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Vor einigen Tagen tat ich etwas, das ist so ungewöhnlich, das es scheinbar noch fast niemand vor mir gemacht hat: Ich habe mir die Liste aller Bundesbehörden mit ihren Kontaktdaten auf der Plattform service.bund.de angesehen und mich über jede einzelne der dort gespeicherten Institutionen informiert.

Einträge auf service.bund.de

Das klingt vielleicht erstmal komisch — sich knapp 800 Stellen des Bundes manuell anzusehen. Ich entwickle momentan Software, um das Verhalten von Behörden teilautomatisiert auszuwerten. In dem Kontext ist es also verständlich, dass ich mich damit beschäftigen muss, was für Behörden es in Deutschland gibt und was deren Aufgaben sind.

Jedenfalls ging ich die Liste der interessant klingenden Behörden durch. “Bundesrepublik Deutschland — Finanzagentur GmbH”, “Bundesservice Telekommunikation”, “Bundessortenamt”.

Moooment, “Bundesservice Telekommunikation”?! Davon sollte ich, als Person, die sich wirklich viel mit Verwaltungsdigitalisierung beschäftigt, doch eigentlich schon einmal gehört haben? Habe ich aber nicht. 🤔

Beschreibung des Bundesservice Telekommunikation

Und auch die Beschreibung auf der Behörde liest sich ziemlich komisch. Aber so, als müsste man von denen schon mal gehört haben, wenn man was mit Digitalisierung in der Bundesverwaltung zutun hatte.

Also mal schnell googeln.

Oh. Nur Treffer auf der Website “service.bund.de” und bei FragDenStaat, die vor einigen Jahren die Behördenliste von service.bund.de für ihre eigene Behördendatenbank kopiert haben. FragDenStaat liefert dabei auch ein erstes Indiz, dass diese Behörde schon länger existieren muss.

Die ID “123” in der URL “https://fragdenstaat.de/behoerde/123/bundesservice-telekommunikation/” ist im Vergleich zu relativ neuen Behörden sehr niedrig. Die Behörde wurde also vermutlich schon vor sehr vielen Jahren bei FragDenStaat importiert.

Eine kurze Rückfrage beim FragDenStaat-Team bestätigt das: service.bund.de wurde das erste Mal 2011 gescraped und dabei auch bereits der “Bundesservice Telekommunikation” importiert.

Einfach mal anrufen

Adresse Screenshot von service.bund.de

Eine Internet-Recherche lieferte also keine Erklärung, was diese Behörde genau tut. Und was macht man in so einem Fall? Man ruft da einfach mal an. Und was geht ran? Ein Fax 📠 🤔.

Wenn die Faxnummer die Telefonnummer ist, dann ist doch bestimmt die Telefonnummer die Faxnummer? 💡

Es klingelt. Niemand hebt ab.

Ok, vielleicht mögen sie — als Bundesservice Telekommunikation — keine Telefone. Verstehe ich. Also einfach mal eine E-Mail schreiben.

Ihre E-Mails funktionieren leider auch nicht.

E-Mail Fehlermeldung

Das war der Punkt, an dem ich wirklich stutzig wurde.

Also habe ich das gemacht, was ich immer mache, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Ich twittere:

Eigentlich hatte ich an der Stelle erwartet, dass sich innerhalb von 5 Minuten einer meiner Followers aus der Bundesverwaltung zu Wort meldet und das alles aufklärt.

Passierte aber nicht.

Allerdings ist jemand einfach mal bei der Büroadresse, die auf service.bund.de steht, vorbeigelaufen und hat die Schilder fotografiert.

Die Behörde existiert also schon mal und ist nicht nur ein Fake Eintrag in einer Datenbank.

Einfach mal nachfragen

Parallel zu meinem Tweet verschickte ich noch eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz an das Bundesverwaltungsamt. Die betreiben nämlich das Portal service.bund.de und ich dachte, die Kommunikation wie dieser Eintrag zustande kam, zwischen dem BVA und dem BST, könnte vielleicht spannend sein.

