur der Teil, bei dem man was hochladen kann!1!!

Diese Art von Artikel ist ja leider in der FAZ keine Seltenheit. Stellte sich nur noch die Frage, ob das im Politik- oder im Wirtschaftsteil lief, wo diese Art von Industrieabfall sonst verklappt wird. Und es stellt sich raus: Das kam im Feuilleton!

Wow. OK, das hat den Vorteil, dass es sich um einen Gastartikel handelt, und wir sehen können, wer sich so dermaßen krass entblödet hat.

Na? Seid ihr bereit?

Voala:

Volker Rieck ist Geschäftsführer der Firma FDS File Defense Service, die für den Schutz von Werken und Urheberrechten im Internet eintritt, und bloggt regelmäßig auf „Webschauder.de“.
HAHAHAHAHAHA OMG OMG OMG HAHAHAHAHAHAHAHA

Der Rest des Artikels kommt übrigens zum Schluss, dass der Protest gegen diesen Gesetzentwurf alles gekaufte Roboter waren, weil selbstredend kein Bürger mit gesundem Menschenverstand wirklich dagegen sein könnte. Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

Article note: #superrevival

„We are a band we play songs,“ sagen The Beths aus Auckland, Neuseeland über sich selbst. Was für Songs!

The Beths sind Sängerin Elizabeth Stokes, Gitarrist Jonathan Pearce, Bassist Benjamin Sinclair und Schlagzeuger Ivan Luketina-Johnston. 2016 erschien ihre erste EP „Warm Blood„. Ihr erstes komplettes Album „Future Me Hates Me“  gibt es seit seit letzter Woche zu kaufen.

Ab und zu stöber ich auf bandcamp.com nach neuer Musik. Neulich bin ich dabei über einen ganzen Stapel hervorragenden Jazz gestolpert. Diesmal sind The Beths meine Entdeckung. Der Titel-Song von „Future Me Hates Me“ ging sofort ins Ohr und auch das ganze Album bestand den Test: Wenn man Sonnenschein hören könnte, würde er wie The Beths klingen.

Die Beths haben diese Unbeschwertheit und den Druck von Indie-Pop-Bands wie The Breeders oder Veruca Salt. Elizabeth Stokes klingt mal ein bisschen nach Juliana Hatfield und mal nach Dolores O’Riordan (The Cranberries).  In den 1990er gab es so viele tolle Rock Bands mit Sängerinnen. Irgendwie sind die alle verschwunden. Schön, dass es jetzt wieder eine gibt. Ist das schon ein Revival?

Wenn Du im Oktober in Berlin oder Köln bist, solltest Du Dir The Beths anschauen und mir erzählen, wie es war.

Links

Süßer Power Pop aus Neuseeland

Article note: #RIP! (schöner + bewegender Text)

Alain Nadeau 2002

Im Frühjahr 2012 kontaktierte ich auf Anraten meines damaligen Vorgesetzten an der Fachhochschule Biel das Bundesamt für Statistik BFS, um ihnen mitzuteilen, dass ich aus Teilen ihrer offenen Daten RDF und Linked Data zu generieren plane. Entgegen meiner Annahme, keine Antwort zu erhalten, erfolgte schon am nächsten Tag eine sehr enthusiastische Rückmeldung von jemandem, der sich zweifellos mit Linked Data auseinandergesetzt hat.

Ein paar Wochen später sass ich an der ersten Konferenz des brandneuen Vereins Opendata.ch und wartete auf den ersten Vortrag. Als zwei Herren hinter mir über RDF zu sprechen begannen, drehte ich mich um und las auf dem Namensschild Alain Nadeau, dem Verfasser der Rückmeldung. Neben ihm sass sein damaliger Vorgesetzter Armin Grossenbacher, seinerseits Leiter Diffusion beim BFS. Wir verstanden uns bestens und beschlossen vor Ort, zusammen ein Projekt mit Linked Data zu starten.

In den folgenden Jahren durfte ich mit Alain und Armin regelmässig zusammenarbeiten. Die beiden ermöglichten mir und meinen Kollegen, erste Real World Erfahrungen mit Linked Data zu sammeln und vertraten unsere Resultate genau so enthusiastisch, wie wir selber. Wir zeigen seit 2013, was mit statistischen Daten alles gemacht werden kann, wenn sie als Linked Data vorliegen. Und dabei wurde das historisierte Gemeindeverzeichnis zur Mutter aller Linked Data Datensets in der Schweiz.

In Gesprächen mit Alain entstanden immer zig neue Ideen, er freute sich über jeden Fortschritt mit Linked Data. Open Data war für Alain Ehrensache, selbst wenn dieses Publizieren in Form von CSV Daten erfolgte – ein Datenformat, dem er nicht mehr viel abgewinnen konnte; er fand es zu limitiert. Seine Datenwelt waren die von Tim Berners-Lee propagierten 5-Sterne, und die zu erreichen, war das grosse Ziel.

Wir hatten viele gemeinsame Pläne für Linked Open Data. Leider wurde Alain bei der Umsetzung durch eine schwere Krankheit ausgebremst. Über die vergangenen Jahre hat er gekämpft, immer und immer wieder. Wer ihn wie ich nur noch alle paar Monate sah, merkte wenig bis nichts von seiner Erkrankung. Sein Lächeln hat er stets beibehalten und auch die skeptischen bis strengen Blicke blieben, wenn jemand etwas sagte, mit dem er nicht einverstanden war.

In den letzten paar Monaten hörte ich jeweils von Armin Grossenbacher wie es ihm geht. Stets erzählte er mir, wo sie gerade gemeinsam wandern waren und dass Alain noch diese und jene Reise plant. Die letzte Reise in seine geliebte Stadt der Lichter konnte Alain nicht mehr antreten. Am 25. Juli 2018 ist Alain Nadeau in Bern gestorben.

– geschrieben von Adrian Gschwend, Geschäftsführer, Zazuko GmbH