Völlig unverhofft traf bereits 8 Tage später eine Antwort auf FragDenStaat ein. Und kurz danach eine Nachricht, dass ich diese doch bitte wieder löschen soll.

Warum bloß?

Antwort vom 13. Dezember

Ok, eine E-Mail mit der Geheimschutzbeauftragten des BVA “Marga-Lena Dobner” in CC, in der ignoriert wird, dass es sich um eine IFG-Anfrage handelt, meine E-Mail also wie eine Bürgerinnenanfrage beantwortet wird. Und ich einfach mit “wenden sie sich doch an den Bundesservice Telekommunikation” weggeschickt werde (was bei einer IFG-Anfrage so nicht möglich ist).

Weil es mir schon häufiger passierte, dass meine IFG-Anfrage fälschlicherweise wie eine Bürgeranfrage beantwortet wurde und sich das in der Regel relativ schnell telefonisch klären ließ, habe ich einfach mal den zuständigen Mitarbeiter angerufen. Dieser wirkte von der Situation sehr gestresst — geradezu panisch — und verwies mich einfach nur an seine Vorgesetzte. Die Vorgesetzte meinte, dass da gerade alles schief gelaufen sei und dass Ich von ihnen noch eine richtige Antwort im Rahmen des Informationsfreiheitsgesetzes bekommen würde. Die Geheimschutzbeauftragte in CC der E-Mail gibt aber vermutlich schon einen guten Hinweis darauf, wie diese Antwort ausfallen wird.

Diese Antwort bekam ich am 10. Januar dann tatsächlich:

Parallel dazu wurde der Eintrag auf service.bund.de gelöscht (hier eine archivierte Version):

Allerdings wurde nun auch die Domain bst.bund.de registriert und der Bundesservice Telekommunikation ist jetzt unter der E-Mail-Adresse “poststelle@bst.bund.de” erreichbar.

Außerdem ist die Behörde im Behördenverzeichnis der Bundesverwaltung und auch im OpenData-Datensatz weiterhin vorhanden.

x500.bund.de Datensatz

Die Parlamentarische Anfrage

Bereits im Dezember meldete sich außerdem ein Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Heidi Reichinnek bei mir und bot an, dass sie vom parlamentarischen Fragerecht Gebrauch machen könnten, um Informationen zur Behörde zu bekommen. Das ist deswegen cool, weil die Bundesregierung darauf innerhalb von einer Woche antworten muss.

Eine einfache Frage, um mehr über den BST herauszufinden, wäre z.B. nach dem Budget der Behörde, dem Organigramm oder wie viele Menschen dort arbeiten, …. zu fragen.

Also gesagt — getan. Die Antwort war allerdings auch hier leider sehr unerfreulich.

Denn laut Bundesregierung hätte es in den letzten 5 Jahren kein Budget für den Bundesservice Telekommunikation gegeben.

Das ist natürlich keine zufriedenstellende Antwort. Deshalb fragte Heidi Reichinnek einfach nochmal nach. Diesmal war die Frage allerdings nicht auf einen Zeithorizont beschränkt. Und prompt kam auch hier wieder die Antwort, dass der Bundesservice über kein Budget verfügt.

Das ist sehr interessant. Eine Bundesstelle ohne Budget. Da fragt man sich natürlich: Wie konnten die überhaupt irgendwas bezahlen? Hoffen wir auf jeden Fall mal, dass ihnen nicht bald die Telekom den Telefonanschluss oder das Internet abstellt. Dann könnten sie ihre nagelneue E-Mail-Adresse ja gar nicht benutzen.

Auch interessant ist, wer die Anfrage der Bundesregierung beantwortet hat. Herr Staatssekretär Engelke war nämlich bis Ende 2021 unter anderem für die öffentliche Sicherheit, Bundespolizei, Radikalisierung und die Zentralabteilung im BMI verantwortlich. Seit Anfang 2022 ist er allerdings nur noch für die “Bad Bank” des BMI — die Heimatabteilung — zuständig.

Mir wurde aus mehreren Quellen berichtet, dass man zum BST nichts im Intranet des BMI finden kann. Deshalb würde ich ausschließen, dass Herr Engelke diese Anfrage im Rahmen seiner Verantwortlichkeiten über die Zentralabteilung — also die Verwaltung der Verwaltung — des BMI beantwortet hat, es also dort keinen Bundesservice Telekommunikation gibt. Bleibt also noch öffentliche Sicherheit — damit kennt er sich aus, er war nämlich mal beim Verfassungsschutz — und die Bundespolizei.

BSI Organigramm stand 2021

Nur zur Sicherheit habe ich auch nochmal per IFG beim BMI eine Liste aller dem BMI nachgeordneten Behörden angefragt. Und natürlich habe ich auch in jedem einzelnen Organigramm dieser Behörden nach dem Bundesservice Telekommunikation gesucht. Und bin nicht fündig geworden.

Zusammengefasst

Wir haben hier also eine Behörde gefunden, die es gibt. Die Büros und mittlerweile so eine E-Mail-Adresse hat — was aber vermutlich 10 Jahre dauerte, denn auch 2018 versuchte FragDenStaat sie einmal erfolglos zu kontaktieren. Eine Behörde, die irgendwas mit Kommunikation macht — so zumindest der Name. Die man aber telefonisch nicht erreichen kann.

Eine Behörde, die scheinbar dem Innenministerium nachgeordnet ist. Die allerdings in keinem öffentlichen Organigramm irgendeiner anderen Behörde auftaucht. Und für die ein Staatssekretär im BMI die parlamentarischen Anfragen beantwortet. Ein Staatssekretär, der sonst für den Verfassungsschutz und die Bundespolizei zuständig war.

Eine Behörde, über die man auf Twitter schreiben kann, sie sei eine Tarnorganisation eines Geheimdienstes. Und niemand widerspricht.

Was heißt das jetzt?

Erstmal nichts. Also doch, es ist alles sehr sehr komisch. Eine Behörde, für die sich keine Ansprechpartnerin, kein Budget, keine Website — ja bis vor kurzem nichtmal eine funktionierende E-Mail-Adresse auffinden ließ. Das ganze erinnert mich sehr an die getarnten Außenstellen des BND.

Obwohl der BND im Jahr 2013 verkündete, seine Außenstellen zu enttarnen, gibt es diese auch weiterhin. Darauf wies der damalige Bundestagsabgeordnete Ströbele bereits im Jahr 2014 hin. Es scheint so, als hätte der BND damals nur die Außenstellen enttarnt, bei denen sowieso schon bekannt war, dass diese zum BND gehörten. Und alle anderen — die blieben geheim.

Ein Geheimdienst bleibt ein Geheimdienst. Und die damals vom BND ausgerufene Transparenzoffensive waren nur leere Worte.

Jetzt wurde der BST allerdings auf service.bund.de als nachgeordnete Behörde des BMI gelistet. Der BND ist dem Bundeskanzlerinnenamt unterstellt. Das deutet für mich also eher darauf hin, dass der BST eine Tarnorganisation des Verfassungsschutzes, der ZITiS oder des Terrorabwehrzentrums — dessen offizielle Anschrift in unmittelbarer Nähe des BST liegt — sein könnte. Die sind nämlich alle dem BMI unterstellt. Und der Verfassungsschutz war ja sogar Engelke, der die parlamentarische Anfrage für das BMI beantwortete, direkt unterstellt.

Insgesamt glaube ich mittlerweile jedenfalls nicht mehr, dass es sich dabei um eine reguläre Behörde handeln könnte, das hätten wir schon irgendwie bemerkt.

Ich schreibe den Artikel heute mit all den Erkenntnissen, die ich im letzten Monat gesammelt habe. Ich möchte euch dazu ermutigen, auch am Thema zu recherchieren. Bestimmt haben ich und andere Menschen, die sich bisher mit dem Thema beschäftigt haben, irgendwas übersehen. Und vielleicht löst so ein Artikel als Treffer bei Google für die Stichwörter “Bundesservice Telekommunikation” ein bisschen mehr Druck bei den Behörden aus 😉.

Sobald es neue Erkenntnisse gibt, ergänze ich den Artikel.

Aktuell gibt es noch folgende offene IFG-Anfragen zum Themenkomplex

Article note: #auchverwirrtsei :-o

Zu der Infrastrukturapokalypse gestern in Ostberlin hat der Tagesspiegel ein paar sehr beunruhigende Details.

Betroffen ist laut Vattenfall das Stadtwärmenetz Friedrichsfelde. „Aufgrund einer Störung im externen Stromnetz kam es um 14.04 Uhr zu einem Ausfall des Heizkraftwerkes“, sagte ein Vattenfall-Sprecher.
Das finde ich ausgesprochen beunruhigend. Warum? Das ist ein Heizkraftwerk. Das erzeugt Strom. Mit der Abwärme wird dann Ostberlin geheizt. Die primäre Funktion von dem Ding ist die Stromerzeugung. Wie kann DAS denn bitte zusammenklappen, wenn die externe Stromversorgung gestört ist?!?

Vielleicht sind meine Anforderungen da zu hoch, aber wir haben seit Jahren (inzwischen auch gesetzliche!) Regelungen für kritische Infrastrukturen, und dann kann so ein Anfängerfehler passieren? Jeder fucking Billighoster hat Notfall-Diesel! Aber das Kraftwerk kippt um, wenn der Netzstrom für 3 Minuten weg ist?!?!?

Wartet, geht noch weiter.

„Das Kraftwerk musste herunter- und wieder hochgefahren werden.“ Um 15.15 Uhr sei die Stromversorgung wieder herstellt worden.
Ich weiß nicht, was das für eine Störung war. Vielleicht ist eine Stunde angemessen, vielleicht nicht. Aber: Nach einer Stunde war der Strom wieder da. Für das Kraftwerk, das FUCKING SELBER STROM GENERIERT!!1!

Wir reden hier von Fernwärme. Wenn da mal ne Stunde keine Hitze nachkommt, das merkt man als Kunde kaum. So schnell kühlen die Gebäude nicht aus. Die Rohre sind ja auch erstmal noch heiß. Wenn die um 3 wieder Strom hatten, wieso haben wir dann überhaupt in den Nachrichten von dem Ausfall gehört?

Im Laufe das Abends soll die Wärmeversorgung „wieder voll da sein“, sagte der Sprecher. Gegen 20 Uhr solle die Wärmeproduktion wieder gestartet werden, „bis Mitternacht sollen die Kunden wieder mit Raumwärme und warmem Wasser versorgt werden“.
Waaaaaat? Um drei hatten die wieder Strom und planten dann AB ACHT wieder zu heizen?!?

Äh, sorry, aber was zur Hölle geht denn da ab?

Oh, wartet mal, ein Detail hatte ich noch nicht erwähnt:

Das Heizkraftwerk erzeugt nach dem umweltschonenden Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung neben Strom gleichzeitig Wärme. Es wird mit Erdgas betrieben und stellt das Grundgerüst der Fernwärmeversorgung der östlichen Bezirke Berlins dar.
Das ist ein Erdgaskraftwerk. Dass die Strom erzeugen, sagte ich ja schon. Aber sie verbrennen das Erdgas.

Wisst ihr noch, wieso fast nur noch Erdgaskraftwerke gebaut wurden die letzten Jahre? Weil die so schnell hoch- und runtergefahren werden können, um auf die Verfügbarkeit von Wind- und Solarstrom reagieren zu können!

Hier haben wir ein Erdgaskraftwerk, und die sind nicht in Sekunden oder Minuten wieder online. Nein. Die haben um 15 Uhr wieder Strom und planen dann Heizen ab 20 Uhr.

Kann mir das mal ein Experte erklären? Ich krieg da die Fakten nicht zusammen.

Insbesondere muss ich jetzt davon ausgehen, dass der Rest unserer kritischen Infrastruktur in genauso beschissenem Zustand ist. Ach du Kacke.

Article note: #thx4sharing #thx4support

In Potsdam tun sich immer mehr Menschen zusammen, um sich gegen eine investorenorientierte Stadtpolitik zu protestieren und solche Bauprojekte zu verhindern.
Hier dokumentieren wir den offenen Brief der Bürger*inneninitiative „Rettet die Nedlitzinsel“ an die Abgeordneten Heuer (SPD) und Niekisch (CDU). HIer will ausgerechnet ein Unternehmen bauen – was der Deutschen Wohnen zugerechnet wird.
Und wieder einmal dient ein sogenannten „Werkstattverfahren“ als Mittel, Beteiligung vorzutäuschen, obwohl alles bereits ohne Öffentlichkeit vorentschieden ist und es dort nur noch um kosmetische Reperaturen geht.

https://www.inselnedlitz.de/

Hier ist der offene Brief:

Offener Brief an die Stadtverordneten Heuer und Dr. Niekisch

Sehr geehrter Herr Heuer, sehr geehrter Herr Dr. Niekisch,

ich wende mich an Sie, da von ihrer Seite Bereitschaft bestand, die aktuelle Verwaltungsplanung für den Bebauungsplan „westliche Nedlitzinsel“ kritisch zu hinterfragen und ehrlich und ergebnisoffen zu diskutieren. Gern nehme ich ihr Angebot an, die Ansichten des Ortsteils und der Bürgerinitiative „Rettet die Nedlitzinsel“ in die Diskussion um die aktuelle Verwaltungsplanung einzubringen. Sie hatten in der Videokonferenz Anfang Dezember die Einladung ausgesprochen, das Verfahren zu begleiten. Dabei hatten Sie in Aussicht gestellt, dass diese Beteiligung im Rahmen der Gremien erfolgen kann, die maßgeblich für die weitere Gestaltung des Prozesses verantwortlich sind.  

Die jüngste Planung der Stadtverwaltung macht sprachlos. Geradezu kafkaesk sind erste Stellungnahmen der politischen Fraktionen. Hier liegt in der Position maßgeblicher Entscheidungsträger ein Wortbruch vor, der für mich ohne Vorbild ist. Seit 1996 gibt es eine klare Planungslinie für das Gelände der westlichen Insel, die in zwei Beschlüssen der SVV konkretisiert wurde. All dies erfolgte im Konsens mit dem Ortsteil. Der Beschluss vom Mai 2019, diese Planung fortzuführen und in Bezug auf die Baumassen weiter einzuschränken, erfolgte unmittelbar vor der Kommunalwahl nach einem Dringlichkeitsantrag, der von SPD, Grünen, CDU und Bürgerbündnis/FDP eingebracht wurde.

Dies erfolgte offenbar um die Bedeutung der Sache für alle Beteiligten zu unterstreichen und dem Wähler das klare Signal zu geben,

ja, wir stehen zu unseren Grundsätzen des Natur- und Landschaftsschutzes,

ja, wir denken maßvoll und haben grundlegende Belange der Bevölkerung wie Verkehr, Infrastruktur, Lebensqualität oder die Erhaltung des Ortsbildes im Blick,

ja, wir berücksichtigen eben auch die Bedürfnisse und Wünsche der kleineren Ortsteile und

vor allem: wir gewähren Vertrauensschutz in das, was für alle Ortsansässigen Planungsgrundlage ist.

Maßgebliche Politiker der verantwortlichen Parteien hatten im Vorhinein ihr Wort gegeben, ohne Einschränkung die damaligen Beschlüsse umzusetzen. Ich darf an dieser Stelle den vielstrapazierten Begriff „Ehrenwort“ bemühen.

Die aktuelle Planung scheint sich über die damals Beteiligten lustig zu machen. Zum wiederholten Male handelt die Verwaltung – unter maßgeblicher Beteiligung von Herrn Rubelt – als wenn politische Entscheidungen und Bürgerwille gar nicht vorhanden wären. Man gibt sich nicht einmal mehr dem Versuch hin, so etwas wie ein Feigenblatt zu finden, das die diametrale Abweichung der Planung von der politischen Entscheidung cachiert. Maßvolle Vorgaben werden durch Architektur von Trabantenstädten der 60er ersetzt. Dabei wird gelogen, dass die Havel vor Scham errötet. Hierzu eine nicht abschließende Auswahl der größten Dreistigkeiten, die u.a. im Werkstattverfahren verbreitet wurden:

1. Der Investor habe bereits heute ein umfangreiches Baurecht.  –  Dies ist baurechtlicher Unsinn und trotz diesbezüglicher Hinweise falsch in die Diskussion eingebracht worden.

2. Der Investor genieße Vertrauensschutz.  –  Tatsächlich hat der Investor Quarterback spekulativ Gelände ohne Baurecht erworben, das die Gesellschaft entwickeln möchte. Die Planungshoheit der Stadt darf durch solche privaten Investitionen aber grundsätzlich nicht eingeschränkt werden. Man könnte ebenso gut ein Naturschutzgebiet ohne Ausgleichszahlungen an den Investor beschließen.

3. Nachteilige Auswirkungen auf die wertvollen umliegenden Naturräume seien nicht zu erwarten. –  Bei 500 neuen Bewohnern am Rande eines Europäischen Vogelschutzgebietes mit Populationen von See- und Fischadlern steigt der Zivilisationsdruck mit jedem Hochbau exponentiell.

4. Die Deutsche Wohnen habe nur eine untergeordnete Beteiligung an der Investorin Quarterback. – Tatsächlich kontrolliert die Deutsche Wohnen das Unternehmen

über direkte und indirekte Beteiligungen. 

5. Bauen im Wasserschutzgebiet mit Tiefgaragen und Großbauten für 200 Familien sei erlaubt. – Tatsächlich begrenzt die diesbezügliche Satzung das Baurecht auf 

die bereits beschriebene maßvolle Planung.

6. Es gebe neue Erkenntnisse. – Wie bitte? Vielleicht, dass der Investor heute Deutsche Wohnen und nicht mehr Robex heißt?

und 

7. Es gebe überhaupt keinen Bezug zum Großprojekt Krampnitz. –

Dass eben hier die Manager der städtischen

Projektgesellschaften die größten Profiteure sind, wird unter den Tisch gekehrt. Warum musste der Vorbesitzer, die Robex GmbH, um jedes kleine Zugeständnis bei der Bebauung kämpfen? Und jetzt wird ausgerechnet der Deutsche Wohnen AG in kürzester Zeit der rote Teppich ausgerollt, um an einer der landschaftlich sensibelsten Stellen der Stadt, deren potentieller Erholungswert für die gesamte

Potsdamer  Bevölkerung außer Frage steht, Betonwüsten zu errichten. Und dies geschieht zugunsten eben der Baugesellschaft, die drei Kilometer weiter in Berlin enteignet werden soll, weil ihre Geschäftspolitik im Mietmarkt als unsozial und missbräuchlich empfunden wird. Teilweise sind sogar dieselben Parteien für diese widersprüchliche Wertung verantwortlich.

Aber damit nicht genug: Die Bauverwaltung kämpft seit mehreren Jahren, um jeden Meter Uferweg in Potsdam. Hier in Neu Fahrland besteht nun die Möglichkeit, einen Uferweg großzügig und unter Schutz des  ökologisch wertvollen Uferbiotops anzulegen. Aber ausgerechnet bei diesem Projekt wird eben ein solcher öffentlicher Raum mit aller Macht verhindert. Offenbar möchte man dem Investor keinen Quadratmeter Baufläche nehmen. Ausgerechnet hier in der Pufferzone des Welterbes und am Rande der wichtigsten Naturräume im Großraum Berlin soll also maximaler Profit gemacht werden. Klar, hier ist es schön. Das kann man gut verscherbeln!

Dabei werden die Verträge mit der Deutsche Wohnen natürlich wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Warum liegen diese Verträge nicht seit langem auf dem Tisch? Was wird versteckt? Auch die Deutsche Wohnen hätte doch ein Interesse hier die Karten auf den Tisch zu legen, um jeden Verdacht unlauteren Vorgehens aus dem Weg zu räumen. Oder gibt es doch sachwidrige private Interessen?

In diesem Schreiben soll nur die moralische Komponente des Vorgehens beleuchtet werden. Die materiell-rechtliche Unzulässigkeit des Projektes steht außer Frage. Die diesbezüglichen Argumente liegen seit langem auf dem Tisch und galten auch schon für die weniger brutalistischen Entwürfe aus 2019. In der Rechtsgüterabwägung aus Umweltschutz, Verkehr, Denkmalschutz und Landschaftspflege, Vertrauensschutz, Wasserschutz und Nachbarschutz gibt es keinen politischen Entscheidungsspielraum mehr, die Pläne der Verwaltung durchzuwinken.

Bedenklich ist in diesem Zusammenhang, dass die Verwaltung selbst ein fragwürdiges Gremium zusammengestellt hat, das maßgeblich zur Entscheidungsfindung beigetragen hat. An einem sogenannten Werkstattverfahren haben mehrheitlich private Interessenvertreter sowie Vertreter der Verwaltung teilgenommen. Diese Zusammensetzung wurde nicht von einem demokratischen Gremium bestimmt. Nur eine einzige Vertreterin des Ortsteils war eingeladen. Sonstige Vertreter der Anlieger oder gar die unbequeme Bürgerinitiative wurden ausgeschlossen, obwohl sie der Verwaltung seit langem als kritische Begleiter des Projektes bekannt sind.

Mit Blick auf die Entscheidungen der politischen Gremien bitte ich außerdem zu berücksichtigen, dass eine Bindung aus dem Eingliederungsvertrag des Ortsteils Neu Fahrland besteht, Bebauungspläne nicht gegen den Willen des Ortsteils zu beschließen. Die Regelung ist im Wortlaut eindeutig. Trotzdem bemüht sich die Stadtverwaltung, diesen Vertrag auszuhebeln. Es ist offenbar gerade opportun,

ein Großprojekt, das nur der Investor will, durchzudrücken. Aber eben durch die Gewährung von Mitspracherechten wurde 2003 die Zustimmung

des Ortsteils zur Eingliederung erschlichen. Man verließ sich in den Ortsteilen auf das, was im Eingliederungsvertrag steht. Durch den 

Mechanismus eines Vetorechtes sollen ja gerade die Interessen der Ortsteile gewahrt werden. Heute behauptet die LHP, diese Regelung bilde einen Verfassungsverstoß. Das Recht des Schwächeren wird mal wieder nur dann gewährt, wenn es gerade passt. Es wäre doch mal ein schönes Signal, zumindest die moralische Bindung der Regelung aufzunehmen und den Argumenten des Ortsteils zu folgen, ohne sich auf formaljuristische Argumente zu berufen. 

Ich hoffe, sehr geehrter Herr Dr. Niekisch und sehr geehrter Herr Heuer, dass Sie ihre Verantwortung erkennen, hier dem Druck der Verwaltung standzuhalten. Verhindern Sie die Umsetzung der Verwaltungsentwürfe mit aller Macht. Notfalls ist hier der Rechtsweg zu nehmen.

Möglicherweise liegt hier eine Absprache vor, die irgendwelche Nachteile des Investors in Krampnitz kompensieren soll. Ein solches Kopplungsgeschäft wäre rechtswidrig, und niemand soll sagen können, er habe nichts geahnt.

Ich bitte um zeitnahe Rückmeldung.

Mit freundlichen Grüßen

Der Beitrag Offener Brief der BI „Rettet die Nedlitzinsel“ erschien zuerst auf Potsdam - Stadt für alle.